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The big read | 14.08.2018 (editiert am 27.08.2018)

Leistungsbilanzsalden – Die große Konfusion – 1

Über nichts wird mehr gestritten als über die Salden beim Handel. Was sagen die gängigen Erklärungen und warum muss man das Ganze viel grundsätzlicher angehen als es üblicherweise geschieht? Wir erklären die Sache in einer dreiteiligen Serie.

Mein Kollege Paul Steinhardt hat in den vergangenen Tagen schon einiges zu den Schwierigkeiten gesagt, die regelmäßig bei der Erklärung und Deutung von Leistungsbilanzüberschüssen auftreten. Nach einer Aufforderung des IWF, Deutschland solle etwas gegen seine Überschüsse tun, gab es wieder einen Aufschrei in Deutschland (hier z. B.) und aus allen möglichen Richtungen wurde erneut versucht, die deutschen Überschüsse zu verteidigen.

Die WELT meint, trotz der ganzen Diskussion werde sich an der deutschen Dominanz nichts ändern. Die Zeitung hat damit unbewusst genau das angesprochen, worum es geht: Es geht um Dominanz und um die schlichte Frage, ob es die geben darf in einer Welt, in der die Nationen versuchen, zum gegenseitigen Vorteil miteinander zu kooperieren.

Ich will in dieser Artikelserie noch einmal ganz grundsätzlich – und auch ein wenig theoretisch – erklären, worin genau das Problem von Handelsungleichgewichten liegt und versuchen zu erklären, warum es so viele unhaltbare Vorstellungen bei dieser Problematik gibt.

Worum geht es eigentlich?

Ein gewaltiges Problem haben die meisten schon mit der klaren Benennung des Sachverhalts. Im Mittelpunkt meiner Betrachtungsweise zum deutschen und dem globalen außenwirtschaftlichen Ungleichgewicht stehen gar nicht die Leistungs- oder Handelsbilanzsalden, sondern ganz andere Indikatoren, an denen man viel besser ablesen kann, was schiefgelaufen ist. Dabei geht es in erster Linie um reale Wechselkurse, also die Veränderung der Wettbewerbsfähigkeit ganzer Volkswirtschaften (im Unterschied zur Veränderung der Wettbewerbsfähigkeit von einzelnen Unternehmen, die uns hier nicht interessiert), und es geht um die Veränderung von Marktanteilen, die man für ganze Volkswirtschaften beobachten kann. Dahinter stehend geht es immer um Einkommens- und Arbeitsplatzverluste und die entsprechenden Gewinne, die im Zuge des Entstehens von Handelsungleichgewichten zu konstatieren sind. Länder, die in eine Defizitposition gedrängt werden, können im internationalen Handel per Saldo zu Verlierern werden, was die gesamte Idee der internationalen Arbeitsteilung auf den Kopf stellt.

Reale Ab- und Aufwertungen und massive Marktanteilsverschiebungen, die natürlich eng aneinandergekoppelt sind, sollte es für gleichartige Volkswirtschaften eigentlich nicht geben. Größere Verschiebungen der Marktanteile gibt es eigentlich nur dann, wenn Entwicklungsländer neu auf den Weltmarkt streben und sich durch niedrige Löhne in Kombination mit ausgereifter (importierter) Technologie einen Platz auf dem Weltmarkt erobern. China ist hier in den vergangenen Jahrzehnten der klassische Fall. Zwischen etwa gleich entwickelten Industrieländern sollten beide Phänomene allerhöchstens in Ausnahmefällen auftreten. Schließlich ist es offensichtlich, dass es keine Rechtfertigung dafür gibt, dass ein Land einem anderen im Zuge solcher Prozesse Einkommen und Arbeitsplätze abnimmt.

Die Leistungsbilanz ist ein wesentlich schwächerer Indikator als die beiden oben genannten, weil sich in der Leistungsbilanz noch ganz andere Einflussfaktoren niederschlagen. Schon deswegen ist die Konzentration der öffentlichen und wissenschaftlichen Diskussion auf diese Zahl ein Ausweis dafür, dass das eigentliche Problem nicht verstanden wird.

