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Arbeit | 12.10.2018 (editiert am 17.10.2018)

Was Bullshit-Jobs mit Sadomasochismus zu tun haben

Vier von zehn Arbeitnehmern halten ihre Arbeit für wertlos. Das hat verheerende Folgen für die kollektive Psyche.

Vor bald 90 Jahren hat Lord Meynard Keynes prophezeit, dass seine Enkel nur noch 15 Stunden arbeiten müssen. Jetzt fragt man sich, warm sich selbst seine Urenkel noch zu Tode arbeiten. Am technologischen Fortschritt kann es nicht liegen. Der hat Keynes Erwartungen weit übertroffen.

Keynes selbst hatte eine Vorahnung. Er sei zwar sicher, dass es uns gelingen werde, den Reichtum zu geniessen, aber:

„Für lange Zeiten wird der alte Adam in uns noch so mächtig sein, dass jedermann wünschen wird, irgendeine Arbeit zu tun, um zufrieden sein zu können.“

Jetzt wissen wir: Der alte Adam war stärker. Moderne Ökonomen haben diesen Adam – die menschliche Natur – nicht mehr auf dem Bildschirm. Deshalb müssen wir uns heute von einem Anthropologen namens David Gräber erklären lassen, warum wir Urenkel ein in Anbetracht der technologischen Möglichkeiten weit suboptimales, wenn nicht „beschissenes“ Leben führen.

Kurz zusammengefasst sagt Gräber dies: Die Kombination von Arbeitsdrang (alter Adam) und technologischen Fortschritt hat dazu geführt, dass wir heute nicht mehr in einer Marktwirtschaft (wie Keynes sie sich vorstellte) leben, sondern in den Feudalismus zurückgefallen sind. Im Feudalismus organisiert eine Minderheit die Arbeit der Massen und schöpft deren Mehrwert ab. Die neue Oberschicht sind die Finanzmärkte und die von ihnen eingesetzten Topmanager und Spezialisten. Diese Feudalherren demonstrieren ihre Macht, indem sie möglichst viel Personal halten – auch wenn die deren Arbeit gar nicht wirklich brauchen.

Und damit sind wir beim „beschissenen“ Teil dieser These. Fast 40 Prozent der Arbeitnehmer, so Gräber, empfinden ihre Arbeit als wertlos. Das nennt er Bullshit-Jobs. Das betreffe auch gut bezahlte Arbeit in der Werbung, der Administration oder bei Banken. Weitere gut 20 Prozent der Beschäftigten sehen zwar den Sinn ihrer Arbeit ein, leiden aber unter der Monotonie, der Unselbständigkeit und der miesen Bezahlung ihrer Arbeit. Dazu gehören etwa Jobs in der Paketzustellung oder in Warenlagern bei Zalando oder Amazon.

Woher nimmt Gräber diese Zahlen? Er hat 2013 einen kurzen Aufsatz zum Thema Bullshit-Jobs geschrieben, der sofort ein weltweites Echo auslöste. Meinungsforscher nahmen das Thema auf und auch Gräber fing an, Zuschriften systematisch einzuordnen und Interviews zu führen. Daraus ist eine kleine Wissenschaft entstanden. Die erwähnten Größenordnungen scheinen solide. Nach einer Umfrage von 20-Minuten langweilen sich 36 Prozent aller Schweizer Arbeitnehmer jeden Tag. Nur jeder Dritte meint „nein, ich habe einen spannenden Job.“

Glaubt man Gräber, hat das Füllhorn des technologischen Fortschritts im wahrsten Sinn „perverse“ Folgen. Die meisten Menschen glauben, dass sie ihren Wohlstand dadurch verdienen müssen, dass sie sich mit sinnloser Arbeit selbst bestrafen. In der Arbeitswelt herrschten deshalb oft sadomasochistische Beziehungen. Wer weiß, dass sein Job eigentlich überflüssig ist, habe Angst, ihn zu verlieren und lasse sich vom Vorgesetzten viel zu viel bieten, was diese ihrerseits gerne ausnützen. Daraus entstehe auch ein kollektiver Neid auf alle, die noch eine sinnvolle Arbeit machen dürfen. Das erkläre die tiefen Löhne von Reinigern, Pflegern, Bauern, Verkaufspersonal und (in den USA) von Lehrern.

Bleibt die Frage, warum der Wettbewerb nicht alle die Firmen, die überflüssiges Personal bezahlen, Pleite gehen lässt?

Wer an die Lehrbuch-Ökonomie glaubt, wird dies für ein tödliches Argument gegen Gräbers Thesen halten. In der Tat gibt es noch viele Branchen, in denen der Markt Bullshit-Jobs nicht zulässt. Das gilt vor allem für die Landwirtschaft und für die eigentliche Produktion von Gütern, die die wichtigsten materiellen Bedürfnisse befriedigen. Hier gibt es noch harte Konkurrenz. Laut Adair Turner, dem Chef des „Institute for B ew Economic Thinking“, beschäftigt die eigentliche Produktion in den entwickelten Volkswirtschaften typischerweise nur noch 12 Prozent der Arbeitnehmer.  Diese arbeiten in der Regel hart und nicht selten unter dem Existenzminimum und ermöglichen so Megagewinne der Schokolade-Branchen, in denen der Wettbewerb weitgehend ausgeschaltet ist.

