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Grundlagen | 01.10.2018 (editiert am 07.10.2018)

Lohnstückkosten – warum dieses Maß und warum ist es so wichtig?

Die Lohnstückkosten sind das entscheidende Maß für die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft. Das wird häufig missverstanden, weil die herrschende Lehre an der Fiktion eines in realen Größen ablaufenden internationalen Handels festhält.

Immer wieder bekommen wir Mails, in denen gefragt wird, warum die Lohnstückkosten bei unserer Analyse eine so überragende Rolle spielen. Andere wundern sich, warum ausgerechnet dieser wichtige Indikator nicht real errechnet wird, sondern regelmäßig in seiner nominalen Variante Verwendung findet, also nominales Arbeitseinkommen (pro Stunde) in Relation zur Produktivität pro Stunde (wobei die Produktivität allerdings mit Hilfe des realen BIP errechnet wird).

Die Bedeutung der Lohnstückkosten (Lstk) erklärt sich tatsächlich aus der Anwendung einer Wirtschaftstheorie, die sich radikal von der neoklassischen Theorie gelöst hat. Die neoklassische Theorie arbeitet in der Tat meist mit sogenannten realen Größen oder geht sogar von der Fiktion aus, man könne etwas messen, was echten realen Größen nahekommt. Das ist eine Fiktion, weil man echte Stückzahlen oder Mengen nicht miteinander vergleichen und folglich auch nicht aufrechnen kann.

Die meisten Größen, die wir real nennen, sind eigentlich nur deflationierte nominale Werte, also Werte, bei denen der Einfluss der Inflation im Nachhinein herausgerechnet wurde. Steigen die Löhne um fünf Prozent und die Inflation um drei Prozent, „errechnet“ man – mathematisch nicht ganz korrekt, aber bei kleinen Veränderungsraten hinnehmbar – einen Reallohnanstieg um zwei Prozent.

Auch wir verwenden häufig solche deflationierten Werte, weil es bei manchen Fragestellungen entscheidend ist, den Einfluss der Inflation zu eliminieren, um zu einer vernünftigen Aussage zu kommen. Das gilt vor allem für Verteilungsfragen. Wenn etwa die Löhne viel schneller steigen als die Produktivität, die Inflation dies aber wieder teilweise ausgleicht, muss man „reale“ Lohnzuwachsraten errechnen, um zu wissen, ob sich die Verteilungssituation zugunsten oder zulasten der Arbeitnehmer verändert hat.

Nominale Lohnstückkosten und der internationale Handel

Bei allen Fragen jedoch, wo es um den internationalen Handel geht, sind die nominalen Lstk von entscheidender Bedeutung, weil es bei Verschiebungen in den Warenströmen auf die Preise der Güter ankommt und auf die Frage, ob alle Länder vergleichbare Güter (also auch Güter vergleichbarer Qualität) zu den gleichen Preisen anbieten können.

Wobei man noch einmal betonen muss, dass die Qualität der Güter sich regelmäßig in ihrem Preis niederschlägt. Ein Auto, das qualitätsmäßig wesentlich besser ist als der Durchschnitt, wird auch einen höheren Preis haben. Das ist etwas, was der Markt, also die Nachfrager und die Anbieter in ihrer Interaktion meist sehr gut hinbekommen, weil die Masse der Konsumenten ein überteuertes Produkt nicht kauft und ein Unternehmer, der seinen von der Qualität her vorhandenen Preisspielraum nicht ausnutzt, sehr bald vom Markt verschwinden wird.

Wie haben empirisch klar gezeigt, dass auf lange Sicht (in unseren Berechnungen waren es zwanzig Jahre) die Veränderungen der Preisniveaus (ganz gleich, ob BIP-Deflator oder Verbraucherpreise) in fast allen Ländern fast exakt mit den Veränderungen der Lstk übereinstimmen (Abbildung mit dem BIP-Deflator).

Das bedeutet, dass kein Land auf lange Sicht über die gesamte Breite der Produktpalette im internationalen Handel wettbewerbsfähige Produkte anbieten kann, wenn seine Lohnstückkosten in einer internationalen Währung gerechnet (also international vergleichbar gemacht) dauernd stärker steigen als die der Handelspartner. Wer ständig zu hohe Preise hat, verliert Marktanteile und hat absolute Nachteile.