Zumindest die wissenschaftliche Diskussion müsste sich auf die Frage konzentrieren, unter welchen Umständen es im System des internationalen Handels erlaubt sein soll, dass ein Industrieland durch eine (staatlich beeinflusste) reale Abwertung seine Marktanteile auf Kosten anderer Industrieländer ausweitet, beziehungsweise die Verluste in Grenzen hält (letzteres, wenn gleichzeitig Entwicklungsländer wie China auf den Markt drängen). Doch es gibt keine ernsthafte wissenschaftliche Diskussion solcher Fragen mehr, seit sich die meisten Ökonomen entschlossen haben, alle wirtschaftlichen Probleme auf der Basis diverser Varianten von Gleichgewichtsmodellen zu analysieren.

Die Saldenfrage

Es gibt verschiedene Arten der „Erklärung“ von Leistungsbilanzsalden, die man vielleicht folgendermaßen voneinander abgrenzen kann:

  1. Die Sparer. Mit Abstand die meisten modernen Ökonomen glauben, dass Leistungsbilanzsalden weitgehend unproblematisch sind, weil sie nur Ausdruck einer unterschiedlichen Sparneigung in unterschiedlichen Ländern sind. So könne zum Beispiel eine stärkere Alterung der Bevölkerung in einem Land dazu führen, dass dieses Land mehr Kapital exportiere, was als gleichbedeutend mit einem Leistungsbilanzüberschuss angesehen wird.
  2. Die Tauschwirtschaftler. Wohlfahrtstheoretisch inspirierte Ökonomen wie Albrecht Müller und Thomas Straubhaar glauben, man könne sich die Salden im Handel als freiwilligen Tausch von weniger Gütern auf der einen Seite gegen mehr Güter (plus Kredit-Papiere) vorstellen. Das sei doch gut für den, der viele Güter erhalte, also für das Defizitland. Auch dahinter steht offenbar die Idee, in einem Land wollten die Bürger einfach nicht alles kaufen, was sie selbst produzieren, während in dem anderen Land die Bürger mehr konsumieren wollen, als sie selbst produzieren. Die einen wollen partout unter, die anderen über ihren Verhältnissen leben und diese Möglichkeit bietet ihnen der Tausch.
  3. Die Verschenker. Wieder andere meinen, die Überschüsse von Ländern wie Deutschland seien letztlich sogar schädlich für das Überschussland, weil sie lediglich verschenktes Sparen darstellen. Weil jedem Euro, den Deutschland verdient, sozusagen ein Euro gegenübersteht, der im Feuer steht, könne das Gesamtergebnis nicht positiv für Deutschland sein.
  4. Die Kompensierer. Kein Problem mit Leistungsbilanzsalden haben auch viele Anhänger der Modern Monetary Theory (MMT), weil sie jederzeit eine unproblematische Kompensation der negativen Wirkung von Leistungsbilanzdefiziten durch den Staat unterstellen. Auch Albrecht Müller reiht sich hier ein.

Die Sparer

Die größte Konfusion herrscht in dieser Frage bei den „größten Ökonomen“, wie Paul Steinhardt und ich in unserem Buch gezeigt haben. Zuletzt hat sich der aktuelle Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds und Autor eines „Standardwerkes“ über internationale Wirtschaftsbeziehungen, Maurice Obstfeld, als „Sparer“ geoutet. In der WELT erklärte er in der vergangenen Woche, ein großer Exportsaldo sei kein Ausweis von Stärke, sondern die Folge schwacher Investitionen und einer Sparquote, die über das hinausgeht, „was notwendig ist“.

Damit meint er offensichtlich, es gebe auf der Welt eine vorbestimmte Menge an Investitionen, die zu finanzieren nun einmal die Aufgabe der Ersparnis ist. Wird in einem Land mehr als das gespart, sucht sich diese Ersparnis ihre Investitionen im Ausland. Diese Art der Konfusion ist bei neoklassischen Ökonomen regelmäßig einer unkritischen Anwendung von volkswirtschaftlichen Identitäten geschuldet. Weil sie davon ausgehen, dass jedes Sparen in einer geschlossenen Volkswirtschaft immer und zuverlässig getreu der Formel S=I in ein gleich hohes Investieren übersetzt wird, ist es in ihre Vorstellungswelt nur konsequent, anzunehmen, dass in einer offenen Volkswirtschaft „überschüssiges Sparen“ ohne weiteres in Investitionen verwandelt wird, diesmal aber im Ausland.

