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Finanzsystem | 08.08.2018 (editiert am 10.08.2018)

Seigniorage – Wer Geld schöpft, ist im Vorteil

Wer Geld schöpfen kann, hat zweifellos eine Befähigung, die mit spezifischen Vorteilen verbunden ist. Doch welche Vorteile sind das genau? Eine Replik auf Jörg Bibow.

Wenn hier von Geldschöpfung die Rede ist, ist damit die Bereitstellung von Liquidität gemeint, mit anderen Worten: Zahlungsfähigkeit. In unserem modernen Wirtschaftssystem mit Fiat-Geld – Geld auf Kreditbasis geschaffen und ohne Edelmetallhinterlegung – haben die Zentralbank und die Geschäftsbanken die Kraft, solche Liquidität bereitzustellen. Welche Vorteile können sie daraus ziehen?

Für Geschäftsbanken lässt sich das schnell beantworten. Das Kreditgeschäft bringt ihnen Zinsen für die dem Kreditkunden durch einen Buchungsakt bereitgestellte Liquidität, die die Gegenbuchung zu dessen Kreditschuld darstellt. Es ist also zusätzliche Liquidität, neues Geld „geschöpft“ worden und musste nicht etwa vorgängig durch irgendjemand angespart werden. Die Geschäftsbanken können so grundsätzlich unbegrenzt Liquidität schaffen, wenn sie bestimmte Bedingungen genügen, wie z.B. Mindestreserven vorzuhalten, eine ausreichend hohe Eigenkapitalquote und Liquiditätssicherung zu haben, sowie ein vorgeschriebenes Risikomanagement zu betreiben. Der den Banken zufließende Zins ist allerdings nicht komplett Ertrag, da einige Kosten gegengerechnet werden müssen. Vor allem sind dies notleidende Kredite, Kosten der eigenen Verwaltung und abhängig vom Leitzins Kosten der eigenen Liquiditätssicherung.

Geldgewinn durch Geldschöpfung

Aber auch die Zentralbank (und mit ihr deren Eigner, der Staat) erzielt aus der Geldschöpfung einen Geldgewinn. Bei dem von der Zentralbank in Umlauf gebrachten, nicht aber emittierten Münzgeld ist es sogar der Staat direkt, der einen Gewinn einstreicht. Das „Münzregal“ wird vom Staat als Vorrecht aus alten Zeiten genutzt, um die Differenz zwischen dem Nennwert und den Produktionskosten der Münzen als Einkommen für den Fiskus zu verbuchen. Der Staat verhält sich bei der Münzausgabe so, als ob er sich bei dieser Form der Geldemission nicht verschuldete. Man könnte diesen alten Zopf einfach abschneiden und das Münzgeld genauso wie das Papiergeld behandeln. Denn Papiergeldscheine sind Schuldscheine und werden von der ausgebenden Zentralbank auch so verbucht.

Systematisch korrekter, dem Münzregal aber diametral entgegengesetzt, wird das Papiergeld also nicht als Aktivum, das heißt als Vermögen des Staates oder der Zentralbank in Umlauf gebracht, sondern als Verbindlichkeit der Zentralbank. Geschäftsbanken können es sich bei der Zentralbank besorgen, wenn sie ihr unbares Zentralbankgeld in Papiergeld eintauschen, um den Bargeldbedarf ihrer eigenen Kundschaft befriedigen zu können, das heißt ihre Geldautomaten zu füllen. Dieses „Abheben“ vom Zentralbankkonto durch eine Geschäftsbank wird von der Zentralbank korrekt als Passivtausch verbucht: Aus der Verbindlichkeit gegenüber der Geschäftsbank (unbare Zentralbankgeldverbindlichkeit) wird eine Verbindlichkeit aus Bargeldumlauf. Insofern es sich um Papiergeld handelt, ist hier also noch keine Seigniorage (Gewinn aus Geldschöpfung für Zentralbank oder Staat) entstanden.

