Adam Smith - istock/mrpluck
Kommentar | 13.11.2018 (editiert am 18.11.2018)

Liberalismus und Loyalität

Auch wenn die herrschende politische Ideologie etwas anderes besagt, unsere Gesellschaft basiert als Ganzes nicht auf dem Grundsatz des Eigennutzes, sondern auf einer Praxis der Selbstlosigkeit – nämlich Loyalität.

Ob Adam Smith selbst das berühmte Bild der unsichtbaren Hand erfunden hat – und ob es sich dabei nicht um die verkappte „Hand Gottes“ handelt [1] – soll an dieser Stelle nicht geklärt werden.

Jedenfalls stand Adam Smith Pate für den Gedanken, dass Eigennutz nicht schädlich sei für den Gemeinnutz – im Gegenteil. Indem der Handwerker seine eigenen Verdienstinteressen verfolgt, erbringt er Versorgungsleistungen für alle, die sie sich leisten können.

Das Bild der unsichtbaren Hand, die automatisch dafür sorge, dass Eigennutz in Gemeinnutz umschlage, verabsolutiert sodann die Smith’sche Beobachtung zur Ideologie des freien Marktes, wonach die politischen Vertreter des Gemeinwesens diesem am besten dienten, indem sie die eigennützigen Unternehmen – bis auf die Rudimente eines immer möglichst weiter zurückgedrängten Ordnungsrahmens – schrankenlos gewähren lassen. Eigennutz (politisch einflussreicher Großunternehmen und Banken) und Gemeinnutz – so die These – sind identisch.

Die Mikroökonomisierung der Wirtschaftspolitik findet ihre gesellschaftspolitische Entsprechung im Modell der liberalen westlichen Gesellschaft, deren Mitglieder nach offizieller Ideologie moralisch nichts anderes verbindet als die Idee ihrer jeweils möglichst uneingeschränkten Selbstverwirklichung – das Ausleben ihrer jeweils autonom definierten Identitäten. Auch moralisch erfüllt die Politik nurmehr eine Nachtwächterfunktion: Anti-Diskriminierung avanciert zur gesetzgeberischen Kernkompetenz.

Wer mag, kann die so bezeichneten zwei Fraktionen des Liberalismus mit den traditionellen Bezeichnungen „rechts“ und „links“ versehen – beiden gemeinsam ist jedenfalls die Ideologie der Grenzenlosigkeit: Grenzenloses Wachstum in einer Welt ohne innere und äußere Grenzen.

Dass mit beiden Seiten der Medaille „kein Staat“ – keine Gemeinschaft und keine Gesellschaft – zu machen ist, liegt dermaßen auf der Hand, dass man sich verwundert die Augen reibt: Ist der sogenannte freie Westen am Ende nur eine von falschen Predigern verführte Sekte, die angesichts der sich häufenden tatsächlichen Probleme wie Krieg, Vertreibung, Hunger, Armut und Umweltzerstörung auf die eigene Auserwähltheit und das göttliche Wunder vertraut?

Wieso organisieren sich westliche Demokratien angesichts der herrschenden Zustände als Nachtwächterstaat, der nicht nur keine der genannten Probleme angeht, sondern möglicherweise sogar deren Hauptursache ist?

Auch wenn die herrschende politische Ideologie etwas anderes besagt, basiert unsere Gesellschaft als Ganzes und die in ihr organisierten Gruppen, also insbesondere die Unternehmen, nicht auf dem Grundsatz des Eigennutzes, sondern im Gegenteil auf einer Praxis der Selbstlosigkeit, die wir hier Loyalität nennen.

Loyalität ist das, was jedes Mitglied einer Gruppe und jeder „Arbeitnehmer“ seinem Unternehmen entgegenbringt – in letzterem Falle bereits, bevor er überhaupt einen Cent Bezahlung erhalten hat – und was es im Gegenzug zurückerwartet. Loyalität ist als intime aber unverzichtbare Einstellung unbezahlbar – und wird auch tatsächlich nicht bezahlt. Abzulesen ist das unter anderem daran, dass die Berufe, in denen maximal an die Loyalität der Mitarbeiter appelliert wird – alle Berufe, in denen die Grenze zwischen privater und beruflicher Beziehung fließend ist, Altenpfleger, Krankenpfleger u.s.w. –, sozusagen umgekehrt proportional vergleichsweise am schlechtesten bezahlt werden.

Loyalität, die Identifikation mit den Zielen der Gruppe oder des Unternehmens und der entsprechende persönliche Einsatz wird demnach erwartet, egal wie hoch die Bezahlung ist. Und die Frage aus Sicht der Gesellschaft und der Unternehmen lautet daher, wie weit man die Loyalität der abhängig (oder „unabhängig“) Beschäftigten maximal ausbeutet oder möglichst fördert und welche Art von Wirtschaft und Gesellschaft man in dem einen oder anderen Fall erhält.

Die Tatsache, dass Loyalität ausgebeutet werden kann, basiert auf einem Grundbedürfnis. Wenn es also den in der „Wirtschaftswissenschaft“ so gerne bemühten homo oeconomicus, der nur seine eigenen Interessen verfolgt, tatsächlich gibt, so besteht sein Interesse gerade darin, nicht auf die Verfolgung seiner „eigenen Interessen“ zurückgeworfen zu sein, sondern sein Bedürfnis nach Austausch von Loyalität erfüllen zu können.

Das eigentliche Kennzeichen realer Gruppen und Gesellschaften ist daher die Loyalität des einzelnen zur Gruppe und der Gruppe zum einzelnen. Dies gilt auch im Verhältnis des Bürgers zu „seinem Staat“ und „seiner Gesellschaft“.

Das Gleichgewichtsmodell der „Wirtschaftswissenschaft“, wonach jeder jederzeit das erhält, was er mit seinem Verhalten bewirkt, ist demgegenüber der interessierte Kurzschluss des Loyalitätsverhältnisses zwischen dem Einzelnen und dem Staat/der Gesellschaft: „Loyalität ist das, was wir dir (nicht) geben“.

In „normalen Zeiten“ mögen die Liberalen jedweder Couleur denken und behaupten, was sie wollen: Die reale Gesellschaft läuft gut und gerne ohne sie.

Gerät aber das Gefühl der gegenseitigen gesellschaftlichen Loyalität von oben und unten – wie schon nach der großen Weltwirtschaftskrise von 1929 – durch „liberale Politik“ ins Rutschen, wird  das Wolkenkuckucksheim als politische Wahlheimat der Liberalen erkennbar – der demokratische König ist nackt.

Dies ist die Stunde der Rückkehr der Politik oder die der falschen Loyalitätsversprecher – Liberale wissen: Bei denen ist viel Platz unterm Mantel.


[1] Jean Claude Michéa, S. 100 f., Anmerkung [A],  verweist in seinem lesenswerten Buch: „Das Reich des kleineren Übels – Über die liberale Gesellschaft“ auf den möglichen Ursprung der Smith’schen Terminologie im religiösen Werk des Jansenisten Pierre Nicoles.

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