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Europa | 03.12.2018 (editiert am 10.12.2018)

Wie Geschichte Zukunft macht – 1

Vorurteile bestimmen das öffentliche Bild der europäischen Krise in Deutschland. Daher ist es notwendig, mit den neuesten Daten noch einmal klarzustellen, worum es wirklich geht und wie die „große Divergenz“ entstanden ist.

Die Auseinandersetzung über die europäische Krise und das Verhältnis der europäischen Kernländer zueinander gewinnt fast täglich an Schärfe. Doch es ist vor allem Italien, das in Deutschland und von der Europäischen Kommission offen angegriffen wird. Frankreich, das ebenfalls in Sachen Wirtschaftsentwicklung  keinen Schritt vorankommt, steht gewissermaßen außerhalb des Kreises der „zu disziplinierenden Länder“, weil es sich selbst frühzeitig auf der deutschen Seite verortet hat, also scheinbar auf der Seite der Problemlöser und nicht als Problemverursacher anzusehen ist.

Doch das ist eine Rolle, die Frankreich eigentlich gar nicht spielen kann, weil es sich – gemessen an seinen wirtschaftlichen Daten und Problemen – viel mehr in einer italienischen Situation befindet als in einer deutschen. Das französische Spiel in der falschen Rolle ist fatal für die Zukunft Europas. Würde das Land sich klar auf die Seite Italiens stellen und in einer offenen Auseinandersetzung die Rolle Deutschlands heute und in der Vergangenheit in Frage stellen, schüfe das für das Überleben der Währungsunion eine weit günstigere Ausgangslage als die gegenwärtige französische Anbiederei an Berlin.

Ich will in dieser dreiteiligen Artikelserie noch einmal darstellen, woran sich die Rolle Frankreichs deutlich festmachen lässt und warum eine möglichst vorurteilsfreie Betrachtung der Tatsachen kaum eine andere Deutung zulässt als die auf Makroskop regelmäßig vertretene. Außerdem geht es um eine Einschätzung dazu, ob überhaupt und wenn ja, wie es noch zu einer „geistig-moralischen“ Wende in Europa und Deutschland kommen könnte.

Geschichtliche Bürden und die Normalität

Die Geschichte der vergangenen hundertfünfzig Jahre ist voll von kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Deutschland und Frankreich. Das Bild des „Erzfeindes“ jenseits des Rheins war in Deutschland traditionell ungeheuer präsent. Vor allem das Gemetzel vor genau einhundert Jahren prägt in unvergleichlicher Weise das französisch-deutsche Verhältnis und macht es den beiden Ländern bis heute unmöglich, normale politische Beziehungen zu pflegen. Wer Angela Merkel und Emanuel Macron in Compiègne bei dem peinlichen und extrem krampfhaften Versuch gesehen hat, die „Aussöhnung“ vor hunderten von Fernsehkameras auch durch Körpersprache zu manifestieren, weiß, wovon ich rede.

Ganz anders ist das deutsche Verhältnis zu Italien. Das Land war nie der „Erzfeind“ der Deutschen und stand sogar in der dunkelsten deutschen Stunde eine nicht unbeträchtliche Zeit an seiner Seite. Die Alpen haben, im Gegensatz zum Rhein, offenbar als natürliche Barriere gewirkt und verhindert, dass die Völker bei jeder Gelegenheit übereinander hergefallen sind und sich Erzfeindbilder entwickelt haben.

Nicht unterschätzen sollte man beim deutsch-italienischen Verhältnis auch die Tatsache, dass seit den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts Millionen Italiener nach Deutschland gegangen sind, um zu arbeiten. Auch das hat das Verhältnis erheblich entkrampft. Pizza und Pasta sind – im Gegensatz zur französischen Küche – schon lange ein Teil der deutschen Leitkultur geworden. Auch sind die Deutschen an italienischen Stränden viel heimischer geworden als an französischen, weil sie an jeder Ecke einen ehemaligen „Gastarbeiter“ finden, der ihnen in fließendem Deutsch den Weg zeigt.

Normale Kritik und normale Verachtung?

