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Genial daneben | 25.09.2018

Sensation! – Deutschlands „stilles Rebalancing“ entdeckt

Ein junger und mutiger und zudem aufgrund seiner italienischen Herkunft jeder Parteilichkeit unverdächtiger Nachwuchswissenschaftler aus Köln bestätigt: Deutschland wird „zu Unrecht ständig für alles verantwortlich gemacht, was in der Währungsunion schief läuft“.

Wir sind sicherlich nicht der Meinung, dass, was von Menschen mit Rang und Namen bei unseren großen Leitmedien publiziert wird, automatisch von besonders großem intellektuellem Wert ist. Im Gegenteil erwarten wir, dass man gerade von diesen Autoren und ihren publizistischen Lautsprechern, wenn es um das aus deutscher Sicht leidige Thema der deutschen Exportüberschüsse geht, mit Aussagen bombardiert wird, die nicht einmal den bescheidensten Standards rationaler Argumentation genügen.

Wir setzen uns mit solchen Pseudoargumenten bei Makroskop dennoch intensiv auseinander, weil wir wissen, dass sie das Denken vieler Menschen stark beeinflussen und damit eine Politik anleiten und rechtfertigen, die in vielen Ländern eine Orientierung am Gemeinwohlinteresse verhindern, wie man z.B. besonders in der Eurozone an den skandalös hohen Arbeitslosenzahlen gerade unter jungen Menschen sehen kann. Was wir natürlich nicht können, ist, alle möglichen Aussagen von allen möglichen Leuten, die auf irgendwelchen Blogs veröffentlicht werden und die die mit den deutschen Exportüberschüssen verbundenen Probleme kleinzureden versuchen, zu kommentieren.

Es ist aufgrund der jahrzehntelangen Gehirnwäsche – denen insbesondere Studenten ausgesetzt waren und sind, die sich für wirtschaftspolitische Themen interessieren – auch wenig verwunderlich, wenn man von Doktoranden der Politischen Ökonomie Sätze wie die folgenden zu lesen bekommt:

„Seit Jahren wird Deutschland für seine hohen Leistungsbilanz- und Haushaltsüberschüsse kritisiert. Allerdings wird dabei oft übersehen, dass Europas größte Volkswirtschaft bereits wichtige Schritte unternommen hat, um gegen bestehende Ungleichgewichte anzugehen.“

Da man das in der einen oder anderen Form schon zigmal von unseren deutschen „Starökonomen“ gehört hat und solche „Erkenntnisse“ von unseren Leitmedien und unseren Volksvertretern ohne Sinn und Verstand nachgeplappert werden, besteht sicher kein Grund, sich mit einer solchen Aussage noch einmal auseinanderzusetzen. Auch Doktoranden plappern eben nach, was ihnen von ihren akademischen Lehrern vorgeplappert wird.

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Nun ist dieses Zitat aber aus einem Blog eines realen Doktoranden der Politischen Ökonomie, der auf den Namen Donato di Carlo hört. Und es wurde nicht auf irgendeinem Studentenblog veröffentlicht, sondern auf einem der London School of Economics und Political Science (LSE), der eine ganz Reihe von „Editors“ nennt. Das soll dafür Sorge tragen, dass bei ihnen keine Beiträge veröffentlicht werden, die als „insufficiently evidence based“ (unzureichend evidenzbasiert) oder gar als „lacking in academic rigour“ (ohne akademische Strenge) zu charakterisieren sind und dadurch den Ruf der LSE als Eliteuniversität gefährden könnten.

Als weitere Evidenz dafür, dass das Stück, dem das obige Zitat entnommen ist, die Qualitätsstandards der LSE tatsächlich erfüllt, mag man anführen, dass es auch von „Social Europe“ abgedruckt wurde und daher wohl auch von deren Editors als ein wichtiger Beitrag zur Diskussion über die Ursachen der Eurokrise erachtet wird. „Makronom“ – das sich als ein makroökonomisches Diskussionsportal bezeichnet – schließlich hat sich sogar die Mühe gemacht, den Artikel auf Deutsch zu übersetzen. Man ist offensichtlich auch dort der Meinung, dass die Lektüre zu einem Erkenntnisgewinn führt.

