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Amerika | 27.09.2018 (editiert am 05.12.2018)

US-Konjunktur: Euphorie und Risiken eskalieren

Amerikas Wirtschaft wächst weiter. Viele Beobachter setzen auf einen endlosen Boom. Doch nicht nur die finanzielle Lage vieler amerikanischer Haushalte ist angespannt. Beunruhigend ist auch die Verschuldungslage im US-Unternehmenssektor. Die macht sie für Finanzschocks verwundbar.

Amerikas Wirtschaft ist im zweiten Quartal dieses Jahres mit gut vier Prozent (Jahresrate) gewachsen. Im Frühjahr hat also eine deutliche Wachstumsbeschleunigung im Vergleich zu den Quartalen zuvor stattgefunden. Das recht schwache erste Quartal war anscheinend nur ein kurzzeitiges Phänomen, ein „blip“. Die bis dahin in der Tendenz eher nachlassende Dynamik hat sich jedenfalls kurzfristig nochmals umgekehrt.

Die Betonung liegt allerdings auf kurzfristig. Amerikas Wirtschaft befindet sich in der Spätphase eines mittlerweile sehr langen Konjunkturaufschwungs. Sowohl binnenwirtschaftlich als auch weltwirtschaftlich sind zunehmende Widersprüche und Spannungen auszumachen. Die damit verbundenen Risiken scheinen zu eskalieren. Die Aussichten auf einen guten Ausgang der laufenden Entwicklungen nehmen entsprechend weiter ab. Ihre genaue Form ist zwar noch nicht klar auszumachen, und auch der Auslöser bleibt ungewiss, aber die nächste Krise steht vor der Tür. Der Euphorie vieler Beobachter steht das allerdings nicht im Wege.

Das Bureau of Economic Analysis hat Ende August die zweite Schätzung für das US-Bruttoinlandsprodukt (BIP) im zweiten Quartal veröffentlicht, zusammen mit Revisionen früherer Jahre, auf die ich weiter unten etwas näher eingehen werde.

Wachstum von gut 4 Prozent im zweiten Quartal klingt zunächst einmal fast nach Boom. Und Präsident Donald Trump verkündete auch prompt, dass die US-Wirtschaft so gut laufen würde wie noch nie zuvor – weil unter seiner Präsidentschaft nach eigener Wahrnehmung halt alles besser sei als je zuvor. Amerika ist endlich wieder großartig und wächst auch großartig. Alles ist also „bigly“ wunderbar.

Die Lügenlawine, die vom Weißen Haus beständig in die amerikanische Öffentlichkeit hinausposaunt wird, ist auch im zweiten Jahr der Präsidentschaft Donald Trumps weder amüsanter noch erträglicher geworden. Die Realität im Amerika Trumps bleibt allerdings sehr viel gemischter, und mit der Euphorie mancher Zeitgenossen eskalieren auch die Risiken für die weitere Entwicklung.

Wachstumsbeiträge unterschiedlicher BIP-Komponenten

Der Blick auf die einzelnen Ausgabenkomponenten zeigt, dass insbesondere der Einbruch des privaten Konsums im ersten Quartal nur ein „blip“ war. Im zweiten Quartal lieferte der private Konsum, wie gewöhnlich, wieder den Bärenanteil des Wachstums.

Speziell die Ausgaben für dauerhafte Konsumgüter, die im 1. Quartal mit zwei Prozent (Jahresrate im Vergleich zum Vorquartal) geschrumpft waren, legten im 2. Quartal mit 8,6 Prozent wieder kräftig zu. Auch die Ausgaben für nicht dauerhafte Güter und für Dienstleistungen wuchsen mit 3,7 beziehungsweise gut drei Prozent. Insgesamt trug der private Konsum so 2,5 Prozentpunkte zum BIP-Wachstum bei.

Bei den privaten Anlageinvestitionen, die im 1. Quartal die wichtigste Wachstumsstütze waren, gab es im 2. Quartal dagegen sowohl Licht als auch Schatten. Insgesamt trugen sie im 2. Quartal aber noch gut einen Prozentpunkt – nach gut 1,3 Prozentpunkten im 1. Quartal – zum Wachstum bei.

