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Exportüberschüsse | 29.11.2018

Bachblüten und Stilblüten

Wieder einmal lernen wir, dass die deutschen Exportüberschüsse im Ausland Arbeitsplätze schaffen sollen. Das Besondere an der neuesten Version des ewigen Arguments: es ist im Niveau noch tiefer gesunken.

Immer wieder glaubt man, dass das, was in den deutschen Medien zu wirtschaftspolitischen Fragen verbreitet wird, nicht schlimmer werden kann. Und doch wird man immer wieder aufs Neue überrascht. Der Spiegel, den der Satiriker Volker Pispers einst treffenderweise als Bildzeitung für Abiturienten bezeichnete, hat nun ein Elaborat veröffentlicht, das die intellektuelle Offenbarung in den deutschen Leitmedien auf einen neuen Höhepunkt katapultiert.

Worum geht es? Im Grunde wäre irgendein neuerlicher Versuch, den deutschen Merkantilismus zu verteidigen, nichts Erwähnenswertes. In den internationalen Institutionen und den Medien außerhalb des geistigen Nordkoreas im Zentrum Europas gehören die schädlichen Folgen der deutschen Leistungsbilanzüberschüsse längst zu den ‚stylised facts‘. Nein, was den Artikel herausstechen lässt, ist die Argumentationsweise, die flacher und dünner kaum hätte sein können.

Von Spiegel-Schreiberling Christian Reiermann erfährt man, dass die deutschen Leistungsbilanzüberschüsse hauptsächlich von „Populisten von links und rechts“ gegeißelt werden. Zu nennen wären, man ahnt es bereits, Donald Trump und Oskar Lafontaine. Zum Glück aber, soll man meinen, haben wir einen Vertreter der vernünftigen Mitte, der uns erklärt, dass hohe Leistungsbilanzüberschüsse Arbeitsplätze im Ausland schaffen.

So fängt das Elend bereits im ersten Satz an. Reiermann scheint von so etwas wie einer Währungsunion und der Bedeutung von Preisen im internationalen Handel im Leben noch nichts gehört zu haben. Auch die simple, buchhalterische Tatsache, dass jedem Sparen irgendwo Schulden gegenüberstehen müssen, ist ihm gänzlich fremd.

Dafür hat Reiermann seine ganz eigene Logik: Dass die Löhne in Deutschland zu niedrig seien und zu viel gespart werde, dürfe nicht im Zentrum der Kritik stehen – es könne ja auch sein, dass die anderen womöglich „zu hohe Löhne haben und zu wenig sparen“. Lektion Nummer 1: Es gibt keine Wechselkurse, welche die unterschiedlichen Lohnentwicklungen ausgleichen (weshalb man auch Löhne in Deutschland und den USA ohne Bezug auf reale Wechselkurse vergleichen kann), und alle Menschen können auf dieser Welt gleichzeitig mehr sparen. Dazu braucht man nichts mehr zu sagen (hier zum Nachlesen).

Reiermann führt eine These ins Feld, die fast wortgleich in der „Studie“ vom ifo-Institut (vgl. S. 22, die Arbeit wurde auf Makroskop hier, hier und hier kritisiert) zu finden ist:

„Angenommen, jede Regierung strebte mit ihrer Politik Vollbeschäftigung an und wäre erfolgreich, dann müssten alle Länder Außenhandelsüberschüsse erwirtschaften. Das aber ist unmöglich, denn die Überschüsse des einen sind zwingend die Defizite des anderen.“

Damit wird den Vertretern der These, Deutschland exportiere seine Arbeitslosigkeit, unterstellt, dass sie die einzige Möglichkeit zur Schaffung von Vollbeschäftigung in Außenhandelsüberschüssen sähen. Ob der Autor von selbst auf diesen Mist gekommen ist oder sich von der ifo Studie hat „inspirieren“ lassen, bleibt im Raum der Spekulation.

Was sich allerdings sagen lässt: diese Unterstellung geht am zentralen Argument komplett vorbei. Oder wie würde Reiermann es erklären, dass man durch eine stärkere Binnennachfrage in Deutschland/Europa die Arbeitslosigkeit ebenfalls bekämpfen kann (ja sogar muss), um die globalen Ungleichgewichte zu beseitigen?

