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Genial daneben | 15.08.2018 (editiert am 16.08.2018)

Türkei: Die guten Finanzmärkte und der böse Autokrat

Die Türkei ist ein typisches Spekulationsopfer. Dass das Land nichts aus den Erfahrungen anderer Länder lernen wollte, ist allerdings mehr als dumm.

Mehr Blödsinn als über die Krise in der Türkei kann wohl nicht mehr geschrieben werden. Der Tenor der deutschen Medien: Gute Finanzmärkte weisen bösen Autokraten in die Schranken. Selbst sogenannte Wissenschaftler (wie hier der DIW-Präsident) scheuen sich nicht, volle Pulle und ohne Rücksicht auf Verluste in dieses hohle Horn zu stoßen. Wiederum zeigt sich, dass die Vorgänge an den Finanzmärkten durch die Bank missverstanden werden.

Ich habe schon in der vergangenen Woche darauf hingewiesen, dass die Türkei sich durchaus in einer normalen Währungskrise befindet, wie sie viele Male in den letzten 30 Jahren auf der Welt beobachtet wurden – darunter auch schon in der Türkei. Auch die jetzt zu beobachtende Ansteckung anderer „emerging markets“, die gar nichts mit der Türkei zu tun haben, ist vollkommen normal. Das liegt einfach daran, dass die „Investoren“ dieser Welt, die man richtigerweise Spekulanten nennt, eine Anlageklasse – eben „emerging markets“ – kennen, bei der immer dann die Alarmglocken angehen, wenn es in einem Land brennt. Also shorten sie alle „emerging markets“, was nichts anderes heißt, dass sie alle „Engagements“ in diesen Märkten kritisch überprüfen und im Zweifel blitzschnell ihre Gelder abziehen.

Währungsspekulation und ihre Folgen

Eine Lage, wie in der Türkei derzeit zu beobachten, entsteht immer wieder dadurch, dass emerging markets im Vergleich zu den Industrieländern hohe Zinsen bieten, weil sie relativ hohe Inflationsraten aufweisen. Das ist die Einladung zum carry trade (u. a. hier erklärt). Dann gehen einerseits die westlichen Spekulanten in einen solchen Markt, weil die Zinsen von den Notenbanken festgehalten werden und deswegen auf beiden Seiten relativ stabil und vorhersehbar sind, so dass man „gute“ und sichere Gewinne machen kann. Da viele carry trade-Spekulanten zudem den Wert der emerging market Währung hochtreiben (also zur Aufwertung bringen oder eine, gemessen an der Inflationsdifferenz, ausreichende Abwertung verhindern), machen die Spekulanten praktisch immer Gewinn – jedenfalls so lange keine Krise ausgebrochen ist.

Auf der anderen Seite, und das ist wohl auch in der Türkei in großem Stil geschehen, verschulden sich Bürger und Unternehmen im emerging market in Auslandswährung, weil Eurokredite oder Dollarkredite ja für wunderbar niedrige Zinsen zu haben sind und zudem die eigene Währung noch aufwertet, was den Schuldendienst enorm erleichtert und vorübergehend sogar den Ankauf von Assets im Ausland. Das ist genau das, was zu Anfang der 2000er Jahre in großem Stil in Island, in Ungarn und auch in Österreich passiert ist, wo viele Bürger ihre Hypotheken in Schweizer Franken aufgenommen haben.

Das alles ist für das Zielland des carry trade extrem gefährlich, weil die Währung real aufwertet, das Land an Wettbewerbsfähigkeit verliert, die Leistungsbilanz tief ins Defizit rutscht und früher oder später die internationalen Spekulanten nervös werden. Mit Erdogan oder auch der Unabhängigkeit der Zentralbank oder Trumps Zöllen hat das alles nur insoweit zu tun, als es immer einen Auslöser braucht, der die spekulativen Kapitalströme zur plötzlichen Umkehr bringt.

Was tun?

Nun muss man sich über die carry trade Spekulanten keine Gedanken machen, die bringen ihre Schäfchen schon rechtzeitig ins Trockene und wenn sie Verluste machen ist es auch gut. Dramatisch kann allerdings die Auslandsverschuldung der eigenen Bürger werden. Die ist nämlich in der Regel längerfristig kontrahiert, so dass es hier keinen schnellen Ausstieg gibt. Die Abwertung der eigenen Währung verteuert diese Kredite in einem enormen Ausmaß. Das bedroht die Banken, die diese Kredite vergeben haben, da die Menge fauler Kredite dramatisch schnell steigt, und es bedroht die für die wirtschaftliche Entwicklung wichtigen Ausgaben vieler Unternehmen und privater Haushalte, die über Einsparungen versuchen müssen, die gestiegenen Kreditkosten aufzufangen.

Hier muss, wie es in Ungarn viel zu spät geschehen ist, der Staat einsteigen und mit Überbrückungshilfen im eigenen Interesse die schlimmsten Folgen abfedern, indem er auf seine Kosten Fremdwährungskredite teilweise in Lirakredite verwandelt. Das kann natürlich nur über steigende Staatsverschuldung geschehen, die jedoch in der Türkei sehr niedrig ist (bei 30 Prozent des BIP).

Auch diese Krise zeigt damit, dass es keineswegs regelmäßig der Staat ist, dessen Verschuldung im Mittelpunkt einer Krise steht, sondern dumme Spekulation von Privaten, die unter dem beliebten europäischen Rubrum „Kapitalverkehrsfreiheit über alles“ abzulegen ist.

Diese Fremdwährungskredite hätte ein halbwegs aufgeklärter Staat nach den Erfahrungen in anderen Ländern niemals zulassen dürfen. In Österreich hat man übrigens trotz „Kapitalverkehrsfreiheit“ nach den Erfahrungen mit Schweizer Franken-Krediten Fremdwährungskredite für private Haushalte vollständig untersagt.

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