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Theorie | 06.07.2018 (editiert am 13.07.2018)

Wo Spielarten des Kapitalismus als Erklärung versagen

Die Literatur zu den verschiedenen Spielarten des Kapitalismus innerhalb der Eurozone sieht die Hauptursache der Krise in der Unvereinbarkeit verschiedener Wirtschaftsmodelle in einer Währungsunion. An einem Phänomen scheitert die Theorie aber fundamental.

Das Argument, dass verschiedene Spielarten des Kapitalismus (Varieties of Capitalism, VoC) als Ursache der Eurokrise auszumachen sind, ist in der Literatur und mittlerweile auch in der öffentlichen Diskussion weit verbreitet. Eine dabei häufig auftauchende These besagt, dass das Hauptproblem in den vollkommen unterschiedlichen Wachstumsmodellen des Nordens und des Südens liegt. Erstere könnten leicht durch ihre korporativen Strukturen eine ihrem exportorientierten Wachstumsmodell angepasste Lohnmoderation durchsetzen, welche die Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaften erhöht, während Letztere durch ihre dezentralisierte und unkoordinierte Lohnfindung nicht mithalten können.

Durch übermäßige Lohnsteigerungen – vor allem im öffentlichen Sektor – und Finanzialisierung hätten die sich kumulierenden Ungleichgewichte für eine Zeit lang verschleiert werden können. Doch auf lange Sicht wären die Verhältnisse nicht tragbar. Mit dem Ausbruch der Finanzkrise seien die Ungleichheiten offengelegt worden und seither zwängen die Nordländer dem Süden ihr eigenes, deflationär-exportorientiertes Wachstumsmodell auf (hier).

Zwar hat die vergleichende Kapitalismusforschung im Laufe der Zeit diese (vereinfacht dargestellte) Ansicht verfeinert, etwa durch die Berücksichtigung unterschiedlicher Produktspezialisierungen, doch das dominante Narrativ bezieht sich meistens in irgendeiner Art auf die unterschiedlichen Lohnfindungsmechanismen.

Hier soll nicht weiter auf die Erklärung der Eurokrise in der VoC Literatur eingegangen werden. Andreas Nölke und Martin Höpner, zwei der international am meisten geschätzten und zitierten Wissenschaftler in diesem Bereich, haben dies auf Makroskop separat dargelegt (hier und hier). In den Artikeln selbst wird zudem auf die Kontroverse verwiesen, sollte der Bedarf bestehen, einige der entscheidenden pro und kontra Argumente nochmals nachzulesen. Interessant ist, an welcher Front die VoC-Argumentation fundamental versagt.

Zentrum versus Peripherie

Die meisten Arbeiten der VoC-Literatur zur Eurokrise beziehen sich nachvollziehbarerweise auf das Gefälle zwischen Zentrum und Peripherie. In der Tat ist es für Volkswirtschaften mit koordinierten Lohnfindungsmechanismen einfacher, eine Lohnmoderation durchzusetzen und somit die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Was in der Literatur allerdings fehlt, ist

  1. ein klarer Bezug dazu, dass vor allem in den europäischen Südstaaten die Inflationsraten im historischen Vergleich deutlich zurückgegangen sind (was somit trotz der dezentralisierten und unkoordinierten Lohnfindungsmechanismen möglich war) und
  2. die Einsicht, dass für das Funktionieren einer Währungsunion die Einhaltung einer gemeinsamen Inflationsrate die entscheidende Grundlage ist.

Seit der Krise haben die Südländer gezeigt, dass die zu starken Lohnentwicklungen und die entsprechend zu hohen Inflationsraten der ersten Jahre der Europäischen Währungsunion (EWU) an die Zielinflationsrate der EZB angepasst werden können. Das Problem bilden weiterhin die Deflationsländer, die sich nicht an die von ihnen vorgegebene Inflationsrate halten wollen.

Per se ist somit nicht ausgeschlossen, dass unterschiedliche Spielarten des Kapitalismus in einer Währungsunion sein können. Es zeigt lediglich, dass sich alle an die wichtigste gemeinsame Zielvorgabe bei der Preisentwicklung halten müssen. Auf Makroskop wurde dies bereits ad nauseam diskutiert (z.B. hier und hier), sodass es kein wirklich neues Argument darstellt.

