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Arbeit | 28.08.2018 (editiert am 30.08.2018)

Pflege für die Pflege

Mehr Geld und mehr Personal. Spahns Pläne im Pflegesektor sorgten für ein bisschen Aufbruchstimmung. Misere erkannt, Misere gebannt? Leider nein. Der Pflegeberuf braucht dringend eine zeitgemäße Neuausrichtung.

Gesundheitsminister Jens Spahn hat angekündigt, Geld in die Hand zu nehmen. Im puncto Pflege soll sich jetzt endgültig was zum Besseren bewegen. Nachdem die Bundesrepublik sich als Bildungsrepublik stilisierte, hat sie sich nun entschlossen, auch Pflegerepublik zu sein. Jedenfalls konnte man den Eindruck gewinnen, wenn man die Berichterstattung zum Thema verfolgte. Die funktionierte nach dem Prinzip: Das Geld wird schon alles regeln. Viel hilft ja bekanntlich viel.

Natürlich ist gegen eine bessere Bezahlung des Personals im Pflegesektor absolut nichts einzuwenden. Aber dieser Punkt ist nur einer, der berücksichtigt werden muss. Es sind viel mehr die Rahmenbedingungen der pflegerischen Berufe, die einen Personalmangel erzeugen. Denn diese wirken abschreckend auf junge Leute. In die Pflege zu gehen, heißt ziemlich sicher eines: Einen 24/7-Job zu haben, meist in Schichtmodellen konzipiert, die auch vor Wochenenden oder Feiertagen nicht Halt machen. Für Berufseinsteiger sind besonders das die Fallstricke, die sie dann letztlich doch vor einem Pflegeberuf Abstand nehmen lassen.

Allerdings ist das nur die erste, oberflächliche Kalkulation, die erste Auseinandersetzung mit dem Beruf. Der zeitliche Einsatz zeigt abschreckende Wirkung. Befasst man sich länger mit der Pflege, wie sie heute im medizinischen Betrieb der Bundesrepublik begriffen wird, drängen sich noch mehr Problemfelder auf. Pflegeberufe sind körperlich anstrengend, der Krankenstand ist hoch. Nur wenige Pflegerinnen und Pfleger arbeiten bis zum Renteneintritt in ihrem Beruf. Viele wechseln das Metier ganz oder suchen sich einen Posten im administrativen Bereich des medizinischen Komplexes.

Und das sind die Glückspilze. Denn häufig gehen Pflegerinnen und Pfleger in Frührente und beziehen Erwerbsminderungsrente – für einen sogenannten »Zukunftsberuf«, wie man die Pflege aufgrund des erhöhten Bedarfs dann und wann nennt, ist das eine wirklich paradoxe Entwicklung. Es kann nicht bezweifelt werden, dass der pflegerische Bedarf zunimmt. Wenn es aber nicht gelingt, die Arbeitsbedingungen massiv zu verbessern, dann wird auch eine höhere Bezahlung den Mangel an Pflegekräfen nicht abhelfen.

Ein zwischenmenschliches Verhältnis beidseitiger Entwürdigung

Die Finanzspritze soll ja nicht nur die Lohnsituation der Beschäftigten verbessern, sondern auch neue Kolleginnen und Kollegen generieren. Der Plan ist also, dass man mit Quantität die Belastungen des Pflegealltages aufwiegt. Die Qualität steht leider gar nicht zur Debatte. Schon heute fällt es schwer, ausreichend Nachwuchs in diesem Beruf zu rekrutieren. Hier kommen Pflegekräfte aus Niedriglohn- und Krisenländern ins Spiel. Kasachische Krankenschwestern, pflegende Thais oder spanische Pflegeschüler gehören daher zum Krankenhaus- und Pflegeheimalltag in Deutschland. Bei der Rekrutierung für diesen beschwerlichen Job wird geflissentlich ignoriert, dass die Grundmisere dieses Berufes auch weiterhin besteht: Er ist ein Verhältnis sich bedingender Entwürdigung. Wenn dann auch noch die Rahmensettings schlecht sind, fragt man sich als Mensch bei der Berufswahl natürlich, wieso man sich ausgerechnet das aufhalsen soll.

Denn zusätzlich kommt zu dieser beruflichen Entscheidung noch eine Grundüberlegung hinzu – man könnte sagen, das metaphysische Dilemma: Im Pflegeverhältnis stellt sich philosophisch betrachtet die Frage nach der menschlichen Würde beidseitig. Einmal hat man da den gepflegten Menschen, hilflos und nicht autonom, der jemanden als Erfüllungsgehilfen seiner täglichen Verrichtungen benötigt. Der also jemanden, um mit Kant zu sprechen, nicht als Zweck, sondern als Mittel verwenden muss. Und dann ist da freilich derjenige, der zu so einem Mittel degradiert wird, der dem Pflegebedürftigen »den Hintern abwischt«, wie der Volksmund dieses Urdilemma gerne bildhaft ausschmückt. Auch die Pflegekraft wird dann nicht als autonome Person betrachtet, sondern als Verlängerung des eigenen Antriebs.

Mit dieser Grundüberlegung hat es die Pflege an sich schon schwer genug. Die Berufswahl ist keine wie jede andere. In anderen Berufsfeldern bearbeitet man Metall oder Holz, verwaltet Geld oder verkauft eine Dienstleistung. Die Pflege hingegen ist ein zwischenmenschliches Arrangement in den Grauzonen des menschlichen Würdebegriffs. Wenn diesem Dilemma nun auch noch Hemmnisse in den Weg gelegt werden, die bei niedrigen Löhnen anfangen und bei schlechter Arbeitszeit aufhören, verstärkt das die ohnehin abschreckende Wirkung, die ein solcher Job am kranken Mitmenschen für viele potenzielle Schulabgänger, Umschüler oder Arbeitssuchende generell haben kann.

