istock/Simon Montezuma
Aufgelesen | 16.11.2018 (editiert am 22.11.2018)

Die Revolte der Eliten

Lange bevor sich Bürgerinnen und Bürger in schnell wachsender Zahl neonational gegen die Eliten in ihren Ländern stellten, revoltierten die Eliten des Westens gegen die Bürger.


Vorwort der Redaktion:

Hans-Peter Martin, Mitautor des Bestsellers „Die Globalisierungsfalle“, hat mit „Game Over“ ein Buch nachgereicht, das den Finger fest in die Wunde der liberalen Gesellschaft drückt. Schon deswegen ist es kaum weniger wichtig als damals das vielleicht „wichtigste Buch des Jahres“ (Süddeutsche Zeitung). Was Martin in packender und lebendiger Sprache beschreibt, tangiert nicht zuletzt die selten beleuchtete Wechselseitigkeit von politischem und ökonomischem Liberalismus. Der Untertitel ist Programm: „Wohlstand für wenige, Demokratie für Niemand, Nationalismus für alle“ sind die Konsequenzen eines politischen Systems, das im politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Outsourcing seinen letzten ideellen Zweck erkennt und den Staat zunehmend auf Nachtwächterfunktionen beschränkt.

„Die liberale Demokratie hat versagt“ – deutlicher als Martin kann man es nicht schreiben. Eine von den Leitmedien meist verdrängte Gegenwartsdiagnostik, die umso mehr regelmäßiger thematischer Schwerpunkt von MAKROSKOP ist. Auch und gerade darum ist „Game Over“ und der folgende Buchauszug eine Leseempfehlung der Redaktion.   


Lange bevor sich Bürgerinnen und Bürger in schnell wachsender Zahl neonational gegen die Eliten in ihren Ländern stellten, revoltierten die Eliten des Westens gegen die Bürger. »Beherrschung ist zu ihrer Obsession geworden. In ihrem Drang, sich gegen Risiken, gegen die unvorhersehbaren Wechselfälle der menschlichen Existenz abzusichern, haben sie sich nicht nur von der gewöhnlichen Welt losgesagt, die sie umgibt, sondern von der Realität selbst«, schrieb der visionäre US-Historiker Christopher Lasch in seinem Buch »The Revolt of the Elites«. Es erschien 1994, in der deutschen Übersetzung heißt es »Die blinde Elite«. Lasch starb kurz nach der Veröffentlichung und konnte nicht mehr erleben, wie viel er schon vorhergesehen hatte. In den Jahren nach 1989 waren die Massen noch geblendet von der rapiden Zunahme an Staaten mit einer demokratischen Verfassung, und sie vertrauten ihren politischen Führern und Weltenlenkern ungleich mehr als heutzutage – von Canberra bis Honolulu, aber nicht nur auf der kurzen Stecke über die Datumsgrenze im Pazifik hinweg, sondern rund um den Erdball.

Das ist Geschichte. In den meisten Regionen hat sich die Oberschicht vom Volk weggesperrt, keineswegs nur diejenigen, die sich auf Inseln verschanzen können oder in abgelegenen Ferienorten ihre Refugien pflegen, mit einem Leben auf der Arche Noah im Blick. Das brasilianische Modell, sich hinter hohen Mauern und Stacheldraht ein künstliches Eldorado zu schaffen, ist Weltwirklichkeit geworden. »Alphaville«, ein streng bewachtes Retortendorf am Rande von São Paulo, wurde zur globalisierten Blaupause. Mit muskulösen »doormen«, Türstehern, omnipräsentem Wachpersonal und Rezeptionisten, die in privaten Wohnhochhäusern alle Besucher registrieren und jeden Lift im Bedarfsfall sofort blockieren können, mit Überwachungskameras in den Fluren und zusehends Gesichtserkennung, ist die Angst der Elite vor der Menge umgeschlagen in Mechanismen, die das Volk in Schach halten. Auch das schlägt sich auf das Vertrauen und die Glaubwürdigkeit gegenüber denjenigen nieder, die sich in Führungspositionen befinden. Wer sich versteckt, hat etwas zu verbergen oder benimmt sich zumindest asozial.

