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Finanzsystem | 14.12.2018

Schlichtungsversuch im Target2-Streit

Im Sommer und Herbst 2018 sind die Target2-Salden heftig und kontrovers diskutiert worden. Eine Einigung und Lösung des Problems wurde dabei nicht erzielt, teils kam sogar Resignation auf.[1]

Der Streit gipfelte in der Frage, ob Target2-Salden werthaltig sind oder nicht und ob bei einem Scheitern des Euro für Deutschland aus den Salden ein finanzieller Schaden entsteht oder nicht. In der Debatte wurden vielerlei Gesichtspunkte aus dem Kreditwesen, dem Zahlungsverkehr, der (doppelten) Buchhaltung, der Begrifflichkeit und gar Semantik bemüht.

Im Folgenden versuche ich, das Grundproblem an einer einfachen Modellvorstellung

Verkauf (Export) einer Maschine vom Inland ins Ausland

  1. A) mit je eigener Währung
  2. B) mit gemeinsamer Währung

auszuarbeiten. Meine Sicht unterscheidet sich dabei wohl sehr von der Sicht anderer Autoren. Vielleicht finde ich trotzdem ein gewisses Verständnis bei ihnen.

Voraussetzungen der Überlegungen

Für meine modellhaften Überlegungen setze ich als Voraussetzung:

bezahlt wird bar, in Banknoten.[2]

Das ist natürlich unpraktisch, aber prinzipiell sehr wohl möglich. In der heutigen Realität erfolgen die Bezahlungen nicht bar, sondern durch Überweisungen und tele-kommunikative Transfers. Ich setze aber voraus, die hier involvierten IT- und Organisations-Kollegen haben sichergestellt, dass dabei das Gleiche passiert und erreicht wird, wie bei Barzahlung, nämlich:

  • das Geld kommt richtig an,
  • es geht unterwegs kein Geld verloren,
  • es wird netto kein zusätzliches Geld geschöpft,
  • es wird kein Kredit bemüht,
  • es gibt keine schwarzen Löcher.

Damit ist es möglich, dass die Problem-Analyse auch mit der intellektuell viel einfacher zu verstehenden Bargeld-Übertragung zu richtigen Schlüssen führt.

Problem-Darstellung am Beispiel

Fall A: Inland (Verkäufer) und Ausland (Käufer) arbeiten je mit landeseigener Währung.

Wenn ein Ausländer eine Maschine im Inland kauft, bringt er den Kaufpreis in seinem ausländischen Bargeld (Banknoten) zum inländischen Verkäufer. Der geht damit zu seiner inländischen Bank und diese gibt ihm dafür das Inlandsgeld, entsprechend dem gültigen Wechselkurs. Die Bank bringt die ausländischen Banknoten zu ihrer Inlands-Zentralbank (ZB), diese gibt der Bank das dem Wechselkurs entsprechende, neugeschöpfte Inlandsgeld und nimmt das Auslandsgeld als Devisenreserve in ihren Tresor.

Am Ende dieses Geschäftes ergibt sich folgender Status:

  • der Ausländer hat mit Auslandsgeld (bar) bezahlt,
  • der Inländer hat sein Inlandsgeld gekriegt,
  • keiner von beiden hat Schulden oder Forderungen gegenüber dem anderen, oder einer Bank
  • die inländische ZB hat ihre Devisenreserven erhöht, sie hat dafür zusätzliches Inlandsgeld geschöpft das im Weiteren (über den Verkäufer) dem inländischen Markt zur Verfügung steht, die inländische Geldmenge hat zugenommen um den Kaufpreis
  • dem ausländischen Markt wurde (Auslands-) Geld (als Banknoten) in Höhe des Kaufpreises entzogen (vernichtet),
  • das im Inland geschöpfte und das dem Ausland entzogene (vernichtete) Geld sind entsprechend dem Wechselkurs wertmäßig einander gleich, die Geldwertsumme über beide Länder ist konstant geblieben,
  • die Geldmenge des Auslandes hat abgenommen (um den Kaufpreis), sein Sachvermögen hat zugenommen (um die Maschine)
  • das Sachvermögen des Inlandes hat abgenommen (um die Maschine), seine Geldmenge hat zugenommen (um den bezahlten Kaufpreis)
  • Diese Geldmengen-Zunahme im Inland ist realisiert durch die von der ZB eingewechselte, neu geschöpfte Geldmenge des Kaufpreises. Die – als Währungsreserve – in den ZB-Tresor gelegten Auslandsbanknoten gehören nicht zu dieser Inlands-Geldmenge, weder M1, M2 oder M3. (Sonst hätte das Inland den Kaufpreis zweimal kassiert).

