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Arbeit | 31.08.2018

Warum wir den Konsum nicht dem Markt überlassen dürfen

Die entscheidende ökonomische Leistung besteht nicht in der effizienten Produktion, sondern darin, das Zeug auch noch konsumiert zu kriegen. Der Markt trägt dazu wenig bis nichts bei. Und er kennt auch keine ökologischen Grenzen.

Nehmen wir Nike-Schuhe. Produzieren kann das Zeug jeder. Das zeigen die Stundenlöhne von rund 50 Cent der globalen Schuh- und Textilindustrie. Nike-Schuhe verkaufen kann hingegen nicht jeder. Das zeigen die Milliardengewinne der Unternehmen, die den Zugang zu den Kunden beherrschen – Amazon, Google, Walmart etc. Oder nehmen wir die Entwicklungsländer: Moderne Produktionsmethoden einzuführen ist für sie kein Problem. Aber sie scheitern an der Schwierigkeit, den Konsum auf ein entsprechendes Niveau zu hieven.

Die Ökonomen gehen zwar davon aus, dass sich das Lohn- und damit das Konsumniveau irgendwie an die höhere Produktivität anpasst. Doch so funktioniert es nicht. Wer in Entwicklungsländern mit noch so modernen Maschinen produziert, muss seinen Arbeitern nur den Lohn zahlen, der das gewohnte Konsumniveau sichert. Textilarbeiterinnen in Bangladesch sind heute produktiver als unsere Näherinnen vor 60 Jahren, aber sie verdienen dennoch fast nichts. Oft führen die Anwendungen neuer Technologien sogar zu sinkenden Löhnen – denn die Multis rekrutieren oft Bevölkerungsschichten, die traditionell wenig zum Geldeinkommen der Familie beigetragen, und entsprechend wenig fordern.  Zwar bringt auch ein kleiner Lohn eine finanzielle Verbesserung, dafür schrumpfen die nicht monetären Dienstleistungen wie Kochen, Waschen oder Kinder erziehen. „Das bisschen Haushalt macht sich von allein, sagt mein Mann“ – der Ökonom.

Wer für seine Arbeit keinen anständigen Lohn verlangen kann, ist deswegen noch nicht unproduktiv. 

Eine höhere Produktivität ist zwar eine nötige, aber keineswegs hinreichende Voraussetzung für ein höheres Konsum-, geschweige denn Wohlstandsniveau. Dieses ist letztlich eine politische und kulturelle Leistung, wozu der Markt wenig beiträgt.

Dass die Ökonomen davon nichts verstehen, zeigt nicht zuletzt das Etikett „Low Productivity Trap“ (Falle der tiefen Produktivität), das sie auf das Phänomen der tiefen Löhne trotz hoher Produktivität ankleben. Für Ökonomen ist immer alles eine Frage der Produktion. Richtiger wäre es, von einer „Der-Markt-Kann-Es-Nicht-und-Ich-Will-Es-Nicht-Verstehen-Falle“ zu reden. Kommt dazu, dass die Ökonomen dazu tendieren, Marktmacht und Produktivität zu verwechseln. Wer für seine Arbeit keinen anständigen Lohn verlangen kann, ist deswegen noch nicht unproduktiv.

Das Problem beschränkt sich aber natürlich nicht auf die Entwicklungsländer. Es ist dort bloß besonders leicht erkennbar. Doch auch bei uns besteht die große volkswirtschaftliche Herausforderung darin, ein Konsumniveau zu erreichen beziehungsweise beizubehalten, das unseren hoch effizienten Produktionsapparat auslastet.

An unseren Universitäten lernen die angehenden Ökonomen schon im ersten Semester, dass die Produktion ihre eigene Nachfrage schafft, vorausgesetzt man lässt den Markt spielen. Dann ist das Thema durch. Dabei würde schon ein müder Blick auf die einschlägigen Statistiken zeigen, dass dies bei weitem nicht zutrifft, dass der frei spielende Markt die Nachfrage sogar extrem behindert.

Das hängt damit zusammen, dass der Markt seine Einkommen sehr ungleich verteilt. Gut 30 Prozent davon entfallen auf die Kapitaleinkommen und davon gehen mindestens 80 Prozent an das reichste Fünftel der Haushalte und praktisch nichts an die ärmere Hälfte. Bei den Arbeitseinkommen ist es nicht viel besser: Zunächst einmal hat rund die Hälfte der Bevölkerung gar kein Arbeitskommen – die Jungen, die Alten, die Kranken, die Invaliden und die Arbeitslosen. Die Eltern kleiner Kinder, vor allem die Mütter, sind zudem nur sehr beschränkt erwerbsfähig. Doch auch unter denen, die überhaupt ein Arbeitseinkommen haben, ist diese sehr einseitig verteilt. Sogar in der – punkto Lohneinkommen relativ egalitären – Schweiz entfallen rund 30 Prozent der Lohneinkommen auf die reichsten 10 Prozent der Arbeitsbevölkerung.

Doch damit die Wirtschaft wenigstens halbwegs ausgelastet wird, müssen alle konsumieren, nicht nur die wenigen, denen der Markt ein Einkommen zuteilt. Die Marktwirtschaft ist also dringend auf Institutionen der Umverteilung angewiesen. Das ist aus evolutionärer und historischer Sicht zunächst einmal die die Familie. Hier wird Markteinkommen vor allem von den Aktiven zu den Jungen und von Männern umverteilt (Früher auch von den Aktiven zu den Rentnern).

Der Markt mag gut sein für die Produktion, aber punkto Verteilung ist er nicht zu gebrauchen.

