Bild: Patrick Kaczmarczyk
10 Jahre Lehman | 17.09.2018 (editiert am 18.09.2018)

Der 15. September an der 745 Seventh Avenue

Am 15. September 2008 kam es mit der Insolvenz von Lehman Brothers zur größten Firmenpleite in der Geschichte der USA. Die Weltwirtschaft stand am Abgrund. Nur das massive Eingreifen der Staaten verhinderte den totalen Zusammenbruch. Was erinnert heute an die Ereignisse?

Von allen Seiten wird man dieser Tage in den Medien mit einer Reflektion über die Folgen des Zusammenbruchs von Lehman Brothers bombardiert. Man merkt wie sehr dieses Ereignis, das sich am 15. September 2018 zum zehnten Mal jährte, das intellektuelle Fundament des neoliberalen Kapitalismus geschädigt hat – auch wenn der Neoliberalismus selbst die Politik weiterhin dominiert.

Nichtsdestotrotz haben es seit der Krise einige „Outsider Bewegungen“ in die Mainstream-Debatten geschafft, wie meine Kollegen am Sheffield Political Economy Research Institute (SPERI), Liam Stanley und Tom Hunt, kürzlich schrieben. Wer sich vor dem Zusammenbruch von Lehmann zum Beispiel zu einem bedingungslosen Grundeinkommen, Kryptowährungen, macroprudential regulations (Regulierungen des Finanzsektors, die systemische Risiken minimieren sollen) oder den problematischen Auswirkungen makroökonomischer Ungleichgewichte äußerte, fand in der öffentlichen Diskussion sehr wahrscheinlich wenig bis gar kein Gehör. Die perfektionierte Funktionsweise des Markts durfte schließlich unter keinen Umständen angezweifelt werden. Das hat sich geändert. Unabhängig davon wie sinnvoll oder unsinnig einige der vertretenen Positionen in den Diskussionen sind, so lässt es sich nicht von der Hand weisen, dass die Krise den Rahmen des Overton-Fensters ein klein wenig erweiterte.

Obwohl Politiker und die meisten Akademiker anfangs überhaupt nicht wussten, was da vor sich ging – schließlich wurde der Markt doch von der „unsichtbaren Hand“ geleitet – war die Krise der Auslöser für eine Welle an akademischen Artikeln, Büchern und sonstigen Analysen und Kommentaren. Der generelle Tenor besagt, dass wir diese Krise bereits erlebt haben.

Wer zum Beispiel Charles Kindlebergers Klassiker „Manien, Paniken, Crashs. Die Geschichte der Finanzkrisen der Welt“ liest, ein Buch dessen letzte Edition Kindleberger im Jahr 2001 verfasste, der findet viele Parallelen zwischen der Krise 2007/2008 und ihren historischen Vorgängern, wie der Tulpenmanie (1636-1637), der Südsee- und Mississippi Spekulationsblase (1720), dem großen Crash 1929, oder der Krise in Japan in den frühen 1990er Jahren. Kindleberger unterscheidet dabei zwei Phasen eines Booms: eine anfängliche, rationale Phase und eine daraufhin folgende ausartende Phase, in der Kapitalgewinne die dominante Rolle spielen und Spekulationsobjekte nur mit dem Ziel des Weiterverkaufs erworben werden. Wenn nun der ahnungslose Nachbar als Outsider ebenfalls beginnt in solche Finanzprodukte zu investieren, ist das laut Kindleberger ein Zeichen dafür, dass die Insider beginnen, aus den gefährlichen Produkten auszusteigen und man besser die Finger davon lassen sollte (Bitcoin im Jahr 2017 ließ grüßen). Die Insider machen mit den Verlusten der Outsider eine Menge Geld, und einige, wie der frühere Goldman Sachs Mitarbeiter Fabrice Tourre, priesen sich sogar dafür.

Kindleberger selbst beruft sich wiederum auf Hyman Minsky, dessen zentrale Theorie besagt, dass die Zeit der Stabilität den Keim der Instabilität in sich trägt. Wenn alles gut läuft und das Vertrauen groß ist, haben Markteilnehmer Anreize, um auf steigende Preise zu setzen und dieses Spiel soweit fortzutreiben, bis die Blase platzt. Durch die Macht der Algorithmen und eine Verpackung in anspruchsvoll klingende Kürzel der „Finanzprodukte“ glaubte man diesen Mechanismus ausgehebelt zu haben. Doch spätestens am 15. September 2008 war klar, wie überheblich diese Ansicht gewesen ist. Zwar hat die Krise von 2008 in gewisser Hinsicht ihre Eigenarten, etwa in Form der Repo-Märkte, die Lehman Brothers letztendlich in die Knie zwangen. Doch insgesamt scheint es, als ob sich ein kleines Kind zum wiederholten Mal an der Herdplatte verbrannt hätte.

