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Theorie | 13.07.2018

Wo Spielarten des Kapitalismus als Erklärung versagen – 2

Die Spielarten des Kapitalismus in Frankreich und Deutschland sind funktional zu ähnlich, um die großen ökonomischen Unterschiede der beiden Länder zu erklären. Doch auch bei der Fokussierung auf unterschiedliche produktive Kapazitäten stößt die Theorie an ihre Grenzen.

Von deutschen Medien und Politikern hört man häufig, dass es die Qualität „Made in Germany“ sei, die auf den Weltmärkten so begehrt ist. Zweifellos kann dieses Argument nicht einfach beiseite geschoben werden. Im Vergleich zu den europäischen Südstaaten zeichnet sich Deutschland tatsächlich durch deutlich höhere Produktqualität aus. Deutsche Ingenieure sind gut und Firmen wie Siemens, Bosch oder Daimler haben nicht umsonst einen weltweit hervorragenden Ruf (auch wenn die Jagd nach immer höheren Renditen in den letzten Jahrzehnten auf Kosten der Innovationsfähigkeit und Integrität ging).

Allerdings sollten gute Qualität und hohe Produktivität auch insgesamt mit einem entsprechend hohen Lohn- und Preisniveau einhergehen, womit wir beim eigentlichen Problem wären.

Zwar sind sich die meisten Ökonomen mittlerweile einig, dass Deutschland vor allem durch seine preisliche Wettbewerbsfähigkeit so hohe Exportquoten aufzuweisen hat. Jedoch scheint dieser Tatbestand in der Literatur der Varieties of Capitalism (VoC) hin und wieder in Vergessenheit zu geraten. Grund dafür ist die Annahme, dass es vor allem die nicht-preisliche Komponente ist, die den entscheidenden Erfolg Deutschlands ausmacht.

Ein vielzitierter Artikel von Servaas Storm und Carola W. M. Naastepad von 2015 bildet häufig den Referenzpunkt in der Political Economy Literatur (vgl. Dooley, 2017). Heiner Flassbeck und Costas Lapavitsas haben sich zu Storms Arbeiten in einer Debatte auf INET bereits ausführlich geäußert. Die Diskussion ist äußerst lesenswert, doch es gibt weitere Probleme von Storm und Naastepads Analyse, die typisch zu sein scheinen.

Storm und Naastepad argumentieren, dass es nicht die preisliche Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands sei, die das Problem darstelle, sondern unterschiedliche produktive Kapazitäten innerhalb der Währungsunion. In Anlehnung an die VoC-Literatur verweisen sie darauf, dass die deutschen Unternehmen zusammen mit den Gewerkschaften und staatlichen Institutionen eine langfristigere Strategie verfolgten, die darauf abzielte, sich in qualitativ hochwertigen Produktsegmenten zu etablieren, um einem Preiswettbewerb aus dem Weg zu gehen.

„Die Unternehmen haben die Herausforderung angenommen und sich durch Verbesserungen und Innovationen, insbesondere im globalen Markt, auf Qualität statt auf den Preis konzentriert.“ – Wolfgang Streeck

Ähnlich wie Wolfgang Streeck, der 2013 im englischem Guardian den Erfolg der deutschen Industrie mit der Innovationskraft und Qualität der Produkte erklärte, sind die beiden Autoren überzeugt davon, dass die Preis- und Lohnentwicklung höchstens nebensächlich zum deutschen Leistungsbilanzüberschuss beitrug.

Dass Preise (und somit Löhne) im internationalen Handel keine bzw. eine stark untergeordnete Rolle spielen sollen, ist sowohl aus theoretischer als auch empirischer Sicht eine gewagte These. Wenn dem so wäre, warum schlagen dann die Diskussionen um Trumps Zölle so große Wellen? Von Storm und Naastepad war bisher jedenfalls nicht zu hören, dass sich Deutschland keine Sorgen machen darum müsse, da die Produkte trotz der Zölle weiterhin in gleichen Mengen abgesetzt werden würden.

