Bild: Ji-Elle - Own work, CC BY-SA 4.0, Link
Aufgelesen | 18.07.2018 (editiert am 19.07.2018)

Si tacuisses, philosophus mansisses

ScienceFiction kann äußerst unterhaltsam sein. Was wird passieren, wenn in naher Zukunft mehrere Berufe gleichzeitig verschwinden, fragt Richard David Precht. Leider taugt seine Antwort höchstens nach dem dritten Glas Wein.

Seit einiger Zeit zieht Richard David Precht, Fernsehphilosoph und Autor populärer philosophischer Bestseller, durch die Feuilletons und Talkshows und verkündet die Apokalypse der digitalen Revolution. Vor kurzem hat er seine Visionen der digitalen Dystopien und Utopien als Buch veröffentlicht [i] und landete wieder auf den Bestsellerlisten.

Eine trunkene Partyidee …

Mit Mühen habe ich mich bis zum Ende des Rezensionsexemplars von Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft durchgekämpft. Was findet man? Eine trunkene Partyidee: Die Roboter und intelligenten Computer werden alle Berufe übernehmen, die auch nur irgendwie durch avancierte Algorithmen substituierbar sind. Die Mehrheit der Menschen – bis auf die wenige Ausnahmen, die in hochqualifizierten Berufen arbeiten – verlieren ihren Job und werden zur Muße gezwungen. Damit wird die Erwerbsarbeit als Institution abgeschafft und eine neue Einkommensform, das Bedingungslose Grundeinkommen, ersetzt die Erwerbsarbeit.

An dieser Stelle entscheide sich nun, ob die Zukunft eine dystopische wird oder eine paradiesische. Dystopisch wird sie, wenn die zur Muße Gezwungenen sich von den Internet-, Computer- und Unterhaltungskonzernen Tag und Nacht bespaßen lassen und dabei ihren freien Willen und ihre Menschlichkeit verlieren. Entdecken die neuen Müßigen dagegen die tätige Muße der Philosophen für sich und entwickeln ihr kulturelles Potential und ihre Individualität, macht sich die Menschheit auf den Weg in die digitale Utopie.

Precht breitet an dieser Stelle die philosophische Romantik von Friedrich Schiller bis Oskar Wilde aus. Es gibt ein Kapitel über wahre Bildung und Herzensbildung im Gegensatz zur bloßen Ausbildung, über das wahre Glück des frei tätigen Menschen, über die finsteren Machenschaften der großen Internetkonzerne, über arbeitende Roboter und singende ehemalige Arbeiter – kurz es findet sich alles, was man sich zum Thema nur denken kann, ist man nur hinreichend trunken.

… mit dem Kater wieder vergessen

Wie gesagt, eine trunkene Partyidee, mit der man nach dem dritten Glas Wein die Gesellschaft unterhält, mit dem Gedanken im Hinterkopf, das hoffentlich und sicherlich die Zuhörer am nächsten Tag den Nonsens mit dem Kater wieder vergessen haben werden. Nur so lassen sich die krassen logischen Inkonsistenzen zusammenreimen. Wieso soll die Erwerbsarbeit als solche verschwinden und ein Zeitalter der Muße anbrechen, wenn einige Berufe demnächst durch die Digitalisierung untergehen?

Vor ein paar Jahren hat Rudi Palla in „Verschwundene Arbeit – Das Buch der untergegangenen Berufe“ in der Form eines Lexikons eine Art Kulturgeschichte der verschwundenen Berufe der letzten 150 Jahre vorgelegt. Es gibt keine Laternenanzünder und Ahlenschmiede mehr. Vegetieren deshalb die arbeitslos gewordenen Laternenanzünder und Ahlenschmiede immer noch, seit Generationen zur unfreiwilligen Muße verurteilt, im Elend dahin?

