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Brasilien | 13.11.2018 (editiert am 18.11.2018)

Nur Konfusion oder schon kompletter Irrsinn? – 1

Um zu verstehen, warum ein Land wie Brasilien einen Mann wie Jair Bolsonaro zum Präsidenten wählt, muss man sich die wirtschaftliche Entwicklung genau anschauen.

Die Masse der Bürger kommt nicht urplötzlich auf die Idee, eine Figur wie Bolsonaro zum Präsidenten zu machen, sondern verzweifelt regelmäßig vorher an der Politik im Allgemeinen. Die aktuelle wirtschaftliche Lage zeigt in den Augen der Brasilianer, dass alle Versuche, vernünftige Menschen in ein solches Amt zu bringen, offensichtlich scheitern. Sie lässt daher radikale Veränderungen unumgänglich erscheinen.

Evident ist das angesichts der Entwicklung der Arbeitslosigkeit (Abbildung 1). Die Quote ist von einem sehr hohen Niveau von 14 Prozent in den Jahren 2000 und 2003 (2003 kam die Arbeiterpartei mit Lula an die Macht) bis 2014 zwar deutlich gesunken, aber inzwischen (bis 2017) wieder auf fast 13 Prozent gestiegen. 2018 stieg sie zwar nicht weiter, lag aber im Sommer dieses Jahres immer noch bei 12 Prozent.

Abbildung 1

Brasilien war im Jahr 1999 in der sogenannten Lateinamerikakrise (einer der typischen Überbewertungskrisen im Anschluss an die Asienkrise) in eine tiefe Rezession gefallen, die erst nach der Übernahme der Macht durch Lula beendet wurde. (vgl. dazu auch die Artikelserie hier).

Danach wurde Brasilien als export- und rohstoffabhängige Volkswirtschaft von der globalen großen Rezession 2008/2009 erheblich getroffen worden, konnte sich dank starker Binnennachfrage zunächst aber schnell erholen (Abbildung 2).

Wie tief aber die Rezession die Menschen getroffen hat, die 2014 begann, kann man am Einbruch des privaten Konsums ablesen, der 2016 um über 4 Prozent sank.

Abbildung 2

Auch die Investitionen brachen massiv ein, im Jahr 2015 und 2016 um jeweils rund fünfzehn Prozent (Abbildung 3). Auch 2018 hat es nach verschiedenen Quellen noch einmal einen Einbruch gegeben. Die Investitionsquote ist auf unter 16 Prozent gefallen, was für eine aufholende Volkswirtschaft eine schlichte Katastrophe bedeutet.

Abbildung 3

Entscheidend für die wirtschaftliche Entwicklung in Brasilien war in der Vergangenheit sehr häufig die Außenwirtschaft. So auch diesmal. Nach der Erholung von der globalen Rezession erholten sich die brasilianischen Exporte nicht mehr, sondern blieben mit einer Ausnahme extrem schwach. Zunächst stiegen die Importe, was die Leistungsbilanz ins Defizit brachte, aber in den letzten Jahren sind auch die Importe gesunken. Das Leistungsbilanzdefizit, das nach 2008 drastisch auf eine Größenordnung von über 4 Prozent des BIP gesunken war, verkleinerte sich deutlich (Abbildung 4).

Abbildung 4

In diesem Jahr gab es eine Erholung bei den Exporten, weil inzwischen der reale Wechselkurs stark abgewertet hat (Abbildung 5).

Abbildung 5

Brasilien hat mit seinem realen Wechselkurs, wie wir schon in unserem Bericht im Jahr 2017 (siehe Link oben) gezeigt haben, eine dramatische Achterbahnfahrt erlebt. Nach der Krise von 1999 wertete der Real stark ab und verschaffte dem Land einen großen Vorsprung in Sachen Wettbewerbsfähigkeit, so dass der Außenhandel zeitweilig zum Erfolgsgaranten wurde.

Wegen internationaler Spekulation des carry trade Typs kam es aber schon in der ersten Periode von Präsident Lula zu einer enormen realen Aufwertung, die erst 2011 abrupt endete. Die Dimension dieser Aufwertung war gewaltig. Der reale effektive (also handelsgewichtete) Wechselkurs stieg um fast einhundert Prozent (von 55 auf 100 in der Abbildung). Das ist für die Industrie jeden Landes ein nahezu tödlicher Verlust an Wettbewerbsfähigkeit und muss dazu führen, dass in den exportorientierten Bereichen Panik ausbricht, die sich auch politisch eine Bahn sucht. Hier liegen sicher die tieferen Ursachen für den Hass auf die Lula-Regierung in wirtschaftsnahen Kreisen.

Nach 2011 wertete das Land allerdings deutlich real ab und verbesserte damit seine außenwirtschaftliche Position wieder. In den letzten Monaten ist der Real noch einige Male massiv unter Druck geraten, was natürlich dem Export, der jetzt maßgeblich zur Erholung beiträgt, zugute kam. In den letzten Wochen hat sich der Außenwert gegenüber den großen Währungen leicht stabilisiert.

Die brasilianische Notenbank, die fast nichts gegen die Aufwertung in der Periode vor 2011 getan hatte, hat sich nun der Abwertung entgegengestellt, indem sie die Zinsen erneut anhob, die sie nach der Rezession von 2012 allmählich und unter Schwankungen heruntergefahren hat. Die Zinsen waren im Jahr 2016 von der Banco Central do Brasil auf über 14 Prozent angehoben worden, was bei einer Inflationsrate von 8 bis 9 Prozent doch eine erhebliche reale Belastung der Investoren und Schuldner bedeutete. Inzwischen hat die Notenbank unter dem Eindruck der schweren Rezession den kurzfristigen Zins jedoch wieder auf unter sieben Prozent sinken lassen.

Die Inflation in Brasilien (hier der Deflator des BIP) war über Jahre sehr stabil bei etwa acht Prozent gelegen und nur nach dem Abwertungsschub im Jahr 2000 stärker gestiegen (Abbildung 6). Inzwischen ist die Inflationsrate aber deutlich auf eine Größenordnung von vier Prozent gesunken.

Abbildung 6

Lesen sie im zweiten Teil, welche wirtschaftspolitischen Möglichkeiten das Land objektiv gesehen zu Zeiten von Lula gehabt hätte und welche es heute hat. Außerdem ist zu analysieren, was die letzte Regierung schon falsch gemacht hat und auf welch absurde Weise der neue Präsident mit seinem extrem neoliberalen Finanzminister wirtschafts- und finanzpolitisch agieren will.

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