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Kommentar | 10.07.2018

Höhlenkinder und Höllenkinder

Die meisten der thailändischen Kinder, die Wochen in einer unzugänglichen Höhle verbrachten, sind gerettet. Bravo. Doch wer rettet die anderen Kinder dieser Welt, die unverschuldet in der Hölle leben?

„Die ganze Welt schaut auf Thailand“ sagte dieser Tage eine Sprecherin im deutschen Fernsehen. Und in der Tat, halbe Nachrichtensendungen werden mit Berichten darüber gefüllt, wie es den 12 Kindern in der thailändischen Höhle geht und wie ihre Rettung verläuft. Das ist der genau der Stoff, aus dem heute Nachrichten gemacht werden. Unschuldige junge Menschen in Not und heldenhafte Retter, die sie unter Einsatz ihres Lebens aus dieser Notlage zu befreien versuchen.

Die Gier der Medien nach solchen Geschichten ist unermesslich und so schicken sie hunderte von Fernsehteams in die weit von der Zivilisation entfernte Region, wo dann betroffen dreinschauende Reporter(innen) sprichwörtlich im Regen stehen und dem deutschen Fernsehgucker einen Schauer nach dem anderen über den Rücken jagen, weil der Regen nicht aufhören will und das Wasser in der Höhle ansteigt.

Wo sind die Retter im Mittelmeer?

Nun aber, nach der glücklichen Rettung der meisten Kinder, sollten wir uns vielleicht einmal fragen, ob es noch andere Kinder auf der Welt gibt, die unverschuldet in Not leben und einem Leben, das für sie allzu häufig die Hölle ist, zu entkommen versuchen. Wo sind da die heldenhaften Retter und die Heerscharen von Reportern, die der Welt zeigen, was man mit gutem Willen tun kann, um unverschuldet in Not geratene Kinder zu retten.

Wo sind die Geschichten über die im Mittelmeer, also vor der europäischen Haustür, ertrunkenen Kinder, die halbe Nachrichtensendungen füllen? Wo sind die heldenhaften Retter, die von der Welt gefeiert werden? Werden Kinder tatsächlich gerettet, ist man fast peinlich berührt, weil es ja jetzt darum gehen könnte, diesen Kindern eine neue Heimat zu bieten oder zumindest dafür zu sorgen, dass sie in ihrer alten Heimat der Hölle entrinnen. Statt die Retter zu feiern, verstärkt man lieber FRONTEX, weil das die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass diese Kinder unsere Küsten niemals erreichen.

Wie viel Geld für welche Kinder

Wo sind die Geschichten aus Afrika und anderen Regionen der Welt, wo Kinder unter Hunger und Krankheiten leiden, deren Beseitigung uns so gut wie nichts kosten würde? Warum kommt nicht jeden Abend in den Nachrichtensendungen ein Bericht über Kinder in Not und die Frage, was die Welt tun kann, um diese Kinder zu retten? Ist es einfach zu wenig dramatisch, wenn Kinder wegen Unterernährung und leicht zu bekämpfender Krankheiten einfach so vor sich hinsterben, statt wie in Thailand in die Fernsehkameras zu winken bevor die Rettung kommt?

Ich weiß nicht, was die Rettungsaktion in Thailand gekostet hat. Aber das hat auch niemand wissen wollen. Was wäre passiert, wenn jemand gesagt hätte, das ist zu teuer, das können wir uns nicht leisten? Es hätte einen Aufschrei der Empörung rund um die Welt gegeben und sofort wären Milliarden gesammelt worden, um die finanziellen Löcher zu stopfen. Für die hungernden Kinder in Afrika wird auch ein wenig gespendet, aber es kommen nicht annähernd die Summen zustande, mit denen man wirklich helfen könnte.

Abschied vom neoliberalen Dogma ist noch wichtiger als Geld

Aber, wie wir immer wieder betont haben, es geht nicht nur und nicht einmal in erster Linie um Geld. Es geht vielmehr um die Bereitschaft unserer Politik und unserer Medien, ihre eigenen, immer wieder verteidigten und doch gescheiterten Dogmen in Frage zu stellen. Ich war gerade einige Tage in Osteuropa, wo man fast dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer konstatieren muss, dass unheimlich wenig geschehen ist, um der Masse der Menschen wirklich eine sichere Einkommensperspektive zu geben. Noch immer spielen die Jüngeren dort permanent mit dem Gedanken, ihre Heimat zu verlassen, um im „Westen“ ihr Glück zu suchen. Gleichzeitig wird aber gerade in diesen Ländern das neoliberale Dogma in einer Härte vertreten, wie man sie im Westen nur bei den wirklich unverbesserlichen Marktradikalen findet.

In besonders absurder Weise zeigte sich das Dogma auf einem Kongress, den ich besuchte. Dort wurde von den osteuropäischen Politikern offen für direkte Hilfe („funds“) aus China geworben. Man brauche China, hieß es da allen Ernstes, um die eigene Infrastruktur aufzubauen, weil man selbst nicht über ausreichend Kapital verfüge. Das muss man sich bildlich vorstellen: Superneoliberal geführte Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, die voller Stolz verkünden, wie niedrig ihre Staatsverschuldung ist, werben um Entwicklungshilfe aus einem Entwicklungsland, das von einer kommunistischen Partei geführt wird.

Wirkliche Hilfe ist Interesse und Selbstkritik

Was die Kinder in Not in dieser Welt brauchen, ist unmittelbares Interesse für ihre Lage und unmittelbare Hilfe zur Überwindung der größten Not. Vor allem aber brauchen sie positive Lebensperspektiven. Die aber kann eine Region wie Europa, die ihre eigenen wirtschaftlichen Probleme wegen offensichtlicher Denkblockaden nicht lösen kann, niemals bieten. Wer es ernst meint mit der Hilfe in den Heimatländern der potentiellen Flüchtlinge, muss zuallererst offen sein für neue Ansätze in Sachen Entwicklungspolitik.

Das ist genau nicht der „Marshallplan für Afrika“, den Frau Merkel in diesen Tagen immer wieder aus der Tasche holt (wir haben das hier erklärt). Viel wichtiger wäre es, endlich anzuerkennen, dass die bisherige neoliberale Politik bei uns und in den Entwicklungsländern vollständig gescheitert ist. Wer das sieht, müsste nicht nur kurzfristig und bedingungslos viel mehr Geld geben, sondern auch in großem Stil Studien fördern, die den über viele Jahrzehnte vom Norden verordneten Entwicklungspfad unter die Lupe nehmen und systematische Alternativen dazu entwickeln.

Doch wer sollte glauben, dass die Großmeister des TINA-Prinzips dazu in der Lage sind?

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