Doch auch nach dieser „primären“ Umverteilung sind die Markteinkommen noch immer extrem ungleich verteilt: In Deutschland etwa entfielen 2011 bloß 1,3 Prozent aller Markteinkommen auf das ärmste, aber nicht weniger als 49 Prozent auf das reichste Fünftel.  Das ist ein Faktor von fast 40 zu 1. Der Konsum hingegen ist viel gleichmäßiger verteilt: Das reichste Fünftel konsumiert pro Kopf „nur“ etwa doppelt so viel wie das ärmste. Diese Größenordnungen sind für moderne Marktwirtschaften typisch. Der Markt mag gut sein für die Produktion, aber punkto Verteilung ist er nicht zu gebrauchen.

Um nicht vorzeitig auszusterben und ihren Markt am laufen zu halten, brauchen deshalb marktwirtschaftlich organisierte Gesellschaften ein hohes Maß an „sekundärer“, politisch organisierter Umverteilung: Es braucht ein mit Steuergeldern finanziertes Schulsystem um den normalverdienenden Eltern unter die Arme zu greifen, man benötigt ein obligatorisches Rentensystem, um genügend Kaufkraft zu den Rentner zu transferieren, und es geht auch nicht ohne Arbeitslosen- und Krankenkassensystem und als letzte Auffangstation ist auch eine Sozialhilfe unerlässlich. Wie gesagt: Es geht hier nicht „nur“ um soziale Gerechtigkeit, sondern auch um die Funktionstüchtigkeit des Systems.

Doch es reicht nicht, die Markteinkommen so umzuverteilen, dass ein hoher gesamtwirtschaftlicher Konsum möglich wird. Die Leute müssen auch noch das Bedürfnis verspüren, das Zeug zu konsumieren. Diese Anspruchshaltung zu schaffen, ist das Ergebnis eines kulturellen Lernprozesses. Das meiste von dem, was wir konsumieren – und womit wir Arbeit schaffen – brauchen wir nicht wirklich. Meine Großmutter etwa hat sich nie Fett absaugen, die Brüste vergrössern oder ein neues Kniegelenk einsetzen lassen. Sie war nie in einem Fitness-Zentrum, hat nie die Dienste eines Psychiaters, Rechtsanwalts, Kindermädchens oder Vermögensverwalters beansprucht, hat nie Funktionswäsche getragen oder eine farblich zum Hosenrock passende Tasche gekauft, hatte kein Auto, hat nie ein Flugzeug von innen gesehen, hat mit fünf Kindern und ihrem Mann auf 90 Quadratmeter gewohnt und ist punkto Hautpflege nie über die 250 Gramm-Dose von Nivea hinaus gekommen.

Würden wir uns heute mit einem ähnlichen Konsumniveau begnügen, würden wenige Stunden Arbeit pro Woche vollauf reichen, um unseren Bedarf zu decken. Zudem würden wir die freie Zeit nutzen, um Ziegen und Hühner zu halten, den eigenen Wein zu keltern und einen Gemüsegarten zu pflegen – wie meine Grosseltern. Doch so weit wird es in absehbarer Zeit nicht kommen. Tatsache aber bleibt, dass unser Konsum sehr viel Luft nach unten hat. Beispielsweise könnten wir von einem Tag auf den anderen massiv weniger Geld ausgeben, weil uns unser künftiges Einkommen unsicher erscheint. Oder weil Sie herausgefunden haben, dass weniger Konsum und entsprechend weniger Arbeit die Lebensqualität verbessern kann.

Schon 5 Prozent weniger Konsum könnten eine verhängnisvolle Kettenreaktion auslösen – oder einen schleichenden Erosionsprozess

Doch was für den Einzelnen eine gute Strategie ist, kann sich volkswirtschaftlich verheerend auswirken. Schon 5 Prozent weniger Konsum könnten eine verhängnisvolle Kettenreaktion auslösen – oder einen schleichenden Erosionsprozess:  Mehr Arbeitslose, mehr Sozialausgaben, Druck der Kapitalmärkte, Abbau der Sozialwerke, noch mehr Druck auf die Löhne, noch weniger Nachfrage, noch mehr Arbeitslosigkeit.

Und wenn man dann nicht auf die Idee kommt, dass die Organisation der – einheimischen – Nachfrage eine politische Aufgabe ist, dann landet man beim Standortwettbewerb, also beim Versuch, das Problem der Nachfrage mit Exportüberschüssen zu lösen. Die Leser von Makroskop wissen, dass dies noch nicht einmal ein Nullsummenspiel ist.

Ein anderes, untaugliches Mittel zur Entschärfung des Nachfrageproblems ist die Umwandlung von unbezahlter in bezahlte Arbeit – Pizzakuriere statt selber Kochen, Zalando statt Einkaufsbummel, Nannys statt Mütter. All das führt gesamtwirtschaftlich zu höheren Kosten, zu unerträglichen Umweltbelastungen und zu  immer größeren Verkehrsaufkommen: Entwicklungsländer brauchen 80 Prozent ihrer Anbaufläche für den Export und lassen 80 Prozent ihres Nahrungsbedarf herankarren – bis die Brücken brechen. Aus 200 Kilometer entsandte Arbeitskräfte verdrängen die Arbeit vor Ort, Kuriere verstopfen die Straßen. Alles unter dem Motto: Wir müssen nur den Markt spielen lassen, dann wird alles gut.

Letztlich ist es auch ein semantisches Problem. Wir reden von Marktwirtschaft und übersehen dabei, dass unser Wirtschaftssystem einst ein höchst sensibles politisch-kulturelles Meisterwerk war, das seit etlichen Jahrzehnten vom Markt mehr gefährdet als gefördert wird.

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