Doch es geht nahtlos weiter: So hätten „amerikanische Unternehmen und Verbraucher [durch Trumps Steuerpolitik] mehr Geld auf dem Konto, das sie zumindest zum Teil dafür verwenden, Güter aus dem Ausland zu ordern. Die Folge: Das Leistungsbilanzdefizit wird in diesem Jahr wahrscheinlich steigen.“

Richtig an dieser Aussage ist immerhin, dass höhere Ausgaben des Staates (beziehungsweise geringere Abgaben an den Staat) ceteris paribus die Ersparnisse im Privatsektor erhöhen. Komplett falsch ist es, daraus auf eine direkte Erhöhung des Leistungsbilanzdefizits zu schließen.

Verzerrte Wechselkurse, verzerrte Wahrnehmung

Zwei Punkte müssen hier berücksichtigt werden. Zum einen die binnenwirtschaftlichen Produktionsstrukturen und deren Auslastung, zum anderen die realen Wechselkurse. Wenn in einem Land die Produktionsstrukturen komplett brach liegen, sodass die relativen Preise keine Auswirkungen auf die Exporte haben, ist es wahrscheinlich, dass die zusätzlichen privaten Einnahmen zum Großteil für den Konsum und Importe ausgegeben werden. Dann erhöht sich das Leistungsbilanzdefizit tatsächlich.

In den USA ist dies aber nicht der Fall. Wenn die Produktionsstrukturen voll ausgelastet sind und der Staat dennoch eine expansive Fiskalpolitik fährt, wird es sehr wahrscheinlich zu einer höheren Inflation kommen. Der nominale Preisanstieg wiederum bedeutet, dass sich die Wettbewerbsfähigkeit des Landes verschlechtert und es zu einer Abwertung der Währung kommen sollte – was Einkäufe im Ausland teurer und die eigenen Produkte wieder billiger macht.

In Entwicklungsländern kann eine höhere Inflation und damit einhergehend höhere Zinsen zu carry trades und einer Aufwertung der Währung führen. Allerdings lässt sich das Problem ohne ideologische Verblendung und/oder externe Erpressung der Zentralbanken (zur Intervention) leicht korrigieren.

Auch im Falle der USA – wo der Beschäftigungsgrad zu Bevölkerungszahl dem jüngsten OECD Economic Outlook zufolge im Vergleich mit vielen OECD Ländern übrigens recht niedrig ist – sehen wir, dass die Inflation anzieht und die Fed die Zinsen erhöht. Da die gesamte Eurozone hingegen auf den deutschen Deflationsmodus umgeschwenkt hat, kann die EZB ihre expansive Geldpolitik nicht zurückfahren – weshalb der Dollar gegenüber dem Euro seit dem Frühjahr 2018 deutlich aufgewertet hat.

Und damit sind wir beim eigentlichen Problem der Leistungsbilanzungleichgewichte: nämlich stark verzerrten realen Wechselkursen (hier ausführlich erklärt).

Hätte Trump die Problematik wirklich begriffen, würde er sich für eine Abwertung des US-Dollars einsetzen. Was er stattdessen macht, ist, anderen Staaten mit Zöllen zu drohen. Was würde nun passieren, wenn Autos aus der EU (wobei es idealerweise „aus Deutschland“ heißen müsste, da sich andere große Länder mit ihrer Lohnpolitik an das Inflationsziel der EZB angepasst haben) mit 20 oder 30 Prozent Strafzöllen belegt werden, um die Verzerrungen der realen Wechselkurse zu begleichen? Richtig, „mehr Geld auf dem Konto“ bringt den Amerikanern herzlich wenig, wenn gleichzeitig die Güter aus dem Ausland teurer werden.

Wenn man zudem bedenkt, dass die Steuerreform in den USA nur einem Bruchteil der Gesellschaft zugutekommt und viele große Firmen das meiste Geld für sogenannte Share-Buybacks verwenden (also den Aufkauf eigener Aktien, um deren Wert in die Höhe zu treiben), wird Reiermanns Logik von „mehr Geld = höheres Defizit“ umso absurder. Nur wenn Länder wie Deutschland weiterhin derart unterbewertet und deren Güter im Verhältnis zur eigenen Produktivität billig bleiben, tritt der von Reiermann behauptete Effekt ein.