Und so drehten sich die meisten der Artikel in dieser Woche um die Frage, was sich denn in den letzten zehn Jahren verändert hat. Nico Beckert weist darauf hin, dass sich das „Too Big to Fail“ Problem seit der Krise verschärft habe. Gillian Tett schreibt in der Financial Times von immer noch hohen Risiken im Finanzsystem und dem fundamentalen Scheitern westlicher Institutionen in dessen Reformierung. Tatsächlich lässt sich wohl ohne Zweifel behaupten, dass die einzige Veränderung, die seit 2008 auf die Wege gebracht wurde, eine höhere Anzahl der Regulierungen ist, die in ihrer Essenz allerdings immer noch dem Dogma gut funktionierender Märkte anhaften. Ein wenig Kosmetik bei den Kapitalanforderungen hier und bei der Aufsicht des Finanzsektors da. Doch wie Beckert ebenfalls darlegte, werden sogar diese kosmetischen Maßnahmen derzeit von allen Seiten attackiert.

Selbst wenn die Krise dazu führte, dass nun über bestimmte Dinge gesprochen werden „darf“, zeigt die Debatte, dass grundsätzlich immer noch geglaubt wird, dass Markt und Wettbewerb die besten Resultate hervorbringen können. Auch im Umgang mit in Schwierigkeit geratenen Banken wird so argumentiert, wobei die moralische Keule natürlich nicht fehlen darf (hier). All dies führt dazu, dass sich – systemisch gesehen – absolut nichts verändert hat. Das Finanzsystem selbst ist weiterhin auf Kurzfristigkeit getrimmt, Staaten werden zum weiteren Sozialabbau „getrieben“, und ein Frontalangriff gegen jegliche Spekulation ist weiterhin nirgendwo in Sicht.

An der Wall Street wird das natürlich gefeiert. Die Gewinne der Banken jagen mittlerweile wieder von einem Rekordprofit zum nächsten, zuletzt mit einem Überschuss von mehr als 60 Milliarden US-Dollar für das zweite Quartal (hier), was einem Anstieg von 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht (der allerdings auch von geringeren Steuern profitierte). Ist es also alles in allem wieder eine heile Welt in der Finanzbranche?

2008 – Das Drama nimmt seinen Lauf

Dass diese „heile Welt“ so schnell wiederhergestellt würde, war vor 10 Jahren nicht wirklich absehbar. Es ging im Herbst 2008 in erster Linie darum, die Weltwirtschaft vor dem totalen Kollaps zu bewahren. Nachdem bereits im Sommer 2007 erste Banken, die in den Subprime Mortgage Geschäften mächtig involviert waren, Probleme bekamen – allen voran die BNP Paribas und Northern Rock – folgten im Jahr 2008 eine weitere Reihe von Konsolidierungen und Bailouts. Countrywide wurde im Januar 2008 von der Bank of America gekauft, im März orchestrierte die amerikanische Regierung die JP Morgans Akquisition von der kollabierenden Investmentbank Bear Stearns, indem sie den Wert von insgesamt 30 Milliarden USD toxischer Papiere garantierte. Und im Sommer folgte dann die Übernahme von Fannie Mae and Freddie Mac für insgesamt 187.5 Milliarden US-Dollar. Als die Märkte sich gegen Lehman wandten, wollte der damalige Finanzminister Hank Paulson nicht länger „Mr. Bailout“ spielen und forderte eine private Lösung.

Am Wochenende des 13. und 14. September ereigneten sich in der New Yorker Federal Reserve dramatische Szenen. Alles was Rang und Namen hatte wurde dazu aufgerufen, an der Rettung von Lehman Brothers zu arbeiten. Nachdem Barclays jedoch am Samstag (13.09.) von einem Kauf von Lehman Brothers absah (wofür Hank Paulson die britische Financial Services Authority (FSA) und die UK Treasury verantwortlich macht, die Briten jedoch die Schuld bei der Fed sehen, die keine Garantien für Lehmans Verbindlichkeiten bis zur Abwicklung des Geschäfts geben wollte), und John Thain (Merrill Lynch) die Gunst der Stunde nutzte, um eine eigene Rettung durch die Bank of America einzufädeln (Merrill Lynch wäre die nächste Bank gewesen, die nach einer Rettung von Lehman einen Käufer beziehungsweise einen Bailout gebraucht hätte), war das Schicksal der prestigeträchtigen Bank besiegelt. Lehman Brothers meldete am 15.09.2008 Insolvenz an und schickte damit das Finanzsystem gen Abgrund.

745 Seventh Avenue in New York – 10 Jahre nach dem Beben

Eine Mischung aus beruflichen und privaten Gründen hat mich zu dieser Zeit eher zufällig nach New York verschlagen. Am 15. September 2018, genau 10 Jahre später, stehe ich an der 745 Seventh Avenue in New York, dem ehemaligen Hauptquartier der Investmentbank. Was spürt man von den Ereignissen, die sich hier vor einem Jahrzehnt abspielten?