Wenn man die Perspektive erweitert und in den Blick nimmt, dass die Zentralbank nicht nur Papiergeld in den Verkehr bringt, sondern auch unbares Zentralbankgeld schöpft, sieht es allerdings anders aus. Geschäftsbanken benötigen dieses Zentralbankgeld nicht nur als Bargeld für ihre eigenen Kunden, sondern auch als unbares Geld auf ihrem eigenen Zentralbankkonto neben der Mindestreserve für den Saldenausgleich im Zahlungsverkehr, also für die Gewährleistung ihrer eigenen Liquidität. Sie leihen es sich bei der Zentralbank gegen die Einlieferung zentralbankfähiger Wertpapiere als Sicherheit zu einem von der Zentralbank festgelegten Zinssatz – dem Leitzins.

„Quantitative Easing“

Der Leitzins liegt in der Eurozone derzeit allerdings bei null und kann deshalb nicht direkt zu einem Gewinn der Zentralbanken beitragen. Das Bild ändert sich, wenn wir die QE-Politik der EZB in die Betrachtung mit aufnehmen. Das „Quantitative Easing“ ist ein Programm zum Aufkauf von Wertpapieren, vor allem Staatsanleihen, durch die am Euro beteiligten Zentralbanken auf dem sogenannten Sekundärmarkt, also nicht direkt bei den die Anleihen begebenden Staaten selbst. Die die Anleihen bei der Zentralbank einliefernden Geschäftsbanken erhalten im Austausch Zentralbankgeld, dass die Zentralbank durch Buchungsakte neu „schöpft“. Zurzeit zahlen die Geschäftsbanken für von ihr gehaltenes Zentralbankgeld, soweit nicht durch die Mindestreserve abgedeckt, einen Zins in Höhe von 0,4 %, in den Medien „Strafzins“ genannt.

Hier entsteht auf doppelte Weise Zentralbankgewinn: durch den „Strafzins“ und durch die Verzinsung der eingekauften Anleihen. Für den Staat führt der Zentralbankgewinn durch Anleihen allerdings nicht zu einem echten Gewinn, sondern nur zu einer Entlastung: Er erhält auf diesem Wege den Zins zurückerstattet, den er aufgrund der Anleihe zu zahlen hat. Dieser Zins wäre ansonsten den vormaligen Haltern der Anleihe zugutegekommen. Die am Euro beteiligten Staaten dämpfen so ihre Verschuldung.

Banknoten (genauer: Zentralbanknoten) kommen immer im Austausch für unbares Zentralbankgeld in den Verkehr. Nur insoweit neu geschöpftes Zentralbankgeld in eine Form des Bargeldes getauscht wird, ist Bargeld ebenfalls an der Gewinnentstehung bei der Zentralbank beteiligt, fügt dem Gewinn der Zentralbank per saldo also nichts hinzu. Insoweit das Horten von Bargeld durch die Absicht der Vermeidung von Strafzinsen motiviert ist, sinkt sogar der Zentralbankgewinn.

Zentralbanken behandeln ihre Banknoten nicht als Vermögen

Der Begriff „Seigniorage“ wird von der Bundesbank als schwammig bezeichnet. Sie weist darauf hin, dass er heute vielfach gleichbedeutend mit „Zentralbankgewinn“ benutzt wird. Um Missverständnisse zu vermeiden, ist es wohl angeraten, auf den Begriff zu verzichten und die konkrete Quelle des Gewinns zu benennen.

