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Aufgelesen | 20.08.2018

John Grisham entlarvt das US-Jobwunder

Statistisch geht es dem US-Arbeitsmarkt blendend. Doch wer, wie John Grisham in seinem neuen Roman, genauer hinschaut, entdeckt eine andere Realität.

4,1 Prozent Wirtschaftswachstum, monatlich 210.000 neue Jobs, Arbeitslosenquote mit 3,9 Prozent auf dem tiefsten Stand seit 2000, 2,7 Prozent mehr Lohn binnen Jahresfrist. Das sind die neuesten Meldungen aus den USA.

Dass die Inflation im selben Zeitraum um 2,9 Prozent gestiegen, die Reallöhne somit leicht gesunken sind, war weder im offiziellen Pressekommuniqué des Bureau of Labor Statistics noch in den Presseberichten zu lesen. Es hätte schlecht gepasst zu Überschriften wie „US-Arbeitsmarkt ist gut in Schwung“.

Wie mies es um diesen Markt steht, hat indessen der Krimiautor John Grisham in seinem wie immer gut recherchierten Roman „The Rooster Bar“ aufgezeigt. Der gelernte Rechtsanwalt illustriert das am Beispiel der Juristen, die zu den bestbezahlten Berufsleuten in den USA gehören. Absolventen der Spitzenuniversitäten können mit Anfangssalären von 175.000 Dollar rechnen. Entsprechend groß ist der Andrang auf die Hochschulen, die den Weg zum Anwaltspatent ebnen.

Marc Frazier, die Hauptfigur des Romans, zahlt an seiner nicht einmal mittelprächtigen Privatuniversität namens FBLS 45.000 Dollar Studiengebühr pro Jahr.

Und entsprechend viel können die auch verlangen. Marc Frazier, die Hauptfigur des Romans, zahlt an seiner nicht einmal mittelprächtigen Privatuniversität namens FBLS 45.000 Dollar Studiengebühr pro Jahr. Zu diesem Zweck hat er bei einer Bank ein staatlich garantiertes Studentendarlehen aufgenommen. Seine laufenden Ausgaben (unter anderem 800 Dollar monatlich für 45 Quadratmeter in einer Bruchbude) deckt er mit einer zusätzlichen Kredittranche von 10.000 Dollar. Zudem jobbt er für ein Trinkgeld in einer Anwaltskanzlei, die ihm vage einen Job in Aussicht gestellt hat.

Zusammen mit den 60.000 Darlehen für das College hat Marc im letzten Semester Schulden von 266.000 Dollar angehäuft. Als „Gegenleistung“ hat er als FBLS-Absolvent eine statistische Chance von 56 Prozent, die Anwaltsprüfung zu bestehen. In diesem Fall kann er mit einem Job rechen, der ihm rund 50.000 Dollar jährlich einbringt. Davon würden ihm aber – falls er die Rückzahlung des Kredits auf 20 Jahre strecken kann – jährlich nur 27.000 Dollar bleiben. Er müsste also in 20 Jahren 460.000 Dollar abstottern. Kein guter Start ins Berufsleben.

Auf der anderen Seite sieht die Rechnung besser aus. Die FBLS ist eine von acht Juristen-Schmieden, die ein Wallstreet-Milliardär – Grisham nennt ihn Rackly – aufgekauft oder gegründet hat. Alle mit etwa 1000 Studenten zu 45.000 Dollar Studiengebühr. Macht 45 Millionen Dollar pro Schule. Die jährlichen Ausgaben pro Schule belaufen sich auf maximal 25 Millionen Dollar. Macht 20 Millionen netto mal 8 gleich 160 Millionen – jährlich.