Das ehemalige Hauptquartier von Lehman Brothers befindet sich in Midtown Manhattan, einen Steinwurf vom Time Square entfernt. Zur Wall Street, die sich im Finanzdistrikt in Lower Manhattan findet, sind es circa 7 Kilometer. Das Hauptgebäude der Bank sieht genauso aus wie vor 10 Jahren, nur dass der Schriftzug „Barclays“ jetzt die Fassade schmückt. Nachdem Lehman pleite gegangen war, sicherte sich die britische Bank, die kurz davor war, Lehman vor dem Bankrott zu retten, für 1,75 Milliarden US-Dollar das Kerngeschäft der Bank und zahlte zusätzlich 1,5 Milliarden US-Dollar für das Hauptquartier.

In gewisser Weise symbolisiert dies ideal, was sich seit der Finanzkrise geändert hat: oberflächlich betrachtet wurde einiges getan, inhaltlich beziehungsweise systemisch gesehen allerdings absolut nichts. Auch das Wetter an diesem Tag spiegelt die Situation an den Finanzmärkten wider. Während es die letzten Tage über regnerisch und windig war, scheint heute die Sonne und die Temperaturen in Manhattan laufen heiß. Als die Regierungen weltweit den Finanzsektor stabilisierten, kehrten die Banken, die ihre Macht deutlich ausbauen konnten, wieder zum alten Spiel zurück – mit den ersten Rekord-Boni bereits 2009. Der ekelhafte Gestank, der so typisch für die Straßen Manhattans ist, komplettiert dieses metaphorische Bild zum zehnjährigen Jubiläum fast bis zur Perfektion.

Erstaunlich viele New Yorker sind am Morgen des 15.9. speziell zu diesem Anlass zur 745 Seventh Avenue gekommen und beäugen erinnerungsvoll die Fassade des einstigen Hauptquartiers von Lehman Brothers. Einige erzählen mir, wie sehr sie die Bilder noch vor ihrem geistigen Auge hätten: Journalisten und Pressewagen säumten die Gegend, überall stürzten sich Journalisten auf die entlassenen Mitarbeiter, um möglichst dramatische und emotionale Stimmen zu erhalten. Und viele der Menschen, die mit ihren Boxen das Gebäude verließen, waren sehr jung und schienen der Verzweiflung nahe. Der Traum vom schnellen großen Geld war geplatzt. Die meisten drücken eine gewisse Empathie mit den Menschen aus, da sie glauben, es wäre die Schuld der ranghöheren Mitarbeiter gewesen, dass der Finanzsektor so ausuferte.

Ein weiteres wiederkehrendes Thema der Gespräche an diesem Morgen ist die Panik, die die Lehman Pleite über den Finanzsektor hinaus verursachte. Es scheint, dass das Bewusstsein über das, was da auf die Menschen zukommen könnte, in New York deutlich stärker ausgeprägt war, als in anderen Gegenden der USA, wo man eher glaubte, dass man Banken einfach pleite gehen lassen könnte – wie es in ganz normalen Märkten eben üblich ist. Ein Mitarbeiter der New Yorker Stadtadministration erzählt mir, wie sehr im Büro damals jeder begann, um seinen Arbeitsplatz zu bangen. Man glaubte, dass viele Stellen im öffentlichen Bereich gekürzt werden würden, sollte die Wirtschaft kollabieren (was in seiner Abteilung letztendlich aber nicht der Fall war).

Neben den New Yorkern, die da waren, um sich an die Geschehnisse vom 15. September 2008 zu erinnern, habe ich auch einige Journalisten erwartet. Doch den ganzen Morgen über ist, soweit ich sehen kann, niemand von der Presse hier. Auch die Touristen laufen in Scharen vom Central Park zum Time Square, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, was hier vor genau 10 Jahren passiert ist.

Vielen der New Yorker fällt es schwer zu begreifen, wie schnell man ein so bedeutendes Ereignis vergessen kann. Das gilt zum einen für die Massen, die vom Starbucks zum Time Square und dem nächsten Selfie pilgern, doch mehr noch für die derzeitige Administration in Washington. Die Enttäuschung richtet sich in größerem Ausmaß gegen die Maßnahmen zur Aufweichung der Regulierungen des Finanzsektors, die nach 2008 getroffen wurden (selbst wenn diese Regulierungen – und darüber bestand weitläufige Einigkeit – komplett unzureichend waren).

Auch wenn die Zentralbanken (vor allem die Fed) massiv in den Finanzmarkt eingriffen und so einen totalen Zusammenbruch verhinderten, lässt es sich nicht von der Hand weisen, dass Menschen generell dazu neigen, die Lehren aus so bedeutenden Ereignissen wie der Finanzkrise zu vergessen. Wen wundert es dann noch, dass sich fundamentale Fehler wiederholen? Und inwiefern kann man tatsächlich noch von „rational handelnden“ Individuen sprechen? Der 15. September müsste ein Tag sein, an dem man über solche Fragen nachdenkt.

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