Was allerdings noch als Erklärung für die unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklung im Norden und im Süden ausreichen mag – nämlich, dass die institutionellen Komplementaritäten innerhalb der verschiedenen Spielarten Anreize gaben, dieses gemeinsame Ziel zu missachten –, scheitert fundamental an der Divergenz im Herzen Europas. Das Auseinanderbrechen des deutsch-französischen Industriemotors, aus dem Deutschland als der alleinige Sieger hervorging, verdeutlicht die Grenzen der VoC-Theorie.

Deutschland und Frankreich – Unterschiedliche Erfahrungen in der EWU

Zunächst sollte man Revue passieren lassen, wie stark die unterschiedlichen Entwicklungen innerhalb der EWU für beide Länder waren. Seit Beginn der Währungsunion, und insbesondere seit der Finanzkrise hinkt Frankreich auf sämtlichen Indikatoren hinterher. Sei es das BIP pro-Kopf Wachstum, Arbeitslosigkeit, Staatsschulden oder Industrieproduktion – Frankreich hatte gegenüber Deutschland überall das Nachsehen.

Normalerweise müssten VoC-Vertreter jetzt mit institutionellen komparativen Vorteilen argumentieren, um diese dramatischen Unterschiede in der Entwicklung zu erklären. Doch wie überzeugend ist das?



Sobald man die Institutionen der beiden Länder miteinander vergleicht, fällt sofort auf, dass die Unterschiede viel zu gering sind, um die gravierenden Divergenzen in den wirtschaftlichen Entwicklungen zu erklären. Am wichtigsten wäre wohl die Tatsache, dass das System der Lohnfindung in beiden Ländern trotz einiger Unterschiede als funktional recht ähnlich eingestuft wird.

Deutschland steht in der VoC-Literatur gewöhnlich als das Paradebespiel für eine koordinierte Ökonomie, die sich durch die Einflussnahme relativ starker Gewerkschaften und Tarifbindung auszeichnet und somit eine Lohnmoderation im ganzen Land erleichtert. Obwohl es bei Frankreich deutlich mehr Unstimmigkeiten darüber gibt, welcher Spielart das Land zuzuordnen ist, besteht doch allgemeiner Konsens darüber, dass das Land kein dezentralisiertes und unkoordiniertes Lohnfindungssystem hat, was gemeinhin als das Problem der Südländer bei der Umsetzung einer Lohnmoderation angesehen wird. Tatsächlich gibt es viele Studien, die Frankreich gerade wegen des recht hohen Grads der Lohnkoordination den koordinierten Ökonomien zuschreiben (Kenworthy, 2006; Schneider und Paunescu, 2012).

In anderen Fällen, wo man eher auf die Unterschiede in der Lohnfindung zwischen Frankreich und klassischen koordinierten Ökonomien verweist, wird Ersteres jedoch immer noch als „large-firm and state-driven functional equivalent“ (Hancké, 2013, S. 10) des Letzteren angesehen. Da Frankreich ohnehin das einzige Land der Eurozone war, dass die Lohnentwicklung an die Zielinflationsrate der EZB angepasst hat, ist es müßig darüber zu debattieren, ob Lohnmoderation in Frankreich möglich ist oder nicht. Im Sinne der Währungsunion hat sie perfekt funktioniert.

Der zweite häufig in der Literatur zu findende Punkt ist das Argument, dass die europäischen Staaten sich auf unterschiedliche Produkte und Märkte spezialisiert hätten. Die Güter, die der Süden herstellt, stünden im Wettbewerb mit den Billigwaren aus Asien. Doch hätten in diesem preisintensiven Wettbewerb die Europäer das Nachsehen und entsprechend hoch sei der Druck, die Lohnkosten im Süden weiter zu senken bzw. die Produktionsstrukturen so umzugestalten, dass man dem Konkurrenzkampf mit Asien entgehen könne.

Doch wie im Falle unterschiedlicher Lohnfindungssysteme hilft auch diese Argumentationsweise im Vergleich zwischen Deutschland und Frankreich nicht weiter. Ebenso wie Deutschland spezialisiert sich Frankreich auf qualitativ hochwertige Produkte, hat ein höchst entwickeltes Bildungssystem und bietet zudem stetige Anreize für Investitionen (Schmidt, 2003; Palier und Thelen, 2010). Ein Blick auf die Produktivitätsentwicklung beider Länder zeigt, dass die Produktivität pro Stunde in Frankreich höher ist als in Deutschland und die Trendlinien keine signifikanten Unterschiede aufweisen.



