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Kommentar | 08.10.2018

Bescheidener Vorschlag zur Lösung der Target2-Krise

Target2-Salden sind ein Problem für Italien, weil es sich daher einen Ausstieg aus dem Euro nicht leisten kann, und für Deutschland, weil sein Auslandsvermögen gefährdet ist?

Es ist verständlich, dass die Verwendung von Begriffe wie etwa „Kapitalexport“, „Auslandsvermögen“ oder „Auslandsschulden“ dazu verleiten, die diesen Begriffen zugrundeliegenden Sachverhalte misszuverstehen. Hört man z.B. Deutschlands Leistungsbilanzüberschüsse hätten 2017 230 Milliarden Euro betragen und daher belaufe sich auch der deutsche Kapitalexport auf diesen Betrag, liegt es nahe auch zu glauben, deutsche Sparer hätten den Kauf  deutscher Waren durch Ausländer in diesem Umfang auch gleich noch finanziert.

Niemand kann man dann verübeln, wenn er nun anfängt, darüber nachzudenken, ob es denn vom deutschen Sparer klug gewesen sei, sein Geld im Ausland zu investieren oder ob die deutschen Banken nicht unverantwortlich gehandelt hatten, als sie die in Deutschland entsprungenen Kapitalströme z.B. nach Spanien oder Italien weitergeleitet haben etc.pp.

Wer überzeugt ist, dass die makroökonomischen Ungleichgewichte in der Eurozone auf Kapitalexporte der Überschussländer in die Defizitländer zurückzuführen sind, der beweist seine Fähigkeit zu logisch-konsistentem Denken, wenn er dann auch das sogenannte „Netto-Auslandsvermögen“ Deutschlands auf der Bilanz der Bundesbank von sage und schreibe 1.900 Milliarden Euro als potentiell problematisch für Deutschland erachtet.

Wer mit diesem Mindset dann im Handelsblatt informiert wird, dass „ziemlich genau die Hälfte davon Ende Mai aus Forderungen der Bundesbank an die Europäische Zentralbank (EZB) aus dem europäischen Zahlungsverkehrssystem Target2 bestand“, der wird schließlich den „Einschätzungen der Bundesbank und unabhängiger Experten“ Glauben schenken, dass  „im Fall eines Auseinanderbrechens der Währungsunion“ dieser Teil des Auslandsvermögens der Deutschen ernsthaft gefährdet ist.

Let’s agree to disagree?

Verwundert ist man dann aber schon, wenn zweifelsohne sehr intelligente Menschen, die sich mit der Materie eingehend befasst haben, ganz ähnlich argumentieren. So hatte mich schon Mitte 2016 verwundert, dass ein kluger Kopf wie Norbert Häring bei der Diskussion über die Ursachen der Eurokrise Sevaas Storms These, „dass die Finanzströme in der Führungsrolle waren“, ausdrücklich zustimmte und gegen die Kritik von Makroskop-Autoren verteidigte. Vor diesem Hintergrund ist es dann nicht überraschend, dass er beim Blick auf die Target2 -Salden ebenfalls Risiken für Deutschland vermutet. Überrascht allerdings hat mich dann schon, dass er ernsthaft zur Lösung des „Target-Problems“ vorschlägt, „der deutsche Staat [solle] die Target-Forderungen aufbrauchen, indem er ein großes Programm zur Sanierung der Schulen, Straßen und Brücken auflegt“.