Zum Rackly’s trickreich verschachtelten Imperium gehören auch vier Anwaltskanzleien mit insgesamt 1100 Anwälten, die er überwiegend an den eigenen oder ähnlichen billigen Juristenschmieden rekrutiert. Die Arbeitsstunde eines Anwalts kann man in den USA für 255 bis 520 Dollar verkaufen (hier). Der Einstandspreis liegt bei etwa 50 oder maximal 100 Dollar. (50.000 bis 100.000 Jahressalär plus Spesen, geteilt durch rund 2000 anrechenbare (billable) Stunden. 1950 billable hours gelten in den USA als gemütlich (lifestyle friendly), 2300 Stunden werden normalerweise erwartet. Pro Angestellten und Jahr dürften Rackly und die anderen Geldgeber und Partner somit rund 200.000 Dollar (100 Dollar mal 2000 Stunden) netto verdienen. Pro 1000 angestellten Anwälten ist das eine Beute von rund 200 Millionen Dollar, die sich Rackly natürlich mit einigen Mitessern – Senior Partner, Finanzintermediäre etc. teilen muss.  Zu den kleineren Profiteuren gehören regelmäßig auch ein paar Abgänger seiner Schulen, die Rackly zu (nur anfänglich) stark überrissenen Salären einstellt. Die Botschaft ist klar: „Seht her Leute, wie viel Absolventen meiner Law Schools verdienen können. Eure Studiengebühren sind gut investiertes Geld. “

Ferner hält Rackly Mehrheitsbeteiligungen an einer auf Studentendarlehen spezialisierten Bank und an einer Firma, die solche Schulden eintreibt. Oft mit Methoden jenseits der Legalität.

Wer anständig bezahlte Jobs auch nur in Aussicht stellen kann, hat damit die Arbeitssuchenden voll in der Hand. 

Grishams Buch beruht auf einer Recherche des renommierten  Magazins „The Atlantic“. Sie illustriert die erschreckenden Ungleichgewichte auf dem US-Arbeitsmarkt und liest sich wie ein Lehrbuch der Abzocke. Wer anständig bezahlte Jobs auch nur in Aussicht stellen kann, hat damit die Arbeitssuchenden voll in der Hand.  Bevor man einen Stellenbewerber einstellt, kann man ihm schon einmal 60.000 Dollar in bar für überrissene Studiengebühren abknöpfen. Zudem kann man ihn ein paar Hundert Stunden lang fast gratis arbeiten lassen.

Hat der Bewerber aber erst einmal sein/ihr Eintrittsticket in den Arbeitsmarkt bezahlt, geht es erst richtig los. Denn jetzt kann der Arbeitgeber den Löwenanteil an der Wertschöpfung für sich beanspruchen. Im vorliegenden Fall sieht das konkret in etwa so aus: Der Kunde bezahlt 350 Dollar pro Stunde. Davon gehen 80 Dollar an den Anwalt, 7o Dollar werden für Hilfskräfte, Büromiete etc. verwendet, 200 Dollar gehen an die Geldgeber und Senior Partner.

Dass die Arbeitgeber einen so hohen Anteil abschöpfen können, hängt auch damit zusammen, dass Anwaltskosten meist dann anfallen, wenn Geld zweitrangig ist. Etwa wenn man eine Gefängnisstrafe vermeiden will, wenn man sich etwas „nicht gefallen lassen“, oder wenn man seinen Job nicht verlieren will. Da zahlen auch Leute, die eigentlich kein Geld haben, schnell mal einen Kostenvorschuss (retainer) von 10.000 Dollar, auch wenn sie sich das Geld bei den Angehörigen beschaffen müssen. Grisham bringt dafür viele intuitiv einleuchtende Beispiele. Das meiste Geld verdienen die Juristen aber natürlich mit den reichen Leuten, die ihre Vermögen verteidigen und mehren müssen.

Doch zurück zu den hohen Profiten, die potente Investoren bei der „Produktion“ von Rechtsanwälten erzielen können. Sie haben zweifellos dazu beigetragen, dass die USA die mit Abstand höchste Juristendichte der Welt aufweisen. Aktuell arbeiten dort 1,34 Millionen voll ausgebildete Juristen und pro Jahr kommen etwa 40.000 neu auf den Markt. Daneben gibt es rund 300.000 Paralegals (juristische Hilfskräfte).  All diese Leue können nur überleben, wenn sie nicht nur Streit schlichten, sonder auch Unfrieden stiften.

