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Theorie | 07.12.2018 (editiert am 10.12.2018)

Rechtfertigungsideologie für den Profit

Ist Wirtschaftswachstum „zufällig“ oder doch technisch bedingt? Letzteres will die Neoklassik von vorne herein in den Köpfen verankern – und damit die technische Bedingtheit der Verteilung. Doch der technologische Determinismus wird schnell zur Ironie.

Mit der Cobb-Douglas-Produktionsfunktion ist die Neoklassik auf ihre Weise „marxistisch“ geworden. Sie ist ein Versuch, die Verteilung zwischen den „Produktionsfaktoren“, also zwischen Arbeit und Kapital, als technisch bedingt und damit naturnotwendig darzustellen. Sie nimmt in diesem Sinn den bei Marx vorhandenen technologistischen Impuls auf. So wurde sie ein Kernstück der Theorie ebenso wie der Rechtfertigungs-Ideologie für den Profit und für die Verteilung, wie sie ist, im Allgemeinen. Eine Kurz-Darstellung findet man in allen Einführungen in die Ökonomie (z. B. Mankiw 1998, 85 ff.; Varian 1999, 59 f.). Es ist aber nützlich, auf die ursprüngliche Formulierung zurück zu greifen (Cobb / Douglas 1928).

Cobb / Douglas beginnen in ihrer Einleitung ein wenig mühsam. Sie fragen, ob das Wirtschaftswachstum „zufällig“ sei oder doch technisch bedingt? Sie wollen die Antwort „technisch bedingt“ von vorne herein in den Köpfen verankern – und damit die technische Bedingtheit der Verteilung. Der technologische Determinismus wird übrigens zur Ironie, wenn man bedenkt: Die IO-Tabellen, vielleicht das wichtigste wirtschaftsstatistische Instrument der Gegenwart, bauen nicht auf einer Cobb-Douglas-Funktion (in Hinkunft abgekürzt: CD) sondern auf einer komplementären Leontieff-Funktion auf (komplementär soll heißen: Arbeit und „Kapital“ / Produktionsmittel stehen in einem im gegebenen Zeitpunkt fixen Verhältnis zueinander und sind nicht beliebig austauschbar.)

Die zweite Frage ihres Aufsatzes zeigt ihre Absicht sehr deutlich: Arbeit und Kapital stehen auf einer Ebene. Man muss allerdings schon wieder neoklassischer Ökonom sein, um ihre geradezu naive Formulierung für den Fetisch Kapital fraglos zu schlucken: Sie wollen „… den relativen Beitrag zum physischen Gesamtprodukt von jeweils einer Einheit des Kapitals und der Arbeit bestimmen…“ Arbeitskraft und Arbeit, die menschliche Aktivität somit, wird eindeutig auf eine Ebene mit dem Arbeitsmittel gestellt. Und Kapital ist hier das Arbeitsmit­tel, nicht der Wert. Ansonsten könnten sie nicht vom physischen Gesamtprodukt sprechen. In der Fußnote wird das klar gesagt: „We are here not concerned with value but with physical production“ (140).

Allein dieser Satz zeigt deutlichst, dass bei aller anerkennenswerten Bemühung der Autoren um Daten der Zugang von überwältigender Naivität ist. Ein solcher Satz muss Ökonomen erst einmal einfallen! Das einzige Problem, das sie methodisch sehen, sind die Preis-Veränderungen bei den Kapitalgütern. Die sind zwar nicht unwichtig, aber mit Sicherheit das geringste der Probleme, wenn man auch nur an technische Fragen wie Abschreibung oder kurzfristige Stilllegung denkt. Die bestimmen die Höhe der Netto-Investitionen wesentlich stärker. Von den konzeptuellen Fragen – warum nimmt er den Grund nicht zum Kapital als Produktions-Instrument? Die Halbfertig-Produkte? Usf. – reden wir hier noch gar nicht.

Doch auch die spielen eine Rolle. Wenn Douglas konsequenter Technologist wäre, müsste er den Boden einbeziehen. Das macht er ausdrücklich nicht, und erst am Ende des Artikels spricht er von einer künftigen Erweiterung des Ansatzes um den „dritten Produktionsfaktor“. Er stieße damit an die Grenzen seines Technologismus. Denn wie „Kapital“ und Arbeit müsste auch Boden in Geldwert umgewandelt werden. Und da würde ihm jeder Raum- und Stadtplaner sagen: Der ist nach Lage höchst unterschiedlich, also unabhängig von seinem technischen Beitrag zur Produktion. Also ignoriert er ihn lieber. Dieses Beispiel zeigt uns, dass er eine fundamentalen Frage überhaupt nicht stellt: die Bewertung des „Kapitals“.