Es sei an dieser Stelle bemerkt, dass Häring mit seiner Meinung, man könne solche Forderungen auf der Bilanz einer Zentralbank irgendwie „aufbrauchen“ nicht alleine steht. Yannis Varoufakis hat eine ähnliche Idee vorgetragen, die er als „Surplus Recycling Mechanism (SRM)“ bezeichnet. Ein solcher SRM sei von „erfahrenen Beamten“ in den USA „geleitet, administriert und verfeinert“ worden. Leider sei dem SRM aber in den 60ern der Treibstoff ausgegangen, da „die USA zu einem Defizitland wurden“. Wir wissen nicht, wie Herr Varoufakis auf den Versuch meines Kollegen Joachim Nanninga reagiert hätte, ihn über die seinem Vorschlag zugrundeliegende Missverständnisse über die Funktionsweise von Zahlungsverkehrssystemen und der empirisch adäquaten Interpretation bestimmter Bilanzpositionen in diesem Zusammenhang aufzuklären. Häring jedenfalls hat diesen Versuch in seinem Fall wie folgt kommentiert:

„Ich denke aber, es ist hilfreich für das Verständnis, wenn man sich von Feindbildern löst und nicht mit der Prämisse an eine Frage herangeht, dass das genaue Gegenteil dessen, was Hans-Werner Sinn dazu sagt, richtig sein muss.“

Sehr viel deutlicher kann man kaum sagen, was er von unseren Aufklärungsversuchen zu dieser Thematik hält. Erfolgreicher scheinen wir bei Fabio di Masi gewesen zu sein, der in einer Rede im Bundestag der AfD überzeugend nachwies, dass das benutze Vokabular und die enorme Höhe des „deutschen Auslandsvermögens“ sich zwar außerordentlich gut für propagandistische Zwecke gebrauchen lässt, aber positive Target2-Salden nicht primär Symptom eines deutschen, sondern eines von Deutschland zu verantwortenden Problems seiner Handelspartner sind.

Diese Freude sollte leider nicht allzu lange anhalten. Auf Facebook entwickelte sich alsbald eine Debatte über die Richtigkeit seiner Aussagen. Relative große Bedeutung in diesem Zusammenhang wurde der folgenden Aussage des EZB-Präsidenten Mario Draghi beigemessen:

„Falls ein Land das Eurosystem verlassen würde, müssten alle Forderungen bzw. Verbindlichkeiten von dessen nationaler Zentralbank gegenüber der EZB in vollem Umfang beglichen werden“

Ich hatte geglaubt, diese Aussage schon Anfang 2017 auf Basis vieler weiterer meiner Artikel zu diesem Thema als einen Versuch ausgewiesen zu haben, diejenigen ins Bockshorn zu jagen, die ernsthaft über einen Ausstieg aus dem Euro nachdenken. Sollte man daher vielleicht einfach akzeptieren, dass es zu diesem Thema eben ganz ganz unterschiedliche Meinungen gibt?

Ich meine dazu ist die Thematik zu bedeutsam und vor allem kann es dazu eigentlich keine zwei Meinungen geben. Ich möchte im folgenden daher noch einmal darstellen, wie das „Problem“ entsteht, und dann zeigen, dass es komischerweise diese „Probleme“ nicht geben würde, wenn man anstatt bargeldlos mit Cash bezahlen würde.

Ursachenforschung

Betrachten wir uns mithilfe einer bei Ökonomen sehr beliebten Methode, wie die behaupteten Probleme entstehen.Wir bauen also ein kleines Modell, das zwar von Details in der wirklichen Welt abstrahiert, aber dennoch beansprucht, die Charakteristika des bargeldlosen Zahlungsverkehrs zwischen Ländern der Eurozone adäquat zu beschreiben.

For convenience let us assume:

  • (1) es gebe genau zwei Länder auf der Welt.
  • In diesen Ländern würden (2) nur Waren von gewinnorientieren Unternehmen hergestellt. Es gebe also z.B. keine Dienstleistungen und keine öffentlich rechtlichen Unternehmen zu berücksichtigen.
  • Darüber hinaus hätten beide Länder (3) jeweils eine eigene Zentralbank und genau jeweils eine Geschäftsbank.
  • Der Geschäftszweck der Geschäftsbanken sei gesetzlich (4) auf die Kreditvergabe und die Abwicklung des Zahlungsverkehrs beschränkt worden.
  • Und (5) der Zahlungsverkehr werde ausnahmslos bargeldlos abgewickelt.
  • Zwischen den beiden Länder A und B hätte (6)  in einem Jahr genau eine Transaktion stattgefunden. Ein Aufzugshersteller aus A habe sein Produkt für 100 Pablos (so der Name ihrer gemeinsamen Währung) an einen Käufer aus B transferiert.
  • Die Handelspartner räumten sich (7) wechselseitig keinen Kredit ein, d.h. mit dem Transfer der Ware des Verkäufers aus A an den Käufer aus B erfolge zeitgleich eine Überweisung von der Bank B des Käufers an die Bank A des Verkäufers.