Insbesondere im Wirtschaftsbau setzte sich die starke Entwicklung des Vorquartals fort: es wurden gut 13 Prozent Wachstum (Jahresrate) verbucht. Ähnlich stark war auch das Wachstum der Investitionen in intellektuelle Eigentumsprodukte, die mit 11 Prozent, nach 14 Prozent im 1. Quartal, zulegten. Bei den Ausrüstungsinvestitionen, die in den fünf Quartalen zuvor mit knapp 10 Prozent Wachstumsrate zugelegt hatten, halbierte sich das Wachstum im zweiten Quartal dagegen auf nur noch 4,4 Prozent. Im Wohnungsbau war die Entwicklung auch im zweiten Quartal erneut rückläufig. Allerdings verlangsamte sich das Schrumpfungstempo von -3,4 Prozent im ersten Quartal auf -1,6 Prozent im zweiten.

Beträchtlichen Einfluss auf das BIP-Wachstum im 2. Quartal hatten wiederum die Lagerinvestitionen und Nettoexporte, wobei sich deren Wachstumsbeiträge allerdings gegenseitig nahezu aufhoben. Die Nettoexporte stärkten das Wachstum ungewöhnlich stark um knapp 1,2 Prozentpunkte, während die Lagerinvestitionen das Wachstum um knapp einen Prozentpunkt drosselten.

Im ersten Quartal hatten die Lagerinvestitionen mit knapp 0,3 Prozentpunkten unterstützt; die Lager waren aufgestockt worden. Im zweiten Quartal drosselte der Lagerabbau das Wachstum dagegen deutlich. Schwankungen dieser Größenordnung sind nicht ungewöhnlich. Im 3. Quartal ist eine Gegenbewegung wahrscheinlich, die das Wachstum dann erneut unterstützen würde. (Anmerkung: Lageraufbau aus der laufenden Produktion, die die Verkäufe an Endverbraucher übersteigen, erhöhen das BIP-Wachstum im laufenden Quartal. Stammen Produktverkäufe dagegen aus dem Lagerabbau statt aus der laufenden Produktion, so reduziert dies das BIP-Wachstum im laufenden Quartal entsprechend.)

Die Entwicklung im US-Außenhandel war von einem gewichtigen Sonderfaktor geprägt, der im zweiten Quartal den Export antrieb. Das Gesamtbild ist aber wieder eher grau bis trüb (speziell, wenn man jüngste Entwicklungen an der Handelskriegsfront berücksichtigt). So sind die Importe von sowohl Gütern als auch Dienstleistungen im zweiten Quartal sogar leicht gesunken, und auch die Dienstleistungsexporte wuchsen nur schwach mit 1,6 Prozent. Alleiniger Wachstumsmotor waren die Güterexporte, die mit einer Jahresrate von 13 Prozent wuchsen. Wachsende Exporte liefern einen positiven Wachstumsbeitrag, leicht schrumpfende Importe ebenfalls. Insgesamt lieferten die Nettoexporte so einen beträchtlichen Wachstumsbeitrag im Frühjahrsquartal.

Der Blick ins Detail offenbart allerdings, dass dahinter insbesondere boomende Sojabohnenexporte nach China standen. In Reaktion auf die erste Runde Trump’scher Zölle auf Importe aus China hatte China im Gegenzug Zölle auf bestimmte US-Produkte verhängt, darunter Sojabohnen, die ein sehr wichtiges US Exportprodukt sind. Chinesische Importeure hatten daher im Frühjahr noch gewaltige Anstrengungen unternommen, vor Inkrafttreten dieser Importzölle ihre Lager aufzufüllen. Der Wachstumsimpuls dieses Faktors betrug rund 0,7 Prozentpunkte. Hierbei wird es sich also wirklich nur um einen „blip“ handeln. Zukünftig wird der von Präsident Trump angezettelte „Handelskrieg“ Amerikas Exporte von Sojabohnen und anderen Produkten, abgesehen von Vorwegnahmeeffekten wie diesem, aber wohl kaum beflügeln.

In Amerikas Landwirtschaft hat sich mittlerweile auch gewisse Unmut in Hinblick auf die weiteren Aussichten verbreitet. Preise und Einkommen, insbesondere von kleineren Betrieben, stehen unter Druck. So hat die Trump Regierung auch in diese Richtung, von der man sich weiterhin wichtige politische Unterstützung erhofft, mit Geld geworfen. Landwirtschaftliche Hilfen sollen den heimischen Schaden der Handelspolitik kompensieren helfen.

