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Konjunktur | 20.12.2018 (editiert am 04.01.2019)

Die deutsche und europäische Konjunktur im Herbst 2018 – 3

Die schwache wirtschaftliche Lage Europas müsste Anlass sein, ernsthaft über anregende Maßnahmen zu diskutieren. Doch nichts dergleichen geschieht, man versucht, noch restriktiver zu sein, um die „Regeln“ einzuhalten.

Die wirtschaftliche Lage in der Bauwirtschaft in Europa hat sich im Oktober wieder verschlechtert. Insbesondere Frankreich erlebte einen tiefen Einbruch (Abbildung 1). Das Land kommt nicht von dem Niveau weg, auf das es nach der globalen Rezession vor zehn Jahren gefallen war.

Abbildung 1

Auch in Südeuropa tut sich in der Bauwirtschaft absolut nichts (Abbildung 2). Das zeigt, besser als viele der üblichen Indikatoren, dass die finanzielle Lage der privaten Haushalte schlecht ist und die Unternehmen keine Chancen sehen, neue Investitionen profitabel umzusetzen. Alle drei Länder liegen weit unter den Niveaus, die sie schon einmal erreicht hatten.

Abbildung 2

In den kleineren Ländern Nordeuropas gibt es immer noch sehr unterschiedliche Verläufe (Abbildung 3). In den Niederlanden geht es weiter steil nach oben, wobei man aber bedenken muss, dass erst jetzt das Niveau von 2009 wieder erreicht wurde. Auch Österreich und Dänemark verzeichnen eine boomende Bauwirtschaft, während es in Schweden klar bergab geht und Belgien weiterhin stagniert.

Abbildung 3

In den von uns ausgewählten Ländern Osteuropas zeichnet sich vor allem Ungarn durch eine wirklich boomende Bauwirtschaft aus (Abbildung 4). Aber auch in Polen und Tschechien wird deutlich mehr gebaut als zum letzten Tiefpunkt im Jahr 2016. Das heißt aber längerfristig nicht viel. Polen und Tschechien haben jetzt immer noch nicht die Produktionsniveaus erreicht, die sie 2012 schon einmal innehatten. Für Länder in der aufholenden Entwicklung ist das sehr enttäuschend.

Abbildung 4

Der Einzelhandelsumsatz in der EWU bewegt sich in den letzten Monaten kaum und ist auch im Oktober nicht gestiegen (Abbildung 5). In Deutschland waren die Umsätze zuletzt wieder rückläufig, nachdem sie im Sommer einmal kurz gestiegen waren. Frankreich ist nahe an der Stagnation und Italien bleibt auf dem extrem tiefen Niveau der letzten Jahre.

Abbildung 5

Auch in Südeuropa bleibt es weitgehend bei Stagnation, was zeigt, das die üblicherweise erzählten Geschichten von einem stabilen Aufschwung nur Märchen sind (Abbildung 6).

Abbildung 6

Die Arbeitslosigkeit in der EWU bleibt extrem hoch (Abbildung 7). In Italien hat es zuletzt sogar wieder einen deutlichen Anstieg gegeben. Frankreich kommt nicht unter die neun Prozent, was durch die jüngsten Proteste wenigstens einmal in das allgemeine europäische Bewusstsein getreten ist.

Abbildung 7

Die Preisentwicklung (Abbildungen 8 und 9) war bis zuletzt durch wieder gestiegene Erzeugerpreise gekennzeichnet. Bis Anfang Oktober war vor allem der Ölpreis nach oben gegangen, was sich in den jetzt in der Statistik sichtbaren Erzeugerpreisen in einem erheblichen Anstieg niederschlägt. Seitdem ist jedoch der Ölpreis fast dramatisch eingebrochen. Die vor allem in den USA gehandelte Sorte WTI fiel in den beiden vergangenen Monaten von 75 auf unter 50 Dollar in den vergangenen Tagen. Das bedeutet, dass das derzeitige Hoch bei den Erzeugerpreisen sich schnell zurückbilden wird. Schon Anfang des Jahres sollte auch die Inflation auf der Verbraucherstufe wieder klar unter die Zwei-Prozent-Marke fallen.

Abbildung 8
Abbildung 9

Wirtschaftspolitik

Der Budgetstreit mit Italien ist zwar beigelegt, doch das Ergebnis geht in die falsche Richtung. Statt angesichts der konjunkturellen Schwäche expansiver zu werden, hat die EU-Kommission von Italien verlangt, restriktiver zu werden. Das Ergebnis ist zwar immer noch etwas expansiver als es die Vorgängerregierung in Italien geplant hatte, aber die Lage hat sich seitdem in Italien und ganz Europa erheblich verschlechtert, was für sich genommen, mehr statt weniger Anregung von Seiten des Staates verlangt. Ohnehin ist derzeit vollkommen unklar, wie weit die Konjunktur sich abkühlt, so dass alle Rechnungen, über die man jetzt so heftig gestritten hat, in einigen Wochen Makulatur sein könnten.

Auch in Deutschland gibt man sich weiter naiv. Niemand will sehen, dass die scheinbar robuste Lage keineswegs so robust ist wie es bei oberflächlicher Betrachtung aussieht. Der Export ist schwach, was man an den Auftragseingängen klar sehen kann, auch wenn es im Oktober noch einmal einen Lichtblick aus Europa gab. Die Binnennachfrage aber ist eindeutig extrem schwach, sonst wäre der Einzelhandel seit dem Sommer nicht rückläufig gewesen. Eine kluge Regierung, die zudem, selbst nach ihren eigenen Maßstäben, viel Geld hat, müsste jetzt sofort tätig werden und massiv in öffentliche Infrastruktur investieren. Das man diese Fragen in der Koalition nicht einmal diskutiert und in den Medien die Einigung mit Italien sofort als „rabenschwarzen Tag für Europa“ bezeichnet (hier), ist ein erneuter Beleg dafür, das mit Deutschland keine vernünftige wirtschaftspolitische Kooperation möglich ist.

Auch die europäische Geldpolitik, die gerade den Ausstieg aus dem quantitative Easing beschlossen hat, wird sich wundern, wo die europäische Inflationsrate hin tendiert, wenn der Rückgang des Ölpreises nicht schnell wieder durch einen erneuten Anstieg ausgeglichen wird.

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