Bukarest, Bild: istock.com/PetreaIonut
Länder | 30.10.2018 (editiert am 07.11.2018)

Die wirtschaftliche Lage in Bulgarien und Rumänien – 1

Die Entwicklung in Osteuropa wird im Westen immer noch nach dem Motto ignoriert: Der Markt wird es schon richten. Doch der Markt richtet es nicht. Obwohl die meisten Regierungen glühende Anhänger des Liberalismus sind, stockt der Aufholprozess und neue Krisen deuten sich an.

Es ist erstaunlich, dass man in Westeuropa kaum über die Länder redet, die nach dem Fall der Mauer in ein neues Wirtschaftssystem hineinkollabierten und seitdem in ganz unterschiedlicher Weise und mit unterschiedlichem Erfolg im großen europäischen Strom mitschwimmen. Noch erstaunlicher ist, dass man in den vergangenen zehn Jahren, also nach der großen globalen Finanzkrise und seit Beginn der Eurokrise, von diesen Ländern fast nichts mehr hört, obwohl gerade diese Krise für viele Länder einen entscheidenden Einschnitt darstellte.

Mehr noch als die näher am Westen liegenden Länder gilt das für Länder an den östlichen Außengrenzen der Europäischen Union. Über Bulgarien und Rumänien beispielsweise wird berichtet, wenn Fälle von Korruption aufgedeckt werden oder der Ausgang von Wahlen den Westen überrascht, weil diese Länder kaum stabile Regierungsverhältnisse finden können. Die Tatsache, dass insbesondere diese beiden Länder bis heute die damals ausgelöste Krise nicht überwunden haben und wirtschaftlich kaum noch vorankommen, ist nicht ins westliche Bewusstsein vorgedrungen. Man will vermutlich nicht wahrhaben, dass es in der Marktwirtschaft keine Automatik erfolgreicher Anpassung für solche Länder gibt.

Krise ohne Ende, aber starker Konsum

Die wirtschaftliche Entwicklung in den vergangenen zehn Jahren verlief in beiden Ländern sehr ähnlich (Abbildungen 1 und 2). In beiden Ländern brach die Investitionstätigkeit, die im ersten Jahrzehnt des Jahrhundert sehr dynamisch gewesen war, drastisch ein.

Abbildung 1

Danach gab es einen Bruch im Verlauf der Investitionstätigkeit, der bis heute nicht überwunden ist. In den Jahren 2013 und 2016 waren etwa in beiden Ländern die Investitionsausgaben der Unternehmen rückläufig oder konstant, was nach einer Rezession und im Zuge einer leichten Aufwärtsentwicklung für ein solches Land sehr ungewöhnlich ist.

Abbildung 2

Auch der private Konsum blieb in den ersten Jahren nach der Krise in beiden Ländern schwach, erholte sich in Rumänien zuletzt allerdings weit stärker als in Bulgarien. Mit einer Zuwachsrate des realen privaten Verbrauchs von zehn Prozent im vergangenen Jahr hat Rumänien eine Marke gesetzt, die angesichts der schwachen Investitionsentwicklung nur schwer zu verstehen ist. In Bulgarien stieg der private Verbrauch zwar auch bei ähnlich schwacher Investitionstätigkeit, allerdings doch deutlich weniger als im Nachbarland.

Die Löhne steigen kräftig

Was passiert ist, versteht man unmittelbar, wenn man die Einkommensentwicklung in den beiden Ländern betrachtet (Abbildung 3). Die Nominallöhne legen mit erheblichen Zuwachsraten zu, in Rumänien im vergangenen Jahr mit über fünfzehn Prozent. Auch in diesem Jahr, das zeigen Quartalsdaten, geht es in ähnlichem Tempo weiter. Auch in Bulgarien wurden in den vergangenen Quartalen Zuwachsraten von fast zehn Prozent erreicht, im gesamten vergangenen Jahr waren es aber „nur“ sieben Prozent.

Abbildung 3

Die Inflationsentwicklung blieb, gemessen an den Nominallohnzuwächsen, relativ moderat (Abbildung 4). In Bulgarien lag die Inflationsrate im Jahr 2017 auf dem Niveau der EWU, also um die zwei Prozent. Im Verlauf dieses Jahres erhöhte sich die Inflation auf der Verbraucherstufe auf etwa 3 ½ Prozent.

Abbildung 4

Viel stärker, nämlich um gut fünf Prozent erhöhte sich der Deflator des BIP schon 2017 in Rumänien, obwohl die Inflation auf der Verbraucherstufe noch unter 2 Prozent lag (Abbildung 5). Im Verlauf dieses Jahres ist die Inflation auf der Verbraucherstufe in Rumänien auf nahe fünf Prozent gestiegen und in Bulgarien lag sie in den letzten Monaten bei drei Prozent.

