Genial daneben | 29.08.2018 (editiert am 04.09.2018)

Über Fake News und unterschlagene Wahrheiten

Was ist Fake und was ist nur die Verdrehung der Wahrheit bis zur Unkenntlichkeit. Wir zeigen an drei Beispielen, wie Deutschlands große Medien sich als Meister ihres Faches erweisen.

Nichts regt unsere Leitmedien mehr auf als das, was sie gerne „fake news“ nennen. Findet man nicht im „Netz“ jeden Tag einen Beweis dafür, dass alle außer den „wirklich seriösen Medien“, zu denen man selbst vorneweg gehört, nicht ernst zu nehmen sind und sogar eine Gefahr für die Demokratie darstellen? Nur was durch die „seriösen Hände der wirklichen Journalisten“ geht, so das Selbstverständnis, kann man ohne weiteres für ein Stück Wahrheit halten.

Dieser Tage kann man an verschiedenen Beispielen leicht erkennen, wie dumm und arrogant, ja, wie grundfalsch diese Position ist. Erstes Beispiel: der neue ifo-Index. In den ZDF heute-Nachrichten (hier, ab Minute 10) verkündet der Moderator mit kaum zurückgehaltener Freude, die Stimmung in der deutschen Wirtschaft sei „extrem gut“, das ifo-Institut habe ein Sommerhoch vermeldet, das alle Erwartungen übertrifft. Optimistisch mache die Firmenchefs vor allem die Tatsache, dass es nicht zu einem europäisch-amerikanischen Handelskrieg gekommen sei (das kommt auch so von ifo).

Es ist zunächst auffällig, dass der ifo-Index in einem Monat in den Hauptnachrichten genannt wird, in dem es aufwärts geht, aber kaum einmal in Monaten, wie seit der Jahreswende, wo es abwärts geht. Dann die unverhohlene Freude des Moderators. Worüber freut er sich? Ist es nicht seine Aufgabe, den Zuschauern ohne jede Emotion eine Nachricht zu übermitteln und zu erklären, wie die im Zusammenhang der bisherigen Entwicklung des Indikators zu sehen ist?

Der jubelnde Moderator

Der Jubel des Moderators und seine Aussage sind ganz nahe an einer Falschmeldung, weil die Stimmung eben nicht „extrem gut“ ist, sondern, wie die rote Kurve in Schaubild 1 (Original von ifo) zeigt, besser ist als vor einem Monat, aber noch weit schlechter als zur Jahreswende. Besonders gestiegen sind die Erwartungen, was in der Tat mit politischen Meldungen zu tun haben kann, während sich die Einschätzung der Lage nur ein wenig verändert hat.

Schaubild 1

Vergleicht man ifo insgesamt mit ifo verarbeitendes Gewerbe (Abbildung 1), zeigt sich, dass der Indikator klar vom verarbeitenden Gewerbe mit seinem ausgeprägten Zyklenmuster geprägt ist. Der Umschwung im verarbeitenden Gewerbe aber ist minimal und kann ebenso eine Zufallsschwankung sein.

Abbildung 1

Vollends zur Falschmeldung tendiert der Jubel und die Begründung dafür aber, wenn man sich die einzelnen Wirtschaftsbereiche anschaut, wie sie, wiederum im Original von ifo, in Schaubild 2 dargestellt sind. Da findet man, dass im verarbeitende Gewerbe, das mit Abstand am wichtigsten für die zyklischen Bewegungen und den Export einer Volkswirtschaft ist, sich die Lagebeurteilung (die graue Linie) im August sogar verschlechtert hat. Das ist das Einzige, was die Unternehmen wirklich beurteilen können, ohne selbst ins Philosophieren zu geraten.

Die Erwartungen haben sich im verarbeitenden Gewerbe nur ganz leicht verbessert und die Gesamteinschätzung ist im August im Vergleich zu den durchweg schwachen Vormonaten kaum merklich gestiegen. Wie aber kann das Ende des Handelskrieges für den großen Stimmungsumschwung verantwortlich sein, wenn der Bereich, der davon als Einziger betroffen ist, mit Abstand am wenigsten jubelt?

