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Konjunktur | 22.08.2018

Die deutsche und europäische Konjunktur im Sommer des Jahres 2018 – 3

Die europäische Konjunktur ist schwach. Wer jetzt in wirtschaftspolitisch verantwortlicher Position nicht begreift, was die Stunde geschlagen hat, hat gute Chancen, als Totengräber Europas in die Geschichte einzugehen.

Die Bauproduktion in Europa ist im Juni leicht gestiegen, vor allem, weil in Frankreich – auf niedrigem Niveau – eine Zacke nach oben zeigt (Abbildung 1). In Deutschland hat es nach zwei Monaten Anstieg wieder eine Normalisierung gegeben, die die Bauproduktion zurückführt auf das seit Anfang 2017 erreichte – von der Statistik überhöhte – Niveau. Außer der statistischen Korrektur Anfang 2017 hat sich in Deutschland seit Anfang 2016 schon nichts mehr getan. Die Zahl der in diesem Bereich geleisteten Arbeitsstunden hat sich auch genau seit dem Beginn des Jahres 2016 praktisch nicht mehr erhöht, was diese Einschätzung bestätigt.

Abbildung 1

In Südeuropa bietet die Bauproduktion ein besonders trauriges Bild. Alle drei Länder verzeichnen, sage und schreibe, absolute Stagnation seit 2014. Diese Entwicklung bei dem niedrigsten Zinsniveau aller Zeiten in Europa zeigt sonnenklar, dass die Krise in der eurozone beileibe nicht überstanden ist und die Wirtschaftspolitik handeln müsste.

Abbildung 2

In Mittel- und Osteuropa sind es vor allem Polen und Ungarn, wo unter großen Schwankungen die Bauwirtschaft einen Aufschwung zustande bringt (Abbildung 3). In Tschechien ist das Niveau trotz Aufwärtstendenzen immer noch sehr niedrig und in Bulgarien passiert praktisch nichts.

Abbildung 3

In einigen kleineren Länder verläuft die Bauwirtschaft sehr unterschiedlich (Abbildung 4). Österreich und die Niederlande boomen, Belgien ist schwach, während Dänemark und Schweden den Höhepunkt wohl überschritten haben.

Abbildung 4

Der Einzelhandelsumsatz, der wichtigste Indikator für den privaten Verbrauch, bewegt sich seit Anfang 2017 nur noch ganz langsam nach oben (Abbildung 5). Das liegt vor allem an Frankreich, wo sich die dynamische Entwicklung der Vorjahre nicht wiederholt hat, weil in Frankreich versucht wird, die Arbeitskosten zu drücken, was zu stagnierenden oder sogar fallenden Realeinkommen der Masse der Bürger führt. Auch in Deutschland braucht man eine Lupe, um eine Aufwärtsbewegung des Einzelhandelsumsatzes zu erkennen. Dass Italien eine schwere Misere durchmacht, zeigt kein Indikator besser als dieser. Seit einer ganz leichten Bewegung nach oben im Jahr 2015 ist nichts mehr passiert.

Abbildung 5

Im Rest Südeuropas gilt nahezu das Gleiche, wenngleich es wenigstens in Portugal leicht aufwärts geht (Abbildung 6). In Griechenland, dessen „Freiheit“ von einem Anpassungsprogramm gerade gefeiert wird, zeigt der Einzelhandelsumsatz, dass von einer Erholung des Landes wirklich nicht die Rede sein kann.

Abbildung 6

Die Arbeitslosigkeit in der EWU liegt im internationalen Vergleich immer weiter im Abseits (Abbildung 7). Japan und die USA haben nahezu historische Tiefstände erreicht, während die EWU nur unendlich langsam von der Stelle kommt und angesichts der konjunkturellen Abschwächung bald vielleicht überhaupt nicht mehr.

Abbildung 7

Frankreich und Italien stagnieren zehn Jahre nach Beginn der großen globalen Krise bei 9 bzw. 11 Prozent (Abbildung 8). Das ist beschämend für die gesamte Europäische Union.

Abbildung 8

In Südeuropa liegt Griechenland nach Ende der Anpassungsprogramme noch immer bei fast 20 Prozent, auch das ein Ausweis großen Versagens der europäischen Politik (Abbildung 9). Spanien, das seit Jahren hohe Wachstumsraten berechnet, ist noch nicht unter 15 Prozent gekommen.

Abbildung 9

Die Preisentwicklung in der EWU ist erneut durch einen Anstieg der Preise von Öl und einigen Nahrungsmitteln verzerrt (Abbildung 10 und 11). Dadurch hat der Anstieg der Verbraucherpreise die Marke von 2 Prozent erreicht.

Abbildung 10

In den meisten Ländern, insbesondere in den großen, sind die Erzeugerpreise auf über 3 Prozent gestiegen. Die Kerninflationsrate, also die Rate ohne Energie und saisonabhängige Nahrungsmittel gerechnet, liegt weiterhin bei nur 1,2 Prozent und damit klar unter dem Ziel der EZB.

Abbildung 11

Wirtschaftspolitik

Es läuft derzeit in Europa, wie es fast immer läuft in solchen Phasen der Konjunktur, in denen die Anzeichen für eine kommende Schwäche klar zu erkennen sind: Die Politik schaut nicht so genau hin, nimmt jede Ablenkung wie die Verkündigung von positiven BIP-Zahlen dankend zur Kenntnis und bemüht sich ansonsten, den Eindruck zu erwecken, dass es sich bei der Abschwächung nur um eine kleine Delle handelt, die bald wieder ausgebügelt sein wird. Darüber wird viel Zeit verloren und wenn die Krise wirklich um sich greift, ist es zu spät, um einen schweren Einbruch zu verhindern.

Wohlgemerkt, es kann derzeit niemand sagen, wie es genau weitergeht. Es kann tatsächlich eine richtige Rezession ausbrechen oder global kann es wieder aufwärtsgehen, so dass sich die Dellentheorie als richtig erweist. Ganz unabhängig davon ist aber unabweisbar, dass die europäische Wirtschaft so schwach ist, dass sie bei jedem weltweiten Gegenwind sofort umfällt. Das und nicht so sehr die jetzigen Schwächezeichen müssen Anlass sein, die Wirtschaftspolitik radikal umzusteuern.

Dabei geht es bei Nullzinsen in erster Linie um expansive Finanzpolitik, die öffentliche Investitionen auf den Weg bringt und auf diese Weise Einkommen und Beschäftigung schafft. Doch auch das wird nichts reichen, die Lage zu normalisieren, wenn nicht der sinnlose und schädliche Versuch aufgegeben wird, die Wettbewerbsfähigkeit der heute zurückhängenden Volkswirtschaften durch Lohnsenkung bzw. permanenten Lohndruck  zu verbessern. Wenn die Masseneinkommen nicht steigen, kann eine große geschlossene Volkswirtschaft wie die europäische niemals florieren und die notwendige Stabilität gegenüber weltwirtschaftlichen Schocks aufweisen.

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