Denn um die Finanzlage im Bundeshaushalt macht sich die republikanische Kongressmehrheit seit der Präsidentschaft Donald Trumps ja keinerlei Sorgen mehr. Unter dem demokratischen Präsidenten Obama hatten die Republikaner ab 2011 bis 2014 strikte Haushaltsdisziplin und Sparpolitik erzwungen. Das geschah viel zu früh und hat die Erholung von der Krise damals untergraben. In der vollbeschäftigten Volkswirtschaft von heute gilt es dagegen, den Haushalt mit allen Mitteln zu sprengen – um dann im nächsten Schritt aufgrund absolut unvermeidbarer Sparzwänge die Sozialausgaben zu kürzen und Budgets wichtiger staatlicher Behörden weiter zu beschneiden. Die republikanische Ausplünderungspolitik von Land und Gesellschaft schreitet weiter schamlos voran. Diese Politik ist so durchschaubar, wie sie verantwortungslos ist.

Auch der Staat lieferte im zweiten Quartal einen positiven Wachstumsbeitrag von rund 0,4 Prozentpunkten (nach ähnlich hohen Wachstumsbeiträgen in den beiden Quartalen zuvor). Insbesondere die Verteidigungsausgaben der Bundesregierung waren hierfür verantwortlich. Sie legten mit 6 Prozent Jahresrate zu. Einen positiven Wachstumsbeitrag von knapp 0,2 Prozentpunkten lieferten aber auch die unteren Staatsebenen, die Bundesstaaten und Gemeinden. Hierzu muss man wissen, dass die Haushaltspolitik der Bundesstaaten und Gemeinden tendenziell prozyklisch verläuft. Für die unteren Staatsebenen gelten in Amerika gemeinhin „goldene Haushaltsregeln“. Sie müssen zum Haushaltsausgleich ihre laufenden Ausgaben durch Steuern decken. Davon ausgeklammert bleiben öffentliche Investitionen, die schuldenfinanziert werden können.

In der Krise und Großen Rezession hatte die Bundesregierung den Bundesstaaten durch Sonderzuschüsse (als Teil des „Obama Fiskalstimulus“) zunächst Luft verschafft und so brachiales Sparen verhindert. Als der Bund dann selbst verfrüht auf Sparpolitik umschwenkte und die Wirtschaftserholung schwächelte, waren auch die Bundesstaaten und Gemeinden finanzpolitisch unter Druck und sparten prozyklisch munter mit. Heute geben sie dafür prozyklisch mehr aus. Das ist, wie gesagt, nicht ungewöhnlich, sondern durch Haushaltsregeln so angelegt. Neu ist allein das prozyklische Verhalten des Bundes. Trump und seine Republikaner pflegen auch in dieser Hinsicht ihre eigene Weisheit, bevorzugen das Experiment.

Abbildung 1: Wachstumsbeiträge zum Vorquartal (in Prozentpunkten)

Abbildung 1 zeigt die Entwicklung ab 2013 bis zum konjunkturellen Rand ausgedrückt in Wachstumsbeiträgen, sie zeigt also, welche BIP-Komponenten jeweils wie stark zum Wachstum beigesteuert haben. Der größte positive Beitrag kam vom privaten Konsum. Auch die Bruttoanlageinvestitionen, der Staat, und die Nettoexporte brachten positive Wachstumsimpulse. Allein der Lagerabbau hat im zweiten Quartal gedrosselt. Insgesamt hat sich das Wachstum im zweiten Quartal also gegenüber dem ersten Quartal in etwa verdoppelt.

Wir wiesen auf den wichtigen Sonderfaktor im Außenhandel hin. Der Staat unterstützte prozyklisch die Konjunktur, nicht nur direkt, etwa durch gesteigerte Militärausgaben, sondern auch indirekt durch Trumps Einkommens- und Unternehmenssteuersenkungen, die in diesem Jahr vermutlich ihre stärkste Wirkung entfalten wird. Im Hinblick auf das gigantische Loch, das hierdurch in den Staatsfinanzen entstanden ist, ist der Konjunktureffekt eher verhalten. Der „bang for the buck“ zeigt sich bei Steuergeschenken an die Reichen und Superreichen halt weniger in der Konjunktur als in den Aktienkursen.