Das Beispiel der Schweiz zeigt ferner, dass Lohnmoderation nur funktionieren kann, wenn es einen Mechanismus gibt, der eine Aufwertung der Währung verhindert. Die Währung der „wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaft der Welt“, die sich ebenfalls auf qualitativ hochwertige Produkte spezialisiert hat, wertete in der Vergangenheit nämlich immer wieder stark auf, sodass die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz entsprechend geschwächt wurde. Wer weiß, wo der Franken heute stünde, wenn die Schweizer Notenbank nicht andauernd in großem Stil auf den Devisenmärkten intervenierte, um den Aufwertungsdruck zu reduzieren.

Eine weitere theoretische Schwäche der These von Storm und Naastepad ist zudem, dass ihrer Argumentation die Annahme zugrunde liegen muss, dass Firmen nicht gewinnmaximierend arbeiten. Falls Preise für die deutschen Produkte nicht wichtig sind, könnten die Unternehmen doch ohne Probleme 20 oder 30 Prozent Aufschlag verlangen und würden immer noch dieselbe Menge absetzen. Dies wiederum würde ihren Profit entsprechend erhöhen, da nur die Einnahmen, jedoch nicht die Kosten in die Höhe gingen. Was aber hält die Unternehmen davon ab? Wohltätigkeit zugunsten der aufstrebenden asiatischen Ökonomien? Es wird deutlich, dass der Stormsche Ansatz problematisch ist, wenn die Preiskomponente derart heruntergespielt wird.

Ein weiteres Problem für den Vergleich Deutschland-Frankreich ergibt sich bei der Bewertung der Produktqualität für den Exporterfolg. Wie schon angedeutet, ist es unstrittig, dass Deutschland hochwertige Produkte auf den Weltmärkten anbietet. Der Stolz auf die Marke „Made in Germany“ kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch Produkte aus anderen Ländern innerhalb der Eurozone qualitativ auf höchstem Level mit denen aus Deutschland im Wettbewerb stehen. Die Überlegenheit von „Made in Germany“ wurde in den Medien und in der Literatur mittlerweile so häufig wiederholt, dass man es einfach als gegeben hinnimmt. Allerdings wird „Qualität“ in den wissenschaftlichen Studien selten operationalisiert. Sie wird meistens als gegeben hingenommen.

Tatsächlich legt eine Untersuchung der europäischen Kommission nahe, dass dieses Weltbild womöglich einiger Anpassungen bedarf. Im Falle der EU-Exporte kommt Deutschland darin nämlich nicht als „Qualitäts-Europameister“ hervor. Diesen Titel teilen sich die skandinavischen Länder (inkl. Euroland Finnland) und – man glaubt es kaum – Frankreich. Zwar zeigt sich ebenso, dass die Produktqualität deutscher Exporte höher ist als die der europäischen Südländer. Doch sollte uns das angesichts des Vergleichs mit unseren skandinavischen und französischen Nachbarn nicht schlussfolgern lassen, dass nur wir hochwertige Ware produzieren und die anderen nichts können. Die Erfolge deutscher Exporte entsprechend nur auf die Qualität zurückzuführen, steht somit auf ebenso wackligen Füßen wie die Annahme, dass Löhne und Preise eine untergeordnete Rolle spielen.

Nebst den oben genannten Ungereimtheiten, die sich aus der These von Storm und Naastepad ergeben, ist auch die empirische Analyse, die ihre Theorie unterstützen soll, wenig überzeugend (wobei man hier hinzufügen muss, dass die Qualität des Outputs eines jeden Modells in erster Linie von der zugrundeliegenden Theorie abhängt). Ihre Ergebnisse beziehen die beiden Wissenschaftler aus sogenannten Constant Market Share Analysis (CMSA) Modellen, welche unterschiedliche Faktoren bzw. Komponenten für die Entwicklungen von Marktanteilen bestimmen.

