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Soziales | 19.12.2018 (editiert am 04.01.2019)

Die brüchigen drei Säulen der Altersvorsorge

Die OECD konstatiert in Deutschland ein zu niedriges Rentenniveau mit drohender Altersarmut. Das 3-Säulen-Modell aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Altersvorsorge wird dieses Problem nicht lösen können. Friedrich Merz‘ Vorschlag einer steuerlichen Förderung von Aktienerwerb erst recht nicht.

Friedrich Merz zündete Im Kampf um die Nachfolge von Angelika Merkel im CDU-Vorsitz einen Rohrkrepierer. Er empfahl die steuerliche Begünstigung von Aktienkäufen als Altersvorsorge. Damit lieferte er eine Steilvorlage für Satiriker, die meldeten, Merz wolle Steuervorteile auch für Pferdewetten einführen. Gerald Braunberger, Leiter der FAZ-Finanzmarktredaktion, hat für derlei Späße überhaupt kein Verständnis. Merz verdiene „Beifall dafür, dass er diese Idee wieder in die Öffentlichkeit trägt.“

Das Telekom-Desaster

Nun ja, sie war nicht unbedingt eine Erfolgsstory, wie die Privatisierung der Telekom vor über 20 Jahren zeigte. Im November 1996 kamen die ersten T-Aktien zu einem Emissionskurs von 28,50 DM = 14,54 Euro auf den Markt. 1,9 Millionen Kleinanleger, animiert durch eine groß angelegte Werbekampagne der Telekom, kauften T-Aktien. Deren Kurse schossen in die Höhe und die Telekom warf im Juni 1999 weitere Aktien zum Ausgabekurs von 39,50 Euro auf den Markt. Eine weitere Tranche zum Preis von 66,50 Euro folgte ein Jahr später. Der Börsenkurs der T-Aktie kletterte im Jahr 2000 auf 103,50 Euro. Dann platzte 2001 die Blase, und er sackte bis 2012 auf 7,70 Euro ab.

Heute liegt er mit etwa 15 Euro wieder auf dem Niveau des Emissionskurses von 1996, ist also für Erst-Aktionäre, die ihre T-Aktien nicht in der Hausse verkauft haben, per Saldo ein Verlustgeschäft. Manfred Krug hatte allen Grund, das Publikum für seine T-Aktien-Werbespots um Vergebung zu bitten. Es blieb ein verbreitetes Misstrauen von Kleinanlegern gegenüber Aktien als Altersvorsorge. Richard Senner und Wolfgang Scholz haben in Makroskop belegt, dass es dafür sachliche Gründe gibt und die in der Wirtschaftspresse verbreitete Klage über eine in Deutschland fehlende „Aktienkultur“ in die Rubrik „Bullshit“ gehört.

Niedriges Rentenniveau in Deutschland

Hier soll es also um das deutsche Rentensystem als ganzes gehen, das auf einem 3-Säulen-Modell aus öffentlicher, betrieblicher und privater Altersvorsorge beruht.

Die OECD stellt der gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) in Deutschland ein unterm Strich miserables Zeugnis aus (siehe Tabelle unten). Sie bietet mit 51 Prozent eine deutlich unter dem OECD-Durchschnitt von 63 Prozent liegendes Niveau der durchschnittlichen Renten gegenüber dem durchschnittlichen Nettolohn. Diese Nettoersatzquote liegt in vergleichbaren Ländern wie den Niederlanden (100,6 Prozent), Österreich (91,8 Prozent) oder Frankreich (74,5 Prozent) deutlich höher.

Das niedrige Rentenniveau trifft vor allem Geringverdiener, die als Rentner eine Nettoersatzquote von 55 Prozent zu erwarten haben gegenüber einem OECD-Durchschnitt in dieser Schicht von 73 Prozent. Ihr Rentenniveau liegt bei nur 20 Prozent des Durchschnittsverdienstes. Dieses Problem wird sich nach Einschätzung der OECD in Zukunft wegen des lohnbezogenen Rentensystems und der in Deutschland wachsenden Spreizung des Lohnniveaus weiter zuspitzen. Besonders betroffen sind davon Frauen, deren Rentenniveau bei durchschnittlich 46 Prozent der Männerrenten liegt. Das ist das größte geschlechtsspezifische Gefälle in Europa.