Nun würden wir auf Basis der von uns als korrekt gesehenen Ökonomik im Zusammenhang mit der verfügbaren empirischen Evidenz selbstverständlich schon vornherein überzeugt sein, dass eine solche These niemals gerechtfertigt werden kann. Aber zuzugeben ist, dass – wenn man wie die Herausgeber von Makronom glaubt, es handele sich bei der Diskussion über eine empirisch adäquate Ökonomik lediglich um einen Streit zwischen unterschiedlichen „Glaubensrichtungen“ – auch eine solche These im Rahmen einer bestimmten (aus unserer Sicht fehlerhaften) Ökonomik die oben genannten Kriterien der LSE erfüllen kann.

Darüber hinaus ist Donato Di Carlo Doktorand am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln und gibt in dem Blog der LSE explizit als Input-Geber unter anderem Martin Höpner und Fritz Scharpf an, deren Arbeiten ganz ohne Zweifel sich sowohl durch „academic rigour“ auszeichnen als auch für sich in Anspruch nehmen können, „evidence based“ zu sein.

Gründe genug also, den Artikel doch etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

Academic Rigour?

Aus dem folgenden Zitat wird deutlich, was er von der bei uns auf MAKROSKOP prominent vertretenen These hält, Deutschland betreibe Lohndumping und schädige damit seine Handelspartner:

„Was die Kritiker […] sich nicht fragen, [ist], was Deutschland bisher getan hat, um dieses Problem anzugehen – es ist immer einfacher, jemanden zum Sündenbock zu machen, als qualifiziert zu argumentieren.“

Liest man diese forsch formulierte Kritik an der von uns vertretenen These, dann stellt sich einem ziemlich rasch die Frage, ob es denn mit dem beanspruchten „academic rigour“ vereinbar ist, dass dieser doch sehr weitgehende Vorwurf alleine mit Verweis auf einige Financial Times Artikel – die ganz zweifelsohne keinerlei „academic rigour“ für sich in Anspruch nehmen können – erhoben werden darf? Sollte man nicht vielmehr erwarten, dass die Personen, die die deutsche Lohndumping-These seit vielen Jahren theoretisch fundiert und mit empirischen Evidenzen belegt vertreten, selbst in Form von Zitaten zu Wort kommen? Muss man nicht, anders gefragt, anhand derer tatsächlicher und nicht nur imaginierter Aussagen belegen, dass sie nicht „qualifiziert argumentieren“ und Deutschland vollkommen ungerechtfertigt zum „Sündenbock“ machen?

Was sich der Autor und auch die vielen Editoren gedacht haben, als sie solche Zeilen geschrieben oder gelesen haben, wissen wir natürlich nicht. Aber Tatsache ist, dass sich an keiner Stelle des Elaborats ein Hinweis auf die Arbeiten von Heiner Flassbeck, Friedericke Spieker oder Jörg Bibow findet, die wie keine anderen Ökonomen die makroökonomischen Ungleichgewichte in Europa  mit der unterschiedlichen Entwicklung der Lohnstückkosten in der Eurozone schlüssig erklärt haben.

Möglicherweise erklärt dieses Versäumnis, warum der Autor mithilfe des Vergleichs der Entwicklungen der realen Lohnstückkosten Deutschlands im Vergleich zu denen von willkürlich gebildeten Gruppen von Euroländern argumentiert, Deutschland habe „in Relation zu seinen Handelspartnern […] seit 2010 einen internen Aufwertungsprozess von rund 5% durchlaufen“ und wohl meint, damit den Lohndumping-Vorwurf widerlegt zu haben.

Freilich eignet sich eine solche Erklärung nicht als Entschuldigung. Es ist vielmehr schlicht unentschuldbar, eine These auf Basis eines Arguments widerlegen zu wollen, das diejenigen, die man so harsch kritisiert, niemals erhoben haben. In dem kürzlich erschienenen Buch von Jörg Bibow und Heiner Flassbeck mit dem Titel „Das Euro Desaster“ hätte er gleich auf den ersten Seiten die These finden können, die es zu widerlegen gilt, wenn man einerseits eine solche, fast schon ehrenrührige Kritik begründen und andererseits ernsthaft die Meinung vertreten will, Deutschland habe „bereits wichtige Schritte unternommen […], um gegen bestehende Ungleichgewichte anzugehen“.

