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Sparende Unternehmen im Spiegel!

Der Spiegel hat die sparenden Unternehmen entdeckt. Das ist gut. Leider hat er vergessen, darauf zu hinzuweisen, wer diesen Sachverhalt schon seit langem problematisiert. Und vielleicht, weil er sich bei diesen Personen nicht ausreichend informiert hat, wurde auch einiges durcheinander geworfen.

Heiner Flassbeck hat bereits vor Jahren darauf aufmerksam gemacht, dass das Phänomen sparender Unternehmen in vielen Ländern der Welt eine neue Herausforderung sowohl für die wirtschaftspolitische Praxis als auch die ökonomische Theorie darstellt (zum Beispiel hier).

Theorie und Realität

Nahezu alle ökonomischen Modelle – ob nun neoklassischer oder auch keynesianischer Provenienz – basieren auf der Annahme, dass Unternehmen die Ersparnis der privaten Haushalte in voller Höhe „aufnehmen“. Diese Annahme wird von Ökonomen in der Gleichung „I=S“ zum Ausdruck gebracht. Implizit unterstellt wird, dass das „S“ von den privaten Haushalten stammt und das „I“ von den Unternehmen geleistet wird.

Die folgende Grafik belegt, dass dieser unterstellte Zusammenhang in vielen Ländern der Welt durch die Wirklichkeit falsifiziert wurde. Ergo: Eine ökonomische Gesetzmäßigkeit scheint nicht mehr zu gelten. Wir sehen: Heute nehmen Firmen unter dem Strich keine zusätzlichen Schulden auf, sondern legen Geld zur Seite.

 

Probleme für die deutsche Volkswirtschaft …

Aus dieser Tatsache ergibt sich aber nicht nur ein Problem für die Theorie, sondern gleichzeitig auch für die Praxis. Aus einzelwirtschaftlicher Sicht mögen die Überschüsse deutscher Unternehmen erfreulich sein, betrachtet man die gesamte Wirtschaft, ist die Sparfreude der Unternehmen jedoch riskant, gerade in Deutschland. Noch kaschieren die Exporterfolge deutscher Unternehmen die Probleme. VW, Siemens und Co. haben in den vergangenen Jahren vor allem deswegen Rekordgewinne eingefahren, weil der Euro schwach war – ihre Produkte damit günstig und die Nachfrage aus China, Amerika und anderswo hoch.

Anders ausgedrückt, die Erfolge Deutschland beruhen nicht (oder zumindest nicht nur) auf deren immer wieder behaupteten technologischen Spitzenstellung in der Welt, sondern auf einer Unterbewertung des Euro. Das Ausmaß dieser Unterbewertungsstrategie in den Blick zu bekommen, erfordert aber nicht nur auf die Devisenkurse zu schauen, sondern sich vielmehr den sogenannten realen effektiven Wechselkurs (REER) zu betrachten, der neben den Devisenkursen die für den Außenhandel relevanten unterschiedlichen Preisniveaus in unterschiedlichen miteinander Handel treibenden Ländern berücksichtigt. Unter Ökonomen herrscht Einigkeit darüber, dass ein steigender REER die internationale preisliche Wettbewerbsfähigkeit verschlechtert und ein fallender REER diese verbessert.

Betrachtet man sich die Entwicklung der REER im Verhältnis von Deutschland zu USA, dann wird, wie die folgende Grafik belegt, deutlich, dass sich Deutschlands preisliche Wettbewerbsfähigkeit seit 1998 gegenüber den USA erheblich verbessert hat. Vergleiche mit anderen Ländern, zum Beispiel mit Frankreich oder Italien, ergeben den selben Befund.

 

Die Hypothese ist daher nicht von der Hand zu weisen, dass die verbesserte preisliche Wettbewerbsfähigkeit durch die aus deutscher Sicht positive Entwicklung der REER den Druck von ihnen genommen hat, sich zu erneuern. Dass diese These empirisch gut bestätigt ist, zeigt die nachfolgende Grafik. In Deutschland haben zwar die Unternehmen nur in homöopathischen Dosen Nettoanlageinvestitionen getätigt, aber dennoch waren sie fähig, ihre Exportquote nahezu zu verdoppeln.

… und andere Volkswirtschaften

Wenn Staat, Haushalte und Firmen gleichzeitig sparen, muss per definitionem das Ausland die in Deutschland hergestellten Güter und Dienstleistungen erwerben, soll das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) nicht schrumpfen. Diese Aussage ist eine logische Schlussfolgerung aus einfachen saldenmechanischen Zusammenhängen. Denn für jede beliebige Volkswirtschaft gilt für jedes beliebige BIP, dass sich die Summe der Finanzierungssalden in jeder beliebigen Periode zu 0 addieren. Mit anderen Worten, wenn die positiven Sparsalden der Unternehmen nicht durch die negativen Sparsalden der anderen verbleibenden Sektoren, also dem Staat, den Haushalten oder dem Ausland, kompensiert werden, dann sinkt das BIP. Prima facie gilt also, dass die Sparwut deutscher Unternehmen die Konjunktur lähmt.