Entwicklung des Wirtschaftswachstums

Auch bei den Wachstumsraten ist gegenüber dem Vorjahresquartal, wie in Abbildung 2 gezeigt, eine weiterhin positive Entwicklung zu erkennen.

Abbildung 2: Wachstum zum Vorjahresquartal (in Prozent)

Beim privaten Konsum ist im 2. Quartal nur eine leichte Beschleunigung auszumachen. Die Ausgaben für dauerhafte Konsumgüter wuchsen zum Vorjahresquartal mit einer Rate von 6,6 Prozent. Auch bei den Investitionen sehen wir eine gute, aber keineswegs rasante Konjunkturentwicklung. Im Wirtschaftsbau und bei den Investitionen in intellektuelle Eigentumsprodukte gab es eine leichte Beschleunigung auf gut 5 Prozent beziehungsweise knapp 7 Prozent. Bei den Ausrüstungsinvestitionen dagegen hat sich das Tempo von zuvor knapp 10 Prozent auf gut 8 Prozent etwas verringert. Der Wohnungsbau stagniert.

Nach dem Einbruch 2015-16 haben die privaten Investitionen seit Ende 2016 eine kräftige Belebung erfahren, die parallel zur Erholung im US-Außenhandel verlief. Während bei den Exporten auch in dieser Betrachtung der oben erwähnte Sonderfaktor zu erkennen ist, scheint die Erholung im Außenhandel ihren Höhepunkt überschritten zu haben. Dasselbe deutet sich auch für die Investitionen an.

Deutlich an Bedeutung gewonnen hat in den letzten Quartalen der Staat, der zuvor lange ein insgesamt eher neutraler Konjunkturfaktor gewesen war. Im Vorjahresvergleich wuchs Amerikas BIP im 2. Quartal so mit einer Jahresrate von 2,9 Prozent (nach 2,6 Prozent im 1. Quartal). Insgesamt ergibt sich in dieser Betrachtung der Eindruck einer weiterhin freundlichen Konjunkturentwicklung, die ihrem Höhepunkt aber recht nahe sein könnte.

Kurzer Blick auf die zweite Jahreshälfte

Für das dritte und vierte Quartal dieses Jahres wird gemeinhin ein Anhalten der freundlichen Konjunkturlage erwartet. Betrachtet man etwa die jüngsten Prognosemodelle – der „GDPNow“ Indikator der Federal Reserve Bank von Atlanta sowie der „Nowcasting Report“ der Federal Reserve von New York –, so zeigt sich folgendes Bild.

Abbildung 3: GDPNow Prognose für das 3. Quartal 2018 (vom 19.09.18)

Laufend aktualisiert und wöchentlich veröffentlicht, verwendet das „GDPNow“ Prognosemodell genau jene Indikatoren der BIP Komponenten, die dann auch jeweils für die offizielle BIP Vorabschätzung des BEA zum Einsatz kommen. Die jüngste Schätzung vom 19. September für das BIP-Wachstum im dritten Quartal 2018 beträgt laut diesem Indikator 4,4 Prozent. Seit der ersten Prognose für das dritte Quartal von Ende Juli lagen die Werte bei rund 4 Prozent. Die letzten Aktualisierungen der Atlanta Fed vor Veröffentlichung der offiziellen Schätzung für das zweite Quartal 2017 hatten übrigens auch um die 4 Prozent gelegen, also nahe den seither veröffentlichten offiziellen Werten.

Abbildung 4: New York Federal Reserve Nowcasting Prognose für das 3. Quartal (21.9.18)

Die New York Fed hatte mit ihren „Nowcasting“ Prognosen für das zweite Quartal von knapp unter 3 Prozent dagegen zu niedrig gelegen. Auch für das dritte Quartal 2018 zeigt die jüngste zurzeit verfügbare Prognose vom 21. September mit nur 2,3 Prozent ein deutlich langsameres Wachstum als das GDP Now Modell an; für das vierte Quartal werden dann von der New York Fed 2,7 Prozent prognostiziert. (Wie in Amerika üblich handelt es sich auch bei den Zahlen dieser beiden Prognosemodelle jeweils um Jahresraten des Wachstums im Vorquartalsvergleich.)