Laufbursche, Mädchen für alles und Prellbock

In der öffentlichen Wahrnehmung kommt die Pflegekraft allgemein noch als Krankenschwester vor, als eine medizinische Fachkraft, die wie ein »halber Arzt« umsichtig am Patienten agiert. Der Pflegeberuf hat sich jedoch im Laufe der Jahre gewandelt. Besonders Pflegerinnen und Pfleger aus Osteuropa sind daher oft überrascht, wie wenig man ihnen hier zutraut. In ihren Heimatländern geben sie auch ohne ärztliche Anweisung Spritzen und entscheiden in weniger akuten Fällen über die Medikation. In Deutschland halten sie den Pflegeberuf oftmals für einen Handlangerdienst, der die meiste Zeit des Arbeitstages mit der Dokumentationspflicht zu kämpfen hat. Sie wähnen sich als Laufbursche, Mädchen für alles und Prellbock, denen es an Reputation und Anerkennung im betrieblichen Alltag und in der gesellschaftlichen Bewertung mangelt.

Insbesondere die Regelungen zur Nachtarbeit dokumentiert die Ungerechtigkeit innerhalb des medizinischen Betriebes. Während sich in Krankenhäusern der diensthabende Arzt auch mal in die Kissen legen darf, wenn kein Patient seiner Fachrichtung vorstellig wird, obliegt es der nächtlichen Pflege, die Nacht als Tag zu verbringen.

Spätestens seitdem Jeffrey C. Hall, Michael Rosbash und Michael W. Young letztes Jahr den Medizinnobelpreis gewannen, wissen wir allerdings, dass die innere Uhr keine Einbildung ist, sondern wissenschaftlich nachvollziehbar. Ein Protein regelt den Tag-und-Nacht-Rhythmus. Sprich: Nachtarbeit ist widernatürlich. Warum also nicht ein bisschen lindern und die Pflege nicht auch als Bereitschaftsdienst mit optionaler Ruhezeit laufen lassen? So bekäme man wenigstens eine Mütze voll Schlaf, ohne über die Jahre völlig auszulaugen.

Stattdessen tut man fast alles, um den Beruf unattraktiv zu gestalten. Mit einer halbwegs ordentlichen Familienplanung ist er kaum in Einklang zu bringen. Viele Pflegekräfte arbeiten daher im Teilzeitmodell, um sich Freizeitnischen einrichten zu können. Das Überstundenaufkommen ist besonders bei Teilzeitkräften immens, ihre Freizeitnischen kann man nämlich auch gut als Ausfallpuffer heranziehen, wenn der Krankenstand hoch ist oder viele Kollegen im Urlaub weilen.

Berufsleitbild für die Zukunft

Geld in die Hand zu nehmen ist gut, gegen ordentliche Löhne spricht gar nichts – ganz im Gegenteil. Aber optimistisch so zu tun, als wäre mit besserer Bezahlung die Misere der Pflege gebannt, ist tatsächlich vermessen und naiv. Ebenso die Illusion, man könne sich mehr Kollegen quasi einkaufen.

Verfolgt man tatsächlich ernste Absichten, den Pflegeberuf attraktiver für potenzielle Bewerber zu machen, kommt man an einer Reform des gesamten Berufsmodells und seiner Rahmenbedingungen überhaupt nicht vorbei. Die jungen urbanen Leute, so liest man heute in soziologischen Berichten oft, seien weniger geld- und statusfixiert. Sie hätten kein Auto und suchten andere Ideale als Besitzstand. Wenn das nun stimmt, kann man mit höheren Löhnen alleine das Interesse nicht fördern. Mit Maßnahmen zur Steigerung der Lebens- und Arbeitsqualität kriegt man sie schon eher.

Man sollte sich daher dringend an die Ausgestaltung attraktiver Arbeitszeitmodelle machen. Eine moderate Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich könnte die Bereitschaft stärken, sich vielleicht doch für die Pflege zu entscheiden. Darüber hinaus wäre es nicht nur eine reine Werbetour, Pflegeberufe mit fünf zusätzlichen Urlaubstagen auszustatten, um Interesse bei Berufseinsteigern zu fördern – es hätte durchaus auch einen medizinischen Aspekt. Von Supervisionen in der Pflege hört man auch kaum etwas, sodass Erlebtes, Traumatisierendes oder Ärgerliches innerhalb der Belegschaft bestenfalls zwischen Tür und Angel verarbeitet werden kann. Dabei wäre so eine Maßnahme überlebenswichtig für den Berufsalltag in diesem Metier. Gleichwohl würde die Lockerung der Dokumentationspflicht enorm entlasten – oder jedenfalls eine moderne Anbindung daran (indem man digital, gewissermaßen per Sprachapplikation dokumentiert und es dann cloudbasiert speichert) wäre schon als ein guter Deal zu betrachten.

Hinzu käme, die Unterstützung durch Pflegeroboter zu forcieren. In Deutschland wird dieses Thema sehr skeptisch behandelt, solche Roboter würden nämlich die Menschenwürde des Gepflegten auf einen Prüfstand stellen. Mag dieses Hinterfragen auch legitim sein: Zeitgemäße Pflege hat ein Recht auf körperliche Entlastung, denn auch der krumme Rücken des Pflegers ist eine Frage der Menschenwürde. Kranvorrichtungen sind noch längst kein Standard in deutschen Krankenhäusern. Lieber besinnt man sich auf Manpower, obwohl es gerade ja an ihr mangelt.

Je mehr man solche und noch weitere Veränderungen scheut, desto rarer wird sich Nachwuchs in diesem Beruf einstellen.

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