Schaubild 2

Betrachtet man die übrigen Bereiche, sieht man leicht, dass nichts Besonderes passiert ist. Die Dienstleistungen haben gar keinen Zyklus und schwanken ohne jeden Trend auf und ab und weisen im August – vermutlich zufällig – eine Aufwärtsbewegung aus. Beim Handel geht es insgesamt bergab, die Erwartungen verbessern sich auf sehr niedrigem Niveau nur leicht.

Bleibt das Bauhauptgewerbe, das anscheinend am meisten vom Handelsfrieden profitiert. Hier geht die Einschätzung der aktuellen Lage durch die Decke, doch das ist nichts Neues. Es ist aber, wenn man es mit der Produktion des Baugewerbes vergleicht, ohne jeden Belang, weil es zwischen den beiden Größen keinen erkennbaren Zusammenhang gibt (Abbildung 2).

Abbildung 2

Die Bauproduktion insgesamt (Bauhauptgewerbe ist nur ein Teil, dazu kommt das Ausbaugewerbe), das ist dabei noch zu bedenken, wurde zu Beginn 2017 statistisch nach oben korrigiert. Nimmt man das heraus, bleibt von dem von ifo beschriebenen Aufschwung absolut nichts übrig.

Man erkennt, wie einfach es für die Medien ist, auf der Basis von „Untersuchungen“ eines Instituts, das selbst kaum noch ernst zu nehmen ist, Meldungen zu basteln, die für nichts als Verwirrung sorgen und zu Fehlinterpretationen verleiten, die sich gewaschen haben. Nun kann man lange streiten, ob das schon fake ist. Doch der Streit ist müßig, wer will entscheiden, ob es hier schon um eine Verfälschung der Wahrheit geht oder „lediglich“ um ihre Umgehung? Es ist auch nicht wichtig, weil ohnehin klar ist, dass hier ein öffentliches Medium seinen Informationsauftrag, für den es von der Gesellschaft mit viel Geld ausgestattet wird, nicht erfüllt hat.

Die Rente und ihre Tabus

Der zweite Fall kann anhand der gleichen Heute-Sendung (gleich zu Anfang) aufgerollt werden, obgleich hier nicht das Medium im Vordergrund steht, sondern die Politik. Es geht um die Rente. Die SPD hat damit angefangen, aber fast alle anderen sind auf den Zug aufgesprungen, dass es eine Bestandsgarantie für das heutige Rentenniveau (von unter 50 Prozent des letzten Verdienstes!) geben soll. Olaf Scholz ist nun vorgeprescht und fordert eine Bestandsgarantie bis 2040, obwohl die Koalition sich nur auf 2025 festlegen wollte.

Das Ganze ist eine Nebelkerze ohnegleichen, weil die SPD damit ihre soziale Seite hervorheben will, aber gleichzeitig die Diskussion in eine bestimmte Richtung lenkt, um alle anderen Richtungen dadurch zu verhindern. Warum sollte eigentlich für das heutige extrem niedrige Rentenniveau eine Bestandsgarantie gegeben werden? Warum werden die Renten nicht so angehoben, dass keine Altersarmut droht? Warum ist ein Niveau unter 50 Prozent angemessen? Warum werden die Beitragssätze für Arbeitnehmer und Arbeitgeber nicht angehoben, um ein höheres Rentenniveau zu finanzieren? All diese Fragen will die SPD offenbar nicht diskutieren, denn sonst würde sie ja nicht so tun, als ob die lange Bestandsgarantie schon das Beste sei, was überhaupt zu erreichen ist.