Die 500-Dollar-Frage

Es geht also um Wettbewerbsfähigkeit und die Verdrängung von ausländischen Unternehmen auf globalen (inklusive amerikanischen) Märkten. Aus dieser realwirtschaftlichen Perspektive lässt sich schnell feststellen, dass Leistungsbilanzdefizite mit erheblichen Problemen einhergehen.

Friederike Spiecker hat sich dazu auf MAKROSKOP treffend geäußert. Ihre Schlussfolgerung passt ideal auf die Argumentation im Spiegel:

„Ein Land verschuldet sich durch Leistungsbilanzdefizite bei anderen Ländern – der Überschuss an Importen erfordert logisch zwingend eine Finanzierung dieses Überschusses in Form von Krediten, die letztlich das Ausland gewährt. Ein solches Land hat definitionsgemäß weniger produziert, als es in Form von Konsum oder Investitionen selbst verbraucht hat. Da Produktion aber immer den Einsatz von Arbeitskräften erfordert, muss das Land aus rein buchhalterischen Gründen weniger Arbeitskräfte eingesetzt haben, als es benötigt hätte, wenn es seinen gesamten Konsum und seine gesamten Investitionen der wertmäßigen Summe nach aus eigener Produktion gedeckt hätte, also eine ausgeglichene Handelsbilanz (…) gehabt hätte. Mit einem Exportdefizit ist also automatisch allein aufgrund der Saldenmechanik eine geringere Beschäftigung verbunden (und spiegelbildlich dazu eine höhere im Ausland).“

Reiermann allerdings meint, dass „preiswerte Einfuhren“ einer „Gehaltserhöhung“ gleichen und somit positiv seien:

„Kauft ein Haushalt in New Jersey für 500 Dollar einen Computer aus Südkorea, statt das Doppelte für einen aus heimischer Produktion auszugeben, können tatsächlich Jobs in amerikanischen Fabriken verloren gehen. Allerdings hat der amerikanische Konsument 500 Dollar übrig, um dafür ins Restaurant oder ins Kino zu gehen, ein neues iPhone zu kaufen oder für einen Ford Mustang zu sparen. Das schafft Arbeitsplätze zu Hause, die nicht entstünden, wenn es keine Alternativen zum teuren heimischen PC gäbe.“

Dumm nur, wenn „der amerikanische Konsument“ selbst in der Computer-Branche gearbeitet hat und dort seinen Job verliert. Dann hätte er nicht 500 Dollar, sondern gar nichts mehr übrig. Selbst wenn man sich für 500 Dollar ein iPhone kaufen würde, entstünden dort Arbeitsplätze, wo es produziert wird – in China. Zudem bleibt die Frage offen, wieso das gesparte Geld ausgerechnet für einen Mustang ausgegeben werden sollte, wenn Luxusautos aus Deutschland zu günstigeren Konditionen zu haben sind und deren Produzenten somit den amerikanischen Herstellern Marktanteile abjagen. Selbst hier entstehen die Arbeitsplätze nur im Ausland.

Es bedarf keiner großen Sprünge, um zu begreifen, dass Leistungsbilanzdefizite und ein Verlust an Wettbewerbsfähigkeit in der Industrie gravierende langfristige Folgen haben. Die Überbewertung der Ostmark im Zuge der Wiedervereinigung führte dazu, dass die industrielle Basis dort komplett vernichtet wurde. Ähnliche Auswirkungen hatten die Leistungsbilanzdefizite in Lateinamerika, wo die durch carry trades indizierte Aufwertung des brasilianischen Real und des argentinischen Peso den Konsumenten real gesehen „mehr Geld auf dem Konto“ brachte, mit dem sie dann auf Shoppingtour gehen konnten. Die einheimischen Produzenten verloren jedoch massiv an Wettbewerbsfähigkeit und die Produktionsstrukturen im Land erodierten. In den USA selbst wurde Trump nicht zuletzt deshalb Präsident, weil er sich die Unterstützung der Wähler im „Rust Belt“ sichern konnte. Offenbar sind die Menschen dort zu wenig ins Restaurant oder Kino gegangen, sodass nicht ausreichend Arbeitsplätze entstanden.