Leider ist es in der Volkswirtschaftslehre üblich, die Devisenreserven des Inlandes auch als dessen „Forderungen“ an das Ausland zu bezeichnen. Oder bei umgekehrter Betrachtung als „Schulden“ („Verbindlichkeiten“) des Auslandes gegenüber dem Inland. Dabei besteht aber ein großer, wesentlicher Unterschied zu normalen Bankkrediten und Bankschulden: diese sogenannten „Forderungen“ sind nie fällig, können nie fällig gestellt werden, die Verbindlichkeiten (Schulden) werden grundsätzlich (nicht nur derzeitig) nicht verzinst, sie unterliegen keinem Rückzahlungs/Tilgungstermin oder -zwang. Einer sauberen wissenschaftlichen Diskussion wäre es sehr dienlich, wenn dafür eigene, andere Begriffe gefunden und benützt würden.

Diese sogenannten „Forderungen“ des Inlandes bestehen jedenfalls nicht gegenüber dem Fiskus (dem Staatshaushalt) des ausländischen Staates, sondern (wenn überhaupt) anonym gegenüber dessen Volkswirtschaft als Ganzem. Beziehungsweise vice versa: diese Schulden des Auslandes bestehen gegenüber der Inlandsvolkswirtschaft et cetera.

Weitere Erläuterung des Status

Das Inland als Ganzes und der Verkäufer haben den Kaufpreis durch das Einwechseln der Auslandsbanknoten bekommen, sie haben nichts weiteres zu fordern, sie „haben ihr Geld gekriegt“, „sie sind quitt“. Die Inlands-ZB kann die Auslandsbanknoten quasi mit „erledigt“ markieren und als Devisenreserven in ihren Tresor legen. Sie sind – wie Quittungen – im Inland faktisch wertlos, man kann damit im Inland nichts kaufen.

Die Menge dieser Devisenreserven gibt nur an, wieviel Auslands-Geld das Inland bereits bekommen hat. Das Inland kann für dieses Geld nichts weiteres mehr beanspruchen oder haben wollen oder „fordern“. Die Devisenreserven sind die aufsummierten Quittungsbeträge dieses Geldes, sie sind nicht das Geld selbst

Die Inlands-ZB kann diese Reserve-Banknoten allerdings (via Geschäftsbanken) gegen Inlandsgeld an inländische Touristen oder Maschinenimporteure verkaufen. Die Banknoten werden dadurch für das Ausland wieder werthaltig, mit ihnen kann der Erwerber der Banknoten als Tourist oder Maschinenkäufer dort etwas kaufen. Im Ausland nimmt dann die dortige Geldmenge wieder zu. Aber durch den Notenverkauf hat die inländische ZB inländisches Geld eingezogen und vernichtet, die inländische Geldmenge hat also wieder abgenommen. Unterm Strich ist diese Geldmenge wertmäßig vom Inland ins Ausland transferiert worden.

Solange die ausländischen Banknoten als sogenannte Devisenreserven ruhig im Tresor der Inlands-Zentralbank liegen, sind sie quasi nutzlos, unbenutzt, inert[3], übrigens gleich wie die Goldreserven.

Anstatt die ausländischen Banknoten nutzlos in ihrem Tresor herumliegen zu lassen, könnte die inländische Zentralbank einfach auf die Idee kommen, die Hälfte davon zu verbrennen. Es würde dadurch niemand geschädigt, es wäre so, als ob man die Quittungen über bezahlte Rechnungen verbrennen würde. Es würden sich keinerlei Sachparameter des wirtschaftlichen Zustandes oder Fortganges der Welt ändern. Zum Beispiel würden sich die verfügbaren Geldmengen weder im Inland noch im Ausland ändern. Allerdings wäre die psychologische Wirkung im Volk sicherlich katastrophal, wenn die Notenverbrennung ruchbar würde. Aufstände wären sicher, weil das Volk meinen würde, dass Volksvermögen verbrannt werde.

