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Finanzsystem | 03.07.2018

Nicht die Gier – das System ist das Problem

Besteht der Finanzkapitalismus nur aus Gier und Maßlosigkeit? Der Journalist Joris Luyendijk behauptet: Nein. Er gründet dieses Ergebnis auf eine soziologische Feldstudie. Denn er hat Banker als Spezies besichtigt und kommt zu der Erkenntnis: Das Problem ist systemischer Natur.

Bevor man über ein Buch zum Thema Banken oder Finanzsystem berichtet, sollte man wohl die Frage beantworten, weshalb ausgerechnet dieses eine Buch erwähnenswert sei. Es gibt schließlich einen ganzen Ozean von Büchern zu dieser Sache. Ziemlich gute Exemplare zumal. Aber »Unter Bankern. Eine Spezies wird besichtigt« von Joris Luyendijk hat ein Alleinstellungsmerkmal vorzuweisen. Es geht nämlich mit einer ganz anderen Voraussetzung ans Werk.

Wo andere Autoren sich als ausgewiesene Kenner des Systems präsentieren, hat der niederländische Journalist einen ganz anderen Ansatz: Er hatte von der Materie so gut wie keine Ahnung und wollte sich Schritt für Schritt in den Stoff hineinarbeiten. Und das nicht etwa, indem er im Vorfeld Recherche betreibt und dann dem Leser ein schlüssiges Werk vorlegt, sondern indem er den Leser quasi minutiös an seinem Erkenntnisgewinn teilhaben lässt.

Dem Chefredakteur des Guardian kam das in den Sinn, er fragte bei Luyendijk an, ob der nicht Interesse daran hätte, als wöchentliche Kolumne ein kompliziertes Thema zu beleuchten. Für die niederländische Zeitung NRC Handelsblad hatte er für diese Art von Erschließungsjournalismus Erfahrung gesammelt. Dort ging er der Frage nach, ob Elektroautos die Zukunft darstellen. In Gesprächen mit Insidern machte er sich ein weites Bild zur Lage, »sodass über die Monate eine Lernkurve aus Geschichten entstand«.

Nun sollte es also nochmal eine Nummer größer sein: Die Banken. Dazu sollte er unzählige Interviews mit Bankern aus dem Londoner Finanzdistrikt führen und Schritt für Schritt ein Bild von den Vorgängen im Finanzwesen liefern. Am Ende kam ein äußerst lesenswertes, ja vor allem auch unterhaltsames Buch heraus, das Leser nicht als ohnehin gut vorgebildete Insider, sondern ganz nach dem Credo der Aufklärung als lernwillige Subjekte begreift. Als neulich hier mal zur Sprache kam, dass es mehr Mut zu »linkem Entertainment« geben müsse, da waren genau solche Publikationen damit gemeint. Luyendijk wendet die Sprache der Normalbürger an, er steht nicht über seinen Lesern, sondern erschließt mit ihnen zusammen das Feld. Und das ist der Grund, weshalb sich ein Hinweis zu diesem Buch lohnt.

Die Mauer des Vertrauens

Luyendijk startete also einen Aufruf an Menschen, die im Banksektor arbeiten. Er bot natürlich Quellenschutz und es meldeten sich nach und nach tatsächlich Banker aus verschiedenen Ebenen bei ihm. Sie erzählen ihm nicht vom großen Ganzen, von den Fehlern des globalen Finanzsystems, sondern von ihrem Arbeitsalltag und von dessen Auswirkungen auf ihr Privatleben. Kündigungsschutz kennen sie zum Beispiel gar nicht, Loyalität zum Arbeitgeber stellt sich für sie so kaum ein.

Luyendijk komprimiert freilich die Interviews, sodass man als Leser nicht ein ödes Frage-und-Antwort-Spiel aushalten muss. Er fischt wesentliche Aussagen heraus, insbesondere jene, die sich bei den jeweiligen Erzählenden stetig wiederholten. Zum Beispiel, dass man relativ schnell gut verdiene, jung die Karriereleiter nach oben komme und eben nie sicher ist, ob nicht morgen schon im großen Stil entlassen wird – weswegen man übrigens nachhaltige Arbeit für überflüssig halte.

