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Währungskrise | 31.08.2018

Argentinien: Der emerging market-Irrsinn geht weiter

Die „Märkte“ spielen mit dem argentinischen Peso Jo-Jo. Die Zentralbank Argentiniens hat den kurzfristigen Zins um 15 Prozent erhöht. Wenn die globale Gemeinschaft diesem Treiben keine Schranken setzt, kann sie sich jedes Plädoyer für offenen Märkte und freien Handel sparen.

Nach der Türkei nun also Argentinien. Gestern hat dort die Zentralbank den kurzfristigen Zins auf 60 Prozent erhöht und zwar mit einem Schritt von sage und schreibe 15 Prozent. Zuvor war der argentinische Peso erneut massiv unter Druck geraten und ist auf einen Wert von fast 40 zum US-Dollar gefallen.

Nur zur Erinnerung: Argentinien ist das Land, das Anfang der 90er Jahre einen currency board (hier erklärt) mit dem US-Dollar eingegangen war und den Wechselkurs des Peso damals „für immer“ bei 1 : 1 festgelegt hat. „Fixing forever“ war in der Tat die Parole, mit der man das Volk damals überzeugt hat, dem größten denkbaren währungspolitischen Unfug euphorisch zuzustimmen.

Übrigens fand der Internationale Währungsfonds diese Lösung auch sehr überzeugend, er favorisierte in den 90er Jahren die sogenannten Ecklösungen, also entweder absolut feste Wechselkurse oder vollkommen dem Markt überlassene flexible Wechselkurse. Erst nach der großen argentinischen Krise im Jahr 2001 kam es zu einem Umdenken beim Fonds, man distanziert sich wieder sehr stark von der Ecke der festen Wechselkurse. Wirklich verstanden, was passiert ist und warum der argentinische currency board gescheitert ist, hat vermutlich bis heute in Washington niemand (vgl. dazu auch dieses Papier).

Wozu braucht man den IWF?

Ausgelöst wurde der erneute Kurssturz wohl von einer Rede des argentinischen Präsidenten Mauricio Macri, der den IWF öffentlich aufgefordert hatte, bereits zugesagte 50 Milliarden US-Dollar früher auszuzahlen. Argentinien hat also, anders als die Türkei (siehe dazu die Analyse hier), mit dem IWF bereits ein laufendes Anpassungsprogramm. Warum kommt es dann trotzdem zu solch dramatischen Ereignissen?

Die Antwort ist einfach: Weil man aus rein ideologischen Gründen mit dem IWF nicht eine unmittelbare Stabilisierung der Devisenmärkte vereinbaren kann, sondern immer nur indirekte Maßnahmen, die das „Vertrauen der Finanzmärkte“ wiederherstellen können und sollen. Die supereinfache Lösung einer solchen Abwertungskrise wäre eine Wechselkursgarantie des Fonds (bzw. der internationalen Gemeinschaft), die bei einem bestimmten (tiefen) Kurs greift. Jeder Marktteilnehmer wüsste dann, dass er jenseits dieser Grenze überhaupt keine Chance mit seiner Spekulation hat, weil die Zentralbanken der Überschussländer eingreifen, die ihn jederzeit in die Pleite treiben können. Aber das wäre ja ein Eingriff in „die Märkte“ und der ist den Gläubigen vom Dogma des freien (und effizienten) Marktes strikt verboten.

Krisenbekämpfung durch Austerität?

Deswegen darf der IWF mit seinem „bailout package“ lediglich dafür sorgen, dass die internationalen Gläubiger bedient werden können und die Märkte „Vertrauen“ fassen, weil jetzt der gute und jederzeit richtig entscheidende Fonds der Regierung auf dem Schoß sitzt und sagt, was die geeigneten Maßnahmen sind, um die Krise zu bekämpfen.