Die folgende Grafik zeigt anschaulich, warum trotz der Sparwut von Unternehmen und dem Staat das BIP Deutschlands dennoch wachsen konnte.

Der Auslandssektor hat die durch die sparenden Unternehmen gerissene Nachfragelücke zunehmend durch seine Verschuldung überkompensiert. Die hohen Leistungsbilanzüberschüsse haben also nicht nur mit der Qualität von Produkten „made in Germany“ zu tun. Es muss Länder geben, die sich stärker verschulden, um global ein Gleichgewicht herzustellen. Trump hat dieses Ungleichgewicht in den vergangenen Monaten immer wieder angeprangert und zeitweise mit höheren Einfuhrzöllen auf Autos gedroht.

Deutschlands BIP hängt aber inzwischen mit nahezu 50 Prozent massiv vom Export ab. Damit aber ist zu konstatieren, dass zwar die Schulden der anderen heute die deutsche Wirtschaft befeuern – sie aber morgen massiv gefährden könnte.

Getrübte Freude

Die in kursiv gesetzten Aussagen stammen nicht von mir und sind auch keine Zitate aus älteren Makroskop-Artikeln. Sie stammen aus einem Spiegel-Artikel von Martin Hesse. Es ist natürlich erfreulich, dass nun auch der Spiegel sparende Unternehmen als ein Problem entdeckt hat. Schön ist auch, dass im Spiegel Aussagen zu finden sind, die sich in der Substanz in einer sehr großen Anzahl unserer Artikel so leicht finden lassen. Die Arbeit, die wir leisten, scheint also auch bei den Mainstream-Medien einen gewissen Erfolg zu zeitigen. Das freut uns natürlich.

Getrübt wird diese Freude allerdings dadurch, dass in dem besagten Artikel an keiner Stelle auf entsprechende Aussagen von Heiner Flassbeck, geschweige denn auf die anderer Makroskop-Autoren hingewiesen wird. Das ist schon vor dem Hintergrund verwunderlich, dass Martin Hesse vor noch nicht allzu langer Zeit an dem sogenannten Streitgespräch im Spiegel zwischen Clemens Fuest und Heiner Flassbeck beteiligt war. Hesse kann man daher nicht den Vorwurf ersparen, sich mit fremden Federn zu schmücken.

Freilich gibt er für seine Ausführungen zwei Gewährsleute an, die er gegen diesen Vorwurf ins Feld führen könnte. Richard Koo aber, das schreibt er selber, hat die sparenden Unternehmen im Zusammenhang mit einer sogenannten Bilanzrezession entdeckt. Unternehmen sparen demnach, weil sie in einer Krise gezwungen sind, verstärkt Kredite zurückzuzahlen und keine neuen aufnehmen können.

In Deutschland ist das aber spätesten seit 2011 nicht die Ursache für das Phänomen der sparenden Unternehmen. Der andere Gewährsmann, der Ökonom Guntram Wolff, hatte ihm schon richtig ins Mikrofon diktiert, dass „deutsche Firmen zu den am geringsten verschuldeten Unternehmen der Welt gehören“. Ergo, von Koo kann er den Großteil seiner in kursiv gesetzten Aussagen also schon einmal nicht haben.

So weit ich sehen kann, geht auch Wolff nicht über die koosche These hinaus. Für ihn sind sparende Unternehmen ebenfalls ein zyklisches Phänomen, das ganz ähnlich schon von Friedrich August von Hayek analysiert wurde. Die Folgen einer solchen Verschuldungskrise werden als Schuldendeflation bezeichnet und wurde bereits von Irving Fisher und Hyman Minsky analysiert. Dieses Problem existiert ohne Zweifel, wird aber von Hesse ganz richtig als Erklärung für die sparenden Unternehmen als nicht ausreichend beschrieben.

Vom Ärger zur Erleichterung

Zuzugeben allerdings ist, dass sich Hesse wohl kaum intensiv mit unseren Analysen zu den sparenden Unternehmen auseinandergesetzt haben kann. Dafür enthält der Text dann doch zu viele elementare Fehler. So erklärt Hesse etwa die „ökonomische Gesetzmäßigkeit“, die „nicht mehr zu gelten scheint“, wie folgt:

„Danach sparen die Haushalte, Banken reichen das Geld als Kredite an Unternehmen weiter, die es in neue Werke, Forschung und Entwicklung investieren und somit produktiv verwenden.“

Dieses Gesetz, Herr Hesse, hat noch nie gegolten. Es ist eine der vielen Fiktionen der Neoklassik. Banken werden hier als Geldhändler erachtet, die von Haushalten zunächst einmal Geld erhalten müssen, um es an Darlehensnehmer weiter verleihen zu können. Banken aber sind keine Geldhändler, sondern Geldschöpfer. Sie brauchen von niemandem Geld, um einen Kredit vergeben zu können. Mit der Kreditvergabe wird in actu auch Geld in Form von Giroguthaben geschaffen. Als Einstieg empfehle ich diesen zweiteiligen Artikel von Günther Grunert und mir.