Die Sparer haben zunächst ein unüberwindbares logisches Problem zu lösen, das der Mainstream schlicht ignoriert. Wie so oft bei ökonomischen Fragen, kann es sich der Mainstream aufgrund seiner hegemonialen Stellung an Universitäten und in der Politikberatung leisten, selbst auf eklatante Widersprüche nicht zu reagieren. Das zeigt besser als alles andere, dass die neoklassische Ökonomik eben keine Wissenschaft ist und sich nicht einmal bemüht, eine zu sein. Die Sparer verstoßen nämlich gegen ein „Unmöglichkeitstheorem“: Was wäre, wenn alle Länder der Welt wie Deutschland versuchten, mehr zu sparen, als es für sie selbst notwendig ist? Offensichtlich können sie das nicht, weil die Welt insgesamt nun mal keinen Leistungsbilanzsaldo kennt. Folglich kann man mit dem Sparen eines Landes auch nicht seinen Leistungsbilanzüberschuss erklären, denn dann müsste man gleichzeitig ein anderes gleich großes und gleich weit entwickeltes Land finden, in dem genau die gegenteilige Haltung anzutreffen ist, so dass die beiden sich zu einer „Welt“ mit ausgeglichenem Saldo vereinen können. Das ist offensichtlich absurd.

Man kann, wie Paul Steinhardt und ich in unserem Buch gezeigt haben, ein Phänomen, das eindeutig global eine Nullsumme ergibt, niemals mit Positivsummenphänomenen erklären. Deswegen ist der Versuch der Neoklassik, Spar- und Investitionsentscheidungen auf globaler Ebene mit einem repräsentativen Haushalt zu erklären, von vorneherein zum Scheitern verurteilt.

Widersprüche des Sparmodells

Darüber hinaus hat die Spartheorie das Problem, zu erklären, warum andere Länder, die partout, aus welchen Gründen auch immer, mehr ausgeben wollen als sie einnehmen, gerade Konsumgüter aus Deutschland beziehen. Selbst wenn es z. B. so wäre, dass den Spaniern mit dem Beginn der EWU billiges deutsches Sparkapital zugeflossen wäre, dann würde das immer noch nicht erklären, warum sie mit diesem Sparkapital vor allem deutsche und nicht französische Güter gekauft haben. Oder war an die Euros, die nach dieser Theorie aus Deutschland geflossen kamen, ein Zettel angeheftet, auf dem stand, dass man diese Euros nur für den Kauf deutscher Güter verwenden dürfe?

Die Bewegung des deutschen Außenhandelssaldos von einer leichten Überschussposition Ende der neunziger Jahre zu einer massiven Überschussposition in den letzten 15 Jahren kann man nicht mit den Bewegungen der Salden gegeneinander erklären, wie das viele Neoklassiker und vorneweg Hans-Werner Sinn tun. Zu sagen, die deutschen Ersparnisse seien ins Ausland geflossen, weil man im Vergleich der Salden sieht, dass der Kapitalexport in dieser Zeit zugenommen hat, ist keine Erklärung im eigentlichen Sinne, es ist lediglich die Verbalisierung der Identität, die sich aus der reinen Saldenbetrachtung ergibt, also lediglich eine Beschreibung der Vorgänge, jedoch keine Begründung.

Um den Vorgang wirklich zu verstehen, muss man sich anschauen, wie und wo sich Veränderungen ergeben haben, die nicht per Definition bereits in den Salden enthalten sind, aber Einfluss auf sie genommen haben (könnten). Haben sich zum Beispiel Preis- oder Zinsverhältnisse fundamental verändert, so dass Konsum- und Investitionsentscheidungen der privaten Haushalte und der Unternehmen davon berührt waren? Wer also das Anschwellen des deutschen Kapitalexports wirklich erklären will, muss nach Faktoren suchen, die das verursacht haben können, und den Wirkungszusammenhang erläutern.

Ein solcher Faktor ist die Veränderung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Die Lohnmoderation in Deutschland (politisch gewollt und auch angestoßen) hat zu einer realen Abwertung geführt und das könnte dazu geführt haben, dass die Wirtschaftssubjekte in den anderen Ländern der EWU vermehrt deutsche Produkte gekauft haben,  weil deren Preise relativ günstiger geworden sind. Und in Deutschland wurden weniger Produkte der anderen gekauft, weil diese relativ teurer geworden sind.