Precht scheint es sich so vorzustellen. Werden die Fernfahrer und Sachbearbeiter für Routineaufgaben demnächst durch Computer oder durch autonom fahrende LKWs ersetzt, so sind die betroffenen Menschen für die nächsten Jahrzehnte zur Muße verurteilt und werden von den Monopolkonzernen bespaßt oder entwickeln die tätige Muße des Philosophen.

Star-Trek Welt …

Wie kommt es zu solch groben Fehlschlüssen? Die völlige Unbildung in ökonomischen Fragen ist sicherlich ein wichtiger Faktor. Aber wie das Beispiel der untergegangenen Berufe zeigt, reicht einfaches Nachdenken und ein bisschen kulturgeschichtliches Wissen aus, um solche Fallstricke zu vermeiden. Ich vermute, da Precht mit seinen an ScienceFiction erinnernden Visionen nicht alleine ist, dass populäre Mythen über Roboter und Computer eine nicht geringe Rolle spielen. Die Smartphones und Tablets des letzten Jahrzehntes erinnern überraschend an entsprechende Geräte der Star-Trek-Technologie.

Da liegt der gedankliche Kurzschluss nahe, dass wir uns auf eine Star-Trek Welt zubewegen. Passend beginnt Precht sein Buch mit einem Zitat des Captain Jean-Luc Picard, Kommandant der USS Enterprise:

»Die Wirtschaft der Zukunft funktioniert ein bisschen anders. Sehen Sie, im 24. Jahrhundert gibt es kein Geld. Der Erwerb von Reichtum ist nicht mehr die treibende Kraft in unserem Leben. Wir arbeiten, um uns selbst zu verbessern – und den Rest der Menschheit.«

… jenseits der Niederungen der Politik

ScienceFiction kann äußerst unterhaltsam sein. Man sollte jedoch davon ausgehen, dass unsere Welt nicht dem Drehbuch von Science-Fiction-Filmen folgt. Was wird also vermutlich passieren, wenn in naher Zukunft mehrere Berufe gleichzeitig verschwinden? Für den Sozialstaat wäre dies sicherlich eine Herausforderung. Er müsste die Betroffenen auffangen und ihnen neue Berufsperspektiven eröffnen. Unmöglich wäre das nicht, die Bundesrepublik hat in ihrer Geschichte schon andere Strukturwandlungen bewältigt.

Jedoch wird dies nicht ohne ein über Bord werfen der Austeritätsdogmen funktionieren. Will man erfolgreich einen größeren Strukturwandel bewältigen, wird dies sehr viel Geld erfordern. Der Staat muss die Einkommensausfälle der Entlassenen kompensieren, sollen die Betroffenen nicht verelenden und soll die Volkswirtschaft nicht in die Depression stürzen. Mit einer schwarzen Null wird dies nicht gehen. Es wird also kaum etwas anderes übrigbleiben, als die ohnehin volkswirtschaftlich unsinnige Schuldenbremse aus der Verfassung wieder herauszustreichen. Jedoch mit solchen Niederungen der Politik beschäftigt sich unser Philosoph nicht.

Ablösung?

Es hat aber den Anschein, als ob Richard David Precht gerade ein neues Thema gefunden hat, mit dem er Aufmerksamkeitserfolge erzielen will. Jedenfalls findet sich in der ARD-Mediathek seit wenigen Tagen ein Video, in dem Precht Entwarnung gibt. Plötzlich ist es nicht mehr die größte Gefahr, dass „zwischendurch mal eine ganze Generation von Leuten in bestimmten Berufen ihren Job verliert“, jetzt ist die größte Gefahr der Klimawandel und die durch ihn ausgelösten Migrationsbewegungen, „gegen die die Völkerwanderung ein Witz war.“

Uff. Die ökonomische Vernunft ist offenbar nicht länger in massiver Gefahr durch unseren Fernsehphilosophen. Ab jetzt dürfen sich Klima- und Migrationsforscher mit Precht herumärgern.


[i] Richard David Precht: Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft, München 2018

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