Inwiefern mehr Arbeitsplätze in der Gastronomie zudem die Grundlage für zukünftige Produktivitätsfortschritte bilden sollen, mag zwar in der „Bachblütenokonomie“ eines Oskar Lafontaine ein Problem sein, im geistigen Nirvana eines deutschen Leitmediums hingegen muss man sich darüber keine Gedanken machen.

Was, wenn jemand „seine Rechnung“ nicht mehr zahlen kann?

Doch der Höhepunkt von Christian Reiermanns „Analyse“ folgt erst noch: die Erklärung, wieso das Leistungsbilanzdefizit der USA ein Ausdruck der Stärke sei. Helfen soll „eine Parallele aus dem Privatleben“:

„Fast jeder hat ein Handelsbilanzdefizit mit seinem Lebensmittelhändler, seinem Buchladen und seinem Getränkelieferanten. Der Grund liegt auf der Hand, jeder bezieht viel mehr Waren von Ihnen als andersherum. Das ist so lange kein Problem, wie jeder seine Rechnungen bezahlen kann. Was passiert, wenn ein Kunde dieser drei Einzelhändler eine Gehaltserhöhung bekommt? Sein ganz privates Handelsbilanzdefizit wird weiter wachsen, gegenüber einem Juwelier beispielsweise, weil er sich nun endlich die teure mechanische Armbanduhr leisten kann. Geht es ihm deswegen schlechter? Eher nicht. Das zeigt: Dem anhaltenden Jammer über Ungleichgewichte liegt ein chronischer Denkfehler zugrunde.“

Nein, dieses Argument ist kein Scherz, sondern ein ernst gemeintes Beispiel des Autors. Nun ist nicht alles was hinkt, ein Vergleich – wie multilaterale Handelsbeziehungen in einem System flexibler Wechselkurse durch eine solche Analogie erklären zu wollen. Hier wird eine Welt geschaffen, in der anscheinend jeder sparen kann. Offen bleibt eine wichtige Frage: Was passiert, wenn jemand „seine Rechnung“ nicht mehr bezahlen kann?

Dass Verschuldung ein Problem werden kann, ist ja durch die Bedingung, die Reiermann stellt („solange jeder seine Rechnungen bezahlen kann“), implizit gegeben. Da nun in der wirklichen Welt – man muss es für die Reiermanns dieser Welt wiederholen – jedem Sparer ein Schuldner gegenüberstehen muss, widerlegt er sich selbst.

Diese Logik trifft auch im Falle der USA zu. Wobei man sicherlich sagen kann, dass es für die Amerikaner durch die Rolle des US Dollar in der Weltwirtschaft einfacher ist, die Defizite zu finanzieren. Dass dies jedoch gänzlich ohne Folgen sein sollte, ist eine geradezu absurde Annahme. Paul Steinhardt hat sich dazu ausführlich geäußert:

„Die USA sind ein kapitalistisches Land, in dem, wer keine Arbeit hat, nicht mit Geschenken vom Staat, die dieser von einem dummen Ausländer erhalten hat, nur so überhäuft [wird]. Leistungsbilanzdefizite über einen langen Zeitraum führen in kapitalistisch organisierten Gesellschaften tendenziell zu einem Rückgang der Nachfrage nach Arbeitskräften, weil die im Inland mögliche Produktion vom Überschussland abgesaugt wurde.“

Man kann wohl darauf wetten, dass die Republikaner – sobald sie wieder in der Opposition sind – alles daran setzten werden, die Demokraten aufgrund der „zu hohen Schulden“ wieder „zu mehr Sparsamkeit“ zu drängen. Letztere erweisen sich darin generell als ziemlich erfolgreich. Nicht zu vergessen auch die gravierenden Folgen für die gesamte Volkswirtschaft, falls die privaten Haushalte ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen können. Die Jahre 2007/2008 sowie 2010 haben die klugen Ökonomen vom Spiegel wohl verschlafen. Dass Leistungsbilanzungleichgewichte in beiden Krisen eine zentrale Rolle gespielt haben, sei nur am Rande erwähnt.

Die Sichtweise, dass Überschüsse und Defizite kein Problem seien, mutet umso erstaunlicher an, wenn gleichzeitig die schwarze Null mit Zähnen und Klauen verteidigt wird und aus allen Euromitgliedern Überschussländer werden sollen. Das verstehe mal einer.

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