Hier die These und die dazu gehörige Grafik:

„Abbildung 1 zeigt den Kern der gravierenden Ungleichgewichte innerhalb der Euro-Währungsunion. Bereits einige Jahre vor Beginn der dritten Stufe der Währungsunion hatte sich Deutschland Lohnzurückhaltung verordnet. Deutschlands Lohnstückkosten blieben unter dem Euro bis 2008 stabil – und damit sehr deutlich unterhalb der Stabilitätsnorm der EZB. Das Inflationsziel der EZB von unter, aber nahe bei 2 Prozent erfordert nämlich, dass sich die nationalen Trends der nominalen Lohnstückkosten an dieser Norm orientieren und nicht nachhaltig von ihr abweichen […]“ (S. 34).

Abbildung 1

Um beurteilen zu können, ob und was Deutschland an der Lohnfront zur Beseitigung der Ungleichgewichte in Europa tun müsste oder schon getan hat, erfordert also einen Vergleich der nominalen und nicht der realen Lohnstückkostenentwicklungen. Wer einen solchen elementaren Fehler macht oder nicht zu entdecken in der Lage ist, der hat schlicht demonstriert, dass er das Thema, zu dem er beansprucht, einen Diskussionsbeitrag leisten zu wollen, nicht einmal in Ansätzen verstanden hat.

Die Grafik belegt mehr als deutlich, dass Deutschland die gesamte Periode hindurch – in der es sich nach Meinung des Autors bemüht hat, seinen Beitrag zur Beseitigung der makroökonomischen Ungleichgewichte zu leisten – weiterhin das gemeinsam akzeptierte Inflationsziel eklatant unterschritten hat.

Als kleine Übung in makroökonomischer Argumentation möge Herr di Carlo ein kleines Essay schreiben, in dem er ausführt, was es wohl für die Wirtschaftsentwicklung Europas bedeutet, dass Deutschland die Stabilitätsnorm der EZB weiter verletzt und nun auch noch andere Länder der Eurozone auf die Inflationsrate Deutschlands eingeschwenkt sind.

Evidence based?

Geradezu peinlich wird es, wenn der Autor sich anschickt, der zweifelsohne wichtigen Frage nachzugehen, ob „Deutschland Wachstum aus dem Ausland ‚klaut’“? Die Antwort des Autors lautet auf der Basis von Ameco-Daten und seiner eigenen Berechnungen kurz gesagt: Deutschland habe sich zwar eines solchen Diebstahls in den Jahren 2001 bis 2007 schuldig gemacht, aber für die Zeit danach würde ein solches Argument auf üble Nachrede hinauslaufen. Denn, so meint er, „die Daten zeigen, dass die Exporte nicht sonderlich stark zur deutschen Performance der letzten Jahre beigetragen haben“.

Liest man Sätze wie diesen, reibt man sich verwundert die Augen und schaut sich noch einmal die Entwicklung der Exportquote Deutschlands seit 2008 in aller Ruhe an.

Abbildung 2

Warum es Deutschland gelungen ist, seine Exportquote zu erhöhen, wird deutlich, wenn man sich das wichtigste Maß für die internationale Wettbewerbsfähigkeit – die realen effektiven Wechselkurse – im Vergleich zu den beiden nach Deutschland wichtigsten Industrieländer der Eurozone, Frankreich und Italien, seit 1999 betrachtet.

Abbildung 3

Die Auswirkungen, die die Abwertung des deutschen Euro seit Beginn der Währungsunion gegenüber dem italienischen und französischen Euro hatten, zeigen sich besonders deutlich bei der Entwicklungen der internationalen Marktanteile der drei großen Industrienationen der Eurozone.

Abbildung 4

Und betrachtet man sich die Entwicklung der Leistungsbilanzüberschüsse Deutschlands über diesen Zeitraum, dann ist durch simple Addition leicht zu errechnen, dass Deutschland dem Rest „der Welt“ seit 2008 (bis 2017) tatsächlich insgesamt 2.000 Milliarden Euro Nachfrage „geklaut“ hat.

Abbildung 5

Es kann nun nicht der geringste Zweifel daran bestehen, dass wenn Deutschland sich an die Vorgabe des noch immer geltenden Stabilitätsgesetzes von 1967 gehalten hätte – und daher ein  Außenhandelsgleichgewicht mit dem Rest der Welt bestünde – die effektive Nachfrage des Auslands nach deutschen Gütern zu Gütern, die in anderen Ländern produziert werden könnten, „umgeleitet“ worden wäre. Nur wenn man glaubt, dass in einer Marktwirtschaft Preise eben keine Rolle spielen, kann man daher bestreiten, dass Deutschland Nachfrage von der Welt abzugreifen in der Lage war – weil es sich über eine zweifelsohne bewusste Unterbewertungsstrategie (von Lohnmoderation ist dabei meist die Rede) einen preislichen Wettbewerbsvorteil gegenüber Konkurrenten verschafft hat.

