Bill Mitchell, im Hintergrund die Festung Marienberg. Foto: Hendrik Klug

Debatte im historischen Antlitz

Debatten und Kontroversen zeichnen den dritten MAKROSKOP-Kongress aus. Doch in einem Punkt sind sich alle einig: Ohne ein grundlegendes Verständnis unseres Geldsystems ist eine progressive Wirtschaftspolitik nicht möglich.

Auf der Festung Marienberg, fast 500 Jahre lang Residenz der Würzburger Fürstbischöfe, dreht sich am 13. Oktober wortwörtlich alles rund ums Geld. Money makes the world go round lautet passend der Titel des dritten Kongresses unseres noch jungen Magazins. Schließlich steht Geld im Zentrum unserer Wirtschaftsform, mit der sich MAKROSKOP im besonderen Maße auseinandersetzt.

Die altehrwürdige Festung stellt sich angesichts der Räumlichkeiten und der imposanten Kulisse als exzellente Wahl heraus. Sie verleiht der historischen Dimension des Themas – der Genese unseres Geldsystems vom Goldstandart bis zur Fiat-Währung – ein angemessenes Flair.

Mit drei Podiumsdiskussionen und drei Vorträgen jeweils zu Beginn zieht sich die Veranstaltung nicht nur über den ganzen Tag, sondern auch ein roter Faden von der Frage, was wir von Georg-Friedrich Knapps 1905 erschienenen Werk Staatliche Theorie des Geldes lernen können, bis zu Konzepten für eine moderne Wirtschaftspolitik im hier und jetzt. In der Tat ist Knapps „chartalistische“ Position heute wieder Thema in der vor allem in Amerika diskutierten Modern Monetary Theory geworden. Mit Bill Mitchell und Dirk Ehnts sind auch gleich zwei exponierte Vertreter dieser Theorie in Würzburg präsent.

Das ist kein Zufall. Schon Keynes hätte schamlos bei Knapp abgeschrieben, erzählt MAKROSKOP-Mitherausgeber Paul Steinhardt in seinem Eröffnungsvortrag. „Geld“, so zitiert er Knapp, „ist ein Geschöpf der Rechtsordnung, das seinen Gebrauch regelt.“ Seine Akzeptanz beruhe primär auf der Macht des Staates, Steuern zu erheben und ihre Bezahlung zu erzwingen. „Der Staat“, betont Steinhardt, sei demnach entscheidend, „und nicht, wie Schumpeter glaubte, die Banken.“ Wie eine Marke für die Garderobe oder eine Briefmarke sei Geld die Dokumentation eines Anspruches, das als vom Staat akzeptiertes Zahlungsmittel dient, um Steuerschulden zu zahlen.

Mit anderen Worten, Geld ist „chartal“, es wird proklamiert vom Staat für Zahlungen an diesen, ergänzt Dirk Ehnts. Einen „Wert“ des Geldes gäbe es daher nicht. Indem Wechselkurse durch den Staat beeinflusst werden, sei eine Golddeckung nicht notwendig. Das hat weitreichende Konsequenzen auf die Makroökonomie, auf Inflation, Konjunktur, Wachstum und Handel. Der Staat „finanziert“ seine Ausgaben weder durch Steuern noch durch Anleihen, seine Banken schaffen „Geld aus dem Nichts“ – und das verschaffe dem Staat ungeheuerliche fiskalische Möglichkeiten, so Ehnts.

Doch es gibt Einschränkungen. Bei festen Wechselkurssystemen gehe die geldpolitische Flexibilität verloren, räumt Bill Mitchell ein. Makropolitische Instrumente zur Verfolgung nationaler Ziele (Vollbeschäftigung und Preisstabilität) seien weniger wirkungsvoll. Die EU sei dafür das beste Beispiel. Der beste Weg, um Wechselkursstabilität zu erreichen, sei daher nicht ein fixer Wechselkurs, sondern ein stabiles politisches Umfeld mit nachhaltigem Wachstum, hoher Beschäftigung und angemessenen Produktivitätssteigerungen, argumentiert der aus Australien angereiste Ökonom.

Bill Mitchell, Martin Höpner und Sebastian Müller auf dem Podium (v.l.n.r.). Foto: Hendrik Klug

Eine niedriglohnige, exportorientierte Wachstumsstrategie, da liegt Mitchell zudem auf ganzer Linie mit dem renommierten Politologen Martin Höpner vom Max-Planck-Institut, opfere die innenpolitische Unabhängigkeit – und privilegiere bestenfalls einen kleinen Teil der Bevölkerung. In Deutschland, so Höpner, seien die Voraussetzungen für diese Strategie in besonderem Maße gegeben: Koordinierte, konfliktarme Arbeitsbeziehungen, in denen sich Lohnzurückhaltungsstrategien durchsetzen lassen, ein Fiskalföderalismus, der im internationalen Vergleich schon immer wie eine Schuldenbremse wirkte und vor allem eine unabhängige, der Preisstabilität verpflichtete Notenbank. Doch unter den Bedingungen des Euro führe das in die Katastrophe. Es sprenge das Währungsregime und führe zu innereuropäischen Konflikten, die man längst überwunden glaubte.