Wissen sie eigentlich, mit welchen Finanzprodukten sie handeln, welche arithmetischen Konstrukte sie verkaufen? Ja, die meisten Banker wissen durchaus, dass die Bündelung von Hypothekenkrediten zum Beispiel oder all die immer komplexer werdenden Anlageprodukte, die von jenen Ratingagenturen mit Triple A bewertet wurden, die das eigene Haus bezahlte, risikobehaftet waren – und auch noch sind. Aber sie greifen auf Modelle zurück, die die Quants der Branche, die Mathegenies und Programmier-Nerds, entwickelt haben, um etwaige Risiken vorab zu berechnen.

Wen Luyendijk allerdings auch fragte, am Crash von 2008 war keiner beteiligt. Einfach weil jeder Banker in einer Isolierkammer zu sitzen scheint. Langsam dämmerte es dem Autor: Die großen Multibanken waren kein in sich geschlossenes Konzept, sie waren miteinander und auch hausintern wie ein »Inselreich im Nebel« organisiert. Keine Abteilung wusste so genau, was die andere trieb. Das ist nicht auf Kommunikationsverweigerung zurückzuführen, sondern auf abteilungsübergreifenden Wettbewerb. Die Multis bieten ja verschiedenste Dienstleistungen verschiedensten Kundenkreisen an, sodass sie leicht in einen Interessenskonflikt geraten könnten.

Wenn beispielsweise die »Banker aus der Abteilung Fusionen und Übernahmen, der das Ölunternehmen Shell in Sachen eines kursrelevanten Erwerbs oder einer kursrelevanten Veräußerung berät, diese Information mit einem Kollegen aus dem Bereich Sales Trading teilt, der sein Geld verdient, indem er seine Kunden beispielsweise dazu überredet, mit Aktien von Shell zu handeln«, dann haben wir es mit einem Interessens- und Loyalitätskonflikt zu tun.

Innerhalb der Multibanken gibt es daher Verschwiegenheitsgrenzen, die man dort Chinesische Mauern nennt. Überwacht wird die vom Middle Office, vom Risikocontrolling.

Endozentrisches Weltbild: Die Welt als Wille und Vorstellung

Und das schaut den jeweiligen Abteilungen durchaus streng auf die Finger. Das Bild vom gierigen Broker, der für einen schnellen Euro jedes Risiko eingeht, lässt sich nicht belegen. Die Interviewten machten deutlich, dass sie nur in einem ziemlich engen Rahmen agieren könnten. Das kann man ihnen abnehmen, denn sie sind ja nur als Fachidioten ihrer Abteilungen eingestellt, wissen nichts aus den anderen Bereichen ihres Unternehmens, können gar nicht zum großen Abstauben loslegen, weil ihnen im Regelfall Insiderinformationen fehlen.

Kurz und schlecht, es herrscht eine relative Unübersichtlichkeit innerhalb der Finanzkonzerne. Die Quants, die im Middle Office arbeiten, geben zwar gemeinhin vor, sich einen relativen Überblick bewahrt zu haben. Aber mancher von ihnen legte dem Autor dar, dass der Ablauf mittlerweile so komplex sei, man dürfe sich eigentlich nicht auf die Risikoberechnungsmodelle verlassen. Die Finanzprodukte seien so verwickelt und erzielten so einen Streueffekt, man könne unmöglich das Risiko genau abbilden.

Auf der obersten Ebene, dort wo sich die internationalen Spitzenbanker tummeln, kann von Übersicht jedoch keinerlei Rede mehr sein. Diese Spitzenbanker haben im Grunde nicht eine Bank unter sich, sondern ein Sammelsurium verschiedener Abteilungen, die unabhängig voneinander agieren, sich belauern und genau sondieren, um informelle Vorteile für den eigenen Bereich zu erlangen. Die Spitzenkräfte, die die Multibanken öffentlich vertreten, sind weit weg davon, alle Vorgänge in ihrem Unternehmen zu kennen. Selbst das Risikocontrolling verliert den Überblick – auch weil die Hardware der Entwicklung nicht angepasst wird. Großbanken seien aber an sich too big to manage, sie »seien nicht allmählich und organisch gewachsen […], sondern eruptiv, durch Fusionen und Übernahmen verschiedenster Banken und Finanzinstitute in aller Welt. Bei dieser Entwicklung wurde und wird nicht immer ausreichend in IT-Systeme investiert – schon alleine aus dem Grund, dass eine derartige langfristige Investition sich negativ auf die kurzfristigen Profite auswirkt.«