Bleibt nur noch die Frage, wie das finanziert wurde, wie also die Kapitalströme zu den Güterströmen passend „gemacht“ wurden. In einer Währungsunion ist das aber keine Schwierigkeit, weil alle grenzüberschreitenden Transaktionen genauso leicht finanziert werden können wie rein nationale Transaktionen. Wenn ein französischer Bürger ein deutsches Auto kaufen will, geht er zu seiner Bank, nimmt einen Eurokredit auf und kauft das Auto bei einem Händler der deutschen Marke in Frankreich. Der bezahlt den Wagen der deutschen Firma mit den Euros, die er von seinem Kunden bekommen hat.

Versucht man, den Fall im neoklassischen Sinne umzudrehen, passt die realwirtschaftliche Seite einfach nicht. Denn selbst wenn die Kapitalströme der Ausgangspunkt gewesen sein sollten und die Güterströme ihnen gefolgt wären, wie hätte das gehen sollen? Der französische Bürger kauft ja nicht deswegen mehr deutsche Autos, weil seine Bank ihm anbietet, sie mit deutschen Ersparnissen zu finanzieren. Und der deutsche Bürger verzichtet – ohne Relativpreisänderung – schon gar nicht auf den Kauf von französischem Rotwein zugunsten deutschen Weins. Die Güterströme mit den Kapitalströmen erklären zu wollen, funktioniert einfach nicht.

Es gibt gar kein Kapital, das fließen könnte

Noch fundamentaler ist ein dritter Punkt, der gegen die Spartheorie spricht. Auch das wird in dem Buch „Gescheiterte Globalisierung“ (S. 119 ff.) ausführlich erklärt, weswegen ich mich an dieser Stelle kurz fassen kann. In einer Geldwirtschaft bedeutet die Entscheidung des einen, seine ihm von den übrigen Wirtschaftssubjekten zugeflossenen Einnahmen nicht vollständig wieder auszugeben (das ist das, was wir üblicherweise als Sparen bezeichnen), dass ein anderer unmittelbar einen Verlust erleidet, weil weniger Einnahmen zu ihm zurückfließen. Wenn die Unternehmen und der Staat eine bestimmte Summe an Einkommen ausbezahlen, erleiden sie einen Verlust (in Form geringerer Gewinne z. B.), falls die ausbezahlte Summe nicht wieder vollständig an sie zurückfließt.

Bezeichnet man den Teil des Einkommens, der gespart wird, als Kapital, dann steht der Entscheidung des einen (des Sparers), „Kapital“ zu schaffen, immer zugleich und unmittelbar die Vernichtung von „Kapital“ bei demjenigen gegenüber, der weniger Einnahmen verzeichnet. Im Fall der Unternehmen wird durch die Reduzierung der Gewinne potentielles Kapital vernichtet. Beim Staat werden z. B. weniger Investitionen getätigt, wenn die Einnahmen sinken. Würden die Unternehmen trotz geringerer Gewinne ihre Investitionsausgaben aufrechterhalten, müssten sie einen Kredit in Höhe der ausgefallenen Nachfrage aufnehmen. Bei einem gegebenen Ausgabenniveau entsprächen sich dann die gestiegene Ersparnis und die gestiegenen Schulden. Dass die Unternehmen das tun, ist aber unwahrscheinlich, viel wahrscheinlicher ist, dass sie wegen der gesunkenen Nachfrage nach ihren Produkten weniger investieren und das Einkommen der Volkswirtschaft sinkt.

Das gilt für die internationalen Beziehungen in gleicher Weise. Fließen einem Land (den Unternehmen und dem Staat) geringere Einkommen zu, weil die Wirtschaftssubjekte eines anderes Land weniger Güter dieses Landes nachfragen oder weil seine eigenen Bürger mehr Güter des anderen Landes kaufen, entsteht ein Nachfrageausfall, der wiederum unmittelbar „Kapital“ (Einkommen in Form von Gewinnen) in dem Land vernichtet, das ein Defizit im Handelsaustauch verzeichnet. Folglich kann nicht die Rede davon sein, dass Ersparnisse oder Kapital über die Ländergrenzen fließen, die dem Defizitland zugute kommen. Das Defizitland hat Einkommen verloren (was die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung auch völlig korrekt als Wachstumsverlust verbucht) und das Überschussland ist reicher geworden.