Klar ist, dass auf Basis dieser Annahmen und natürlich einer Vielzahl von weiteren Hintergrundananahmen das Giroguthaben des Verkäufers um 100 Pablos steigen und das des Käufers aus B um 100 sinken muss. In einem sogenannten T-Konto kann man diesen Veränderungen auf den Bilanzen des Exporteurs und Importeurs dann wie folgt abbilden:

Abbildung 1

Giroguthaben sind formal betrachtet eine Forderung des sogenannten „Einlegers“ gegenüber seiner Geschäftsbank. Geld in Form eines Giroguthaben aber kann daher nur dann existieren, wenn dem Guthaben auf der Bilanz des Einlegers eine entsprechend hohe Verbindlichkeit der Bank gegenüber seinem Einleger auf seiner Bilanz gegenübersteht. Eine Erhöhung des Giroguthabens des Exporteurs und eine entsprechende Verminderung das des Importeurs, muss daher von entsprechenden Veränderungen der jeweiligen Verbindlichkeiten der beiden Banken gegenüber ihren Einlegern verbunden sein.

Abbildung 2

Klar ist nun auch, dass wenn man nur Zu- und Abbuchungen der Girokonten wie dargestellt vornehmen würde, die Verbuchung des Geschäftsvorfalls nicht korrekt ist. Die Bilanzen der beiden Banken wären ganz offensichtlich nicht mehr ausgeglichen. Bei Bank A würden die Passiva die Aktiva um 100 übersteigen und bei Bank B die Aktiva die Passiva um denselben Betrag.

Eine „Methode – die auch in der wirklichen Welt, wenn auch in etwas komplizierterer Form, Anwendung findet – ist, dass Bank A gegenüber B eine Forderung und Bank B eine gleich hohe Verbindlichkeit gegenüber Bank A verbucht:

Abbildung 3

Diese Form der Abwicklung des Zahlungsverkehrs allein über Geschäftsbanken hat nun – je nach „theoretischem Standpunkt“ – den Vor- oder Nachteil, dass dabei kein deutsches Auslandsvermögen auf der Bilanz der entsprechenden Zentralbank entsteht. Denn auf der Bilanz der Zentralbank in A hat sich aufgrund der Überweisung des Käufers der Aufzüge aus B an den Verkäufer aus A offensichtlich nichts verändert, da sie in den Überweisungsvorgang gar nicht involviert war. Wenigstens muss man sich bei dieser Form der Abwicklung also keine Sorgen machen, dass deutsches Volksvermögen futsch sein könnte. Andererseits ist es natürlich auch schade, denn wenn aufgrund der Tatsache eines Handelsbilanzüberschusses die Zentralbank hätte Auslandsvermögen aufbauen können – folgt man den Erklärungen Härings – die Zentralbank in A im Land B Waren für 100 Pablos hätte einkaufen können.

Bei dieser Form der Abwicklung des Zahlungsverkehrs gibt es jedoch zweifelsohne ein mögliches Problem zu berücksichtigen. Da es sich bei den beiden Banken um Geschäftsbanken handelt, die bestimmten Vorschriften bei der Bilanzierung unterworfen sind, zwingt Bank A der Konkurs der Bank B diese Forderung abzuschreiben. Da damit aber der Wert der Aktiva der Bank A um 100 sinkt, muss auch der Wert der Passiva um 100 sinken. Der entsprechende Ausgleichsposten aber ist das Eigenkapital der Bank A. Sagen wir das habe 70 betragen, dann ist klar, dass nun auch Bank A pleite ist. Der Supergau für eine Geldwirtschaft, die auf dem bargeldlosen Zahlungsverkehr beruht. Die Abwicklung des Zahlungsverkehrs kommt zum Erliegen.