Zu diesem Thema hat Jörg Bibow jüngst bei Makroskop unter dem Titel „QE – und wie Zentralbanken (mehr) Geld machen“ einen Teil seiner umfangreicheren Untersuchung veröffentlicht, die beim Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans Böckler Stiftung erschienen ist. Doch just was diese „Seigniorage“ betrifft, ist Bibows folgender Absatz mehr als verwirrend:

„Mit dem Übergang zum Papiergeld stieg der Gewinn aus der Geldemission gewaltig an, da die Produktionskosten von Banknoten im Vergleich zu den Zahlen, die man auf die Noten drucken kann, nur gering sind. Und genau darin zeigt sich natürlich der Anreiz zur Geldemission: das Geldgeschäft kann verdammt profitabel sein. Es zeigt sich hierin auch der Anreiz privater Geldproduzenten, dem Staat das Geldgeschäft abzujagen, indem man Geldsubstitute unter die Leute bringt.“

Obwohl von vielen Stimmen gewünscht – die Zentralbanken der Eurozone verbuchen ihr vorrätiges Papiergeld nicht als Vermögen, sprich Aktivum. Sie verbuchen es allererst bei Eintausch gegen unbares Zentralbankgeld – das für die Zentralbank immer eine Verbindlichkeit, ein Passivum, darstellt – ebenfalls als Verbindlichkeit. Mir ist keine Zentralbank bekannt, die ihre Banknoten aktiviert, also als Vermögen und nicht als Verbindlichkeit behandelt. Spätestens dem Ausland gegenüber würde sich eine solche Zentralbank lächerlich machen, wenn sie forderte, dass ihre Banknoten als dem Gold gleichgestellt anerkannt werden. Jedermann weiß doch, dass das Schürfen von Gold ungleich aufwendiger ist als das Bedrucken von Papier.

Die FED und das US-Leistungsbilanzdefizit

Der von Bibow genannte Übergang zum Papiergeld als Teil der Fiat-Währung hat sich in unserer westlichen Welt erst endgültig mit Nixons Aufkündigung der Goldkonvertibilität des Dollars vollzogen – dem Ende von Bretton Woods. Die USA brachten, getrieben durch die immensen Kosten des Vietnamkrieges, mehr Dollar in internationalen Umlauf, als durch Gold gedeckt werden konnte. Der Dollar blieb aber und ist immer noch eine internationale Leitwährung. Er ist international als Zahlungsmittel akzeptiert und ermöglich so das große US-Leistungsbilanzdefizit auch ohne Goldkonvertibilität. Die USA können ihr Leistungsbilanzdefizit mit selbst geschöpftem Geld finanzieren (wenn auch der geringste Teil davon als Papiergeld zirkuliert).

Die Fed macht aus dem ausländischen Dollargeldvermögen, das dem Leistungsbilanzdefizit gegenübersteht, allerdings keinen Gewinn. Die Staatsanleihen befinden sich in ausländischer Hand. Und schließlich wird der Vorteil, der sich aus der Eigenschaft der Leitwährung ergibt, zunehmend auch in seinen negativen Begleiterscheinungen gesehen: Das leicht zu finanzierende Defizit in der Leistungsbilanz ist mit schmerzlichen Folgen auf dem heimischen Arbeitsmarkt verbunden. Ein Land, das sich zur Finanzierung des Defizits allererst um Devisen bemühen muss, ist da in einer ganz anderen Situation.

Es ist nicht das Papiergeld, dass in unserer modernen Geldwirtschaft die entscheidenden Vorteile bietet – schließlich ist es gegenüber dem Giralgeld sogar auf dem Rückzug -, es ist vielmehr das Fiat-Geld-System selbst, das unbegrenzte Liquiditätsbereitstellung für Staat und Privatsektor ermöglicht.

Ob die Wirkungen positiv oder negativ ausfallen, hängt von der Verwendung und der gesamtwirtschaftlichen Situation ab: wirtschaftliches Wachstum oder Blase. Die Zentralbankgewinne stützen sicherlich die vielfach institutionalisierte „Unabhängigkeit“ der Zentralbanken, für sie sind aber das Papiergeld nicht ursächlich, sondern die Position der Zentralbank im Geldsystem selbst. Es ist bedauerlich, dass Bibow seine interessanten Ausführungen mit fehlleitenden Passagen zum Papiergeld belastet, deren argumentativer Zusammenhang zum weiteren Text nicht gegeben zu sein scheint.

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