Das Establishment hat sich vielfach losgesagt vom Alltag der anderen und verfügt durch die so ungeheuerliche Vermögenszunahme über gänzlich andere Lebensperspektiven. Wer in der Gesellschaft oben ist, wohnt in Städten auch oft oben unter dem Dach und mit Weitblick. Die Kinder besuchen bessere Schulen, die Familien leben gesünder und werden, wie schon beschrieben, im Durchschnitt deutlich älter als die nicht so Reichen, insbesondere in den USA. Da gibt es viel zu verlieren.

Zwischen wenigen U-Bahnstationen an der Victoria Line in London verändert sich beispielsweise die Lebenserwartung um mehr als ein Jahrzehnt. Wer im luxuriösen Zentrum in der Nähe der Haltestelle Green Park geboren wird, kann davon ausgehen, 89 Jahre alt zu werden, nur vier Stationen weiter südlich sind es nur noch 78 Jahre.

Die neue Aristokratie der Wohlhabenden bleibt wie jene in vordemokratischen Zeiten am liebsten unter sich. So nimmt die soziale Durchmischung in Städten ab, besser Verdienende leben in attraktiveren Vierteln, Ärmere mit niedrigerem Bildungsniveau stellen in anderen Stadtteilen die Bevölkerungsmehrheit. Solch eine Segregation hat in den USA Tradition, nun entmischen sich auch europäische Hauptstädte wie Stockholm oder Wien, das einst für soziale Wohnbauten in noblen Bezirken für Furore und eine andere Selbstverständlichkeit im Umgang miteinander gesorgt hatte. Wer sich kaum noch sieht, kann schwer kommunizieren. Statt Bekanntheit, wie flüchtig auch immer, wächst Distanz, wechselseitige Vorurteile können ohne Überprüfung an der Realität gepflegt und immer weiter vertieft werden. Auch so lässt sich die Polarisierung bei den aktuellen Wahlergebnissen besser verstehen.

Außerdem sind gesellschaftliche Aufstiege durch eine Heirat »in bessere Kreise« deutlich rückläufig. Eine Krankenschwester heiratet viel seltener einen Arzt als noch vor 20 Jahren, jetzt ehelicht der Steuerberater die Ärztin und die Zahnarzthelferin wieder den Friseur. Die OECD, die Organisation der entwickelten Staaten mit Sitz in Paris, kann diese »Tendenz zur Paarung unter Gleichen« belegen und identifiziert sie als »weiteren Grund für wachsende Ungleichheit in der Gesellschaft«.

»Die westlichen Eliten haben das Gefühl für große Teile der Bevölkerungen verloren«, stellt Politikprofessor Kishore Mahbubani aus Singapur in seinem jüngsten Buch »Has the West Lost It?« nicht ohne Schadenfreude fest und erklärt auch damit den rapide steigenden Einfluss Asiens in der Welt.

