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Theorie | 11.12.2018 (editiert am 07.01.2019)

Die Lehrbuchweisheiten der Neoklassik – 1

Lehrbücher beanspruchen für sich, gesichertes Wissen zu vermitteln. Ein Blick in eines der weltweit verbreitetsten Ökonomie-Lehrbücher zeigt aber, dass dies für die Disziplin der Volkswirtschaftslehre nicht ganz zutrifft.

Oft schon wurde der Wunsch von Lesern geäußert, nach all den Kritiken an neoklassischen Positionen doch einmal in einer Übersicht zusammenzufassen, worin sich unsere Theorie vom Mainstream unterscheidet. Eine Reihe wichtiger Theorieelemente, die im Gegensatz zur Auffassung des ökonomischen Mainstream stehen, hat Michael Paetz hier aufgeführt.

An dieser Stelle soll etwas anders verfahren werden: Oft wird den Kritikern der herrschenden Lehre vorgeworfen, ein Zerrbild der traditionellen Theorie zu zeichnen und gegen einen „Strohmann“ zu kämpfen. Schließlich seien die Mainstream-Auffassungen in Wahrheit viel differenzierter. Daher wird im Folgenden aus einem der weltweit verbreitetsten Ökonomie-Lehrbücher der Gegenwart – N. Gregory Mankiws „Makroökonomik“ – zitiert, um dann eine Kritik auf Basis alternativer Positionen vorzunehmen, wie sie etwa von der „Modern Monetary Theory“ oder auch der postkeynesianischen Theorie vertreten werden.

Zu Recht weist der Schäffer-Poeschel Verlag, Herausgeber der deutschen Übersetzung des Lehrbuch-Bestsellers von Mankiw, darauf hin, dass dieses Buch „weltweit an Hunderten von Hochschulen verwendet“ wird. Grundlage der folgenden Untersuchung ist die 6. Auflage von „Makroökonomik“ (englischer Originaltitel: „Macroeconomics“) aus dem Jahr 2011.[1]

Da wir nicht auf alle Probleme von „Makroökonomik“ (Umfang: 752 Seiten) eingehen können, beschränkt sich die Analyse im Teil 1 auf die wichtigen Bereiche „Geld und Inflation“ (Kapitel 4 des Buches) und „Arbeitslosigkeit“ (Kapitel 6). Teil 2 wird sich dann mit dem Thema „Staatsverschuldung und Haushaltsdefizit“ (Kapitel 16) aus Mankiws Bestseller befassen.

Geld und Inflation

Nach Mankiw ist es möglich, „reale Variablen ohne die Einführung nominaler Variablen und ohne die Existenz von Geld zu erklären“ (S. 140). Man könne so die Bestimmungsgründe der realen Variablen analysieren, ohne das Geldangebot zu berücksichtigen:

Diese theoretische Trennung von realen und nominalen Größen bezeichnen Wirtschaftswissenschaftler als klassische Dichotomie. Sie stellt den Kern der klassischen Makrotheorie dar und ist von großer Bedeutung, weil sie die theoretische Betrachtung erheblich vereinfacht. Die klassische Dichotomie erlaubt uns, […] die Analyse von realen Größen bei Vernachlässigung aller nominalen Variablen. Sie tritt deshalb auf, weil in der klassischen Lehre Änderungen des Geldangebots keinen Einfluss auf die realen Variablen haben. Diese Irrelevanz des Geldes in Hinblick auf reale Größen bezeichnet man als Neutralität des Geldes. Für viele Zwecke – insbesondere für die Analyse langfristiger Zusammenhänge – ist die Neutralitätsannahme annäherungsweise richtig“ (S. 140, Hervorhebung im Original).

Nein, sie ist nicht richtig, auch nicht annäherungsweise. Geld ist keineswegs „neutral“ und die makroökonomische Theorie lässt sich eben nicht in einen „realen“ und in einen „monetären“ Teil aufspalten (vgl. dazu ausführlicher hier).