Doch zurück zur Ausbildung der Juristen. Diese ist vor allem deshalb ein gutes Geschäft, weil der Staat – genauer das Department of Education – die Kosten mit seinem großzügigen Student-Loan-Programm vorschießt. Das wiederum ist vor allem die Folge einer wirksamen und finanziell gut dotierten Lobby-Arbeit. Aktuell stehen 1500 Milliarden Dollar Studentenkredite aus. Bei einer Ausfallquote von 10,7 Prozent bedeutet das jährliche Kosten (für den Staat) von rund 160 Milliarden Dollar. Weitere 1,1 Prozent oder rund 16 Milliarden Dollar kassieren die privaten Loan-Counsellors.

Wäre Marcs Studium, wie in anderen Ländern üblich, mit Steuern beziehungsweise staatlichen Stipendien finanziert worden, hätten sich die Kosten auf fast zwei Drittel reduziert.

Insgesamt ist das ein sehr teures System. Bleiben wir beim Beispiel von Marc Frazier. Wenn alles nach Plan läuft (was es im Roman natürlich nicht tut) zahlt er in 20 Jahren insgesamt 460.000 D0llar zurück. Davon entfallen etwa 40 Prozent allein auf die Zinslast und auf die Abwicklung des Kredits. Wäre Marcs Studium, wie in anderen Ländern üblich, mit Steuern beziehungsweise staatlichen Stipendien finanziert worden, hätten sich die Kosten auf rund oder fast zwei Drittel auf 165.000 Dollar reduziert. 60.000 Dollar für das College, drei Studienjahre zu 25.000 Dollar (ohne den Gewinnanteil von Rackly) und drei Mal 10.ooo Dollar für Kost und Logis.

Nicht berücksichtigt haben wir das, was in Grishams Buch ebenfalls ausführlich thematisiert wird – nämlich, dass viele Studenten dem Druck ihrer Schuldenlast nicht standhalten und zu Zuflucht bei Alkohol und Drogen suchen.

Die Ökonomen könnten sich von Grisham inspirieren lassen.

Die Ökonomen könnten sich von Grisham inspirieren lassen. Sein Roman ist zwar nicht Wissenschaft, aber er eignet sich, um plausible Thesen aufzustellen und auf ihre volkswirtschaftliche Relevanz zu überprüfen. Etwa zur Frage, was geschieht, wenn ein schlecht regulierter Arbeitsmarkt mit einem privat finanzierten Bildungswesen „Synergien“ freisetzt.

Doch das wird nicht passieren: Feldbeoachtung ist an den Kaderschmieden für Ökonomen kein Pflichtfach. Stattdessen befasst man sich lieber mit abstrakten Größen wie etwa der Arbeitslosenquote und ihrer Beziehung zur Inflationsrate. Irgendwann hat sich dabei die Überzeugung verfestigt, dass es eine Arbeitslosenquote geben muss, die man nicht unterschreiten darf, ohne dass die Inflation ansteigt. Diese NAIRU (für non acceleration Inflation Rate of Unemployment) hat wenigstens bei den Arbeitsmarktökonomen jahrzehntlang für gut bezahlte Beschäftigung gesorgt.

Aktuell befasst sich die Ökonomengilde mit einer noch abstruseren Fragestellung: Wie hoch darf ein Mindestlohn höchstens sein, ohne dass er Jobs vernichtet? So als ob es Aufgabe der Wirtschaft sei, für Arbeit zu sorgen. Auch für solche, von deren Lohn niemand leben kann.

Weniger beliebt – weil nicht ins Schema passend – ist die Frage, warum die Löhne in den USA auch in Zeiten des Aufschwungs weiter stagnieren oder – im unteren Viertel – sogar sinken. Seit Jahrzehnten hört man dann immer wieder, Lohnsteigerungen auf breiter Basis stünden unmittelbar bevor. Vielleicht sollten diese Ökonomen ihre Lehrbücher und schlauen Papers wegwerfen und statt dessen die Krimis von Grisham aufmerksam lesen.

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