»Die Elite« verkam zum Schimpfwort, und viele, die es in diesem Sinne benutzen, meinen damit alle, die entrückt sind und in ihren Augen etwas zu sagen haben. Doch Eliten gibt es auch im Sport und in der Wissenschaft. Dort zählt nachprüfbare, aktuelle Leistung. In der Politik ist der Begriff weiter gefächert, erst recht, wenn vom »Establishment« die Rede ist. Dazu gehört schon ein Abgeordneter in einem nationalen, regionalen und kommunalen Parlament. Im Bereich der Medien zählen fast alle Mitarbeiter der sogenannten »Mainstream-Presse« dazu. Die ökonomische Elite bilden wohl die reichen Top-10-Prozent einer Gesellschaft. Die allerobersten 0,1 Prozent sind die Superreichen, das Super-Establishment. Nur wenige haben sich diesen maximalen Reichtum selbst erarbeitet wie in den USA etwa Bill Gates oder Jeff Bezos. Fast alle ganz, ganz oben, zumal im Westen Europas, wurden sehr reich geboren, zumindest ihre Eltern zählten bereits zum Geldadel. »Wenn man nach dem Geld sucht, das Wahlergebnisse kaufen kann, dann wird man es nur bei diesen Top-0,1-Prozent finden«, schreibt der US-Autor Matthew Stewart. Die übrigen 9,9 Prozent, so Stewart, seien die neue Aristokratie, nicht selten gegründet auf meritokratische Verdienste, also auf besondere Leistungen.

Nur wenige, die sich in der westlichen Hierarchie oben etabliert haben, üben bislang Selbstkritik wie der »New York Times«-Kolumnist David Brooks: »Das alte Establishment gewann den Zweiten Weltkrieg und schuf das amerikanische Jahrhundert. Wir hingegen kürten Donald Trump. Die wichtigste Errungenschaft der heutigen gebildeten Elite ist, dass sie eine parteiübergreifende Revolte gegen sich selbst hervorgebracht hat«, schreibt Brooks, der sich als Konservativer versteht. »Der wesentliche Punkt ist dieser: Diese dämlichen, aufgeblasenen blauen Blutkörperchen im alten Establishment hatten etwas, das uns als Meritokraten fehlt – ein staatsbürgerliches Bewusstsein, ein Gefühl, dass wir ein Leben eingebettet in Gemeinschaft und Nation führen, dass wir der Gemeinschaft und Nation etwas schulden und dass es zum Wesentlichen eines bewundernswerten Lebens gehört, dass Gemeinschaft mehr zählt als das eigene Selbst.«

US-Autor Steven Brill differenziert das weiter aus. »Die Leistungselite entstand, als die Babyboomer die sogenannte ›Wissensökomomie‹ schufen. Was sich nach einer großartigen Sache anhört. Ihre Wissensökonomie bestand aus Rechts- und Finanzingenieurwesen. Die Schiedsklauseln, welche die Mittelschicht von den Gerichten fernhalten, wenn sie einen Anspruch auf Diskriminierung am Arbeitsplatz haben. Oder, Sie wissen schon, einen Verbraucherrechtsanspruch. Also, die Wissensökonomie endete typischerweise mit liberalen Anwälten, die aus, Sie wissen schon, liberalen juristischen Fakultäten kamen, zu liberalen Anwaltskanzleien gingen und die Rechtstechnik praktizierten, die all die Unzufriedenheit verursachte, die wir heute in der Mittelschicht haben.«

Die Reporterlegende Tiziano Terzani, selbst Absolvent der Columbia-Universität in New York und danach unter anderem »Spiegel«-Korrespondent in Vietnam, klagte oft darüber, dass »die jungen, intelligenten Talente nicht mehr in den Journalismus gehen und aufklären, sondern immer häufiger Investmentbanker werden und nur an sich und ihren künftigen Reichtum denken«.

Die Arroganz der offenen Gesellschaft

Verwoben, wenngleich keineswegs deckungsgleich mit »der Elite« und »dem Establishment« sind die Repräsentanten und Verfechter einer offenen Gesellschaft. Sie sehen sich dem Modell des österreichisch-britischen Philosophen Karl Popper verpflichtet, das vor allem auf Meinungsfreiheit in Demokratien setzt, deren Herrscher gewaltfrei abwählbar sein müssen. Der Geist Poppers wehte bis vor kurzem durch alle ökonomischen Schichten und gesellschaftlichen Milieus von Hawaii über Ungarn bis nach Neuseeland. Akademiker sind dabei im Verhältnis zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung weitaus stärker vertreten, und unter Hochschulabsolventen sind wiederum die Anhänger liberaler, sozialliberaler und grüner Parteien und Programme überrepräsentiert.