Eine moderne Volkswirtschaft unterscheidet sich fundamental von einer reinen Tauschwirtschaft, in der kein Geld existiert und Produkte direkt gegen andere Produkte ausgetauscht werden (zum Beispiel Äpfel gegen Schuhe). Bereits Keynes hatte die Vorstellung einer Neutralität des Geldes abgelehnt, da eine moderne Volkswirtschaft gerade dadurch gekennzeichnet ist, dass die Produktion mit Geld beginnt und mit Geld endet. Oder knapp ausgedrückt: Der Zweck der Produktion ist Geld. Keynes spricht deshalb auch von einer monetären Theorie der Produktion und vor ihm hatte schon Marx sein bekanntes G – W – G‘ – Schema entwickelt: Der Unternehmer startet mit Geld, stellt Waren her und hofft auf mehr Geld am Ende.[2]

Auch die Quantitätstheorie des Geldes basiert auf der Annahme, dass Geld neutral ist, also allein das Preisniveau beeinflusst, nicht aber die reale Produktion und die Beschäftigung. So ist es nicht überraschend, dass Mankiw schreibt:

„Die Quantitätstheorie des Geldes besagt also, dass die Zentralbank, die das Geldangebot steuert, letztlich auch die Inflationsrate steuert. Hält die Zentralbank das Geldangebot stabil, bleibt auch das Preisniveau stabil. Weitet die Zentralbank das Geldangebot stark aus, erhöht sich auch das Preisniveau schnell“ (S. 115).

Dahinter steckt die Vorstellung, dass es eine direkte Verbindung zwischen der Geldbasis und der Geldmenge (dem Geldangebot) gäbe und die Zentralbank die Geldmenge über eine Veränderung der Geldbasis steuern könne (wobei die Geldmenge ein Mehrfaches der Geldbasis bildet). Tatsächlich aber ist die Zentralbank nicht dazu in der Lage, die Geldmenge zu kontrollieren. In der realen Welt setzt die Zentralbank den kurzfristigen Zins (und bestimmt den langfristigen Zins entscheidend mit)[3], während die Kreditnachfrage von privaten Haushalten und Unternehmen bei ihren Banken die Geldmenge determiniert.

Die Zentralbank besitzt das Monopol auf die Schaffung von Zentralbankgeld – Bargeld und Einlagen bei der Zentralbank –, während die Geschäftsbanken bei der Kreditvergabe Giralgeld „aus dem Nichts“ schaffen – durch eine Bilanzverlängerung. Die vergebenen Kredite manifestieren sich als Bankeinlagen, was dazu führt, dass die Geldmenge expandiert. Umgekehrt schrumpft die Geldmenge, wenn Kredite zurückgezahlt werden. Einzig über den Preis der Reserven[4], die sie auf Nachfrage den Geschäftsbanken zur Verfügung stellt, kann die Zentralbank Einfluss auf die Kreditschöpfung nehmen.

Es ist also genau umgekehrt, wie von Mankiw und der herrschenden Lehre im sogenannten Geldmultiplikator-Modell behauptet: Endogene Veränderungen in der Geldmenge (hervorgerufen durch die Kreditschöpfung der Banken) führen zu Veränderungen in der Geldbasis (da die Zentralbank Reserven zufügt oder abzieht, um den Preis der Reserven auf dem von ihr gewünschten Niveau zu halten). Anders gesagt: Kredite schaffen Einlagen, die wiederum Reserven erzeugen.

Auch der zweite Baustein Mankiws Position ist nicht haltbar: dass nämlich ein stabiler Zusammenhang zwischen der Geldmenge und dem Preisniveau existiert, so dass die Zentralbank mit der Geldmenge indirekt auch die Inflationsrate bestimmt. Denn dies setzt voraus, dass sowohl das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) als auch die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes konstant sind[5], was mit der Empirie überhaupt nicht in Einklang zu bringen ist (vgl. dazu ausführlicher hier).

Nach Mankiw bringt der Zinssatz Kreditangebot (Sparen) und Kreditnachfrage (Investitionen) ins Gleichgewicht:

„Das Sparen stellt das Angebot an Krediten dar – die einzelnen Individuen gewähren den Unternehmen direkt aus ihrem Sparen Kredite oder sie deponieren die Ersparnis auf einer Bank, die dann ihrerseits Kredite gewährt. Die Investitionen stellen die Kreditnachfrage dar – Investoren nehmen direkt durch den Verkauf von Anleihen beim Publikum Kredite auf, oder sie tun dies indirekt über das Bankensystem. Da die Investitionen vom Zinssatz abhängen, hängt die Kreditnachfrage ebenfalls vom Zinssatz ab. Der Zinssatz passt sich so lange an, bis Investitionen und Sparen übereinstimmen“ (S. 85f).