Turner spricht aber nicht von Bullshit-Jobs, sondern erklärt die anhaltend hohe Beschäftigung der Enkel mit der starken Zunahme von Nullsummen-Wettbewerben. Er bringt das Beispiel einer neuen Schuhfabrik von Adidas in Bayern, in der 160 Arbeiter pro Jahr 500.000 Schuhe produzieren – fünf mal mehr als bisher möglich war. Wenn wir immer mehr Arbeit wegrationalisieren, meint er, gäbe es nur zwei Möglichkeiten: „Die eine ist eine dramatische Zunahme von Freizeit und Muße, die andere wäre, dass wir immer mehr Arbeit mit Nullsummen-Wettbewerben totschlagen. So wie wir die menschliche Natur kennen, ist die zweit Möglichkeit die wahrscheinlichere.“

Unter Nullsummen-Aktivitäten versteht Turner unter anderem die Arbeit von Juristen, Börsenhändlern, Vermögensverwaltern, Werbern et cetera. Ja sogar Lehrer können in diese Kategorie fallen, etwa dann, wenn die Diplome, auf die sie ihre Schüler vorbereiten, bloß dazu dienen, andere Job-Bewerber zu verdrängen.

Als Beleg für seine These dient Turner diese Studie, wonach in den USA 35,6 Prozent aller Arbeitskräfte im Management, in der Administration sowie in den Finanz- und Unternehmensdienstleistungen tätig sind und dort 54 Prozent der nationalen Wertschöpfung kassieren. Die Autoren der Studie schätzen, dass die USA denselben Output mit 15 Prozent weniger Beschäftigten erreichen können. Daraus wiederum schließen sie, dass das US-BIP um 3000 Milliarden Dollar gesteigert werden könnte, wenn diese 15 Prozent stattdessen „mit wertschöpfenden Tätigkeiten beschäftigt werden“.  Was damit konkret gemeint sein soll, verraten uns die Autoren nicht.

Eine andere mögliche Erklärung für Keynes Irrtum haben wir hier vorgeschlagen. Danach sind Keynes Enkel immer mehr damit beschäftigt, die zunehmende Komplexität des Marktes zu bewältigen, statt ihre Bedürfnisse zu decken. Während wir im uralten System der Selbstversorgung arbeiten, um unsere eigenen Bedürfnisse beziehungsweise die der Familie, Nachbarschaft, Sippe et cetera zu befriedigen, müssen wir im Marktmodus erst die Bedürfnisse Fremder, erkennen, wecken und befriedigen, um dann einen Tauschhandel zu betreiben, der große Distanzen überwinden muss und einen Finanzsektor, Werbeindustrie, Juristen und Handelsgerichte benötigt. Zudem haben wir Enkel und Urenkel verlernt, zwischen Aufwand und Ertrag zu unterscheiden. Wir addieren alle bezahlten Aktivitäten einfach zum BIP. Dieses ist nicht deshalb wichtig, weil es Wohlstand, sondern weil es Beschäftigung schafft.

Diese Erklärungsversuche müssen sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern sind bloß unterschiedliche Facetten desselben psychologischen Phänomens: Wir Menschen neigen zur Arbeitswut und Raffgier und haben offenbar Mühe damit, gut zu leben. Turner schiebt das Problem auf die „menschliche Natur, so wie wir sie kennen“. Gräber ist etwas differenzierter und diagnostiziert „sadomasochistische Störungen“ und einen Rückfall in den Feudalismus. Und auch Keynes hat bei allem Optimismus geahnt, dass uns unseren menschlichen Unzulänglichkeiten einen Strich durch seine 15-Stunden-Rechhnng machen könnten.

Im erwähnten Brief an die Enkel schrieb Keynes:

„Wir sollten imstande sein, uns von vielen der pseudomoralischen Grundsätze zu befreien, mit denen wir einige der unangenehmsten menschlichen Eigenschaften zu höchsten Tugenden gesteigert haben. (….) Die Liebe zum Geld statt zu den wirklichen Freuden des Lebens, wird als das erkannt werden, was sie ist, ein ziemlich widerliches, krankhaftes Leiden, eine jener halb-kriminellen, halb-pathologischen Neigungen, die man mit Schaudern den Spezialisten für Geisteskrankheiten überlässt.“

Keynes Enkel waren dazu nicht imstande. Aber immerhin dämmert es seinen Urenkeln, dass man die Wirtschaft inzwischen den Spezialisten für Geisteskrankheiten überlassen sollte.

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