istock.com/rcclassenlayouts
Genial daneben | 19.11.2018 (editiert am 23.11.2018)

Stable coin – Willkommen im Chiemgau

Der Chiemgauer war ein gut gemeinter und regional sehr begrenzter Versuch, sich vom herkömmlichen Papiergeld zu emanzipieren. Nun kommen neue „Chiemgauer“ auf den Markt, die unter dem Namen „stable coin“ unter Krypto-Fans bereits einen neuen Hype auslösen.

 Über Bitcoin und Konsorten haben wir eigentlich alles Wichtige gesagt (hier und hier z. B.). Es zeigt sich in diesen Tagen, wo der Kurs des Bitcoin dramatisch fällt, dass unsere Vorhersage, es handele sich bei dem Hype um sogenannte Krypto-Währungen um eine gewaltige Blase, absolut richtig war.

Doch nun kommt endlich etwas ganz Neues. Nachdem sich mit Tether schon eine ganze Weile eine „Krytowährung“ an den Märkten tummelte, die relativ fest an die alten Währungen gebunden war und davon lebte, dass man an ihre Dollardeckung glaubte, kommen nun zu hunderten neue „Währungen“ auf den Markt, die fest (in der Regel 1 : 1) an den US-Dollar oder eine andere große Währung gebunden sind (hier ein Bericht der Financial Times dazu).

Bitcoin ist tot, es lebe der Kryto-Hype

 Immerhin, könnte man sagen, hat man jetzt eingesehen, dass mit Bitcoin ein vollkommen untauglicher Versuch gemacht wurde, die alten Währungen zu ersetzen. Wie vom Goldstandard, dem Monetarismus oder dem Vollgeld, hatte man sich vom Bitcoin erhofft, dass er die Geldversorgung „objektivieren“ könne, wie es einst der Sachverständigenrat genannt hat. Ziel war eine Welt, in der die Notenbank bei der Zinssetzung keine Rolle mehr spielt. Bitcoins werden nach der Diktion der Freaks „geschürft“, was nichts anderes heißt, als dass man den Eindruck erwecken wollte, hier werde etwas mit viel Arbeit (eigentlich ist es nur viel für nichts verpulverte Energie) aus der Erde geholt, was sich einfach nicht beliebig vermehren lässt.

Dem Ganzen lag folglich das jahrhundertealte Missverständnis zugrunde, es gebe die Möglichkeit, in einer wachsenden Wirtschaft mit einer vorgegebenen Menge an Geld die Inflation zu kontrollieren. Das aber gibt es nicht in dieser Welt. Und wer glaubt, genau so sei es während der Zeiten des Goldstandards gewesen, hat den Goldstandard nicht verstanden (hier). Und wer glaubt, genau so sei es während der Hochzeit des Monetarismus, also in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts gewesen, der hat sich nie konkret mit Zentralbankpolitik beschäftigt (hier).

Die neuen Chiemgauer

Mit der absoluten Fixierung des Wertes der neuen „Währungen“ (die genau so wenig eine Währung sind wie Bitcoin) an die alten Währungen will man immerhin erreichen, dass sie tatsächlich als so etwas wie eine Währung genutzt werden können, was bei Bitcoin und Kameraden wegen der stark schwankenden Werte nicht der Fall war. Da die stable coins genau so stabil sein sollen wie die normalen Währungen, könnten sie natürlich für bestimmte Zwecke auch als Ersatzwährung genutzt werden. Die Frage ist nur, wer den absolut fixen Kurs garantiert und am Ende dafür einsteht, dass jeder, der seine alte Währung in stable coins umgetauscht hat, sie auch wieder zurücktauschen kann, wann immer er das für richtig und notwendig hält.

Bei Notenbanken, das wissen wir, ist das kein Problem, weil sie berechtigt sind, die alten Währungen in der jeweils benötigten Menge aus dem Nichts herzustellen. Wenn aber ein privater stable coin Anbieter stable coins zu einem Kurs von 1 : 1 zum US-Dollar zurücknehmen muss, muss er jederzeit liquide in Dollars sein. Die kann er jedoch nicht selbst produzieren. Wie man garantieren will, dass ein solcher Anbieter nicht Pleite gehen kann, weil er über zu wenige Dollars verfügt, um den Umtausch beliebiger Mengen von stable coins (bei einer Panik zum Beispiel) zu gewährleisten, ist eine vollkommen offene Frage. Außer der Notenbank kann das niemand garantieren und die Notenbanken werden es mit Sicherheit nicht tun.

Für wen wird sich ein stable coin lohnen?

Genau dann muss man sich fragen, ob es angesichts der sehr geringen Vorteile einer solchen „Währung“ lohnt, das Risiko eines Tausches einzugehen. Wegen einer etwas schnellerer Abwicklung von Geschäften mit den stable coins oder dem „Vorteil“, Geschäfte nicht über das Bankensystem abwickeln zu müssen, sein vom Staat garantiertes Geld in weit weniger gut garantiertes Geld umzutauschen, ist nicht besonders attraktiv. Jedenfalls gilt das für normale Menschen, die nichts zu verbergen haben. Wie schon bei den anderen „Kryto-Währungen“ zu sehen, scheint stable coin vor allem dann interessant zu sein, wenn man seine Transaktionen tarnen und verdunkeln will.

Es ist aber auch klar, dass die Staaten bei zunehmender Verwendung von stable coins nicht nur Zugriff auf die Transaktionen verlangen werden, sondern auch die Geschäfte der Anbieter regulieren und kontrollieren müssen, um massenhaften Missbrauch für Geldwäsche und andere geheime Transaktionen zu verhindern.

Schließlich wird bei massenhafter Verwendung die Garantie des festen Wechselkurses ein ganz großes Thema werden. Will der Staat die Bürger vor einem Missbrauch durch die Anbieter von solchen stable coins schützen, muss seine Finanzmarktaufsicht selbst Garantien (in Form von Währungsreserven der Anbieter in Relation zu den von ihnen ausgegebenen coins) verlangen. Diese machen es aber sehr unwahrscheinlich, dass sich aus den stable coins ein lukratives Geschäftsmodell entwickeln lässt, denn dann muss der Anbieter Gebühren für die Nutzung von stable coins verlangen, die, selbst wenn sie niedrig sind, von den geringen Vorteilen kaum aufgewogen werden.

 

Anmelden