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Theorie | 25.09.2018

Warum ich kein Keynesianer mehr sein kann (und will)

Der „Keynesianismus“ hat sich durch ungeeignete Methoden und falsche Zugeständnisse so unglaubwürdig gemacht, dass man sich distanzieren muss, um nicht für falsche Modelle und für unsinnige Aussagen verantwortlich gemacht zu werden.

Am Wochenende war ich in London zu einer Konferenz (hier die Ankündigung auf facebook) eingeladen, bei der sich zumeist linke beziehungsweise keynesianisch ausgerichtete Ökonomen trafen, um über die Ursachen der Eurokrise und des Brexits zu diskutieren. Ich konnte nicht die ganze Konferenz über anwesend sein, aber die Vorträge, die ich am Samstagvormittag gehört habe, zeigten ganz deutlich, wo die Probleme liegen.

Der Keynesianismus hat in der Form, in der er an den Universitäten betrieben wird (also überwiegend nicht in Deutschland, sondern im Ausland), keine Chance, jemals zu einer wirklichen, auch politisch verwertbaren Alternative des neoklassischen Paradigmas zu werden. Nimmt man das, was im überwiegend akademischen Bereich geschieht, etwas genauer unter die Lupe, kann man sich leider nur distanzieren.

Die Probleme des sogenannten Keynesianismus (ob Post-Keynesianismus, Neuer Keynesianismus oder eine andere Variante ist hier nicht von Belang) beginnen mit einem methodischen Irrtum. Man versucht nämlich, sich dadurch zu einer Wissenschaft und zu einer Alternative zur Neoklassik zu machen, dass man ein möglichst einheitliches Modell der Wirtschaft zu bauen anstrebt, mit dem man die Entwicklung der Wirtschaft vorhersagen oder doch zumindest gut nachvollziehen kann.

Das ist in der Auseinandersetzung mit der Neoklassik schon deswegen von vorneherein zum Scheitern verurteilt, weil die Neoklassik die Erklärung des konkreten Verlaufs der Wirtschaft gar nicht auf ihrer Agenda hat. Es ist aber vor allem deswegen sinnlos, weil es die stabilen Beziehungen, die man für ein solches Modell braucht, im Zeitverlauf in einer komplexen ökonomischen Welt mit einem großen und einflussreichen Staat einfach nicht geben kann.

Die Neoklassik ist ein Kunstprodukt, keine Wissenschaft

Die Neoklassik ist, wie wir auf Makroskop schon oft gezeigt haben, ein reines Kunstprodukt, das seine Berechtigung nicht aus der konkreten Vorhersage der wirtschaftlichen Entwicklung zieht, sondern aus der Schaffung eines Rasters (oder eines Musters), das in einem vollständig stationären, vollständig zeitlosen und somit vollständig weltfremden Modell einen Mechanismus beschreibt – den Preismechanismus nämlich – der nach einer Störung dazu tendiert, dieses Modell wieder in den Ausgangszustand zurückzuführen. Das ist das Gleichgewichtsmodell, in dem alle wichtigen Größen der Volkswirtschaft von flexiblen Preisen gesteuert werden.

Dieser Kunstlehre muss man von vorneherein jede Berechtigung absprechen, sich prognostisch oder wirtschaftspolitisch zu äußern, indem man zeigt, dass ihre Annahmen und Aussagen in einer sich dynamisch, was heißt, in einer konkreten Zeit sich entwickelnden Wirtschaft niemals zutreffen. Das klassische Beispiel ist die immer wieder von uns zurückgewiesene These, es gebe einen Marktpreis, der Sparen und Investieren ohne massive Störungen bei der Entwicklung von Produktion und Einkommen zum Ausgleich bringt. Auch die Vorstellung von einem „Arbeitsmarkt“, an dem der Reallohn Angebot und Nachfrage zum Ausgleich bringt, muss man vollständig zurückweisen, weil es unabhängige Angebots- und Nachfragekurven auf der Ebene der Gesamtwirtschaft gar nicht geben kann.

Der Keynesianismus darf die Neoklassik nicht kopieren

Wer nun aber die Zurückweisung der Neoklassik in der Weise vornimmt, dass er sagt, ich baue einfach ein Modell, mit dem ich zeige, dass es nicht nur der Zins ist, der über steigende Investitionen das System wieder ins Gleichgewicht zurückbringen kann, sondern auch die Nachfrage, macht einen entscheidenden methodischen Fehler. Denn „die Nachfrage“, die man in ein solches Modell einsetzen könnte, gibt es nicht. Die gesamte Nachfrage einer Volkswirtschaft selbst ist, wie man das üblicherweise nennt, endogen. Sie ist das Ergebnis vielfältiger Prozesse und Veränderungen und von Politik, die alle zusammen zu einem bestimmten Ergebnis führen, das man nicht vorhersagen kann.

