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Konjunktur | 21.09.2018 (editiert am 25.09.2018)

Die deutsche und europäische Konjunktur zur Mitte 2018 – 3

Mitte des Jahres 2018 kann die europäische Wirtschaftspolitik eigentlich nicht mehr in Abrede stellen, dass die Lage bedrohlich ist. Doch man schweigt und versucht, die Schwäche auszusitzen.

Die Bauproduktion in der EWU war im Juli, wie auch schon in den Vormonaten, leicht aufwärtsgerichtet. Das lag in erster Linie an der Entwicklung in Deutschland, wo es nach einem Rückschlag zur Jahreswende klar aufwärts geht (Abbildung 1). In Frankreich ist dagegen weiterhin Stagnation auf sehr niedrigem Niveau zu verzeichnen.

Abbildung 1

Abbildung 1

Noch schlechter ist die Lage in Südeuropa, wo sich auch zehn Jahre nach dem großen Einbruch absolut keine Dynamik in der Bauwirtschaft zeigt (Abbildung 2). Dass dies bei Nullzinsen passiert, belegt besser als die meisten Indikatoren, dass von einer Rückkehr zur Normalität noch lange nicht die Rede sein kann; die Krise des Euroraumes ist so akut wie eh und je.

Abbildung 2

In einigen mittel- und osteuropäischen Ländern gibt es dagegen einen kräftigen Aufschwung in der Bauwirtschaft (Abbildung 3). Das gilt vor allem für Ungarn, wo trotz gewaltiger Schwankungen ein Produktionsrekord nach dem anderen verzeichnet wird. Aber auch in Polen geht es klar nach oben, wenngleich das Niveau jetzt nur genau so hoch wie 2012 ist. Auch in Tschechien geht es von niedrigem Niveau aus allmählich in Richtung Aufschwung. Bulgarien bleibt dagegen schwach.

Abbildung 3

In den kleineren nördliche Industrieländer sind die Entwicklungen sehr unterschiedlich (Abbildung 4). In Schweden stagniert die Bauproduktion unter großen Schwankungen seit einem Jahr und auch in Dänemark scheint der große Schwung vorbei zu sein. Österreich erlebt dagegen einen kräftigen Aufschwung, während Belgien seit zehn Jahren stagniert.

Abbildung 4

Beim Umsatz des Einzelhandels ging es im Juli in der EWU leicht abwärts, obwohl sich das für diesen Bereich wichtigste Land, Frankreich, wieder etwas erholt hat und zuletzt leichte Zunahmen verzeichnet (Abbildung 5). Das korrespondiert mit einer besseren Einkommensentwicklung im Zeiten Quartal, auf die wir am Ende des Beitrags noch eingehen. Dagegen ist die Dynamik in Deutschland verschwunden; seit einem Jahr bewegen sich die Umsätze in Deutschland praktisch nicht von der Stelle. Wie dabei ein ums andere Mal bei der Veröffentlichung der BIP-Daten behauptet werden kann, in Deutschland sei der Konsum eine tragende Säule des Wachstums, bleibt uns ein Rätsel. Italien zeigt gerade hier wie groß die Krise des Landes wirklich ist. ist

Abbildung 5

Im restlichen Südeuropa sieht es nicht viel besser aus: Spanien und Griechenland bewegen sich überhaupt nicht und Portugal stagniert zuletzt auch wieder (Abbildung 6).

Abbildung 6

In Sachen Arbeitslosigkeit bleibt es bei dem tristen Bild der letzten Jahre (Abbildung 7). Frankreich und Italien kommen bei einem noch immer sehr hohen Niveau kaum voran, die EWU insgesamt liegt auf dem Niveau von 2009 und nur Deutschland steht besser da, obwohl auch hier die Fortschritte zuletzt immer kleiner geworden sind.

Abbildung 7

Bei der Preisentwicklung (Abbildungen 8 und 9) ist ein neuer exogener Schub zu beobachten, der in erster Linie von den Ölpreisen kommt. In fast allen Ländern haben die Erzeugerpreise angezogen und ziehen die Verbraucherpreisentwicklung nach. Daher ist die Zielinflationsrate inzwischen auch für die EWU insgesamt erreicht. Das aber sind nur temporäre Faktoren, die eigentlich nicht berücksichtigt werden sollten. Die Kerninflation liegt zuletzt noch immer bei nur einem Prozent.

Abbildung 8
Abbildung 9

Wirtschaftspolitik

Bemerkenswert sind weiterhin in Europa und in der EWU die enormen Unterschiede in der Preis- und Kostenentwicklung. Gerade von Eurostat veröffentliche Daten für das zweite Quartal deuten darauf hin, dass sich die erstaunliche und letztlich nicht zu rechtfertigende Auseinanderentwicklung der Arbeitskosten fortsetzt. Das schafft, worauf wir schon öfter hingewiesen haben, erheblichen Sprengstoff für die nächsten Jahre.

Wie die Originalabbildung von Eurostat zeigt (Abbildung 10) gibt es eine nicht unerheblich Reihe von Ländern, in denen die Arbeitskosten im zweiten Quartal nahe der Zehn-Prozent-Marke oder darüber gestiegen sind. Rumänien ist der Spitzenreiter mit über 15 Prozent. Auch Lettland, Litauen und Kroatien liegen extrem hoch angesichts der Tatsache, dass diese Länder feste Wechselkurse zum Euro haben (und auch um fast jeden Preis behalten wollen) bzw. Euro-Mitglieder sind. Nirgendwo gibt es Zuwachsraten bei der Produktivität, die so hohe Nominallohnsteigerungen (ein schließlich der Lohnnebenkosten) rechtfertigen würden. Folglich verlieren alle diese Länder massiv an Wettbewerbsfähigkeit, was sich früher oder später in einer neuen Krise zeigen wird.

Noch steigen in all diesen Ländern die Preise nur wenig, was bedeutet, dass die Reallöhne deutlich zunehmen und die Unternehmen Gewinneinbußen hinnehmen müssen. Einerseits ist das für die Binnenkonjunktur gut, aber andererseits muss man damit rechnen, dass die Preise von den Unternehmen nicht beliebig gehalten werden, so dass die preisliche Wettbewerbsfähigkeit unmittelbar und nicht nur die Gewinnsituation der Unternehmen leidet.

Abbildung 10

Interessant zu sehen ist, dass die baltischen EWU-Mitglieder, anders als vor 2008 (als alle feste Wechselkurse zum Euro hatten), diesmal eine gespaltene Entwicklung aufweisen. Während in Litauen und Lettland die Arbeitskosten kräftig zulegen, liegt Estland diesmal nur im Mittelfeld mit einem Anstieg von unter fünf Prozent. Offenbar hat man dort verstanden, dass die Mitgliedschaft in der EWU bedeutet, dass die Lohnstückkosten nicht aus dem Ruder laufen dürfen. Andererseits ist es mehr als erstaunlich, dass die EU-Kommission in den von ihr vorgelegten Papieren nicht klarer und deutlicher auf diese Problematik hinweist.

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