Bild: istock.com/PhotoCPL
Genial daneben | 03.07.2018 (editiert am 05.07.2018)

Globaler Dollarmangel?

Eine Art von physischem Dollarmangel ist seit vielen Jahrzehnten ein Thema, an dem sich Ökonomen gerne berauschen. Doch das, was tatsächlich geschieht, ist viel profaner: Die amerikanische Zentralbank macht Geldpolitik und andere Länder haben ihre eigenen Probleme.

Wenn immer auf der Welt Dinge passieren, die von der herrschenden Lehre nicht oder nur schwer erklärt werden können, werden die abstrusesten Thesen herangezogen. Fast immer gilt das für Situationen, bei denen eine Reihe von Entwicklungsländern gleichzeitig eine Schwäche ihrer heimischen Währung gegenüber dem US-Dollar erleben. Dann werden üblicherweise „Emerging Markets“-Erklärungen aus der Kiste geholt, die nichts, aber auch gar nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben (hier z. B. in der WELT).

Derzeit gibt es in der Tat eine relative Stärke des Dollar. Im vergangenen Quartal hat er gegenüber den meisten Währungen der Welt inklusive solcher von „Emerging Markets“ aufgewertet. Es gebe einen globalen Dollarmangel schließt daraus Holger Zschäpitz in der WELT, einen Mangel an Dollars im globalen Geldkreislauf, einen Dollar squeeze, weil die Federal Reserve mit der Normalisierung ihrer Geldpolitik in großem Maße Dollars, die sie im Zuge der Offenmarktpolitik des vergangenen Jahrzehnts (aus dem Nichts) geschaffen hatte, wieder vernichtet. Da auch die privaten Investoren ihre Anlagen aus den Emerging Markets zurückzögen, braue sich der „perfekte Sturm“ über der Weltwirtschaft zusammen. Diese „Analyse“ gipfelt in der Vermutung:

„ein weiter anziehender Greenback könnte den Liquiditätsengpass noch mehr verschärfen, das wiederum könnte die wirtschaftliche Aktivität bremsen und die Risikofreude dämpfen, was wiederum den Dollar zusätzlich stärken würde.“

Das alles ist einfach Kokolores. Richtig ist, dass zu Ende dieses globalen Aufschwungs wie so oft einige der wichtigsten Entwicklungsländer in Schwierigkeiten geraten sind, entweder weil sie – wie die Türkei (hier gezeigt) – große Leistungsbilanzdefizite und relativ hohe Inflationsraten aufweisen oder weil sie – wie Brasilien und Argentinien – von konservativen Parteien regiert werden, die grandiose wirtschaftspolitische Fehler machen. Das führt dazu, dass die internationale Spekulation mit Währungen und mit Aktien von Entwicklungsländern kalte Füße bekommen und ihre „investments“ (die in der Regel nichts mit Investitionen zu tun haben) in fast allen Ländern verringern. Solche Bewegungen rein in die Emerging Markets und schnell wieder raus gibt es häufig, und sie sind weitgehend unabhängig davon, welche Geldpolitik die US-Notenbank gerade fährt.

Dollarschwäche – Dollarstärke

Richtig ist auch, dass sich der Dollar zuletzt gegenüber dem Euro und anderen Währungen von Industrieländern wieder leicht aufgewertet hat, gegenüber denen er vorher relativ schwach gewesen war. Die Episode der Abwertung gegenüber dem Euro muss man aber als eine eklatante Dollarschwäche ansehen, angesichts der Tatsache, dass es eine zunehmende Zinsdifferenz zugunsten des Dollar im Vergleich zum Euro gegeben hatte.

Dass sich diese Dollarschwäche jetzt wieder etwas relativiert, hat sicher auch damit zu tun, dass die Zukunft Europas und des Euro nach der Wahl in Italien in den Augen der „Investoren“ wieder unsicherer geworden ist.

Was aber ganz fundamental gegen Dollarstärke spricht, ist die Sorge der amerikanischen Administration um die Defizite in der Handels- und Leistungsbilanz. Da das weiter ein großes Thema ist, müsste die amerikanische Regierung verrückt sein, wenn sie eine fundamentale Stärkung des Dollar einfach hinnehmen würde. Sie könnte die Notenbank unmittelbar dazu bringen, den Dollar durch eine behutsamere Zinspolitik zu schwächen, aber auch eine „verbal intervention“ wäre möglich, um die Märkte zu beeindrucken. Schließlich könnte die Fed auch direkt am Devisenmarkt eingreifen, um eine weitere Aufwertung des Dollar zu verhindern, so wie das viele Notenbanken in den letzten Jahrzehnten gemacht haben.

Aufwertung und Abwertung – ein Nullsummenspiel

Schließlich ist die Vermutung völlig aus der Welt, ein starker Dollar würde die Weltkonjunktur wegen eines „physischen“ Liquiditätsengpasses abwürgen. Das ist wirklich Geldtheorie von einem anderen Stern. Es ist überhaupt keine Frage, dass die amerikanische Notenbank mit ihrer Zinspolitik, die nichts mit irgendeiner Geldmenge zu tun hat, versucht, die amerikanische Konjunktur leicht zu bremsen. Doch selbst diese Versuche werden sehr vorsichtig ausgeführt, um selbst die amerikanische Konjunktur nicht abzuwürgen. Die Vorstellung, aus dieser Politik – bei der ja zum gegenwärtigen Zinsniveau dem amerikanischen Markt beliebig viel Liquidität zur Verfügung gestellt wird – könne bei ganz anders gearteter Geldpolitik der europäischen Notenbank ein Liquiditätsengpass für die Welt entstehen, ist dem Bereich Märchenerzählung zuzuschlagen.

Hinzu kommt, würde der Dollar wirklich stark aufwerten, müssten andere Währungen ja abwerten. Noch immer aber lösen Abwertungen positive Effekte aus, während Aufwertungen für restriktive Effekte verantwortlich sind. Jedenfalls ist das in der realen Welt so, auch wenn kleine Kieler Forscher manchmal von vollkommen anderen Zusammenhängen träumen (siehe dazu den Beitrag hier). Folglich werden die Länder, deren Währungen sich jetzt abschwächen, in einiger Zeit wenigstens dann aus dem Außenhandel positive Impulse erhalten, wenn die großen Regionen wie die USA und Europa nicht vollständig versagen bei der Aufgabe, ihre eigenen Wirtschaften durch geeignete Wirtschaftspolitik am Laufen zu halten.

Anmelden