Weil man diesem Dilemma entgehen will, versucht man im akademischen Keynesianismus, Prozesse zu identifizieren, die man für typisch hält im Hinblick auf eine „keynesianische“ Entwicklung und die man auch empirisch einigermaßen halten kann. So hat man im sogenannten Postkeynesianismus etwa einen Prozess identifiziert, den man „wage-led-growth“ nennt. Dabei nimmt man an, dass der Wachstumsprozess optimal verläuft, wenn sich die Lohnquote (nicht nur die Löhne!) erhöht und auf diese Weise die für das Wachstum der Produktion notwendige Nachfrage entsteht. Andere, die eher dem Marxismus zugerechnet werden, glauben an ein profit-led growth, das zum Beispiel durch einen Exportboom entfacht werden kann.

Doch das ist alles mehr als fragwürdig. Eine Erhöhung der Lohnquote in einer frühen Phase des Aufschwungs ist sehr unwahrscheinlich und der Versuch, sie durchzusetzen, würde wahrscheinlich schnell zu einer höheren Inflationsrate und zu einem restriktiven Eingreifen der Geldpolitik führen. Der Anstieg der Lohnquote ist aber auch gar nicht notwendig. In einem Aufschwung können Löhne und Gewinne in gleichem Tempo steigen, wenn sie nur kräftig genug steigen, um eine Investitionsdynamik zustande zu bringen.

Es ist aber auch überhaupt nichts gegen einen temporär investitionsgetragenen Aufschwung zu sagen, wenn dabei Sorge dafür getragen wird, dass die Arbeitnehmer über den Zyklus hinweg ihren vollen Anteil am Produktivitätszuwachs bekommen. Auch dass die Gewinne vorangehen, ist möglich, wenn beispielsweise der Staat mit eigenen Ausgaben die Konjunktur antreibt und die Löhne zeitweise hinterherhinken.

Es gibt einfach keine Notwendigkeit, sich auf ein bestimmtes Modell festzulegen und die eigene Theorie damit angreifbar zu machen. Es genügt für eine ernsthafte wissenschaftliche Auseinandersetzung vollkommen, gezeigt zu haben, dass der von der Neoklassik behauptete Nexus nicht existiert – was zwingend zu der Aussage führt, dass man wirtschaftspolitisches Eingreifen braucht, um eine in einer Schwächephase gefangen Wirtschaft zu beleben. Dabei ist auch die Terminologie wichtig: Die Gleichgewichtsterminologie der Neoklassik sollte man sich ausnahmslos sparen, weil sie niemals angemessen ist.

Es gibt kein tragfähiges Modell

Zu welch gravierenden Missverständnissen es kommt, wenn man sich mit solchen Modellen an die Erklärung der Eurokrise wagt, zeigt ein Papier von Engelbert Stockhammer und anderen (hier zu finden). In diesem wird Costas Lapavitsas und mir vorgeworfen, mit unserer Erklärung der Eurokrise (und einem Modell, das profit-led sein soll) nicht erklären zu können, warum die Krisenländer (in den ersten Jahren des Euro) stärker gewachsen sind als Deutschland.

Die Autoren schreiben:

„Im Gegensatz zu letzterer scheinen marxistische Erklärungen implizit von einem gewinnorientierten Nachfrageregime auszugehen: Stagnierende Löhne in Deutschland erzeugen eine gewinnorientierte Wachstumsdynamik, insbesondere Exportüberschüsse.

Ein Problem mit dieser Geschichte ist, dass selbst wenn man den angeblichen Vorrang der relaktiven Lohnstückkosten bei der Bestimmung der Handelsbilanzen akzeptiert, der Theorie eine Erklärung fehlt, warum das Wirtschaftswachstum in den Defizitländern das der Überschussländer immer wieder übertrifft“.

Das ist so ziemlich das unsinnigste Argument, das ich je gehört habe. Ich habe hunderte Male erklärt, dass die Lohnzurückhaltung Deutschland schadet, weil der negative Binnenmarkteffekt in den ersten Jahren (als die Exporte noch weit unter 50 Prozent am BIP ausmachten) größer war als der positive Exportmarkteffekt. Doch mit den Jahren, in denen sich an der Konstellation einer deutschen Unterbewertung nichts änderte, wurde der Export-Effekt immer stärker, denn der Anteil der Exporte wuchs dramatisch schnell.