Das ist die klassische Lehre von den „leihbaren Geldmitteln“, einem begrenzten Pool an Ersparnissen – auch wenn die deutschen Herausgeber des Buches „supply of loanable funds“ mit „Angebot an Krediten“ übersetzen. Diese Vorstellung ist mit einem modernen Geld- und Bankensystem nicht zu vereinbaren. In der Realität erzeugen die Investitionen die Ersparnisse selbst, indem erstere nämlich die gesamtwirtschaftliche Nachfrage, die Produktion und die Einkommensschaffung beleben.

Wie schon erwähnt, ist es die Zentralbank, die den kurzfristigen Zins festsetzt. Der langfristige folgt weit überwiegend dem kurzfristigen Zins (unter normalen Umständen zumeist auch ohne Intervention der Zentralbank an den Anleihemärkten[6]).

Diese maßgebliche Rolle, die der Zentralbank in der Bestimmung sowohl des kurzfristigen als auch des langfristigen Zinssatzes zukommt, muss von Neoklassikern wie Mankiw schlicht geleugnet werden. Denn in ihrer Sicht wird der (langfristige) Zins aus Angebot und Nachfrage für Kredite auf den Finanzmärkten gebildet, also gänzlich außerhalb des Einflussbereiches der Notenbanken. Ein abstruses Konstrukt, das in keiner Weise erklären kann, warum den Zinsentscheidungen der Notenbanken ein solch immenses öffentliches Interesse im Wirtschaftsgeschehen zukommt.

Mankiw betrachtet Banken als reine Finanzintermediäre, die Geld von Sparern zu Kreditnehmern transferieren. Deutlich zeigt sich dies auch an anderer Stelle:

„Der bekannteste Typus eines Finanzintermediärs sind Banken bzw. Kreditinstitute. Sie nehmen Einlagen von den Sparern herein und verwenden diese Mittel für Ausleihungen an diejenigen, die Investitionsprojekte finanzieren wollen“ (S. 87).

Dies ist eine grundfalsche Darstellung, wie wir in der Vergangenheit immer wieder gezeigt haben (etwa hier) und es inzwischen sogar die Deutsche Bundesbank einräumt. Denn Bankeinlagen sind für eine Bank eine Verbindlichkeit, die in der Bankbilanz auf der Passivseite verbucht wird. Wie sollte da eine Kreditvergabe als Finanzintermediär buchungstechnisch ablaufen? Die Bank kann nicht einfach entsprechende Umbuchungen auf den Bankkonten ihrer Kunden vornehmen, also zum Beispiel ihre Verbindlichkeiten (Bankeinlagen) gegenüber dem Kunden A reduzieren und die entsprechende Summe als Kredit auf das Konto des Kunden B übertragen. Würden Banken tatsächlich Geld verleihen, das sie zuvor von Sparern erhalten haben, müsste dieses Geld auf der Aktivseite ihrer Bilanzen stehen.

Arbeitslosigkeit

Mankiws Position zu den Ursachen der (strukturellen) Arbeitslosigkeit enthält wenig Überraschendes:

„Strukturelle Arbeitslosigkeit entsteht, wenn der Reallohn oberhalb des Niveaus verharrt, bei dem Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage im Gleichgewicht sind. Mindestlohnvorschriften sind ein Grund für Lohnstarrheiten, Gewerkschaftsmacht ist ein anderer“ (S. 237).

Das ist die übliche neoklassische Darstellung, nach der der Arbeitsmarkt genau wie der Markt für ein einzelnes Gut (etwa der Kartoffelmarkt) funktioniert. Das heißt, Angebot und Nachfrage treffen aufeinander und führen zu einem gleichgewichtigen Reallohnsatz (als Preis auf dem Markt), zu dem alle Arbeitnehmer Arbeit finden. Nur wenn staatliche Verordnungen wie Mindestlohnvorschriften oder mächtige Gewerkschaften dafür sorgten, dass der Reallohnsatz über seinem Gleichgewicht liege, entstehe (unfreiwillige) Arbeitslosigkeit. Also ist eine Senkung des Reallohnniveaus erforderlich, wenn wieder Vollbeschäftigung herbeigeführt werden soll.

