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Kommentar | 20.09.2018

Die postmaterialistische Studie, von der alle sprechen

Die Linken streiten sich auch um dies: Entspringt der Rechtsruck dem rassistischen Charakter der Leute? Oder existiert er bloß, weil sie sich sozial abgehängt fühlen? Eine gern zitierte Studie meint ersteres – und erklärt nichts.

Nicht erst seit Chemnitz fragt man sich, woher diese Wut kommt. Nicht erst seit Chemnitz verweist ein Teil der Linken auf den Sozialabbau, den viele Menschen im Lande als persönliche Beleidigung aufgefasst haben und der sie zu Abstiegsverängstigen machte. Ein anderer Teil der Linken meint, dass das alles kaum etwas damit zu tun habe, ob denn jemand abgehängt ist oder sich wenigstens vor einem Abstieg fürchtet.

Und zuletzt nicht erst seit Chemnitz weist die letztgenannte Gruppe von Linken die anderen ihrer Art auf eine Studie hin, die angeblich ihre These konkretisiert, erklärt und verifiziert. »Kennst du etwa die DIW-Studie nicht?« fragen sie dann ungläubig – und prompt soll mit diesem Hinweis die Gegenthese vom Sozialabbau kassiert sein.

AfD-Wähler essen gerne Fleisch

Die im Hause des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) erschienene Studie von Martin Schröder soll als Thesenretter wirken. Sie fackelt jedenfalls nicht lange, nennt sich »AfD-Unterstützer sind nicht abgehängt, sondern ausländerfeindlich« und macht damit gleich klar, wohin sie führen möchte. Das ist auch dringend notwendig, denn die Arbeit ist eine recht trockene, soziologisch-knifflige Zahlenarithmetik, die am Ende als Beweis für die These bivariate Analysen vorlegt, die aufzeigen, »wie die Kontroll- und Deprivationsvariablen die Chance beeinflussen, die AfD zu unterstützen.« Hierzu wurden »logistische Regressionen mit robusten Standardfehlern und den Querschnittsgewichten des SOEP« genutzt. Sprich: Man hat sachbezogene Fragen und weniger die Politik betreffende Fragen gestellt und diese dann mit der These, der Aufstieg der AfD sei ein Produkt der Verdrossenheit abgehängter Bürger, verglichen.

Zweifel dürfen da freilich gehegt werden, ob all jene, die die Studie als Beleg anführen, auch so ganz genau wissen, wie sie ihr Ergebnis erhob. Üblicherweise sind Linke stets kritisch, wenn Studien öffentlich besprochen werden. Man weiß ja eigentlich, dass Studien nie ganz objektiv sind – sie werden von jemanden bestellt und bezahlt, können also nicht ganz im luftleeren Raum mit akuter Ergebnisoffenheit ans Werk gehen. So kann man dort beispielsweise auch das lesen: »Menschen, die eine Standardabweichung öfter Fleisch essen, haben eine um 61 Prozent erhöhte Chance haben, die AfD zu unterstützen« (Grammatikfehler im Original). Wäre es da nicht berechtigt, einfach mal über Sinn und Unsinn der Erhebung wenigstens leise zu zweifeln?

Leider hat die DIW-Studie von solch kritischem Eifer aber nichts abbekommen. Sie gilt als ausgemachte Sache. Die linke Ex-Bundestagsabgeordnete Halina Wawzyniak ist hierbei exemplarisch. Sie hat Zahlen und Befund ohne einen Hauch von Kritik auf ihrem Blog übernommen. Sie sieht mit der Studie ihre eigene Erfahrung bestätigt, merkt sie an.

Wie kann man Sozialist sein, wenn man das Soziale ausklammert?

Auch wenn Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung im Vorwort der Studie darlegt, dass sie die Meinung des Autors vertritt und nicht die des Insituts, könnte man es schon mal kritisch beleuchten – schließlich bietet es die Studie auf der eigenen Website an. Insbesondere als Linker. Denn es hat sich stark für die Agenda 2010 eingesetzt – das ging so weit, dass man seinerzeit kritische Ökonomen vor die Tür setzte. Sicher, seitdem Klaus Zimmermann dem DIW nicht mehr vorsitzt, hat man sich etwas gemäßigt und sogar zuweilen Hartz IV kritisiert. Dennoch bemängelte man die Einführung des Mindestlohns oder hat ganz libertär die günstige und sparsame Finanzierung eines Grundeinkommens gelobt. Immerhin hat man die Reichensteuer nicht als völligen Schwachsinn hingestellt, wie viele andere Institute. Eine schrittweise und zaghafte Umsetzung wäre laut DIW denkbar.

Die Studie fand dann Niederschlag in vielen Medien. Man berichtete rege, endlich hatte man Zahlen, die klarmachten, dass die soziale Situation kein Indikator für den gesellschaftlichen Rechtsruck ist. Es bot sich also an, sie nicht zu sehr zu hinterfragen, denn sie flankierte im Grunde die Politik des Weiter so! – wenn die Sparpolitik kein Grund ist, kann man ja auch weitersparen. Wer will schon gerne Neonazis finanzieren?

Natürlich gibt es mehrere Faktoren für den AfD-Erfolg. Eine große Säule sind die Wähler aus der Schicht der Arbeitslosen und jenen, die im Niedriglohnsektor ihren Lebensunterhalt verdienen. Viele haben die Arroganz der etablierten Parteien satt. Und eine ganze Reihe von Wählern haben Angst vor einem sozialen Abstieg. Sie fühlen ihn also schon – über Gefühltes hat die Studie von Martin Schröder jedoch nichts gesagt.

Wawzyniak sah sich, wie viele Linke, darin bestätigt, »dass es keinen Automatismus aus sozialer Ausgrenzung/eigener ökonomisch schlechter Lage und der Wahl rechter Parteien gibt«. Automatismus sicher nicht. Aber durchaus Kausalität. Eine schlechte soziale Stellung erleichtert es dem Rechtspopulismus. Das Sein formt das Bewusstsein – seit bald 200 Jahren ist das eine der großen Ansichten der Linken. Wie kann man eigentlich Sozialist sein, wenn man das Soziale als Antrieb so kategorisch ausschließt? Das ist postmaterialistisch – aber die Zeiten der Verteilung von Wohlstand, sprich die Ära des Materialismus, ist noch nicht vorbei.

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