Man sieht hier sehr schön, wie ein starres Modell das Nachdenken ungeheuer behindert. Zunächst erkennen die Autoren offensichtlich nicht, dass man bei einer realistischen Theorie der Arbeitsbeziehungen (nicht des Arbeitsmarktes!) niemals für eine große Volkswirtschaft auf die Idee kommen kann, dass Lohnsenkung etwas Gutes ist. Das ist ein schwerwiegender Mangel ihres Modells, das ich schon deswegen niemals keynesianisch nennen würde. Hinzu kommt: In einer anderen Währungsordnung als dem Euro (oder bei einer früheren Reaktion der Kommission, der EZB oder anderer Länder auf das deutsche Lohndumping) wäre das deutsche Experiment vollständig in die Hose gegangen, weil man die positiven Effekte von der Exportseite nicht bekommen hätte, sondern nur die negativen Binnenmarkteffekte des Lohndumpings.

In einer Welt, in der es permanent zu Änderungen der Politik, der Rahmenbedingungen und der internationalen Verhältnisse kommt, ist ein starres Modell keine Hilfe, sondern eine massive Behinderung bei dem Versuch, die realen Zusammenhänge zu verstehen und auf der Basis eines grundlegenden Verständnisses wirtschaftspolitisch valide Ratschläge zu geben. Voraussetzung für Letzteres ist, dass man sich permanent mit der konkreten wirtschaftlichen Entwicklung im nationalen und internationalen Rahmen, mit der Politik und mit allen institutionellen Veränderungen auseinandersetzt, die für das Verständnis zentral sind.

Entscheidende Voraussetzungen für ein umfassendes Verständnis ist außerdem die Kenntnis und jederzeitige Beachtung aller logischen Restriktionen, denen eine gesamtwirtschaftliche Analyse immer unterliegt. Das ist das, was manchmal Saldenmechanik genannt wird. Hinzu kommt die Beachtung klarer empirischer Zusammenhänge, wie etwa des Zusammenhangs zwischen Lohnstückkosten und Inflation, und darauf basierend die Suche nach kausalen Zusammenhängen. Auf der Basis kann man Ökonomik betreiben, die nicht das neoklassische Glasperlenspiel zu imitieren versucht, sondern politisch relevante Antworten gibt.

Wobei man ja immer bedenken muss, dass die Politik selbst Teil des Prozesses ist, der über die Entwicklung entscheidet. Es gibt keinen zu analysierenden Marktprozess ohne darin eingewobene Politik. In grandioser Weise hat das beispielsweise vor fast hundert Jahren der junge Ökonom erkannt, der das Buch „The Economic Consequences of the Peace“ schrieb und der heute sicher auch nicht mehr Keynesianer genannt werden möchte.

Die Arbeitsbeziehungen lassen sich nicht durch ein Marktmodell abbilden

Das größte Missverständnis der allermeisten Ökonomen jeder Couleur betrifft die Arbeitsbeziehungen beziehungsweise das, was sie den Arbeitsmarkt nennen. Das fängst schon mit den internationalen Beziehungen an, wo man nicht versteht, wie entscheidend das Verhältnis von Nominallöhnen zu Produktivität im internationalen Vergleich und folglich die Wechselkurse sind. Man hat einfach die sogenannte Freihandelstheorie von Ricardo und Konsorten nicht vollständig verworfen und durch eine realistische Theorie, die sich fast ausschließlich auf absolute Vorteile konzentriert, ersetzt. Hätte man absolute Vor- und Nachteile in den Fokus genommen, hätte man zum Beispiel ohne weiteres erkennen können, was in der Eurozone falsch gelaufen ist, ohne auch nur ein einziges Mal in die Falle der Analyse von Leistungsbilanzsalden zu geraten (vgl. dazu meine grundlegende Auseinandersetzung mit dieser Frage hier).

Noch gravierender für sein globales Versagen ist die Unfähigkeit des Keynesianismus, sich von der neoklassischen Arbeitsmarkttheorie vollständig zu distanzieren. Das begann schon damit, dass man über Jahrzehnte fruchtlose Diskussionen darüber geführt hat, aus welchen Gründen es vielleicht möglich sein könnte (oder gerechtfertigt wäre), dass die Löhne nicht ganz so flexibel wie andere Preise sind und dass die Wirtschaftspolitik auch deswegen eine besondere Aufgabe habe. Auch heute noch findet man in den meisten Arbeiten, die sich keynesianisch nennen, keine vollständige Distanzierung vom Arbeitsmarktmodell und sehr oft sogar (etwa in fast allem, was sich neu-keynesianisch nennt) die vollständige Übernahme der Idee von einem Arbeitsmarkt, der analog zu den Gütermärkten funktioniert. Das ist absurd und macht von vorneherein eine ernstzunehmende Theorie unmöglich (wie hier im Detail gezeigt).

