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Kommentar | 19.12.2018 (editiert am 20.12.2018)

Sagen, was ist

Der Spiegel hat seinen Super-GAU. Ein vielfach ausgezeichneter Reporter hat jahrelang Geschichten gefälscht. Zeit zur Umkehr für den deutschen Journalismus.

Häme liegt mir eigentlich fern. Auch Missgunst ist nicht, was ich empfinde. Neid ist nicht, was mich treibt. Aber klammheimliche Freude, das kann ich nicht verhehlen, habe ich vor einigen Stunden schon empfunden, als ich las, was sich das „Schlachtschiff der Demokratie“, das großspurigste und großkotzigste aller deutschen Medien, geleistet hat. Über viele Jahre hat ein mit allen wichtigen Journalistenpreisen ausgezeichneter Reporter des Spiegel seiner Phantasie freien Raum gelassen, hat gefälscht und gelogen, dass sich die Balken bogen (hier das Geständnis der Chefredakteurs).

Nun ist es sonnenklar, dass die berühmte interne Dokumentation des Spiegel, mit der er jahrelang Werbung gemacht und so getan hat, als sei sie die heilige Inquisition, total versagt hat. Man hat einen jungen Reporter schreiben lassen, was immer ihm in den Sinn kam, man hat sich in seinen schönen Formulierungen und Bildern gesonnt und seine Preise zur Mehrung des eigenen Ruhms verwendet.

Und es ist nicht so, wie uns jetzt der Chefredakteur glauben machen mag, dass es nur um Dinge ging, die nicht leicht zu überprüfen waren. Nein, es ist die ganze Art und Weise, wie da geschrieben wird, die nun auf die Anklagebank muss. Statt zu sagen, was ist, wie das einst Rudolf Augstein formulierte, hat man für nüchterne Menschen wie mich schwer erträgliche Märchen aufgeschrieben, die nur so überzeugend klangen, weil sie eine Individualität vorgaukelten, die es nie gab und die in der Regel auch nichts zur Wahrheitsfindung beiträgt.

Und das gilt eben nicht nur für das Ressort Gesellschaft. Die Wirtschaftsberichterstattung ist mindestens so fragwürdig, weil sie Objektivität vorgaukelt, wo regelmäßig Ideologie die Feder führt. Man behauptet, wie etwa hier gezeigt, man setze sich ernsthaft mit der Erklärung der komplexen Welt auseinander, um nichts weniger zu tun, als „die Welt ein wenig besser zu machen“, man denkt aber nicht im Traum daran, sich umfassend zu informieren und sich intellektuell auf die Sprünge helfen zu lassen. Es genügt trotz all der großen Sprüche am Ende, wenn „das Richtige“ rauskommt – und das ist immer, ohne wenn und aber, Neoliberalismus. Solange man dem Leser, dem dümmsten aller Konsumenten, glauben macht, man habe sich Mühe gegeben, die Komplexität der Welt zu verstehen, ist alles gut.

Damit ist der Spiegel natürlich nicht allein. Alle, die sich tagtäglich über diejenigen „da draußen“ aufregen, die den deutschen Leitmedien Einseitigkeit und auch Lügen vorwerfen, müssen sich jetzt an die eigene Nase fassen. Das wird hart. Aber es ist vielleicht der Beginn vom Ende der großen Überheblichkeit.

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