Abbildung 5

Hinter der moderaten Inflation bei starken Nominallohnsteigerungen in beiden Ländern steht eine unterschiedliche Dynamik bei der Produktivität (Abbildung 6). Während in Rumänien die pro-Kopf-Produktivität seit 2010 in erheblichem Tempo gestiegen ist, blieb der Produktivitätsfortschritt in Bulgarien recht schwach. Folglich sind in Rumänien die Reallöhne in den beiden vergangenen Jahren zwar deutlich stärker gestiegen als die Produktivität, aber nach einer langen Phase der Lohnzurückhaltung seit 2008 scheint das von der binnenwirtschaftlichen Seite her  absolut vertretbar.

Anders in Bulgarien. Hier sind die Reallöhne schon seit einigen Jahren stetig nach oben gegangen, ohne dass sich die Produktivitätszunahme merklich beschleunigt hätte. Damit ist nach Jahren der Lohnzurückhaltung hier eine neue Entwicklung eingeleitet, bei der gefragt werden muss, wie lange die Unternehmen stillhalten und nicht mit steigenden Preisen reagieren.

Abbildung 6

Dass die Unternehmen nicht mit stärker steigenden Preisen reagieren, mag damit zusammenhängen, dass es sich um international agierende Unternehmen handelt, die mit hoher (westlicher) Produktivität und somit mit extrem hohen Gewinnmargen (bzw. großem Preisspielraum nach unten auf den internationalen Märkten) operieren. Es mag bei den originär bulgarischen Unternehmen aber auch ein Wettbewerbsfähigkeitsproblem existieren, das sie davon abhält, die Preise stärker anzuheben.

Außenwirtschaftliche Krise voraus?

Für Letzteres spricht, dass das internationale gebräuchliche Maß für Wettbewerbsfähigkeit, der real effektive Wechselkurs in beiden Ländern seit 1999 wesentlich stärker gestiegen ist als in Deutschland, das wir hier zum Vergleich genommen haben. Aber auch gemessen an den übrigen Ländern der EWU ist die Aufwertung enorm (Abbildung 7).

Abbildung 7

Fast genau das gleiche Bild erhält man, wenn man die Lohnstückkosten einfach in internationaler Währung mit den deutschen vergleicht (Abbildung 8). Hier ist eine riesige Lücke entstanden, die für die beiden aufholenden Länder immer wieder zu einem großen Problem werden wird.

Abbildung 8

Rumänien hatte nach der Krise von 2008, die eine Überbewertungskrise war, seine Wettbewerbsfähigkeit für einige Jahre leicht verbessert, der Trend dreht sich derzeit allerdings sehr klar wieder hin zu einer Verschlechterung. In Bulgarien ist es auch nach der Krise nicht zu einer Korrektur gekommen, die reale Aufwertung setzt sich seit 2012 beschleunigt fort.

In jedem Fall signalisieren diese Kurven ein großes zukünftiges Problem für beide Länder. Die hohen Nominallohnzuwächse sind weniger ein Problem für die Binnenwirtschaft als für die Außenwirtschaft, da sich beide Länder für einen absolut festen Wechselkurs zum Euro entschieden haben. Offensichtlich beginnen die Unternehmen jetzt, die deutlich steigenden Lohnstückkosten in steigenden Preisen weiterzugeben, was sie bisher auf der Verbraucherstufe nicht getan haben. Das bedeutet für die inländischen Unternehmen, dass sie versuchen, ihre Gewinne zu normalisieren, die eine Zeit lang durch die hohen Lohnsteigerungen gedrückt worden waren. Die schwache Investitionstätigkeit ist sicherlich Ausdruck davon.

Man muss sehen, dass beide Länder eine enorme Anpassungskrise hinter sich haben, als sie nach der globalen Finanzkrise wegen enormer Leistungsbilanzdefizite und dem Verlust internationaler Wettbewerbsfähigkeit gezwungen waren, die Löhne zu senken (wie in Rumänien) bzw. weniger zu erhöhen wie in Bulgarien und die interne Absorption und die Importe massiv einzuschränken. Abbildung 9 zeigt, dass beide Länder seitdem wesentlich geringere Leistungsbilanzdefizite (Rumänien) oder sogar leichte Überschüsse aufweisen.

Abbildung 9

Doch diese scheinbare Stabilität der außenwirtschaftlichen Beziehungen täuscht darüber hinweg, dass die Länder weiter enorme Probleme im Außenhandel haben, weil sie die enorme reale Aufwertung, also den erheblichen Verlust an Wettbewerbsfähigkeit niemals ausgeglichen haben. Die extrem schwache Investitionstätigkeit muss als unmittelbare Folge dieser Konstellation angesehen werden. Insofern lässt sich die Politik von der scheinbaren Normalität bei den außenwirtschaftlichen Salden täuschen und verhindert auf diese Weise, dass die Länder mittel- und langfristig prosperieren können.

Lesen sie im zweiten Teil, was aus unserer Analyse wirtschaftspolitisch zu folgern ist und welche Möglichkeiten die nationale Wirtschaftspolitik in beiden Ländern bei den gegebenen Währungsverhältnissen hat, um für einen Umschwung zu sorgen.

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