In Wirklichkeit ist das, was der IWF den Ländern in die Feder diktiert, aber nur die übliche Austeritätspolitik, weil ihm einfach im Rahmen seines Dogmas nichts anderes einfällt, als zu vermuten, dass jede Krise durch Völlerei des Staates verursacht worden ist und folglich nur durch dessen strikte Diät beendet werden kann. So versucht die argentinische Regierung (als gehorsamer Schüler des Fonds) jetzt auch, die Märkte dadurch zu beruhigen, dass man versichert, in diesem Jahr werde das Staatsdefizit nicht über 1,3 Prozent des BIP steigen.

In Argentinien lag jedoch das Niveau der gesamten Staatsverschuldung 2017 noch unter den berühmten 60 Prozent, die man in der EWU erreichen sollte. Warum sollten angesichts dessen und in der gegenwärtigen extrem prekären wirtschaftlichen Situation 1,3 Prozent am BIP für das laufende Staatsdefizit ein angemessener Wert sein? Ja, es ist schlicht Unsinn, genauso wie es Unsinn ist, dass man ein Land in eine Lage drängt, wo ihm nichts übrig bleibt, als mit extrem hohen Zinsen eine Abwertung zu bekämpfen.

Das Problem sind auch hier die „Märkte“, die mit dem argentinischen Peso das gleiche Spiel spielen wie mit der türkischen Lira oder dem südafrikanischen Rand. Länder mit relativ hoher Inflation können in dieser Welt bei Konvertibilität ihrer Währung keine vernünftige Lösung für ihre makroökonomischen Probleme finden, weil die Finanzmärkte – wie in Makroskop immer wieder beschrieben – mit ihren Währungen Jo-Jo spielen. Wenn die globale Gemeinschaft nicht erkennt, dass sie diese Märkte in die Schranken weisen muss, also massive Über- und Unterbewertungen verhindern muss, kann sie sich jedes Plädoyer für offenen Märkte und freien Handel sparen.

Natürlich haben eine Reihe von argentinischen Regierungen Fehler gemacht. In erster Linie ist es ihnen nicht gelungen (das gilt auch für die verschiedenen Kirchner-Regime nach der großen Krise von 2001), die Inflation unter Kontrolle zu halten, weil sie immer nur auf neoklassisch-monetaristische Lösungen vertraut haben, statt zu erkennen, dass die Inflationierung eine Nominallohnproblem ist.

Die Schuld der Weltgemeinschaft und der Mainstream-Ökonomen ist dennoch eindeutig. Sie sind nicht bereit, das Währungssystem kritisch zu hinterfragen und den Schwellenländern ein Währungssystem anzubieten, das unterschiedliche Inflationsraten zulässt, ohne dass carry-trade-Spekulation möglich ist und alle paar Jahre eine Währungskrise mit sich bringt.

Statt nach systemischen internationalen Ursachen dieser Krise zu suchen, wird bei jeder Krise erneut der Schuldige in der nationalen Politik ausgemacht. Die Märkte können es einfach nicht sein. Klassisch unsinnig dazu die FAZ (hier):

Auch wenn die Gründe in allen Ländern nicht direkt miteinander in Beziehung stehen, so verbindet sie doch ein Muster. Die Länder schaden sich selbst durch eine trotzige, auf sich selbst gerichtete Politik. Verteilungswohltaten, die nicht zuletzt dem Machterhalt dienen sollen, haben Vorrang vor der Stabilität. Hoffnung ist, das Land zu befrieden, um dann wieder so weiter machen zu können wie früher.

Wer also aus welchen Gründen auch immer eine etwas höhere Inflationsrate als die Industrieländer aufweist, macht trotzige, auf sich selbst gerichtete Politik, die auf Verteilungswohltaten beruht. Nichts kann weiter weg von der Wirklichkeit sein, gerade bei einer argentinischen Regierung, die mit allen Mitteln versucht, Politik nach neoklassisch-monetaristischem Muster zu machen. Dass sie jetzt in Schwierigkeiten gerät, hat genau wie in der Türkei damit zu tun, dass sie zu sehr und nicht zu wenig auf die Mainstream-Ökonomen gehört hat.

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