Wie immer wird übersehen, dass der Kostensenkungseffekt (die Abnahme der Arbeitskosten, die für sich genommen einen Anreiz für Neueinstellungen bietet) durch den negativen Nachfrageeffekt einer Lohnreduktion (die Abnahme der Einnahmen aufgrund der sinkenden Ausgaben der Lohneinkommensbezieher) mehr als kompensiert wird. Ignoriert wird zugleich, dass unfreiwillige Arbeitslosigkeit aus einer unzureichenden gesamtwirtschaftlichen Nachfrage resultiert – und so ein makroökonomisches Problem darstellt.

Interessant an den Ausführungen Mankiws ist allein, dass er im sechsten Kapitel zur Arbeitslosigkeit mit keinem Wort darauf eingeht, auf welche Weise denn eine Lohnsenkung eine Erhöhung der Beschäftigung bewirkt. Da Mankiw auch bezüglich des Arbeitsmarktes streng neoklassisch argumentiert, ist zu vermuten, dass er davon ausgeht, dass fallende Reallöhne zu einer Substitution von Kapital durch Arbeit und damit zu mehr Beschäftigung führt. Das ist die neoklassische Substitutionshypothese, nach der eine theoretisch eindeutig ableitbare Beziehung zwischen Faktoreinsatz- und Faktorpreisverhältnis existiert und Veränderungen in der Faktorpreisrelation einen Mehreinsatz des relativ billiger gewordenen Faktors in der Produktion zur Folge haben.

Dumm nur, dass wir spätestens seit der sogenannten Cambridge-Kontroverse in den 1960er Jahren wissen, dass sich der seinerzeit unterstellte eindeutige Zusammenhang zwischen Reallohnhöhe, Technikwahl und Beschäftigungsniveau nicht – respektive allein unter der absurden Annahme der Existenz nur eines Kapitalgutes in der Volkswirtschaft – aufrechterhalten lässt. Selbst bei Akzeptanz aller anderen – mehr als zweifelhaften – Modellannahmen, die der neoklassischen Makroökonomie zugrunde liegen. Mit anderen Worten: Es kann nicht mehr daran festgehalten werden, dass niedrigere Reallöhne zwingend eine Substitution von Kapital durch Arbeit und damit mehr Beschäftigung auslösen.

Wie gesagt, diese Kritik ist endogener Natur, ergibt sich also auf der Basis des neoklassischen Paradigmas selbst (vgl. dazu Heine/Herr 2013, S. 250-267; Herr 2016; Pasinetti 1977)[7].

Bemerkenswert sind die Schlussfolgerungen, die Mankiw aus einem Vergleich der Arbeitsmarktsituation in verschiedenen Ländern zieht:

„Die nationalen Arbeitslosenquoten sind mit verschiedenen arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen korreliert. Tendenziell sind die Arbeitslosenquoten in Ländern höher, die ein großzügigeres System der Arbeitslosenversicherung aufweisen. (Die „Großzügigkeit“ der Arbeitslosenversicherung kann man etwa durch die Lohnersatzquote messen, den Prozentsatz des früheren Lohnes, der durch Arbeitslosengeld ersetzt wird.) Darüber hinaus weisen Länder tendenziell eine höhere Arbeitslosigkeit auf, in denen Unterstützungsleistungen für längere Zeiträume bezogen werden können (Dies gilt insbesondere für die Langzeitarbeitslosigkeit)“ (S. 232).

Das wird einfach so behauptet, ohne auf die Vielzahl an empirischen Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Arbeitsmarktinstitutionen und Arbeitslosigkeit im internationalen Vergleich Bezug zu nehmen (vgl. Grunert 2008).

Tatsächlich sind die empirischen Ergebnisse zur Beziehung zwischen der Quote sowie der Dauer der Lohnersatzleistungen und der Arbeitslosigkeit uneinheitlich; zudem scheint – wenn ein Zusammenhang besteht – die Wirkungsrichtung eher von der Arbeitslosigkeit zum Niveau der Lohnersatzleistungen zu laufen. Nicht etwa führt also eine zu „großzügige“ Arbeitslosenunterstützung zu mehr Arbeitslosigkeit, sondern es kommt umgekehrt zu einer Anhebung der Höhe und/oder Dauer der Unterstützungszahlungen als Reaktion der Politik auf eine gestiegene Arbeitslosigkeit (beispielsweise in den USA, vgl. Blinder 2004, S. 33f).[8]

Vollends unseriös wird es, wenn Mankiw einen zu starken Koordinationsgrad der Lohnverhandlungen für die Arbeitslosigkeit verantwortlich macht:

„Die Höhe der Arbeitslosenquoten in den einzelnen Ländern ist mit dem Anteil der Erwerbspersonen positiv korreliert, dessen Löhne durch kollektive Lohnverhandlungen mit den Gewerkschaften festgelegt werden“ (S. 232).