Prima facie zeigt sich Frankreich somit bestens gerüstet, um mit deutschen Herstellern auf den Weltmärkten zu konkurrieren. Doch aus der Sicht der VoC-Literatur kommt es nun zu etwas, was es eigentlich nicht geben dürfte: die deutschen Produzenten jagen den französischen Konkurrenten kontinuierlich Marktanteile ab.



Haben die Deutschen womöglich einfach ihren Marktanteil in rasant wachsenden Märkten konstant gehalten und dadurch weltweit insgesamt weniger verloren als die Franzosen (Storm und Naastepad, 2015)? Die Marktanteile der Exporteure aus dem Euroraum sprechen eine andere Sprache. Die Grafiken unten zeigen den Anteil der deutschen bzw. französischen Exporte an den gesamten Euroraum-Exporten in unterschiedliche Regionen (weltweit, entwickelte Länder und BRIC Staaten – Brasilien, Russland, Indien und China –, hier repräsentativ für die Emerging Economies).



Auch hier findet sich das gleiche Bild: deutsche Produzenten gewinnen gegenüber den Franzosen kontinuierlich an Marktanteilen. Da es sich um die Exporte aus dem Euroraum handelt, muss ein Anstieg des Marktanteils der Exporte aus einem Land zwangsläufig mit dem Rückgang des Marktanteils eines anderen Landes einhergehen.

Zwei Punkte sind an dieser Stelle besonders herauszuheben: Erstens ist es aus VoC-Sicht schwierig zu begreifen, weshalb deutsche Exporteure kontinuierlich an Marktanteilen gewinnen sollten, selbst wenn sie bereits über enge Handelsbeziehungen zu den rapide wachsenden Volkswirtschaften dieser Welt verfügten. Ein konstanter Marktanteil in diesen Märkten hätte bereits zu einem nominalen Anstieg der Exporte beigetragen, ohne dass andere Länder davon benachteiligt würden. Hat sich Deutschland etwa Jahr für Jahr mehr und mehr auf den Handel mit den Ländern spezialisiert, wie es zum Beispiel eine mögliche Interpretation von Storm und Naastepad (2015) nahelegen würde?

Eine andere Interpretation der Daten mutet realistischer an: Der konstant steigende und erst in den letzten beiden Jahren (also in der Zeit, als die Löhne in Deutschland etwas mehr gestiegen sind als zuvor) leicht sinkende Marktanteil deutet ganz klar darauf hin, dass Deutschland gegenüber Frankreich immer mehr an preislicher Wettbewerbsfähigkeit gewann.

Zweitens sollte bei all den Verweisen auf die Exporte in die Emerging Markets nicht vergessen werden, dass die Exporte in die entwickelten Länder deutlich mehr ins Gewicht fallen. So hat im Jahr 2017 der Wert der Exporte in Letztere jene in die Emerging Markets und Entwicklungsländer zusammen um fast 600 Milliarden überstiegen.

Die erhöhte deutsche Wettbewerbsfähigkeit spiegelt sich auch in der bilateralen Handelsbilanz und den jeweiligen Finanzierungssalden der Länder wieder. Seit 1999 ist Erstere sowohl absolut, als auch in Relation zum Gesamtvolumen des Handels (hier definiert) deutlich angewachsen.



Was die Salden angeht, so könnten diese – mit Ausnahme der Haushalte, die in beiden Ländern Netto-Sparer sind – unterschiedlicher nicht sein. Während in Deutschland sämtliche Sektoren sparen und die dazugehörigen Schulden auf das Ausland abwälzen, machen in Frankreich sowohl der Staat als auch die Unternehmen die Schulden.



All das zeigt, dass die „Spielarten“ des deutschen und französischen Kapitalismus zu ähnlich sind, um daraus Schlüsse für die gravierenden Unterschiede in der Entwicklung der beiden Länder zu schließen. Ferner gewannen deutsche Unternehmen im Laufe der Zeit deutlich an Wettbewerbsfähigkeit hinzu und griffen den französischen Konkurrenten Marktanteile ab. Nun stellt sich die Frage nach der Ursache dieser Wettbewerbsfähigkeit und wie sich diese trotz ähnlicher „institutioneller Komplementaritäten“ im Rahmen einer VoC-Analyse erklären ließen. Darauf wird im zweiten Teil dieser Serie eingegangen.

Weitere Teile dieser Serie

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