Die Chefetagen wissen insofern nicht wirklich, was in ihrem Laden vor sich geht. Sie sind bestenfalls tendenziell im Bilde – ihre Aufgabe ist ja ohnehin nur die PR. Die Bank als Wille und Vorstellung: Das ist ihr Metier. Ohne ein Portfolio, aus dem das Vertrauen an oberster Stelle steht, kann keine Bank bestehen. Je undurchsichtiger die wirklichen Vorgänge hinter den Kulissen sind, desto lauter wirbt man damit, ein Partner zu sein, auf den man vertrauen kann.

Der gierige Banker: Von der Individualisierung des systemischen Versagens

Es gehörte allerdings auch zur PR der Chefetagen, das Bild von gierigen Bankstern, Einzelfällen wohlgemerkt, nach dem Crash aufrechtzuerhalten. Diese Einzelfälle haben die Sache verbockt, hätten fast den totalen Zusammenbruch bewirkt. Was wie Demut klingt, so wurde Luyendijk im Verlaufe seiner Feldstudie klar, war im Grunde nur Vertuschung und Ablenkung. Denn solange man den Prototypen des gierigen Bankers als den Verursacher der Finanzkrise ins Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung rückte, konnte man einen weiten Bogen um die Systemfrage machen.

Diese Individualisierung kaschiert das systemische Versagen. Während seiner Studie hat der Autor auch mit Leuten von den Aufsichtsbehörden gesprochen. Sie bestätigten ihm, dass individuelle Gier innerhalb der Bankkonzerne einen doch recht geringen Faktor für die Krisenanfälligkeit des Finanzsystems darstelle. Wäre dem nicht so, müsste die Aufsichtsbehörde eigentlich dauernd eingreifen und von Maßlosigkeit getriebene Vorgänge beanstanden. Das komme aber relativ selten vor.

Es sei nämlich nicht so, dass da ein stabiles System von einigen Raubrittern an die Grenzen der Belastbarkeit gebracht würde – das System ist vielmehr so ausgelegt, dass bedenkliche Vorgänge einfach nicht illegal sind, weil man sie nicht gesetzlich reguliert. Komplexe Finanzprodukte zum Beispiel, die so vielschichtig angelegt sind, dass sie bei einem Crash streuen und Dynamiken auslösen, die nicht mehr kontrollierbar sind, sind ja nach wie vor nicht verboten. Die Aufsichtsbehörden könnten auch nichts dagegen tun, dass Privatkunden- und Investmentbereiche unter einem Dach politisch genehmigt wurden – diese Fehlstellung sei ja gesetzlich unantastbar.

Joris Luyendijk arbeitet sich in »Unter Bankern. Eine Spezies wird besichtigt« in den Stoff hinein und nimmt seine Leserschaft schrittweise mit auf dem Weg zur Erkenntnis. Mit Hilfe einer Studie des soziologischen Milieus der Banker, gelingt es ihm, die Syntax großer Banken aufzudecken und für den Laien begreiflich zu machen. Mit dem Überblick darüber, wie diese Konzerne innerlich ticken, bekommt man ein Gefühl dafür, das gesamte Finanzsystem zu begreifen. Es ist ein überblähter Koloss, gesteuert von Banken, die völlig den Überblick verloren haben und trotzdem so tun, als seien sie ein vertrauensvolles Fundament unserer Wirtschaft.

Wahrscheinlich hält sich das Stereotyp des gierigen Bankers auch deshalb so hartnäckig, weil sich viele Menschen schwertun, die Komplexität des Themas zu erfassen. Luyendijks Buch ist eine gut geschriebene, unterhaltsame Reise durch die Branche, die Wissensmehrwert verspricht. Natürlich werden Ökonomen und Finanzexperten Mängel finden, es hier und da für zu oberflächlich halten: Aber das ändert nichts daran, dass dieses Buch dabei behilflich ist, das ärgerliche Narrativ vom individuellen Versagen abzulösen durch die Einsicht, dass wir in einem systemischen Notstand leben, der unbedingt reguliert werden muss. Wenn sich diese Erkenntnis bei vielen Menschen durchsetzt, dann wäre das ein Anfang.

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