Will das Defizitland das Niveau seines Einkommens trotz gesunkener Nachfrage nach den eigenen Produkten aufrechterhalten, muss mindestens ein Akteur im Inland einen Kredit (im Inland oder im Ausland) aufnehmen, also das berühmte Geld ausgeben, das er nicht hat (vgl. dazu diesen Beitrag). Kredite, die aufgenommen werden, um steigende Importe bei unveränderten (oder sinkenden) Exporten zu finanzieren, werden als Gegenpart zu der Differenz bei den Warentransaktionen gebucht wird und erwecken den (falschen) Eindruck, es fließe Kapital vom Überschussland zum Defizitland. Auch in unserem obigen Beispiel mit den Unternehmen, die ihre Investitionen trotz sinkender Erlöse aufrechterhalten, ist kein Kapital von den Sparern zu den Unternehmen geflossen, sondern die Unternehmen haben gegen die wirtschaftliche Vernunft (bei gesunkener Nachfrage) Kredite aufgenommen.

Die Tauschwirtschaftler und die Salden

Nahe bei der Spartheorie liegt die von der Wohlfahrtstheorie inspirierte Tauschtheorie, weil auch sie unterstellt, man könne die einzelwirtschaftlichen Verhältnisse auf Länder übertragen und Freiwilligkeit sei sozusagen die Voraussetzung für das Entstehen von Salden. Auch dafür spricht nichts. Albrecht Müller meint, man müsse auch einmal in „real terms“ denken und da könne man sich die Salden als Tausch vorstellen, bei dem der eine bereit ist, temporär weniger Güter im Austausch zu akzeptieren, aber dafür Schuldscheine des anderen als Ausgleich akzeptiert. Der eine lebe eben unter, der andere über seinen Verhältnissen, was ja für Letzteren durchaus angenehm sein könne, denn er habe ja mehr Güter zur Verfügung. Auch Thomas Straubhaar hält das offenbar für ein plausibles Argument, wenn er schreibt:

Anstatt das Leben momentan selber mehr zu genießen, tauschen die Deutschen ihre Waren auf den Weltmärkten gegen Schuldscheine, mit denen in einer mehr oder weniger fernen Zukunft dann Güter und Dienstleistungen aus dem Ausland eingekauft und bezahlt werden können. So, wie das auch Private tun, wenn sie in der Gegenwart sparen, um mit den Ersparnissen eines späteren Tages Eigenheim, Auto oder Ferienreise finanzieren zu können.

Diese Sichtweise ist grundlegend falsch, weil sie den Prozess unterschlägt, in dem es zu den Salden kommt und so tut, als sei dieser Prozess vollkommen schmerzfrei. Für die Defizitländer gibt es beim Entstehen des Defizits immer einen Einkommens- und Arbeitsplatzverlust, wie es immer einen entsprechenden Gewinn im Überschussland gibt. Das zeigt die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung sonnenklar. Deswegen ist die Aussage, das Defizitland habe (zu einem bestimmten Zeitpunkt) mehr Güter zur Verfügung als es selbst produziere, zwar richtig, aber trivial und zugleich irreführend. Die relevante Frage ist, wie viele Güter das Land zur Verfügung haben könnte, wenn es nicht im Zuge des Entstehens des Defizits Einkommen, Produktion und Arbeitsplätze verloren hätte.

Das makroökonomische Unverständnis von Straubhaar wird in seinem letzten Satz besonders deutlich. Für ihn existiert die gesamtwirtschaftlich notwendige Gegenbuchung einfach nicht, was seine Analyse von vorneherein sinnlos macht. Wenn Private in der Gegenwart sparen, brauchen sie auch einen Gegenpart, der sich verschuldet und produktiv investiert, weil sie sonst ihr Einkommen nicht aufrechterhalten und folglich auch später die Früchte ihrer Ersparnisse nicht genießen können.

Man fragt sich auch, wer die Deutschen eigentlich gefragt hat, ob sie das so machen wollen und wer das Kommando gegeben hat, das die Deutschen in diese Richtung auf Trab gebracht hat. Hat Gerhard Schröder Anfang der 2000er Jahre den Deutschen gesagt, sie sollten jetzt gefälligst unter ihren Verhältnissen leben, anstatt das Leben zu genießen? Wer hat den Franzosen, Italienern, Spaniern und Griechen zur gleiche Zeit gesagt, sie könnten sich einen schönen Lenz machen und innerhalb der Währungsunion mal lustig über ihren Verhältnissen leben, auch wenn sie das in großem Maße Einkommen und Arbeitsplätze kostet?