Dass auch das real existierende System des bargeldlosen Zahlungsverkehrs tatsächlich solche Tücken und Lücken aufweist, habe ich bereits an anderer Stelle ausführlich erklärt. Da wir uns aber nicht in der wirklichen, sondern in einer Modellwelt bewegen, können wir das Problem glücklicherweise rasch aus der Welt schaffen.

Wir lassen die beiden Staaten sich darauf einigen, ihren Geschäftsbanken verbindlich vorzuschreiben, dass diese den bargeldlosen Zahlungsverkehr immer über ihre Zentralbanken abwickeln müssen. Die Bilanzen der Geschäftsbanken werden dann wie folgt zum Ausgleich gebracht:

Abbildung 4

Nun müssen aber selbst in unserer Modellwelt die Bilanzen der Zentralbanken auch ausgeglichen sein. Dazu vereinbaren nun die beiden Zentralbanken, sich je nach der Höhe der Differenz der Zahlungsflüsse in die eine oder andere Richtung entsprechende Buchungen vorzunehmen, so dass die Veränderungen der Zentralbankguthaben der involvierten Geschäftsbanken buchhalterisch „ausgeglichen“ werden. In unserem kleinen Modell sehe dann ein solcher Zahlungsausgleich so aus:

Abbildung 5

Es liegt nun in der Natur eines solchen bargeldlosen Geldsystems, dass nur derjenige, der über einen Geldvermögensüberschuss verfügt, mit einer bestimmten Art von Forderung auf Einkaufstour gehen kann. Betrachtet wir uns die Bilanzen aller bislang genannter Organisationen, dann ist offensichtlich, dass nur der Exporteur der Aufzüge einen geeigneten Geldvermögensüberschuss erzielt hat. Daher sollte klar sein, dass auch nur diese Organisation 100 Pablos zur Verfügung hat, um auf Einkaufstour gehen zu können. Aus der Tatsache, dass die Aktiva der Zentralbank um 100 Pablos zugenommen haben, kann jedenfalls nicht geschlossen werden, dass die Zentralbank A nun 100 Pablos habe, die sie zum Einkauf in Land B ausgeben könnte.

Hans-Werner Sinn scheint inzwischen verstanden zu haben, dass es sich in der wirklichen Welt – bei der freilich noch die EZB zwischengeschaltet ist – nicht anders verhält. Denn in dem oben genannten Artikel von Norbert Häring erklärt er, dass die Target-Forderungen „Buchforderungen gegen das Euro-System“ seien, „die sie nicht fällig stellen kann und die einen Zins trägt, den die Mehrheit der verschuldeten Länder im EZB-Rat auf null gesetzt hat“. Er schließt daraus völlig korrekt, dass Deutschland daher beim Ausstieg eines Landes aus der EWU mit einem negativen Target-Saldo „nur eine wertlose Forderung verlöre„.

Genau so ist es und daher ist unser kleines Modell offensichtlich auch nach Meinung von Herrn Sinn recht nah an der Realität. Bei Target-Salden handelt es sich anders ausgedrückt nur formell um Forderungen. Es gibt daher z.B. gegenüber Italien keine durch diese „Forderungen“ dokumentierten Ansprüche, die man z.B. dadurch einlösen könnte, dass die Buba in Italien mit ihrem positiven Target-Saldo auf große Einkaufstour geht.

