Soziales | 17.12.2018 (editiert am 18.12.2018)

Hörsaalbesetzung in Tübingen

Kaum von der Öffentlichkeit wahrgenommen, setzen sich Studenten in Tübingen für eine weniger an wirtschaftlicher Verwertbarkeit ausgerichtete Forschung ein. Die Initiative verdient Unterstützung.

Eine Studenteninitiative hat im Kupferbau der Universität Tübingen, wo Paul Steinhardt und ich vor kurzem vorgetragen haben, einen Hörsaal besetzt, um im weitesten Sinne gegen die Kommerzialisierung der Universität zu protestieren (hier ein Bericht mit mehr Details dazu in der Stuttgarter Zeitung). Konkret geht es um eine immer engere Zusammenarbeit von Wirtschaft und Universität in Tübingen (das sogenannte Cyber-Valley) und um die Bau eines „Forschungszentrums“ durch Amazon. Im Hintergrund steht aber bei den Studierenden das allgemein immer stärker in Richtung Drittmitteleinwerbung driftende Klima an den Universitäten generell und an der Universität Tübingen insbesondere. Die Universität hat die Besetzung bisher hingenommen, aber nicht wirklich mit den Studenten verhandelt.

Diese Initiative verdient Unterstützung, weil vielen Studierenden schon gar nicht mehr bewusst ist, in welcher Weise inzwischen die „Wirtschaft“ bei der Forschung mitbestimmt. Die meisten scheinen es für normal zu halten, dass in Form vielfältiger Initiativen und durch erhebliche Mengen an Drittmitteln die Forschung und damit die Wissenschaft insgesamt privaten Zuwendungen abhängig werden. Es klingt sicher zunächst attraktiv, wenn große Unternehmen sich „engagieren“, Forschungsfelder besetzen und Möglichkeiten eröffnen, die von der oftmals trägen und unterfinanzierten Verwaltung der Universität nicht eröffnet werden können.

Man muss nur immer bedenken, welche Forschungsfelder überhaupt nicht mehr besetzt werden, wenn eine große Anzahl von Lehrstühlen einer Universität infolge der von der Universitätsleitung vorgegebenen Ausrichtung auf die Einwerbung von Drittmitteln in wirtschaftsnahe Felder gedrängt werden. Alle Forschungsobjekte, die aufgrund ihres Gegenstandes nicht in das Drittmittelschema passen, werden systematisch an den Rand gedrängt und verlieren so für die Studenten und für die akademisch interessierten Absolventen an Attraktivität.

Nur in einem Umfeld, wo Forschung ohne finanziellen Druck und ohne den Zwang, der Wirtschaft dienlich zu sein, möglich ist, kann man wirklich interessante und innovative Forschung erwarten. Nur solche Forschung ist am Ende auch für die Gesellschaft nützlich. Wenn die Wirtschaft Forschung braucht, kann und sollte sie das selbst und unabhängig von den Universitäten finanzieren. Das schließt Kooperation in dem einen oder anderen Fall nicht aus, die gesamte Ausrichtung der Universität darf aber durch solche Kooperationen nicht beeinflusst werden.

Der Staat muss die Universitäten finanziell so ausgestalten, dass sie ohne Zwang von außen entscheiden können, was angemessene und erfolgversprechende Forschung ist und sein könnte. Unumgänglich ist es auch, dass an jeder Universität die Pluralität von wissenschaftlichen Positionen gegeben ist. Die Studenten müssen zumindest in den geisteswissenschaftlichen Fächern die Möglichkeit haben, sich unterschiedliche Konzepte und Theorierichtungen anzuhören, um selbst entscheiden zu können, was plausibel und wissenschaftlich tragfähig ist. Das alles geht nicht, wenn die Universität finanziell von Beiträgen der Wirtschaft abhängig ist und Wirtschaftsvertreter in die Leitung von Universitäten einbezogen sind. Wissenschaft sollte der Gesellschaft als Ganzes verpflichtet sein, niemals aber den Gruppen der Gesellschaft, die ohnehin schon über große wirtschaftliche und politische Macht verfügen.

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