Der Autor hat ganz offensichtlich den Sinn seiner „eigenen Berechnungen“ nicht verstanden und den Editoren ist die darauf basierende unsinnige Argumentation ganz offensichtlich ebenfalls nicht aufgefallen. Dass der Exportüberschuss im Zeitraum zwischen 2008 und 2019 einen geringeren zusätzlichen Beitrag zum Wachstum des deutschen BIP leistet als im Zeitraum zwischen 2001 und 2007, ist keinerlei Evidenz für die Behauptung, Deutschland habe „bereits wichtige Schritte unternommen“, die man als ein „stilles Rebalancing“ charakterisieren könnte.

Solange Deutschlands Leistungsbilanzüberschüsse weiterhin einen positiven Beitrag zum deutschen BIP leisten, sind keine „gute Nachrichten, die wir im Hinterkopf behalten sollten“ zu vermelden, „wenn wir nach einer konstruktiven europäischen Politik streben“. Um die Analogie von di Carlo zu verwenden: wenn ein Dieb nicht mehr ganz so viel klaut als im Rekordjahr 2015, gibt es nicht den geringsten Anlass zur Freude. Es reicht auch nicht, dass Deutschland in den nächsten Jahren weniger klaut, sondern es muss endlich aufhören, anderen, wie zum Beispiel dem Heimatland des Autors, Produktion und damit Arbeitsplätze gerade für junge Menschen zu klauen!

Mehr noch, es ist von Deutschland zu verlangen, dass es sein Diebesgut wieder an die Bestohlenen zurückgibt. Anders und weniger metaphorisch ausgedrückt, kann man nur dann gerechtfertigt von einem „Rebalancing“ reden – ob nun laut oder leise ist egal –, wenn Deutschland Leistungsbilanzdefizite in gleicher Höhe erleidet, wie es bislang Überschüsse mit dem Rest der Welt angehäuft hat.

Fazit

Ich höre an dieser Stelle auf, das Papier weiter zu kritisieren. Ein „empirische Beleg“ der oben dargestellten Art jagt den anderen in rascher Folge, so dass man aus dem Staunen kaum noch herauskommt. Hätten Sie zum Beispiel gewusst, dass Deutschland „fast für alle EU-Staaten der wichtigste Abnehmer“ ihrer Exporte ist? Und wären Sie ohne diesen Artikel fähig gewesen, zu erkennen, dass daher „der Vorwurf, dass Deutschland seinen Nachbarn keinen ausreichend großen Markt anbieten würde, schlicht und ergreifend falsch zu sein scheint“?

Wirklich bedenklich ist, dass ihn in seinem akademischen Umfeld offensichtlich niemand davor bewahren konnte, ein „Werk“ in die Welt zu setzen, in dem nahezu jedes Argument als „ungenügend“ zu bewerten ist. Vielleicht liegt das daran, dass gerade im akademischen Milieu inzwischen eine Form von persönlicher Rücksichtnahme Einzug gehalten hat, die mich stark an die Kommentare meiner Soccer-Moms in den USA erinnern, die ihrem Sprössling selbst bei einem Eigentor ein aufmunterndes „Well done!“ zuriefen. Vielleicht sollte man auch an Universitäten die produktive Kraft der Kritik und eines wirklichen Streits bei der Suche nach der Wahrheit wieder entdecken.

Hoffnung macht mir lediglich im konkreten Fall Donato di Carlos‘, dass er in Köln gute Lehrer hat. Vielleicht kann er daher bis zu seiner Promotion noch akademische Fortschritte machen, sowohl was seine Kenntnisse der Ökonomik als auch sein Umgang mit „empirischen Daten“ angeht. Wenn er nach seiner Promotion bei der Lektüre seines Stücks – dessen positive Rezeption ihn jetzt bestimmt noch freut – verschämt von einer Jugendsünde redet, dann darf man ihm von ganzen Herzen gratulieren.

Was ich den Editoren der drei Publikationen Tröstliches mit auf den Weg geben könnte, fällt mir allerdings selbst beim besten Willen nicht ein.

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