Seit dem Durchbruch der Liberalen und Linksliberalen als richtungsweisende geistige Kraft nach der kontinentübergreifenden Revolte von 1968 wurde die Annäherung an eine offene Gesellschaft zu einer intellektuellen Selbstverständlichkeit, nicht nur im Westen. Lange lautete gar die Frage: Gibt es überhaupt noch rechte Intellektuelle? Einher ging ein Gefühl der Überlegenheit, gestützt auf die Weltanschauung, welche die Menschenrechte zumindest verbal hoch schätzte und Provinzialität nicht. Wir werden immer mehr und unsere Einstellung wird sich überall durchsetzen, dachten so viele. Das glaubte auch ich.

Dabei unterlagen wir zwei folgenreichen Fehleinschätzungen, eine davon kam wohl eher unbewusst zustande. Ohne sich ausdrücklich auf Francis Fukuyamas Diktum vom »Ende der Geschichte« zu berufen, ging man doch davon aus. Und mit dem Engagement für eine zumindest gedanklich freie Welt verband sich auch die Überzeugung, dass eine erfolgreiche Marktwirtschaft auf Grund des unablässigen Innovationsdrucks und der daraus ableitbaren Notwendigkeit von Erfindungsreichtum zwangsläufig eine offene demokratische Gesellschaft erforderte.

»Werch ein Illtum«, dichtete schon der Österreicher Ernst Jandl. Soziologen und Historiker werden sich noch ausführlich damit beschäftigen, ab welchem Zeitpunkt und aus welchen Gründen das Selbstbewusstsein der Anhänger einer offenen Gesellschaft in Arroganz umschlug. Zusehends war man sich selbst genug, in den gentrifizierten Stadtvierteln von Manhattan ebenso wie in Londons Brixton, in Berlin-Schöneberg oder in Wien-Neubau. Bezeichnend, wie eine im Selbstverständnis »linke« Wirtin im In-Lokal Bane im 1. Wiener Bezirk einen schüchternen jungen Gast abkanzelte, der in einer Anwaltskanzlei arbeitete und sich um Anerkennung bemühte, aber einige »rechte« Vokabeln benutzte: »Hast du denn Latein gelernt?« Ob er je wiederkam?

Links reden und rechts leben, das ging lange gut. Im schicken Szeneviertel im Altbau unter hohen Decken und auf Parkettböden feiern, gerne auch multikulturell, aber den eigenen Kindern die staatliche Schule ums Eck ersparen. Denn das Ersparte oder Geerbte reichte für Privatschulen und »liberale« Internate, am besten auf der Insel, die ab März 2019 wieder ganz selbstständig sein will. Autor Brooks beschrieb 2001 in New York diese Schicht als »Bobos«, die bourgeoisen Bohemiens. Sie globalisierten sich. Und die anderen, die Nicht-Weltbürger, die Nicht-Kosmopoliten? Die blickten es halt nicht und checkten was nicht. Aber »die« waren und sind nicht nur die überwiegende Mehrheit, sondern wurden, medial kaum beachtet, zusehends verstimmt. In immer mehr Ländern sorgen die Nicht-Ernstgenommenen jetzt aber dafür, dass sie gehört werden. Und immer mehr reiche, junge und privilegierte Menschen wenden sich ab – von der Demokratie. Dabei treffen sie sich mit den Ärmeren, die in ihrem Aufbegehren in autoritären Lösungen die Lösung sehen. Ein Zangengriff, dem sich die bisherigen Demokratien immer weniger entwinden können.

Hans-Peter Martin, „Game Over – Wohlstand für wenige, Demokratie für niemand, Nationalismus für alle – und dann?“, Penguin Verlag 2018, 384 Seiten plus 25 Grafiken, 24 Euro, mehr Infos unter www.hpmartin.net

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