Die Atlanta Fed und New York Fed liegen mit ihren Prognosen zurzeit also recht weit auseinander. Meine eigenen Erwartungen für den weiteren Jahresverlauf liegen dabei eher in der Mitte der durch ihre Prognosen gesteckten Bandbreite. Die gute Arbeitsmarktlage ist eine wichtige Stütze. Das Beschäftigungswachstum hat sich zwar leicht verlangsamt, bleibt aber robust. Die (Headline) Arbeitslosenquote lag im August weiterhin auf dem historisch sehr niedrigen Niveau von 3,9 Prozent.

Und trotzdem deutet sich bei der Lohnentwicklung auch weiterhin eine nur sehr leichte Beschleunigung an. Da sich die Inflation stärker beschleunigt hat, hat sich die Lage des Normalverdieners, der auf von der großen Steuerreform Donald Trumps nur wenig profitierte, unter dem Strich kaum verbessert. Das Konsumentenvertrauen liegt jedenfalls weiterhin auf hohem Niveau, wobei insbesondere republikanische Anhänger sehr optimistisch in die Zukunft blicken. Bei so guter Arbeitsmarktlage und so optimistischen Zukunftsaussichten, sollte das Geld doch locker sitzen und der private Konsum weiterhin die Konjunktur tragen. Grund für Euphorie? Hier sei ein weiterer Punkt genannt.

Die Amerikaner sparen dabei sogar wieder

Abbildung 5: Revision der BIP-Zeitreihen durch das BEA (27.07.18)

Alle fünf Jahre unternimmt das Bureau of Economic Analysis eine gründliche Aktualisierung ihrer BIP-Messungen. Das war in diesem Jahr fällig, und die revidierten Zeitreihen ab 1929 wurden zusammen mit der 1. Schätzung des BIP-Wachstums im 2. Quartal Ende Juli veröffentlicht. Sowohl aktualisierte Datenquellen als auch Verbesserungen in der Methodik sowie Re-Klassifizierungen kamen zum Zuge. Eine Re-Klassifizierung galt den Ausgaben für Forschung und Entwicklung, speziell Ausgaben für Investitionen in Software. Eine weitere betraf Anlageinvestitionen im Zusammenhang mit der Rechnerwolke („Cloud“), was in der modernen digitalen Wirtschaft globale Lieferketten miteinschließt. Was zuvor als Zwischenprodukte galt, wird nunmehr teilweise als Anlageinvestition gewertet. Technologieinvestitionen sollen so besser erfasst werden. Auch die Saisonbereinigungsmethodik wurde weiter verbessert, was auf Quartalszeitreihen einen Einfluss hatte. Insgesamt gab es aber nur minimale Veränderungen der BIP-Jahreswachstumsraten und Inflationsraten (siehe Abbildung 5).

Abbildung 6: Revision der Sparquote

Gravierende Revisionen früherer Berechnungen betrafen dagegen die Entwicklung der verfügbaren Einkommen und der Sparquote. Anlass hierfür war, dass das BEA auf verbesserte Schätzungen der Steuerbehörden zum Ausmaß der Steuerhinterziehung aufbauen konnte. Danach waren speziell kleinere Unternehmen (Einzel- und Personengesellschaften) bei der Einkommenserklärung deutlich weniger ehrlich gewesen als bislang angenommen. Das verfügbare Einkommen der Gesellschaftseigentümer war laut revidierten Zeitreichen insbesondere in den letzten Jahren deutlich höher. Das zuvor nicht erfasste Einkommen wurde zwar nicht ausgegeben, sondern gespart. Aber entsprechend zeigen die revidierten Daten damit eine höhere Sparquote an. Die Amerikaner haben speziell seit der Krise deutlich mehr gespart als bislang angenommen wurde.

Diese Überraschung wurde von vielen Beobachtern prompt als Entwarnung im Hinblick auf Konjunkturrisiken interpretiert. Wenn die Amerikaner heute so viel sparen, wie die revidierten Daten belegen, dann ist ihre finanzielle Lage auch viel entspannter als zuvor befürchtet worden war. Eigentlich steht man hier vor einem neuen Rätsel: Warum sparen die Amerikaner heute so viel, obgleich ihr Vermögen (als Prozent ihres verfügbaren Einkommens) höher ist als je zuvor? Der sogenannte „Vermögenseffekt“ scheint nicht zu wirken. Jedenfalls folgern so manche Beobachter, dass bei so viel „Übersparen“ ja noch reichlich Luft nach unten bestehen würde – der Konsum wird also weiter boomen und die Konjunktur stützen.