Dieses dumme Spiel wird von fast allen Standardmedien mitgespielt, indem sie tagein tagaus genau darauf eingehen und in jedem Interview nur diese eine Frage diskutieren, niemals aber die eigentlich relevanten Fragen nach den Beitragssätzen. Die Grünen sind noch bereit, eine breitere Beteiligung andere Berufsgruppen einschließlich der Beamten ins Gespräch zu bringen, aber höhere Beitragssätze sind auch bei ihnen tabu. Die SPD und Teile der Linken mahnen manchmal eine stärkere Belastung der Besserverdienenden (der „Superreichen“ bei der SPD) an. Eine wirklich offene Diskussion der Beitragssätze gibt es selbst bei der Parteispitze der Linken nicht.

Ich will hier nicht wiederholen, was ich woanders deutlich gesagt habe (hier), aber es bleibt dabei, dass in Deutschland weder in der Politik noch in den Medien eine vernünftige und ehrliche Rentendebatte zu führen ist. Man führt die Bevölkerung systematisch hinters Licht, indem man entscheidende Faktoren in den Medien und in der Politik zum Tabu macht.

Ein Deutscher als EZB-Präsident?

Beim dritten Beispiel geht es um die Position des EZB-Präsidenten, die 2019 neu besetzt wird. Hier verbreiten seit Tagen die privaten „Leitmedien“ die Meldung, die Bundeskanzlerin habe sich dafür entschieden, um den Posten des Kommissionspräsidenten zu kämpfen, aber nicht Jens Weidmann, den Präsidenten der Deutschen Bundesbank für die EZB zu nominieren. Besonders toll treibt es wieder einmal Holger Steltzner von der FAZ (hier), der Angela Merkel einen Verrat nationaler Interessen vorwirft, weil sie sich nicht vehement für Jens Weidmann als EZB-Präsident einsetzt.

Steltzner fragt: „Was heißt das für den Euro, wenn ein Deutscher wie Bundesbankpräsident Jens Weidmann an der EZB-Spitze als nicht vermittelbar gilt?“ Die Antwort der Europäer darauf ist einfach, aber er will sie sicher nicht hören und er würde sie niemals seine Leser wissen lassen. Es heißt, dass die deutsche Position, für die Weidmann wie kaum ein anderer steht, dass nämlich die Eurokrise eine „Staatsschuldenkrise“ war, an der die über die eigenen Verhältnisse lebenden Südländer eine entscheidende Schuld tragen, in Europa nicht mehr vermittelbar ist. Und das ist gut so!

Denn das deutsche Leugnen jeder eigenen Schuld, an dem die FAZ seit Jahren an vorderster Front beteiligt ist, ist für die meisten anderen Europäer inzwischen zu einer schlicht nicht mehr ertragbaren Position geworden. Einer der wichtigsten Bannerträger dieser Position an der Spitze der EZB, löst in Rom, aber vermutlich auch in Paris Alpträume aus. Man muss sich ja nur vorstellen, auf welche kaltschnäuzige Art und Weise die deutschen Vertreter in der Eurogruppe und anderen internationalen Organen eine sachlich nicht zu verteidigende Position mit Händen und Füßen und schierer Machtausübung durchgesetzt haben, um zu verstehen, dass es Grenzen des Ertragbaren für die anderen gibt. Zu mir hat vor wenigen Monaten ein hochrangiger, aber sehr moderater italienischer Politiker gesagt, ein Deutscher an der Spitze der EZB sei auch für die wirklich überzeugten Europäer in Italien eine nicht hinzunehmende Provokation.

Dass man, wie Steltzner, in den meisten deutschen Medien so tut, als habe Frau Merkel eine Wahl und optiere aufgrund irgendwelcher Prinzipien oder Überzeugungen für den Kommissionspräsidenten statt für die EZB-Spitze, ist eine – vermutlich bewusste – Fehlinformation. Weil man nicht sagen will, was wirklich dahintersteht (der FAZ-Leser wird ja seit Jahren in dieser Frage dumm gehalten), konstruiert man wilde Geschichten, die entweder die Südeuropäer in ein extrem schlechtes Licht rücken oder der Bundeskanzlerin absurde Motive unterstellen. Die rechte Klientel innerhalb und außerhalb der christlichen Parteien wird es danken.

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