Herrn Sinn ist zunächst einmal eine erstaunliche Lernfähigkeit zu bescheinigen. Wir sehen uns daher an dieser Stelle auch nicht genötigt, das genaue Gegenteil von dem zu behaupten, was er sagt. Dass Herr Sinn auch weiterhin falsche Sachen sagt, wenn er z.B. auf einer Abschreibung dieser wertlosen Forderungen besteht, braucht uns an dieser Stelle nicht zu interessieren. Es ging nur darum, die Ursache des Problems in einem kleinen Modell darzustellen und darauf hinzuweisen, dass einer der bekanntesten Erfinder der Target-Krise inzwischen bestätigt hat, dass unser Modell sich nicht zu weit von der wirklichen Welt des Zahlungsverkehrs  im Euroraum entfernt hat.

Wir erkennen aber dann mithilfe unseres kleinen Modells, dass das Target2-Problem vorwiegend auf falsch verstandenen buchhalterischen Konventionen und missverständlichen Bezeichnungen für bestimmte buchhalterische Positionen beruht.

Wir können nun auf dieser Basis auch einen Vorschlag unterbreiten, wie man die Furcht vor dem Verlust deutschen Auslandsvermögens ein für allemal aus der Welt schaffen könnte.

Grundzüge des bescheidenen Vorschlags

Wir schlagen vor, der Praxis des bargeldlosen Zahlungsverkehrs, zumindest zwischen Wirtschaftssubjekten in unterschiedlichen Jurisdiktionen, ein Ende zu bereiten. Der grenzüberschreitende Zahlungsverkehr soll also nur noch mit Papiergeld abgewickelt werden. Beide Zentralbanken dürften aber die Menge an Geldscheinen, die zur Abwicklung des Zahlungsverkehrs benötigt werden, selbst drucken, aber keine für ihre eigenen Zwecke oder gar für die ihres Staates.

„For the sake of the argument“ nehmen wir zusätzlich an, dass all die mit diesem Lösungsvorschlag verbundenen Fragen, z.B., wie denn die richtige Menge an Bargeld zu bestimmen ist oder wie man das Geld in den Wirtschaftskreislauf „einschleust“, zufriedenstellend beantwortet werden können.

Die Käufer müssten in einem solchen System auf der Basis der Annahmen unseres Modells nun jedenfalls bevor sie einkaufen könnten, kein Giroguthaben mehr, sondern Geldscheine im Tresor haben. Um unnötigen Streit darüber zu vermeiden, wer denn nun wirklich das Geld hat, mit dem man einkaufen gehen kann und wer nicht, habe man zudem gesetzlich vorgeschrieben, bei grenzüberschreitenden Zahlungen immer Bargeldkuriere auf die Reise schicken zu müssen. Der Käufer der Aufzüge in Land B würde also 100 Pablos aus dem Tresor nehmen, sie dem Bargeldkurier übergeben, der würde mit dem geeigneten Fahrzeug das Geld direkt beim Verkäufer der Aufzüge in Land A abliefern und der würde die Geldscheine in seinem Tresor aufbewahren.

Praktische Probleme, wie z.B. woher denn die vielen entsprechend gesicherten Transportmittel herkommen sollen und ob das Verkehrssystem entsprechend ausgelegt ist, um das zusätzliche Verkehrsaufkommen zu bewältigen, setzen wir als gelöst voraus. Die Gefahr jedenfalls, dass aus einer Reihe buchhalterischer Operationen, die notwendig sind, um Geld bargeldlos für die Bezahlung eines Aufzuges von einem Käufer in Land B zu einem Verkäufer in Land A zu bringen, der falsche Eindruck entsteht, ein Volksvermögen sei gefährdet, scheint mit dieser Form des Zahlungsverkehrs gebannt. Geldscheine zum Ausgeben hat nun nur noch der Exporteur der Aufzüge.

Und so sollte es ja sein! Eine Verdoppelung von Geldvermögenszuwächsen, wie es  beim bargeldlosen Zahlungsverkehr der Fall zu sein scheint, ist jedenfalls äußerst seltsam. Da nun weder eine Geschäftsbank noch eine Zentralbank eine Forderung gegen wen auch immer ausweist, die man als eine Art von „Geldtopf“ missverstehen könnte, muss sich nun niemand mehr über die Gefahr der Vernichtung eines Auslandsvermögen oder aber über ein „Lock-in“ aufgrund aufgelaufener zwischenstaatlicher Salden aus dem Zahlungsverkehr zwischen den beiden Ländern Sorgen machen. Niemand schuldet dem anderen irgend etwas. Jeder hat, was er haben wollte: Der Hersteller aus A hat Cash in seinem Tresor und der Käufer aus B seinen Aufzug.