Wie funktioniert der internationale Handel?

Hier werden vor allem Studenten fragen, wie das sein kann, wo doch die herrschende Lehre seit David Ricardo versucht, ihnen beizubringen, dass es nicht auf die absoluten Vorteile ankommt, sondern auf die komparativen. Das ist aber ein typisches Missverständnis, wie es in modernen Lehrbüchern dauernd vorkommt, weil die Ökonomen lieber Gleichgewichtsmodelle basteln als ernsthaft über ihr Forschungsobjekt nachzudenken und konkret zu sagen, was Sache ist.

David Ricardos Geschichte wurde nämlich total verdreht. Er hat keineswegs ausgeschlossen, dass es absolute Vorteile gibt und dass diese Vorteile den internationalen Handel total verzerren können. Er hat lediglich gesagt, dass es bei Ausschluss absoluter Vorteile für ein ganzes Land – durch ein funktionierendes Währungssystem vor allem – Bedingungen geben kann, die dazu führen, dass sich die Produzenten in einem Land auf ihre komparativen Vorteile konzentrieren und nicht alle ihre absoluten Vorteile ausspielen. Ob diese Bedingungen (in erster Vollbeschäftigung aller Produktionsanlagen) damals und heute realistisch sind, ist eine ganz andere Frage und die Antwort ist in der Regel nein. Gibt es aber absolute Vorteile schon auf der Ebene des Landes (also nicht nur des einzelnen Produzenten), kann man die ganze Geschichte getrost vergessen, weil sie dann nicht mehr als ein schönes Märchen ist.

Absolute Vorteile eines Landes oder einer Region gegenüber den Handelspartnern kann man aber nur ausschließen, wenn die Lohnstückkosten in allen am Handel beteiligten Ländern vollkommen gleichartig steigen oder die unterschiedlichen nationalen Anstiege durch Wechselkursänderungen gleichartig gemacht werden, die Lohnstückkosten in internationaler Währung gerechnet folglich genau gleich steigen. Dann können sich die Reallöhne vollkommen unterschiedlich entwickeln, sie können nämlich der jeweiligen nationalen Produktivität folgen, ohne dass die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Landes gefährdet ist.

Was folgt?

So ist es im Grunde ganz einfach: Jedes Land hat seine nationale Produktivität, die sich aus seiner Geschichte und der Entwicklung seines Kapitalstock ergibt, und dieser Produktivität müssen sich letztlich die Nominallöhne (in internationaler Währung) – absolut und als Zuwachsrate – anpassen, weil sonst eine offene Wirtschaft nicht überleben kann. Hält man sich an diese Regel und hat man ein vernünftiges Inflationsziel (also irgendein Wert zwischen zwei und fünf Prozent), sollten die Löhne nominal immer so stark steigen wie das Inflationsziel plus der Produktivität (bei der man am besten eine Extrapolation der Zuwachsraten über eine Reihe von Jahren macht, um einen tragbaren Wert zu errechnen). Ist das gegeben, gibt es keine Umverteilung, weil die Reallöhne auf mittlere Frist (also nach Überwindung kurzfristiger positiver oder negativer externer Schocks wie etwa Ölpreisschocks) so stark steigen wie die Produktivität.

Dann ist auch die internationale Position gesichert, wenn das Währungssystem funktioniert. Unterhalb dieser Schwelle kann es dann Wettbewerb der Unternehmen geben, der wenigstens halbwegs rationalen Bedingungen unterworfen ist. Gibt es diese makroökonomischen Bedingungen nicht, kann man sich sparen, über spezifische Vor- und Nachteile von Ländern und Unternehmen zu philosophieren. Leider hat die politische Weltgemeinschaft in den vergangenen 50 Jahren auch nicht in Ansätzen begriffen, was ihre Aufgabe wäre, um ihren eigenen großen Sprüchen über die Bedeutung des internationalen Handels wenigstens einen Hauch von Realitätsnähe durch die Schaffung eines funktionierenden Währungssystems zu geben.

 

 

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