Am wichtigsten in der Analyse von Storm und Naastepad ist auf der einen Seite die strukturelle (Structure Effect – SE) und auf der anderen Seite die wettbewerbliche Komponente (Competitiveness Effect – CE) europäischer Exporte. Erstere hält die Spezialisierung der Exporte eines Landes auf bestimmte Produkte und Märkte fest. Sollte ein Land in gewissen Produktkategorien und Märkten seine Stärken haben, die sich durch überdurchschnittliches Wachstum auszeichnen, so steigt der Anteil der Exporte im Vergleich zu Ländern, die sich auf andere Produktbereiche und Märkte spezialisiert haben automatisch an.

Im ersten Teil wurde gezeigt, dass deutsche Produzenten den französischen Herstellern kontinuierlich Marktanteile in sämtlichen Regionen abgejagt haben. Da dies weltweit der Fall war, ist es schwierig, das mit „Struktureffekten“ zu erklären. Vielmehr ist anzunehmen, dass der absolute, nicht komparative Vorteil (z. B. durch die preisliche Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands innerhalb der Währungsunion) stetig wuchs, was sich wiederum zum Vorteil für deutsche Produzenten auf Drittmärkten auswirkte (ein Aspekt, den die SE Komponente vollkommen übergeht).

Die zweite wichtige Variable für Storm und Naastepads Erklärung ist der CE („Italy and especially France are doing worse than Germany in terms of the competitiveness effect“). Da diese Variable von so überragender Bedeutung ist, ist es enorm problematisch, wie sie definiert wird. In Storm und Naastepads Model nämlich ist es einfach ein residual term – das heißt, einer Zahl –, die alles zusammenfasst, was das Model nicht erklären kann. Selbstverständlich drücken die Autoren es nicht so drastisch aus (nichts anderes ist ein residual allerdings), sondern sagen einfach nur, dass der CE „per definitionem den Einfluss von preislichen und nicht-preislichen Faktoren (inkl. Forschung und Entwicklung, Regulierungen und Institutionen) ausdrückt“.

Nun überrascht es, dass auch preisliche Effekte plötzlich eine Rolle spielen sollen, wo das eigentliche Argument doch das genaue Gegenteil besagt. Es sei nochmal darauf hingewiesen, dass es absolut unmöglich ist, diese beiden Effekte voneinander zu trennen, wenn sie in einem residual term zusammengefasst werden. Storm und Naastepad scheinen jedoch auf einem anderen Weg zu versuchen, ihr Argument noch zu retten. Dass Deutschlands Vorteile der nicht-preislichen Wettbewerbsfähigkeit zugeschrieben werden, erfahren wir später (leider nur) durch eine sehr beschreibende Aussage: Die korporative Struktur der deutschen Wirtschaft ermöglichte den Autoren zufolge die Förderung einer langfristigen Industriepolitik, die sich darauf konzentrierte, die nicht-preisliche Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen, die sich wiederum im hohen Struktureffekt widerspiegelt.

„Der Punkt ist, dass sich die Deutschland AG nicht von der Kosten- und Preisorientierung mitreißen ließ, sondern weiterhin eine langfristige Ausrichtung der Fertigungsaktivitäten förderte – die Konzentration auf den Aufbau einer preislich nicht konkurrenzfähigen Fertigung (erfasst durch die hohe SE), die sich in ‚Made in Germany‘ widerspiegelt, die für starkes Produktdesign, Qualität, Hightech-Inhalt und Zuverlässigkeit steht“.

Das ist verwirrend. Ist es jetzt der SE oder CE, der die nicht-preisliche Wettbewerbsfähigkeit wiedergibt? Eigentlich sollten den Definitionen zufolge beide Identitäten komplett unabhängig voneinander sein. Doch wie passt dazu diese Aussage? Bedenkt man zudem die Ergebnisse der europäischen Kommission, stellt sich direkt die Frage, weshalb nicht auch Frankreich und die skandinavischen Länder – deren Exporte ja einen höheren Qualitätswert aufweisen – Leistungsbilanzüberschüsse von 8 Prozent aufweisen.