Allerdings gilt es zu bedenken, dass die Gelddrucker  bei der Zentralbank wahrscheinlich Buch darüber führen, wieviel Geld sie gedruckt und in Umlauf gebracht haben. Wahrscheinlich werden auch die Geldboten sich z.B. die Abgabe des Geldes beim Verkäufer in B quittieren lassen. Nun ist nicht zu bestreiten, dass es unter diesen Voraussetzungen neben den Geldscheinen weitere Dokumente gibt, auf denen Zahlen in Kombination mit Währungszeichen stehen. Könnte es da nicht passieren, dass z.B. der Geldbote auf die Idee kommt, seine Quittungen vom Geldempfänger in Land A als in einer Währung denominierte Ansprüche gegen Wirtschaftssubjekte aus Land B versteht, mit denen er in B einkaufen kann?

Um das zu vermeiden, lassen wir die Staaten ein Dekret mit folgendem Inhalt verkünden: Nicht jede Zahl in Verbindung mit einem Währungszeichen ist ein Zahlungsmittel, mit dem man auf Einkaufstour gehen kann! Nur Dokumente, die von einer unserer beiden Zentralbanken gedruckt wurden und im Rahmen der bestehenden Rechtsordnung zur Begleichung von Geldschulden verwendet werden dürfen, haben diese Eigenschaft!

An diesem Punkt angelangt, stellt sich freilich die Frage, warum wir nicht einfach erklären können, dass die aus dem Zahlungsverkehr zwischen Euroländern hervorgegangen „Forderungen“  auf der Bilanz einer Zentralbank nicht die Eigenschaften erfüllen, die ein Zahlungsmittel  im Rahmen unserer Rechtsordnung erfüllen müssen, sondern eher mit den Quittungen des Geldbotens vergleichbar sind. Könnten wir also nicht einfach klarstellen, dass die mit dem €-Zeichen verbundene Zahl auf der Bilanz einer Zentralbank, wie etwa der Buba, die man als Auslandsvermögen bezeichnet,  man nicht einkaufen kann, weil, wie Sinn richtig sagt, diese „Forderungen“ wertlos sind? Wertlos eben, weil sie mit den Quittungen unserer Geldboten vergleichbar sind.

Sobald wir die Natur der Forderungen und der Verbindlichkeiten auf den Bilanzen der involvierten Zentralbanken so verstehen, verstehen wir auch, dass die Drohung Draghis, die Defizitländer müssten bei einem Austritt aus der EWU  ihre Forderungen begleichen, tatsächlich absurd ist und eine bewusste Irreführung gegenüber EU-Parlamentariern darstellt, die ihm diese Frage gestellt hatten.

Was bei einem Austritt eines Landes, sagen wir Italien, mit Bezug auf die Target-Salden passieren muss, ist, wenn man die Logik der Entstehung dieser Salden verstanden hat, nicht schwer zu sagen. Die EZB wird nun eine in der neuen Währung Italiens denominierte „Forderung“ ausweisen und ihr Wert in Euro würde je nach dem auf dem Devisenmarkt ermittelten Währungskurs entsprechend schwanken.

Daran ist per se nichts Bedrohliches. Das ist immer der Fall, wenn eine Zentralbank Devisen auf ihrer Bilanz ausweist, dessen Währungsrelationen über den Devisenmarkt festgesetzt werden. Dass auch bei Zentralbanken in diesem Zusammenhang von Währungsgewinnen und -verlusten geredet wird, wird aber sicherlich wieder zu einer Vielzahl von Missverständnissen führen, die wir aber jetzt nicht auch noch thematisieren wollen.

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