Damit ist man wieder bei einer Grundfrage der Ökonomie und jeder Sozialwissenschaft. Böhm-Bawerk (1895) warf Marx vor: Er würde sein System so konstruieren, dass eine empirische Bestätigung nur mit Gewalt, beziehungsweise in einem faktischen Bruch mit dem Grundkonzept des Werts möglich sei. Er meint damit die Transformations-Problematik, die Umwandlung von Werten in Produktionspreise. Die Produktionspreise spiegeln nicht die Werte wieder, also die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit. Vielmehr enthalten Produktionspreise den auf das gesamte Kapital geforderten Profit.

Böhm-Bawerk hat eine Grundproblematik von Gesellschafts-Analyse nicht begriffen. Er hat sie nicht einmal im Ansatz gesehen. Es geht um den Unterschied zwischen der Tiefen- und der Oberflächen-Struktur. Diese Chomsky’schen Begriffe machen in der Sozial-Analyse mindestens ebenso viel Sinn wie in der Linguistik. Marktpreise sind eine Oberflächen-Struktur. Werte und auch Produktionspreise hingegen stellen die Tiefenstruktur dar.

Doch die akademische Ökonomie hat diese Böhm-Bawerk’sche Haltung und ihr Unverständ­nis nicht nur perpetuiert. Mittels der Popper’schen Falsifikations-Dogmatik hat sie sie verstei­nert und zum erkenntnistheoretischen Grundprinzip erhoben. Wer heute in der (Sozial-)Wis­senschaft rechtgläubig sein will, muss sich dazu bekennen und möglichst auch ein-zwei Mal im Laufe seiner Bemühungen das Wort „most parsimonius“ murmeln. Diese Unterscheidung zwischen Tiefen- und Oberflächen-Struktur ist bei den Produktions-Funktionen von wesent­licher Bedeutung. Aus den Marktpreisen lassen sich die Tiefenstrukturen quantitativ nicht notwendig erschließen, sie geben höchstens einen Hinweis. Daher sind die Bemühungen von beschränktem Wert, in welchen man zeigt, dass „im Gleichgewicht“ der Arbeitswert und der subjektive Wert auf dieselbe Größe hinaus läuft (Bronfenbrenner 1969, Roemer 1980).

Werfen wir einen Blick auf die Struktur der CD-Funktion. Wir werden sie gleich brauchen.

P = bLkC(1-k).

P Produkt oder Gesamteinkommen, L Arbeit, C Kapital, k Substitutions-Elastizität

Dieser Ausdruck wäre der Ansatzpunkt für eine empirische Analyse. Aber der der Artikel kann in Wirklichkeit nicht empirisch diskutiert werden. Das liegt keineswegs in erster Linie an den damals mangelnden Daten und an den vielen statistisch-technischen Kunststücken, die Douglas durchführen muss, um die vorhandenen Daten nützen zu können. Die CD-Funktion ist in ihrer Simplizität nicht schlecht für eine abstrakt-theoretische Debatte, aber für die empirische Analyse nicht wirklich benutzbar. Dazu kommt die ideologische Schlagseite.

Denn im Gegensatz zu ihrer Benennung ist die Produktions-Funktion nicht in erster Linie eine Produktions- sondern eine Verteilungs-Funktion. Die Hauptaussage: Produktions-Faktoren werden nach ihrer Grenz-Produktivität (ausgehend von dem Koeffizienten k) entlohnt. Übrigens sprechen sich die beiden Autoren, Cobb und Douglas, gegen dies in einer sehr schwachen Weise aus. Aber die Art; wie sie dies tun, ist höchst kennzeichnend. Sie versuchen den „ehernen“ technischen Charakter der Funktion zu retten: so sei der Umstand, dass die Verteilung des Produkts nach den Eigentums-Verhältnissen vor sich gehe, eine andere, eine politische Frage. Man könne auch Sozialist sein und diese Funktion als Gesetz anerkennen. Kann der Technologismus deutlicher werden?

Einen Absatz vorher schreiben sie: „This [die Grenzproduktivität bzw. die Hochzahlen k und k-1] imputes three fourths of the product to labor and one forth to capital“ (p.156) – ¾ und ¼, weil dies der Wert ist, auf welchen sie mit k stoßen.

Hier wird die Stil-Frage zur erst theoretischen und sodann unmittelbar politischen Aussage. Was heißt „zurechnen“? Es wird allgemein so verstanden und ist inhaltlich nur so zu verstehen, dass dies die Anteile sind, welche dem Kapital und der Arbeit von Rechts wegen und moralisch zustehen.