Das wird ohne jeden Beleg festgestellt – einfach aufgrund der These, dass bei kollektiven Lohnverhandlungen ein stärkerer Aufwärtsdruck auf die Löhne entstehe. Und ein höherer Reallohnsatz bedeute nun einmal eine niedrigere Beschäftigung. Dabei legt die Empirie genau das Gegenteil nahe: Die weit überwiegende Zahl der empirischen Cross-Country-Analysen stellt nämlich einen negativen Zusammenhang zwischen dem Koordinationsgrad der Lohnverhandlungen und der Arbeitslosenquote fest. Das heißt, ein höherer Koordinationsgrad ist mit einem niedrigeren Arbeitslosigkeitsniveau verbunden.

Selbst die OECD, die mit ihrer extrem einflussreichen „OECD Jobs Study“ aus dem Jahr 1994 als Wegbereiterin der „Flexibilisierung“ der Arbeitsmärkte gilt, sah sich 2006 nach Auswertung der ihrer Meinung nach fünfzehn wichtigsten empirischen Untersuchungen genötigt einzuräumen, dass eine starke Zentralisierung respektive Koordination der Tarifverhandlungen (also ein hohes Niveau kollektiver Lohnaushandlungen) mit einer geringeren Arbeitslosigkeit einhergeht (OECD 2006, S. 85f). Neuere empirische Studien, die nach Erscheinen des Mankiw-Lehrbuches veröffentlicht wurden, bestätigen dieses Ergebnis (Flaig/Rottmann 2013; Avdagic/Salardi 2013; Avdagic 2015; weitere Literaturangaben hier).

Das muss man sich vorstellen: Der Verfasser eines Lehrbuches, das Autorität und die Verbreitung gesicherten Wissens suggeriert, setzt einfach (unwissentlich oder vorsätzlich?) eine ihm genehme Behauptung in die Welt, ohne sich um die Empirie zu kümmern, die dieser Behauptung klar widerspricht.