Man muss einmal den Tonfall der derzeitigen deutschen Kritik an Italien und seinen Staatsschulden zur Kenntnis nehmen und andererseits die in Italien offen geäußerte Wut auf die Deutschen, um zu sehen, wie normal das deutsch-italienische Verhältnis im Gegensatz zum deutsch-französischen ist.

Gegen Italien hetzen konservative deutsche Medien (wie hier) und deutsche Ökonomen (wie hier und hier) in einer Weise, die gegenüber Frankreich nur schwer vorstellbar ist. Die Beißhemmung gegenüber dem Nachbarland ist in Frankreich sogar noch stärker ausgeprägt als in Deutschland. Bei fast jeder Gelegenheit hält man lieber den eigenen Landsleuten vor, sich nicht genug anzustrengen und damit gegenüber Deutschland zurückzufallen. Der jetzige französische Notenbankpräsident, der aus einer der wenigen deutsch-französischen Familien mit langer Tradition (Boch-Galhau) stammt, ist ein ständiger Mahner seiner Landsleute in diesem Sinne. Belohnt wird er dafür sicher mit dem Posten des EZB-Präsidenten, den jetzt noch ein Italiener inne hat.

Instinktiv hatte sich die französische Politik nach Beginn der Eurokrise an die Seite Deutschlands gestellt statt die Seite der Südländer zu wählen. Was man bis heute nicht gesehen hat und auch nicht sehen wollte, ist die Tatsache, dass Frankreich von der Sache her, also von der Problematik her gesehen, die der Eurokrise zugrunde liegt, eindeutig auf die Seite der Südländer gehört hätte. Frankreich hat zwar nicht wie die Südländer über seinen Verhältnissen gelebt, ist aber infolge des deutschen unter-den-Verhältnissen-lebens in gleicher Weise wie die Südländer in eine Falle geraten.

Für Deutschland hat die falsche französische Grundentscheidung die Abwehr südeuropäischer Angriffe und Kritik ungeheuer erleichtert. Mit Frankreich zusammen konnte es sich als Freund Europas verkaufen, der zwar streng über die „Sünder“ zu Gericht sitzt, aber es doch nur gut meint und im „wohlverstandenen Interesse“ des Kontinents für finanziell und wirtschaftlich „gesunde“ Verhältnisse eintritt. Hätte sich Frankreich von Anfang an nicht in eine solche Position einbinden lassen, sondern den deutschen Sonderweg als Verstoß gegen die wichtigste Regel einer Währungsunion gebrandmarkt, hätte man sicher nicht so „harmonisch“ den 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkrieges gefeiert, der Kontinent hätte aber auf eine bessere Zukunft hoffen können.

Deutschland kann sich mit Hilfe Frankreichs vor einer ernsthaften Diskussion der Ursachen der Eurokrise drücken, weil die französische Politik nicht erst seit Macron den Eindruck erweckt, man werde die Deutschen mit Hilfe der grandiosen französischen Diplomatie schon dahin bringen, wo man es gerne haben möchte, ohne auf offene Konfrontation zu setzen. Dabei vergeht Jahr um Jahr, die Änderungen bleiben marginal und es wird in Wirklichkeit immer schwerer, die Weichen umzulegen.

Die „große Divergenz“

Eklatant ist die Auseinanderentwicklung der drei großen Volkswirtschaften in der Eurozone bei der Arbeitslosigkeit. Die große Divergenz, wie man es nennen könnte, ist in Sachen Bekämpfung der Arbeitslosigkeit offensichtlich (Abbildung 1). Während sich Frankreich und Italien immer noch nahe dem skandalösen Niveau von 2013 bewegen, hat Deutschland es geschafft, sich Werten anzunähern, die viele für Vollbeschäftigung halten.

Abbildung 1

Derzeit verschlechtert sich die wirtschaftliche Lage in Europa, gemessen an der Entwicklung der Industrieproduktion (Abbildung 2) und fast aller Frühindikatoren sogar wieder, ohne dass irgendjemand auf die Idee käme, frühzeitig dagegen vorzugehen. Bleibt es bei dem jetzigen Rückgang oder verschärft der sich sogar, dann ist es Frankreich und Italien wiederum nicht gelungen, ein Produktionsniveau zu realisieren, das über dem des Jahres 2011 liegt. In Italien ist selbst das Niveau von 2009 kaum übertroffen worden. Wenn das kein verlorenes Jahrzehnt ist?