Nehmen wir einmal an, die CD-Funktion und ihre Struktur sei historisch gültig. Um dies beurteilen zu können, muss man sich die Kapitalintensität (c=C/L) und den Kapitalkoeffizient (k=C/Y bzw. bei CD: C/P) in ihrer längerfristigen Entwicklung ansehen. In der Industrialisie­rung – wir sollten besser sagen: der Phase der Ursprünglichen Akkumulation – steigt c bzw. k an. Der CD nach müsste somit der relative Anteil der Arbeit steigen und damit die Ungleich­heit sinken. Wie wir aus der Kuznets-Kurve lernen (Kuznets 1955), ist gerade das Gegenteil der Fall. Die Ungleichheit nahm stark zu.

Nun könnte man, mit Kuznets argumentieren: Aber sie nahm im Zeitraum von 1914 bis 1955 deutlich ab. Zum einen aber hat dies nichts mit dem Kapitalkoeffizienten (oder der Kapitalintensität) zu tun, auch statistisch nicht. Ungleichheit nimmt in Kriegen kurzfristig fast immer deutlich ab. Zum anderen, und viel wichtiger: Die Große Schere in den Einkommen tat sich seit ungefähr der Zeit, als Kuznets schrieb – genauer, seit einem Jahrzehnt später –, wieder auf. Die Ungleichheit steigt massiv an. Wieder stimmt dies nicht mit der Entwicklung (von K bzw. c) zusammen. Wir haben Daten genug, die zeigen: In den letzten Jahrzehnten sank k bzw. c in den hoch entwickelten Dienstleistungswirtschaften tendenziell. [1]

Die Empirie stützt also die CD historisch gewiss nicht. Überhaupt ist die Produktions-Funktion ein ambivalentes Instrument der ökonomischen Analyse. Sie ist unerlässlich, wenn wir Entwicklungs-Theorie betreiben. Doch sie bietet sich auch dem analytischen Missbrauch an, insbesondere, wenn wir zwischen einzelwirtschaftlicher und gesamtwirtschaftlicher Ebene hin und her wechseln, ohne dies klar zu machen. In der deutschen Übersetzung des Lehrbuchs von Barro (1984, 334f.), ein in den USA einflussreicher Ökonom, finde ich eine absurde Produktionsfunktion mit einem Produktionsfaktor, als „Arbeitseinsatz“ bezeichnet. Da wird ein abnehmendes Grenzprodukt postuliert. Allein die Funktion mit einem Faktor widerspricht dem Konzept der Produktions-Funktion selbst. Die abnehmende Produktivität bei gegebener Technologie passt dazu. Die Idee der sinkenden Grenzproduktivität kam von Ricardos Sorge, der Boden – als Platzhalter für natürliche Ressourcen insgesamt – sei begrenzt; ein zunehmender Einsatz von Arbeit und Kapital auf gleichbleibender Fläche müsse entweder zu geringeren Erträgen führen; oder aber zum Ausweichen auf weniger fruchtbare Böden und damit wieder zu geringeren Erträgen. Hier wurde die reductio ad absurdum des zweifelhaften Prozesses vollzogen, mit dem technische Produktions-Mittel auf immer abstraktere reine Wertausdrücke beschränkt werden.[2]

Der fundamentale Doppel-Charakter der Produktion als technischer und als sozialer Prozess ging damit verloren. Wie sehr dies ein Problem ist, zeigt die naive Verwendung des Begriffs Produktivität. Steigt die Produktivität in der Erdöl-Industrie, weil wieder einmal die Weltmarkt-Preise steigen?[3]

Verloren geht notwendig auch eine wichtige Problematik der Wirtschaft und Entwicklung: die Technik-Wahl. Ich bin materiell nicht auf eine einzige Technik beschränkt, auch wenn mich die Entwicklung in diese Richtung drängt. Ich kann mich zum Mähen einer Wiese für drei Männer mit Sensen entscheiden oder aber für einen mit einer Mähmaschine. Wenn in einer schlecht entwickelten Gesellschaft viele Arbeitslose leben, die nur einen geringen Lohn bekommen, bietet vielleicht die Sensen-Variante einen höheren Wohlstand.

Dennoch wird diese Cobb-Douglas-Produktionsfunktion von den neoklassischen Ökonomen tatsächlich und ernsthaft für die Debatte um die Ungleichheit heran gezogen, sogar von jenen, welche die steigende Ungleichheit als Problem sehen. Nehmen wir als einen unter vielen und eher zufällig Bénabou 1996. Seine „theoretische“ Analyse zur Ungleichheit beginnt er einerseits mit der Nutzen-Funktion; andererseits mit einer Cobb-Douglas-Funktion, welche einerseits k (human or physical capital) und andererseits w (resources, also offenbar ererbtes Vermögen) als Bestimmungsgrößen für y (Einkommen) enthält.