Ein schönes Beispiel für die Absurdität der herrschenden Lehre in Sachen „Arbeitsmarkt“ hat im Licht der sogenannten Verhaltensökonomik vor einiger Zeit ein Schweizer Volkswirt vorgeführt. In einer Diskussion über die Eurokrise mit Hans-Werner Sinn (hier, innerhalb der ersten fünfeinhalb Minuten, den Rest habe ich nicht angesehen, weil ich Herrn Sinn in diesem Leben einfach nicht mehr zuhören möchte) stellt Ernst Fehr fest, dass bei flexiblen Löhnen, wie sie einem „kompetitiven Arbeitsmarkt“ entsprechen würden, die Eurokrise eigentlich leicht zu lösen sein müsste. Doch tatsächlich sei eine solche Krise zwar über eine Abwertung relativ leicht in den Griff zu bekommen, aber kaum über direkte nominale Lohnsenkungen. Die Menschen hätten nämlich, was die Verhaltensökonomik zeige, eine „Verlustaversion“ und das führe zu „Friktionen“.

Da hat der Mann Recht: Die Menschen haben in der Tat eine Verlustaversion, sie sträuben sich, das, was sie sich hart erarbeitet haben, wieder aufzugeben. Doch, anders als der Professor der Verhaltensökonomik vermutet, der als Referenzsystem offenbar nur den „kompetitiven Arbeitsmarkt“ kennt, ist dieses Verhalten vollkommen gerechtfertigt und müsste ökonomisch rational genannt werden, wenn man eine vernünftige Theorie der Arbeitsbeziehungen hätte. Denn der Verzicht auf ein einmal erwirtschaftetes Einkommen bedeutet auch, dass die Nachfrage der Einkommensbezieher sinkt und damit unmittelbar Arbeitsplätze gefährdet werden.

Folglich ist das, was der neoklassische Theoretiker als „Friktion“ bezeichnet, genau das, was ein funktionierendes Marktsystem ausmacht. Es ist nur die geistige Manipulation durch die Glaubenssätze der Neoklassik, die uns daran hindert, diesen Zusammenhang zu erkennen und entsprechend die Doktrin des „Arbeitsmarktes“ vollständig abzulehnen, statt sie nur aus pragmatischen Gründen zu modifizieren oder zu ergänzen. Hier haben fast alle, die sich Keynesianer nennen, grandios versagt, weswegen man sich das Etikett „Keynisanismus“ nicht mehr anhängen darf.

Sparende Unternehmen

Fast noch schlimmer ist es jedoch, dass die meisten „Keynesianer“ die jüngste und gravierendste Veränderung der uns umgebenden realen Wirtschaftssysteme nicht zur Kenntnis genommen haben oder nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Das Phänomen der per Saldo sparenden Unternehmen haben wir hier auf Makroskop so oft beschrieben, dass ich es nicht wiederholen will (hier nur ein Beispiel). Wer das aber nicht zur Kenntnis nimmt, sondern von antizyklischen Aufgaben des Staates redet oder gar von Schuldenlosigkeit des Staates als linkem Programm, der hat gar nichts verstanden, ob „Keynesianer“ oder nicht.

In London war ich wiederum der einzige, der darüber gesprochen hat und das, ich muss es so hart sagen, ist der Offenbarungseid eines Faches, das gerne eine Wissenschaft sein möchte. Wenn ich nicht einmal zur Kenntnis nehme, dass sich eine der entscheidenden Voraussetzungen für das Funktionieren einer (neoklassischen) Marktwirtschaft in Luft aufgelöst hat, sondern weiter so schwadroniere, als sei alles beim Alten, muss ich mich nicht wundern, dass ich nirgendwo durchdringe und keinen Fuß auf die neoklassische Erde bekomme. Gerade diejenigen, die sich Keynesianer nennen, müssten jetzt klar sagen, dass es keinen Keynesianismus mehr geben kann, weil die Idee von einem Staat, der temporär einspringt, wenn die Unternehmen als Schuldner und Investoren ausfallen, unter diesen Umständen mausetot ist.

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