Offen muss auch bleiben, wann denn die Zeit gekommen ist, dass die Deutschen anfangen, ihre Schuldscheine einzutauschen und den Gegenwert zu verbrauchen. Dann muss Deutschland ja in dieser Sichtweise das Entstehen von Leistungsbilanzdefiziten (also Verluste an Einkommen und Arbeitsplätzen) akzeptieren und die anderen müssen Leistungsbilanzüberschüsse machen. Wer gibt wann dazu das Kommando?

Thomas Straubhaar merkt anscheinend wenig später in seinem Text selbst, dass diese Sichtweise nicht besonders plausibel ist. Flugs behauptet er, Länder als solche gäbe es gar nicht und sie würden auch nicht wirtschaftlich handeln!

Erstens ist es nämlich schlicht falsch, dass „Deutschland“ als eigenständiger Akteur – einer „Deutschland AG“ gleich – Waren ans Ausland liefert und aus dem Ausland bezieht. Wer Deutschland wegen seines Leistungsbilanzüberschusses kritisiert, unterstellt entweder, dass Deutschland dem Modell einer zentral verwalteten Planwirtschaft à la DDR folge und die Bundesregierung die Höhe von Exporten, Importen, Ersparnissen oder Investitionen diktatorisch festlegen und auch direkt in die Lohnbildung eingreifen könne – als gäbe es keine Tarifautonomie.

Oder er hat nicht verstanden, dass es in einer Marktwirtschaft das Konstrukt „Deutschland“ als selbsthandelnde Einheit schlicht nicht gibt. „Volkswirtschaften“ sind keine „Unternehmen“. Es sind immer nur einzelne Firmen oder Menschen und nicht „Länder“ die produzieren und handeln, kaufen oder verkaufen, investieren oder sparen, wettbewerbsfähig sind, Erfolg oder Misserfolg haben.

Doch auch in dieser Sichtweise überholt er sich sofort wieder selbst, wenn er feststellt: dass Deutschland (als Land komischerweise, obwohl es ja gar keine Länder gibt!) unterbewertet sein könnte und es eine Aufwertung gegeben haben könnte, die den Leistungsbilanzüberschüssen eine Ende bereitet hätte.

Viertens sollten bei flexiblen Wechselkursen die Leistungsbilanzungleichgewichte eigentlich von alleine verschwinden. Länder mit Überschüssen müssten lediglich ihre Währungen aufwerten. Dann würden die heimischen Produkte auf den Weltmärkten teurer, was die Exporte schrumpfen und die Importe zunehmen ließe. Wenn Märkte reibungslos funktionieren, Löhne und Preise flexibel reagieren und Zinsen Risiko und Rentabilität entsprechen würden, käme es automatisch zu einem Ausgleich der Leistungsbilanz. Dass Deutschland da ein fundamentales Problem hat, findet sich, wenn auch eher im Kleingedruckten, auch bei der Analyse des IWF, die aus deutscher Sicht den Euro für „zehn bis zwanzig Prozent unterbewertet“ hält und die in einer verfeinerten Berechnung auf eine „Unterbewertung von 19 Prozent“ hinweist.

Was also wäre mit dem deutschen Leistungsbilanzüberschuss, wenn der Euro gegenüber dem US-Dollar aufwerten würde? Dann würde sich das Thema wohl weitgehend von alleine erledigen. Fairerweise ist allerdings zuzugeben, dass innerhalb des Euro-Raums – in dem die Möglichkeit flexibler Wechselkurse entfällt – eine Aufwertung für Deutschland in der Tat nur mit höheren Preisen und Löhnen zu haben ist.

Länder haben tatsächlich Währungen und diese Währungen haben tatsächlich einen nationalen Bezug! Und Straubhaar merkt sogar, dass es innerhalb des Euroraums keine Währung mehr gibt, woraus folgt, dass in Deutschland die Löhne steigen müssen (weil die Löhne und Preise ja flexibel sein sollen). Toll, was der Mann so alles weiß! Nur schade, dass er sein ganzes Wissen überhaupt nicht auf die Reihe bekommt.

Lesen Sie im zweiten Teil über die anderen Konfusionen und wie man das außenwirtschaftliche Problem jenseits der Leistungsbilanzsalden eigentlich angehen muss.

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