[1] Inzwischen ist die 7. Auflage in Deutsch erschienen (2017), die zwar überarbeitet und aktualisiert wurde, jedoch gegenüber der Vorgängerversion keine grundlegende theoretische Neuausrichtung markiert.
[2] In den Worten von Marx: „Die Formel selbst drückt aus, daß das Geld hier nicht als Geld verausgabt, sondern nur vorgeschossen wird, also nur Geldform des Kapitals, Geldkapital ist. Sie drückt ferner aus, daß der Tauschwert, nicht der Gebrauchswert, der bestimmende Selbstzweck der Bewegung ist. […] Der Produktionsprozeß erscheint nur als unvermeidliches Mittelglied, als notwendiges Übel zum Behuf des Geldmachens“ (Marx, Das Kapital Bd. 2, MEW Bd. 24, Berlin 1977, S. 62). Interessanterweise nutzte Keynes offenbar in einer frühen Fassung seiner „General Theory“ Marx‘ Darstellung des Zirkulationsprozesses des Kapitals (MEW Bd. 24), um zu erklären, warum Geld eine wichtige Rolle spielt. In der Endversion der „General Theory“ verzichtete er dann aber auf die Übernahme der entsprechenden Ausführungen von Marx. Vgl. King 2015, S. 6.
[3] Die Zentralbank eines Landes mit einer souveränen Währung kann – wenn sie es denn will – jederzeit die Rendite von Staatsanleihen kontrollieren, d.h. auf ein von ihr gewünschtes Niveau bringen, indem sie mit Käufen oder Verkäufen dieser Anleihen am  Sekundärmarkt interveniert.
[4] Reserven sind Guthaben bei der Zentralbank und Bargeld in den Tresorräumen der Banken.
[5] Das BIP deshalb, weil die Quantitätstheorie – zumindest in ihrer ursprünglichen Form – davon ausgeht, dass stets Vollbeschäftigung herrscht, somit das reale BIP dem Vollbeschäftigungsoutput entspricht und in unmittelbarer Zukunft nicht weiter erhöht werden kann.
[6] Der enge Zusammenhang zwischen kurz- und langfristigen Zinsen ist Folge der Substitutionsmöglichkeiten, die zwischen beiden bestehen. Wächst beispielsweise die Spanne zwischen lang- und kurzfristigen Zinssätzen, weil die kurzfristigen (aber nicht die langfristigen) Zinsen fallen, so werden viele Kapitalanleger kurzfristige Mittel zu längeren Fristen verlagern, weil dort nun im Vergleich höhere Zinsen zu erzielen sind. Umgekehrt finanzieren sich jetzt Kreditnehmer verstärkt kurzfristig. Geschäftsbanken können zudem den Kauf langfristiger Staatsanleihen durch eine kurzfristige Kreditaufnahme bei „ihrer“ Zentralbank refinanzieren. All dies führt tendenziell zu sinkenden Zinsen am lange Ende; der Abstand zwischen lang- und kurzfristigen Zinssätzen schrumpft wieder. Auch empirisch lässt sich zeigen, dass der langfristige eng am kurzfristigen Zins hängt (Flassbeck/Spiecker 2014).
[7] Nur nebenbei sei hier angemerkt, dass die neoklassische Substitutionshypothese schon deshalb völlig unrealistisch ist, weil es eine perfekte Substituierbarkeit zwischen Arbeit und Kapital nirgendwo auf dieser Welt gibt. Wo sollte das unterstellte breite Spektrum an Alternativtechniken zur Produktion der jeweiligen Güter denn herkommen? Welches Unternehmen wäre so verrückt, beispielsweise in einem Land, in dem bislang der Preis von Kapital niedrig relativ zu dem von Arbeit war, Ressourcen in die Entwicklung arbeitsintensiver Produktionstechniken zu lenken, allein aufgrund der vagen Vermutung, dass dies möglicherweise irgendwann in der Zukunft für die Produktionsaktivitäten von Nutzen sein könnte? Und welches Unternehmen würde, wenn der relative Preis von Arbeit (also das Verhältnis des Preises von Arbeit zu Kapital) sinkt, sofort von einer kapitalintensiven auf eine arbeitsintensive Produktion umsteigen und einen Großteil der vorhandenen Maschinen verschrotten? Viel plausibler als diese Vorstellung ist die Annahme, dass die Unternehmen ihre produktiven Inputs in einem festen, technikbestimmten Verhältnis kombinieren, d.h. Maschinen und Ausrüstungen verwenden, die komplementär einen mehr oder weniger fixen Einsatz von Arbeit erfordern und die – wenn erst einmal installiert – wenig Substitutionsmöglichkeiten bieten (vgl. auch Mitchell 2012).
[8] So zeigen Howell et al. (2007) anhand von sog. Granger-Kausalitätstests für acht europäische Länder mit der Brutto-Lohnersatzleistungsquote als Indikator für die „Großzügigkeit“ der Arbeitslosenunterstützung, dass sich – sofern ein Zusammenhang zwischen dieser Variablen und der Arbeitslosigkeit besteht – in sechs der Länder Granger-Kausalität von der Arbeitslosenrate zur Brutto-Lohnersatzleistungsquote feststellen lässt – und nicht umgekehrt, wie nach der Sichtweise Mankiws zu erwarten wäre. Und selbst in den zwei Ländern, für die dies nicht zutrifft, ist nicht umgekehrt die Lohnersatzleistungsquote Granger-kausal für die Arbeitslosenrate, d.h. die Lohnersatzleistungsquote vermag hier die Arbeitslosigkeit nicht signifikant zu erklären.
Für Interessierte: Die zugrundeliegende Idee des Granger-Kausalitätstests ist recht einfach: Wenn X tatsächlich Y verursacht, müssen Veränderungen in X Veränderungen in Y vorausgehen. Zwei Bedingungen müssen insbesondere erfüllt sein, damit man folgern kann, X verursacht Y: Erstens sollte X helfen, Y vorherzusagen, d.h. in einer Regression von Y auf verzögerte Werte von Y müsste die Hinzunehme verzögerter Werte von X als unabhängige Variable signifikant zur Erklärungskraft der Regression beitragen. Zweitens sollte Y nicht helfen, X vorherzusagen. Zur Definition und zum Testverfahren vgl. ausführlich Pindyck/Rubinfeld 1991, S. 216ff.

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