Zwischen englisch und deutsch wechselnd wendet sich dann Heiner Flassbeck an Mitchell, Höpner und das Publikum. „Zum großen Teil stimme man überein“, so Flassbeck, daher wolle er sich auf die Differenzen konzentrieren. Warum sei es so kompliziert, etwas anderes als Merkantilismus in der deutschen Geschichte zu finden? Das habe weniger mit historisch gewachsenen Unterbewertungsregimen zu tun, antwortet er mit Blick auf Höpner, sondern mit konkreten politischen Entscheidungen. Die Neoklassik habe keine dynamische Wirtschaftstheorie – „Löhne senken ist keine Theorie“. Nur unter der kurzen Phase von Bretton Woods und der Dominanz des Keynesianismus habe es über den Staat und staatliche Geldpolitik ein erfolgreiches wirtschaftspolitisches Instrument gegeben. Nicht Ludwig Erhard, sondern “US-monetary policy made the german miracle”, sagt Flassbeck.

Und die starke Tendenz zu fixen Wechselkursen in Europa habe ihre Gründe gehabt, so sein Seitenhieb auf Mitchell. Denn freie Wechselkurse würden nur in der Theorie, aber nicht in der Praxis funktionieren. Die dramatischen Beispiele Argentinien oder Island würden zeigen, dass diese zu einem „Desaster aus Über- und Unterbewertungen“ führen. Währungsspekulationen hätten vor allem in Entwicklungsländern zu enormen Schaden geführt, daher bräuchte es durchaus einen politischen Rahmen der Koordinierung.

Heiner Flassbeck referiert, Foto: Hendrik Klug

So wird schnell deutlich, dass die Diskutanten auf dem Podium – die MAKROSKOP-Herausgeber Heiner Flassbeck und Paul Steinhardt, Joachim Nanninga, Martin Höpner, Thomas Fazi, Rainer Land und Dirk Ehnts sowie Bill Mitchell – durchaus inhaltliche Differenzen haben. Das belebt das Gespräch, an dem sich auch das zahlreiche, wie immer aus allen Teilen Deutschlands angereiste Publikum rege beteiligt. Der offene Diskurs, das hatte sich schon in den vergangenen Veranstaltungen abgezeichnet, ist zu einem Markenzeichen von MAKROSKOP geworden.

Doch trotz oder gerade wegen solcher Kontroversen fügen sich die Beiträge nach und nach in ein größeres Gesamtbild. So wird ersichtlich, was etwa unser Geldsystem mit den Erfolgsbedingungen einer sozialen Wirtschaftspolitik oder eines ökologischen Umbaus zu tun hat. Und warum die Europäische Währungsunion die Möglichkeiten einer modernen Fiskalpolitik behindert. Thomas Fazi bringt es in seinem Vortrag auf den Punkt: „Die Regierungen der Welt haben in den drei Jahren nach der Finanzkrise zwischen 12 und 15 Billionen Dollar in das Finanzsystem injiziert“. Allein in der Europäischen Union seien 6 Billionen Euro beigesteuert worden. Summen, so Fazi, die der Staat theoretisch auch für Infrastrukturprojekte oder Entwicklung ausgeben hätte können.

Das Publikum, ein aufmerksamer Zuhörer. Foto: Hendrik Klug

Das große Bedürfnis, an der restlos ausgebuchten Veranstaltung teilzunehmen, zeigt, dass sich in einem Punkt dann doch alle einig sind: Es fehlt an einem grundlegenden Verständnis unseres Geldsystems, ohne das der so dringend nötige Richtungswechsel hin zu einer progressiven Wirtschaftspolitik nicht möglich ist.

Natürlich geht es auf der Veranstaltung nicht nur um die Zukunft der Weltwirtschaft, sondern auch um die von MAKROSKOP. Einige der auf den letzten beiden MAKROSKOP-Kongressen angekündigten Projekte konnten mittlerweile verwirklicht werden. Die Gründung der Georg-Friedrich-Knapp-Gesellschaft für politische Ökonomie e. V. etwa ist genau der diskutierten Notwendigkeit geschuldet, das Verständnis unseres Geldsystem zu fördern. Zudem wurde die erste Ausgabe unseres neu konzeptionierten Printmagazins vorgestellt. Und dank der Initiative unserer Leser haben sich die MAKROSKOP-Gesprächskreise mittlerweile über ganz Deutschland verbreitet.

Es sind Etappen auf einem langen und auch mühsamen Weg. Ein Weg, der ohne idealistisches Engagement, ohne Unterstützung nicht zu beschreiten wäre. Und so ist nach diesem langen Tag einmal mehr offensichtlich: MAKROSKOP, das sind die Leser, Abonnenten, Förderer und Autoren.

Die Videos zu den einzelnen Vorträgen samt den dazugehörigen Folien werden wir nach und nach auf MAKROSKOP veröffentlichen.

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