Insgesamt ist das Model deshalb eher nichtssagend. Sämtliche Erkenntnisse aus einem residual term zu beziehen, ist höchst problematisch und stützt die Argumentation von Storm und Naastepad in keiner überzeugenden Art und Weise. Was wir aus dem Model sicher erfahren, ist, dass Wettbewerbsfähigkeit wichtig ist, um Marktanteile zu steigern. So viel war aber wahrscheinlich auch schon vorher bekannt.

Ein weiterer Widerspruch hinsichtlich der unterschiedlichen Entwicklung in Frankreich und Deutschland entsteht durch den Einbezug des technologischen Fortschritts der Industrie. Storm und Naastepad argumentieren, dass ein technologisch weit fortgeschrittener Industriesektor Arbeitsplätze vernichtet – und dieser Prozess in Frankreich „deutlich dramatischer“ als anderswo verlief. Nun müsste die Schlussfolgerung dessen eigentlich sein, dass der technologische Sektor in Frankreich entsprechend fortgeschrittener wäre als in Deutschland, wo deutlich mehr Arbeitsplätze in der Industrie gesichert werden könnten. Wenn dies allerdings der Fall ist, wie kann es dann sein, dass Deutschlands Erfolg allein der Innovationsfähigkeit und High-Tech-Produktion zuzuschreiben ist?

Was fehlt der VoC Literatur?

Leider können auch Storm und Naastepad nicht mithilfe der VoC-Literatur erklären, weshalb die Entwicklung zwischen Frankreich und Deutschland so unterschiedlich verlief. Zwar könnten ihre Erkenntnisse über die hohen Divergenzen der produktiven Kapazitäten innerhalb Europas von Bedeutung für eine aktiv gesteuerte Industriepolitik für den gesamten Kontinent sein – falls man sich in Brüssel irgendwann dazu durchringen sollte. Doch sowohl theoretisch als auch empirisch ist ihre Arbeit wenig überzeugend.

Die fehlenden Erklärungen für das Auseinanderbrechen des deutsch-französischen industriellen Motors zeigen die Schwächen in der Literatur auf. Trotz bedeutender Fortschritte weg vom „methodologischen Nationalismus“ sieht man, dass ganzheitliche und systemische Implikationen für die Entwicklung nationaler Volkswirtschaften noch nicht ausreichend berücksichtigt sind.

Zudem baut ein Großteil der Analysen immer noch auf der Annahme auf, dass wir es global mit Märkten zu tun haben, die höchst kompetitiv sind. Die vielen UNCTAD World Investment Reports sowie der letzte Trade and Development Report zeigen, dass dies bereits lange nicht mehr der Fall ist (vgl. dazu hier). Große transnationale Konzerne (TNCs) bestimmen weitgehend was auf den Märkten passiert – sowohl im Vertrieb als auch in der Produktion. Bereits im Jahr 2013 waren TNCs in 80 % des gesamten Welthandels verwickelt. Diese enorme Marktmacht der Konzerne, die die Quelle der extremen Monopolgewinne der letzten Jahrzehnte ist, hat fundamentale Auswirkungen auf die Entwicklung kapitalistischer Gesellschaften – und doch fehlt in der VoC-Literatur davon jede Spur. Dort wo TNCs hin und wieder auftauchen, ist die zugrundeliegende Theorie, die häufig aus der Managementliteratur stammt, schwach und unzureichend.

Vielmehr müsste man die Erkenntnisse aus den 1960ern und 1970ern von Ökonomen wie Stephen Hymer, John Kenneth Galbraith, John Dunning, Paul Baran und Paul Sweezy in das theoretische Grundgerüst mit einbeziehen. Dies würde eine vernünftige Grundlage dafür schaffen, die Rolle transnationaler Konzerne in der wirtschaftlichen Entwicklung besser zu verstehen – auch in einer Währungsunion. Im Fall der Eurokrise haben einige Autoren bereits gezeigt, wie weitreichend die Folgen der Strategien einzelner Firmen für ein ganzes Land sein können. Doch dazu demnächst mehr.

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