Ich teile diese Einschätzung nicht. Ich vermute nach dieser Datenrevision vielmehr, dass auch das Ausmaß der Einkommens- und Vermögensungleichheit in Amerika heute noch viel höher ist als bislang angenommen wurde. Für die große Masse der Normalverdiener bringt diese Revision keinerlei Entspannung ihrer finanziellen Situation. Und die ist meines Erachtens für sehr viele amerikanische Haushalte sehr angespannt. Das hat solange nur begrenzte unmittelbare Folgen, wie die Arbeitsmarktlage gut ist und leichte Verschuldungsmöglichkeiten bestehen. Dennoch bauen sich aus dieser Entwicklung (Hyman Minsky lässt grüßen) schleichend und lange unbemerkt neue Verwundbarkeiten und damit Konjunkturrisiken auf.

Ausblick: Boom oder Krise?

Was die Konjunkturentwicklung der nächsten Jahre angeht, setzten viele Beobachter weiterhin auf endlosen Boom. Donald Trumps grandiose Wirtschaftspolitik wird das Land blühen lassen, Investitionen und Konsum werden nur so sprudeln. Viele Prognosen für die Aktienmarktentwicklung basieren auf diesem „happy go lucky“ Szenario.

Konjunkturwendepunkte und speziell der Ausbruch von Krisen sind zeitlich immer schwer bis unmöglich zu prognostizieren. Aber Risiken kann man aufzeigen. Hier also zum Abschluss eine kurze Liste.

Abbildung 7: Krasse regionale Ungleichheit unter den Gemeinden Amerikas. Quelle: axios.com

Die krasse Ungleichheit in Amerika steht auf meiner Liste ganz oben. Denn daraus begründete Risiken sind heute immer schwerer einzuschätzen. Welche Blüten wird der Rechtspopulismus noch tragen? Werden westliche Demokratien und die internationale Gemeinschaft die aktuelle nationalistisch-rechtspopulistische Welle ohne großen Schaden überstehen? Die Ungleichheit ist nicht nur personell sehr krass, sondern auch regional. Abbildung 7 macht deutlich, dass das im Durchschnitt boomende Amerika eigentlich nur in einigen glücklichen Regionen wirklich boomt. Dort entsteht die Masse der Jobs. Dort werden die hohen Einkommen verdient. Viele andere Regionen fallen dagegen immer weiter zurück. Für die Menschen dort herrscht Hoffnungslosigkeit – oder sie erblicken Hoffnung in einem Führer wie Donald Trump. Sollte die republikanische Kongressmehrheit bei den anstehenden „Midterm“ Wahlen im November nicht gebrochen werden, sehe ich die Chancen für einen nichtkatastrophalen Ausgang der laufenden Entwicklungen auf null sinken.

Nicht nur die finanzielle Lage vieler amerikanischer Haushalte ist angespannt. Beunruhigend ist auch die Verschuldungslage im US-Unternehmenssektor. Die hohe Verschuldung macht viele Unternehmen gegenüber steigenden Zinsen und Finanzschocks verwundbar.

Und die Zinsen steigen weiter. Noch in diesem Jahr sind zwei weitere Zinserhöhungen der Federal Reserve absehbar. Weitere sind im nächsten Jahr geplant. Die Normalisierung der US-Geldpolitik ist durch die chaotische Wirtschaftspolitik der Trump Regierung zu einem Drahtseilakt ohne Netz geworden. Dabei geht es nicht allein um nationale Verwundbarkeiten und Politikkonflikte, sondern auch um internationale. Die geldpolitische Straffung der Federal Reserve entfaltet ihre Wirkung auch und insbesondere auf den internationalen Finanzmärkten. Die Währungen vieler Entwicklungs- und Schwellenländer haben bereits deutlich abgewertet. Da insbesondere viele Unternehmen dieser Länder seit der Krise sehr hohe US-Dollarschulden aufgenommen haben, droht auch hier zunehmender Stress.

Der eskalierende Konflikt zwischen Amerika und China ist die Krönung der wackeligen Angelegenheit. Und dass die Euro-Währungsunion weiterhin eine tickende Zeitbombe bleibt, die zurzeit in Italien am lautesten tickt, aber auch in Frankreich neues Ungemach droht, das erwähne ich hier nur am Rande. Unbekümmerte Euphorie muss der Gesundheit nicht zwingend nützen.

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