Bleiben wir einen Moment bei diesem Beispiel und werfen einen Blick in die soziale Realität. Humankapital gehört zu den großen und diffusen Begriffen nicht nur der Ökonomie, sondern, durch Bourdieu, auch der Soziologie. Was geschieht, wenn Menschen in „Humankapital investieren“? Sie erwerben kulturelle Fähigkeiten – Bourdieu sagte: la distinction, der Unterschied (zu den Unterschichten). Das ist im Wesentlichen die kulturelle Fähigkeit, sich in der entsprechenden Umgebung richtig zu verhalten, sich anzupassen.

Mit Technologie hat dies sehr wenig zu tun. Es geht um schichtspezifische Normen. Von Menschen, welche einen höheren Beruf anstreben, wird erwartet, dass sie sich „benehmen“ können und auch den Bildungs-Kanon – der sich gegenwärtig stark wandelt – kennen.

Diese Art von Humankapital ist der Zentralbegriff und die zentrale Fähigkeit für Aufsteiger. Insofern ist diese Produktions-Funktion für das Einkommen zumindest teilweise heuristisch richtig. Ich sage heuristisch; denn messen lässt sie sich schwer.

Es bleiben viele ernst zu nehmende Fragen: Wie sehr kann man die Entwicklung tatsächlich im Sinne einer Cobb-Douglas-Funktion betrachten, das heißt eine Substituierbarkeit zwischen Arbeit und Kapital annehmen? Wie hängt diese Funktion mit einer anderen berühmten Funktion, der Pareto-Verteilung zusammen? Gibt es die „langfristige Konstanz der Verteilung“ tatsächlich? Was hat man da unter „langfristig“ zu verstehen? Das sind Fragen, mit denen sich Piketty intensiv beschäftigt. Während man seine Daten in ihrer Wichtigkeit kaum überschätzen kann, sind seine theoretischen Antworten leider dürftig.


[1] Es gibt neuerdings Autoren, die Anderes behaupten – ausgerechnet Piketty 2013 und Piketty / Zucman 2016. Sie reflektieren in naiver Weise die spekulativen Bewertungen des Finanz-Kapitals überhaupt nicht.
[2] Die Koeffizienten k und 1-k ergeben definitorisch 1. Technisch bedeutet dies, dass es keine Skalen-Erträge, also höhere Erträge wegen steigender Betriebsgröße gibt. Fasst man die CD-Funktion technisch auf, so ist dies plausibel. Fasst man sie einzelwirtschaftlich und nationalstaatlich auf, so ist dies ganz und gar nicht selbstverständlich. Mit wachsender Betriebsgröße wächst die Marktmacht, der Monopolisierungsgrad. Und das wird massiv zur Ergebnis-Verbesserung eingesetzt, wie sogar die Neoklassik zugibt (Cournot), die sich mit Monopolisierung beschäftigt. Einzelwirtschaftlich gilt also: (k+[1-k]) > 1 (was dem arithmetischen Ausdruck widerspricht).
[3] Hier kommen wir allerdings in ein Grundproblem der Wirtschafts-Theorie hinein, welches auch von Marxisten völlig unzureichend behandelt wird: der einzelwirtschaftliche Ansatz in der Wertbestimmung. Dies kann hier nicht näher ausgeführt werden.

Barro, Robert J. (1986), Makroökonomie. Regensburg: Transfer.
Bénabou, Roland (1996), Inequality and Growth. In: Macroeconomics Annual 1996. NBER – The MIT Press, 11 – 74.
Böhm-Bawerk, Eugen 1981 [1895]), Zum Abschluss des Marx’schen Systems. In: Eberle, Friedrich, Hg., Aspekte der Marxschen Theorie 1. Zur methodischen Bedeutung des 3. Bandes des „Kapital“. Frankfurt / M.: Suhrkamp, 25 – 129.
Bronfenbrenner, Martin (1969), Eine makroökonomische Auffassung von Marx‘ „Kapital“. In: Jb. für Nat.ök. und Statistik 182, 347 – 362.
Cobb, Charles W. / Douglas, Paul H. (1928), A Theory of Production. In: AER 18, Issue 1, Supplement Papers and Proceedings, 140 – 165.
Downs, Anthony (1968), Ökonomische Theorie der Demokratie. Tübingen: Mohr.
Mankiv, N. Gregory (31998), Makroökonomik. Mit vielen Fallstudien. Stuttgart: Schäffer-Pöschel. Original: 31997. Macroeconomics. New York: Worth Publishers.
Kuznets, Simon (1955), Economic Growth and Income Inequality. In: AER 45, 1-28.
Roemer, John E. (1980), A General Equilibrium Approach to Marxian Economics. In: Econometrica 48, 505, – 530.
Varian, Hal R. (1999), Grundzüge der Mikroökonomik. München: Oldenbourgh.

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