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Ungleichheit | 02.11.2018

Maschinerie der Umverteilung

Von der amerikanischen Administration erhobene Daten und deren Interpretation durch die FED untermauern, dass der Neoliberalismus zu einer Umverteilung von unten nach oben führt.

Alle drei Jahre führt die amerikanische Federal Reserve (FED) eine sogenannte Survey of Consumer Finances (SCF) durch. Die Erhebung liefert eine Fülle von Informationen darüber, wie gut es den Menschen in den USA in materieller Hinsicht geht und wie stark sie an den in ihrer Volkswirtschaft generierten Einkommen und Vermögen beteiligt werden. Die letzte derartige Umfrage fand im Jahr 2016 statt.

Am 13. September 2018 veröffentlichte die FED auf Basis der in dieser Umfrage erhobenen Daten eine sogenannte FEDS-Note mit dem Titel A Wealthless Recovery? Asset Ownership and the Uneven Recovery from the Great Recession. Und die Ergebnisse haben es in sich.

90 Prozent der Haushalte sind ärmer als 2007

  1. „Zwischen 2007 und 2009 verloren die amerikanischen Haushalte insgesamt 20 Prozent ihres Vermögens.“
  2. „Ende 2012 übertraf das gesamte Nettovermögen der Haushalte den bisherigen Höchststand von 2007 und wuchs bis 2016 weiter.“
  3. Aber „das Vermögen ist hoch konzentriert – ab 2016 wurden 80 Prozent des Gesamtvermögens von nur 10 Prozent der Haushalte gehalten“.
  4. „Im Jahr 2016 blieben die Werte für die unteren 90 Prozent unter dem Niveau von 2007 und nur die Top 10 besaßen mehr Vermögen als im Jahr 2007“.

In dem Bericht wurde die folgende Grafik präsentiert, um die Ergebnisse auch im Vergleich zur großen Finanzkrise der 1930er Jahre anschaulich zu machen.

Die Grafik verdeutlicht, wie irreführend die auf den ersten Blick beruhigend klingende Aussage ist, dass die Nettovermögen der Amerikaner jetzt höher sind als 2007. Denn das Ergebnis ist schlicht das Resultat davon, dass die Top 10 nun 11 Prozent wohlhabender sind, als sie es 2007 waren, während der Rest der Haushalte nun um ein Vielfaches ärmer ist.

In der FEDS-Note wird auch darauf hingewiesen, warum die Erholung der US-Wirtschaft seit 2010 nur den Top 10 zugutekam:

  1. Die Eigenheimquote der unteren 90 Prozent ist nach der Krise gesunken.
  2. Hauskäufer, die zum ersten Mal eine Immobilie erwerben, sind in dieser Einkommensgruppe ebenfalls stark zurückgegangen.
  3. Personen in den niedrigeren Einkommensgruppen werden Kredite verweigert, während die Mieten im Verhältnis zum Einkommen steigen.
  4. In den unteren Einkommensgruppen sanken auch die Aktienbestände und das Vermögen der Pensionskassen.

Die Federal Reserve informiert uns auch über die folgenden Sachverhalte:

  1. Das Verhältnis des durchschnittlichen Vermögens der Top 10 zu dem der Bottom 30 ist von 23 im Jahr 1995 auf 45 im Jahr 2007 und 72 im Jahr 2016 gestiegen.
  2. Das Verhältnis des durchschnittlichen Vermögens der Top 10 zu dem der Middle 30 ist von 12 im Jahr 1995 auf 17 im Jahr 2007 und auf 30 im Jahr 2016 gestiegen.
  3. Das Verhältnis des durchschnittlichen Vermögens der Top 10 zu dem der Next 30 ist von 6 im Jahr 1995 auf 7 im Jahr 2007 und auf 10 im Jahr 2016 gestiegen.

Mit anderen Worten, es gibt eine massive Vermögensungleichheit, und sie hat sich massiv verschlimmert.

Weitere Analyse der Daten

Grafiken, die ich aus den neuesten Daten der oben erwähnten Umfrage erstellt habe, veranschaulichen die ungleiche Verteilung der Realeinkommen und Vermögen.

Die erste zeigt die Entwicklung der Realeinkommen in den USA zwischen 2001-2016. Die blauen Balken zeigen die prozentuale Entwicklung der realen Haushaltseinkommen von 2001 bis 2016. Die roten Balken zeigen den Zeitraum seit der großen Finanzkrise (GFC), also zwischen 2007-2016.

Die Ergebnisse sind ziemlich eindeutig. Für die Bottom 20 gab es seit 2007 und der anschließenden Erholung praktisch kein Wachstum ihrer Realeinkommen. Für die Haushalte des zweiten bis vierten Quintils ist das Realeinkommen sogar über den gesamten Zeitraum hinweg zurückgegangen. Das liegt größtenteils an der Finanzkrise und der Tatsache, dass sie nicht am Einkommenswachstum des darauffolgenden wirtschaftlichen Aufschwungs partizipiert haben. Nur die beiden höchsten Einkommensgruppen – insbesondere aber die die Top 10 – konnten sich durchweg über höhere Realeinkommen freuen.

Die nächste Grafik zeigt neben der bereits in der obigen Grafik dargestellten (a) Entwicklung der Vermögen der unterschiedlichen Einkommensgruppen zwischen 2007 und 20016 zusätzlich (b) die Entwicklung der Vermögen im Zeitraum des der Finanzkrise folgenden wirtschaftlichen Aufschwungs, also von 2010 – 2016.

Die untersten drei Quintale haben nicht nur über den gesamten Zeitraum an Vermögen eingebüßt, sondern sind auch während des wirtschaftlichen Aufschwungs ärmer geworden. Nur das vierte Quantil hat zwar insgesamt an Vermögen eingebüßt, aber immerhin wieder während des Aufschwungs auch wieder Vermögen aufbauen können. Die ersten beiden Quantile dagegen ist es gelungen, während des Aufschwungs immer vermögender zu werden

Neoliberalismus in Action

Tatsache ist, dass die Einkommens- und Vermögenstrends in den USA, obwohl sie wahrscheinlich extremer sind als in anderen Ländern, repräsentativ für das sind, was die neoliberale Ära den Menschen gebracht hat.

Obwohl das Wirtschaftswachstum massive Einkommen generierte, sind diese ganz überwiegend den reichsten und einkommensstärksten Personen zugeflossen. Gleichzeitig verfügen sie mit dem Reichtum, den sie angesammelt haben, über eine enorme politische Macht. Es dürfte kein Zufall sein, dass kaum einer aus dieser Kaste nach der Finanzkrise vor Gericht gestellt wurde, obwohl evident ist, dass Korruption und Kriminalität in unglaublichem Umfang Teil der gesamten Geschichte sind.

Und während die Gewinner der Krise die Regierungen für die Vergabe von Almosen an arme Menschen der Verschwendung schelten, halten sie ihre sehr großen Hände auf und verlangen öffentliche Mittel zur Befriedigung ihrer eigenen Interessen.

Und all die Dinge, deren Herstellung sie selbst nicht leisten konnten, wie ein öffentliches Gesundheitssystem, Bildungswesen, Verkehrssystem, öffentliche Energie- und Wasserversorgung, werden dann zu Schleuderpreisen an sie verkauft. Zusätzlich werden ihnen reichlich Subventionen gewährt, damit dann die nun privatisierte öffentliche Daseinsvorsorge weiter gewährleistet wird.

Wenn dennoch alle Stricke reißen, rufen sie nach dem Staat, der sie im Interesse des Gemeinwohls retten soll.

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