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Konjunktur | 26.10.2018 (editiert am 01.11.2018)

Die deutsche und europäische Konjunktur im Spätsommer 2018 – 3

Auch im Oktober sind die einschlägigen Frühindikatoren für die EWU gefallen und bestätigen damit, was wir schon im Sommer klargestellt hatten: Es spricht alles für einen deutlichen konjunkturellen Rückschlag für Deutschland und Europa, auf den die Wirtschaftspolitik reagieren muss.

Die Bauproduktion in der Europäischen Währungsunion war im August leicht rückläufig (Abbildung 1). Deutschland verzeichnete nach einigen Monaten eines „Baubooms“ schon wieder eine Normalisierung und Frankreich kommt keinen Millimeter von der Stelle.

Abbildung 1

Auch in Südeuropa bietet sich ein mehr als trauriges Bild (Abbildung 2). Keines der drei Länder hat sich im Baubereich seit 2014, also seit vier Jahren, bewegt. Eine solche Entwicklung bei Nullzinsen zeigt einfach, dass in diesen Ländern die Bürger und die Unternehmen extrem negative Erwartungen haben. Die Grundbedingung für Investitionen, nämlich eine positive Erwartung bezüglich der zukünftigen Einkommens- und Gewinnentwicklung, ist einfach nicht gegeben. Dass neben Italien auch Portugal und Spanien langfristig stagnieren, zeigt, dass die Erzählungen vom Aufschwung in diesen Ländern mit großer Vorsicht zu genießen sind.

Abbildung 2

Anders ist das Bild in den kleineren Ländern. In Mittel- und Osteuropa bleiben Polen und Ungarn bei ihrem kräftigen Aufschwung und auch in Tschechien geht es weiter nach oben (Abbildung 3). In diesen Ländern, anders als in Bulgarien, sind immerhin die letzten Jahre für einen kräftigen Aufschwung genutzt worden. Außer in Ungarn sind damit aber noch keine besonders hohen Niveaus erreicht worden.

Abbildung 3

In kleineren Ländern West- und Nordeuropas ist zum Teil ebenfalls eine kräftige Aufwärtsentwicklung im Gang, insbesondere in den Niederlanden, wo allerdings das Niveau von 2009 jetzt gerade erst erreicht wurde (Abbildung 4). In Österreich gibt es seit Anfang 2017 einen kräftigen Aufschwung am Bau, der jetzt schon auf ein Niveau von fast 20 Prozent über dem langjährigen Stagnationswert von etwa 100 geführt hat. In Schweden geht es dagegen inzwischen abwärts – von einem recht hohem Niveau aus allerdings.

Abbildung 4

Der Einzelhandelsumsatz sank im August in der EWU (Abbildung 5). Insbesondere in Frankreich gab es einen deutlichen Rückschlag, aber auch Deutschland war schwach. In Italien, wo die Regierung versucht, eine Wende hinzubekommen, ist nunmehr schon seit über fünf Jahren Stagnation bei diesem wichtigen Indikator angesagt.

Abbildung 5

Auch in Südeuropa kann an diesem Indikator ablesen, dass sich praktisch nichts zum Besseren gewendet hat. In Portugal stagnieren die Umsätze wieder, in Spanien ist seit zwei Jahren kein anstieg zu erkennen, nur in Griechenland geht es von extrem niedrigem Niveau leicht bergauf.

Abbildung 6

Die Arbeitslosenquote ist im letzten Berichtsmonat in Italien kräftig zurückgegangen. Angesichts der weiterhin schwachen Konjunktur stehen dahinter vermutlich statistische Gründe oder aber Abwanderung aus dem offiziellen Arbeitsmarkt (Abbildung 7). In Frankreich gibt es dagegen in diesem Jahr auch bei der offiziellen Quote keinen Fortschritt.

Abbildung 7

In Südeuropa geht es ganz langsam abwärts, aber es steht zu befürchten, dass ein neuer konjunktureller Rückschlag hier rasch für eine Umkehr sorgen könnte (Abbildung 8). Umso wichtiger wäre es, jetzt gegenzusteuern.

Abbildung 8

Die Preisentwicklung in Europa ist erneut vom Anstieg der Ölpreise und einiger Lebensmittel gekennzeichnet. Insbesondere bei den Erzeugerpreisen ist daher die Teuerung erheblich über die Zielmarke von 2 Prozent gestiegen (Abbildung 9). Besonders betroffen, wie immer in diesen Fällen, ist Spanien, das offenbar eine besonders große Abhängigkeit von importiertem Öl hat.

Abbildung 9

Auch auf der Verbraucherstufe liegt die Inflationsrate nun knapp über 2 Prozent (Abbildung 10). Das hat aber keine große Bedeutung, weil die Kerninflationsrate (ohne Öl und Lebensmittel) immer noch bei knapp einem Prozent verharrt.

Abbildung 10

Wirtschaftspolitik

Das Thema „wirtschaftliche Schwächephase“ gibt es in der politischen Diskussion Europas derzeit wieder einmal nicht. Das zeigt zwei extreme Schwächen der europäischen Konstruktion. Zum einen versagen die EWU-Institutionen. Die Kommission gibt lieber den Berufsoptimisten, anstatt die Öffentlichkeit zu informieren und eine politische Diskussion zu erzwingen. Vermutlich fürchtet sie, dass noch mehr Bürger eine europakritische Haltung einnehmen.

Auch die EZB müsste aggressiver in der Öffentlichkeit auftreten und damit die Politik unter Zugzwang setzen. Zum anderen versagen die zuständigen nationalen Minister, weil sich niemand für die gesamte EWU zuständig fühlt und auf die Zeichen der Zeit achtet. Hinzu kommt natürlich das Dogma vom Markt, der alles regelt und vom Staat, der sich besser raushält, das die Sache noch schlimmer macht. Deswegen schweigen auch die meisten Ökonomen, auch ihnen gilt der intervenierende Staat als Teufelszeug. Man lässt das Kind lieber in den Brunnen fallen und wundert sich anschließend, wenn es schreit.

Jenseits der finanzpolitischen Dogmen muss man jetzt ein großes Infrastrukturprogramm fordern, mit dem die Erneuerung und Ökologisierung der Verkehrsinfrastruktur vorangetrieben wird. Auch für Bildung müsste und könnten die Staaten weit mehr ausgeben. Schließlich wäre es gerade jetzt notwendig, die Ungleichheit zu bekämpfen, indem die Grundversorgung in allen Ländern Europas deutlich angehoben wird. Das alles wäre ohne jede Friktion und ohne jede Zinserhöhung über die Kapitalmärkte finanzierbar.

Statt das zu tun und zu fordern, lässt sich die Kommission lieber auf einen Streit mit Italien ein, der nicht nur überflüssig ist, sondern für Europa und für den Euro extrem kontraproduktiv.

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