Abbildung 2

Schaut man bei der Industrieproduktion auf einen längeren Zeitraum, wie in Abbildung 3 von 1999 bis 2017, zeigen sich enorme Unterschiede zwischen Deutschland auf der einen Seite und Frankreich und Italien auf der anderen. In den beiden kleineren Ländern liegt die Industrieproduktion heute unter dem Niveau von 1999, war auch zum Höhepunkt vor der globalen Finanzkrise sehr schwach und hat sich sogar von dem Schock der Jahre 2008/2009 nie wirklich erholt. Ganz anders in Deutschland: hier lag die Produktion des verarbeitenden Gewerbes schon 2007 weit oberhalb der Werte, die in Frankreich und Italien erzielt wurden. Sie brach dann 2008/2009 stark ein, erholte sich aber schnell wieder und liegt heute um mehr als 30 Prozent über dem Niveau von 1999.

Abbildung 3

Bei den von den statischen Ämtern errechneten Wachstumsraten des BIP sind die offenkundigen Unterschiede auch zwischen Frankreich und Deutschland bei weitem nicht so klar erkennbar (Abbildung 4).  Zwar ist Italien auch hier klar abgeschlagen, aber Frankreich könnte sich bei Betrachtung dieser Zahlen damit trösten, bis jetzt immer noch nicht von Deutschland überholt worden zu sein – zumindest wenn man 1999 als Startjahr zugrunde legt.

Abbildung 4

Eklatant ist jedoch die deutsche Dynamik nach 2009. Setzt man dieses Jahr gleich einhundert, wie in Abbildung 5 geschehen, sieht die Welt ganz anders aus. Dann erkennt man die fast-Stagnation in Frankreich seit der globalen Finanzkrise und das wesentlich größere Tempo, das Deutschland bei der gesamtwirtschaftlichen Erholung an den Tag legt.

Abbildung 5

Deutsche Vorurteile statt europäischer Diagnose

In der deutschen Öffentlichkeit und in der Diskussion der deutschen Ökonomen scheut man sich davor, diese gewaltige Divergenz klar zu benennen. Man zieht es vor, ein Bild zu zeichnen, bei dem Europa insgesamt jetzt wieder gut dasteht. Der Wirtschaftschef der ZEIT beispielsweise schrieb Mitte September in einem in vieler Hinsicht unerträglichen Artikel (auf den wir noch explizit eingehen werden), die europäische Konjunktur laufe auf „Hochtouren“ (hier) und die europäische Inflation sei wieder zu ihrem Zielwert zurückgekehrt, weswegen es an der Zeit sei, die expansive Geldpolitik einzustellen. Das ist, gemessen an dem Befund, der sich empirisch für Frankreich und Italien zeigt, unglaublich absurd.

Markus Zydra schrieb vergangene Woche in der SZ, die EZB müsse endlich die Nullzinspolitik beenden, weil das Wirtschaftswachstum „solide“ sei und die Inflation auf einem „gesunden Niveau“ liege. Das ist Pfeifen im Walde, weil es in Italien und Frankreich weder solides Wachstum noch gesunde Inflationsraten gibt. Nur wenn man Augen und Ohren verschließt, kann man übersehen oder überhören, dass die Entwicklungsdynamik lächerlich gering war und noch schwächer wird und dass die Kerninflationsrate in der EWU, auf die es alleine ankommt, auch jetzt, trotz des „Booms“, immer noch bei nur einem Prozent liegt.

Mit Politikern, die blind für die Ereignisse außerhalb der eigenen nationalen Grenzen sind und einer Presse, die einen extremen deutschen Bias hat, kann man kein Europa machen. Wenn in der Öffentlichkeit, statt gegen die billigsten Vorurteile zu argumentieren, genau diese Vorurteile jeden Tag neu einzementiert werden, kann man als vernünftiger Mensch nur zu dem Schluss kommen, dass die Länder Europas bei weitem nicht reif sind, um miteinander statt gegeneinander in die Zukunft zu gehen.

Lesen Sie im zweiten Teil, was eine tiefergehende Analyse beachten muss und wo der Knackpunkt der Missverständnisse und Vorurteile liegt.

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