Nettoersatzquote der Durchschnittsrente in v. H. des Durchschnittslohns (2017)

Land Gesetzliche Rente Gesetzliche + freiwillige Rente
Deutschland

Belgien

Dänemark

Frankreich

Italien

Niederlande

Österreich

UK (Großbritannien)

50,5

66,1

80,2

74,5

93,2

100,6

91,8

29,0

65,4

72,7

80,2

74,5

93,2

100,6

91,8

62,2

Quelle: OECD

Das 3- Säulen Modell: Programmierte Altersarmut

Selbst wenn man freiwillige Rentensysteme, die etwa in Frankreich oder Österreich kaum eine Bedeutung haben, wie Betriebsrenten oder Privatversicherungen hinzurechnet, liegt das deutsche Rentenniveau unter dem vergleichbarer Länder. Das Versprechen der Sicherung des Lebensstandards, mit dem die dynamische Rente 1958 in eingeführt wurde, gilt schon lange nicht mehr. Das soll seit der Agenda 2010 mit einem „3-Säulen-Modell“ aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Vorsorge realisiert werden.

Doch damit wird eine neue Lebenslüge der Rentenpolitik kreiert. Das belegt eine aktuelle Studie des DIW über Versorgungslücken im Rentenalter bei den heute 55- bis 64-Jährigen. 90 Prozent dieser Altersgruppe haben eine Anwartschaft auf eine gesetzliche Rente. 36 Prozent sind zusätzlich durch eine Betriebsrente zusätzlich abgesichert, 10 Prozent haben eine private Rentenversicherung. 8 Prozent sind Beamte mit Pensionsanspruch.

Nur die Hälfte der heute 55- bis 64-Jährigen kann im Rentenalter ihr im Arbeitsleben mögliches Konsumniveau mit den drei Säulen decken. Es entsteht nach Berechnungen des DIW eine potenzielle Versorgungslücke von durchschnittlich 650 Euro im Monat. Sie wird durch die als Ergänzung zur GRV gedachte Riester- bzw. Rürup-Rente auch nicht ansatzweise gedeckt. Nur privates Vermögen, vor allem Wohnungseigentum, kann sie in nennenswertem Maß senken.

Alternative Modelle: Österreich oder Schweden

Vor diesem Hintergrund sieht das DIW grundsätzlich zwei Möglichkeiten einer Abwendung von massenhafter Altersarmut: Das Modell Österreich mit einer deutlich ausgebauten gesetzlichen Rentenversicherung (siehe meinen Makroskop-Beitrag hier) oder das Modell Schweden mit einer kapitalgedeckten Zusatzversicherung für alle Bürger.

Ein solcher Staatsfonds wird von Ökonomen wie Anthony Atkinson oder Giacomo Cuneo favorisiert (siehe meinen Beitrag hier). Er hat politische Freunde, etwa in der schwarz-grünen Regierung von Hessen. Worin der Vorteil eines solchen Fonds gegenüber der umlagefinanzierten gesetzlichen Rente angesichts eines enormen globalen Überschusses an anlagesuchendem Vermögen bestehen soll, verraten uns deren Protagonisten jedoch nicht

Der Irrweg der Verfechter von Staatsfonds liegt aber nicht nur in ihren illusionären Erwartungen an die Ertragskraft und Stabilität des globalen Finanzmarktes. Er beruht auch auf der Ignorierung des eigentlichen Grundes für die wachsenden sozialen und ökonomischen Diskrepanzen: die ungleiche Verteilung der Einkommen und der Belastungen durch Sozialabgaben. Der aus einem Staatsfonds nach Vorstellung seiner Protagonisten finanzierte Einkommenstransfer für alle Bürger ist nichts weiter als staatlich subventioniertes Lohndumping und der Anfang vom Ende des Sozialstaates (siehe dazu den Beitrag von Paul Steinhardt hier).

Anhebungen des Mindestlohnes und der Tariflöhne sowie der Versicherungspflicht- und Beitragsmessungsgrenzen in unserem Sozialversicherungssystem sind ungleich effektivere Instrumente zur Herstellung von Verteilungsgerechtigkeit und wirtschaftlichem Wachstum als der unproduktive „Juliusturm“ eines Staatsfonds.

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