Selbstverständlich muss auch Hans-Werner Sinns These von den deutschen Kapitalexporten recycelt werden. Das klingt bei Hesse so:

„Zugespitzt formuliert: Die Deutschen leihen Amerikanern oder Briten Geld, damit diese ihnen Autos, Maschinen und chemische Produkte abkaufen.“

Diese These wurde inzwischen über Jahrzehnte immer und immer wiederholt, so dass es einem Journalisten verziehen sei, sie als wahr zu erachten. Sie ist aber dennoch falsch. Dass Ökonomen diese Aussage ebenfalls unablässig wiederholen und damit ihre Unwissenheit über die Funktionsweise moderner Geldsysteme eindrucksvoll belegen, ist dagegen nicht mehr zu rechtfertigen.

Wie Heiner Flassbeck in seinem „Big Read“ richtig schreibt, sollten sich die vielen Vertreter dieser These einmal Gedanken darüber machen, wie sie erklären wollen, dass die vermeintlichen ins Ausland transferierten Sparguthaben exakt gleich hoch sind, wie die aus Deutschland erworbenen Waren. War vielleicht, so fragt Flassbeck, „an die Euros, die nach dieser Theorie aus Deutschland geflossen kamen, ein Zettel angeheftet, auf dem stand, dass man diese Euros nur für den Kauf deutscher Güter verwenden dürfe“?

Bei Licht betrachtet handelt es sich beim sogenannten „Kapitalexport“ um ein Artefakt des bargeldlosen Zahlungsverkehrs. Die entsprechende Zahl gibt uns Auskunft darüber, wieviel mehr Geld im Land mit den Exportüberschüssen im Vergleich zu dem mit den Importüberschüssen ist. Klar, wer verkauft, hat auch mehr Geld. Über die Frage, wer die Importüberschüsse finanziert hat, sagt diese Zahl aber rein gar nichts (das Argument ausgeführt habe ich zum Beispiel hier).

Liest man Sätze wie die obigen, dann weicht dem Ärger fast schon so etwas wie Erleichterung. Möglicherweise wären Spiegel-Leser, hätte Hesse auf Heiner Flassbeck oder Makroskop als Quelle verwiesen, zu der Meinung gelangt, dass auf Makroskop solche abstrusen Erklärungen die Runde machen.

Ursache und Lösung

Ausagen dieser Güteklasse finden sich auch, wenn man sich die Ergebnisse der Ursachenforschung Hesses betrachtet. Als Ursache sieht in erster Linie die „alternden Bevölkerung in den Industriestaaten“. Wohl weil die Unternehmen wissen, dass ihr über kurz oder lang die Kundschaft wegstirbt, erwarten sie „kein großes Wachstum […] und scheuen, [sich deshalb] die Kapazitäten auszubauen“. Oh je!

Dabei hätte er, wenn er seine richtigen Ansätze mit der Verwendung saldenmechanischer Zusammenhänge zu Ende gedacht hätte, leicht selbst eine Antwort auf Ursache und Umgang mit diesem Problem gefunden. Zunächst ist klar, dass die Unternehmen nicht investieren, wenn es an der entsprechenden Nachfrage mangelt. Nun kann aber selbst in Deutschland nicht nur das Ausland deutsche Güter nachfragen, sondern auch die Lohnabhängigen und der Staat. Und nicht nur können Ausländer unsere, sondern wir auch ausländische Güter kaufen.

Warum die Lohnabhängigen nicht mehr Güter nachgefragt haben, zeigt die folgende Grafik. Die Deutschen haben schlicht und einfach nicht ausreichend am Produktivitätsfortschritt teilgenommen, um die zusätzlich produzierte Menge von Gütern zu kaufen.

Hätten sich die Löhne entsprechend der Produktivität entwickelt, dann hätten die Lohnabhängigen mehr Geld in ihren Händen gehalten und daher auch mehr deutsche oder auch ausländische Waren kaufen können. Da aber die Löhne für Unternehmen Kosten sind, hätten sie auch nicht so viel sparen können.

Die folgende Grafik belegt, dass es auch für den deutschen Staat noch viele Möglichkeiten gibt, sinnvoll Geld auszugeben. Es gibt tatsächlich kaum einen besseren Beleg dafür, dass die Fixierung auf die schwarze Null dazu führt, dass in Deutschland Investitionen für die Zukunft nicht getätigt werden. Der Staat hat also nichts getan, um den Kapitalstock seit 1998 auszubauen. Zukünftige Generationen zahlen damit den Preis für dieses Politikversagen. Ist das die oft zitierte Generationengerechtigkeit in der man im Zusammenhang mit der schwarzen Null so gerne spricht?

Hätte der Autor unsere Beiträge aufmerksam gelesen, läge ihm für seine Leser nicht nur eine plausible Erklärung für das Phänomen der sparenden Unternehmen vor, sondern auch eine Lösung:

In Deutschland müssen die Löhne massiv steigen und der Staat muss zum Wohle seiner Bürger mehr ausgeben als er durch Steuern einnimmt. Der Staat muss – auch wenn man das in Deutschland nicht gerne hört – sich schlicht und einfach verstärkt verschulden.

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