Anstatt die ausländischen Banknoten aus ihrer Devisenreserve zu verbrennen, kann die Inlands-ZB realistischerweise hergehen und damit im Ausland Wirtschaftsgüter (dortige Staatsanleihen, Unternehmensanleihen, Aktien) kaufen, also quasi gewinnbringend anlegen. Sie verlässt damit ihren eigenen, engeren Aufgabenbereich, das Inland mit Geld zu versorgen und den Zahlungsverkehr zwischen seinen Banken zu organisieren. Sie wird damit Geschäftsbank. Sie legt ausländisches Geld an und will damit Gewinne im Ausland erzielen, die ihrem Eigner, dem Inlandsstaat zugutekommen. Dieser Gewinn stammt nicht aus einer nützlichen wirtschaftlichen Tätigkeit – weder Produktion, Handel, Geistesarbeit –, sondern aus Finanztransaktionen, und zwar von der Sorte, die sonst wohl auch als Investmentbanking bezeichnet werden.

Die Frage, ob das für die globale Wirtschaft nützlich und fair ist, ob das legal sein soll, oder durch globale Verträge eingeschränkt und geregelt, sei hier einmal offen gelassen.

Fall B: Inland (Verkäufer) und Ausland Käufer) arbeiten mit einer gemeinsamen Währung (Euro-Raum)

Wenn die beiden Länder „Inland“ und „Ausland“ beziehungsweise Verkäufer und Käufer im gleichen Währungsraum (zum Beispiel Euroraum) liegen, bezahlt der ausländische Maschinen-Käufer den inländischen Maschinen-Verkäufer nicht in Auslandsgeld, sondern in dem gemeinsamen Geld (etwa Euro). Praktisch kann die Bezahlung durch Übergabe des Kaufpreises „bar auf den Tisch“ oder durch eine Überweisung von der Auslandsgeschäftsbank des Käufers zur Inlandsgeschäftsbank des Verkäufers erfolgen. Letzteres ist im Euroraum anscheinend (noch?) nicht direkt möglich oder statthaft, sondern muss über die Auslands-ZB, die EZB und die Inlands-ZB (drei Zentralbanken!?) laufen. Das System heißt dort TARGET2. Das Geld für den Kaufpreis fließt auf diesem Weg vom Ausland ins Inland.

Dabei ist wichtig festzustellen: Die ausländische Geldmenge (in Euro) nimmt ab, die inländische (ebenfalls in Euro) nimmt zu – und zwar im gleichen Maße wie im Fall A (mit den zwei verschiedenen Währungen), wenn der Wechselkurs dort unstrittig fest liegt.

Im TARGET2-System werden die Bezahlvorgänge innerhalb des Währungs-(Euro-)Raumes für jedes Land aufgeschrieben und saldiert. Die TARGET2-Salden der verschiedenen Länder/Staaten zeigen dann an, um wieviel die Geldmengen durch Leistungs-Überschüsse beziehungsweise -Defizite jeweils zu- oder abgenommen haben. Diese Zu- bzw. Abnahmen entsprechen direkt den Zu/Abnahmen der Währungsreserven, die das In- beziehungsweise Ausland mit den verschiedenen Währungen im Fall A erzielt haben. Sie sind genau so wenig werthaltig.

Die TARGET2-Salden haben also genauso wenig eine direkte Auswirkung auf den wirtschaftlichen Gang der Dinge, wie die Währungsreserven im Fall A, sie sind inertes Geld. Die entsprechenden „Forderungen“ können nicht fällig gestellt werden, die „Schulden“ unterliegen keinem Rückzahlungs/Tilgungstermin oder -zwang.

Gibt es Probleme, wo liegen sie?

In der Buchhaltung

Wenn irgendwann nach dem Deal (Maschinen-Kauf/Verkauf) das Ausland pleite, oder im Fall A der Wechselkurs seiner Währung in den Keller geht, ist das für den abgewickelten Deal egal: der Käufer hat die Maschine bezahlt, der Verkäufer „hat sein Geld gekriegt“, „sie sind quitt“. Fast alles ist in Ordnung. Das Einzige was passiert, ist dass die Inlands-ZB einen „Buchverlust“ erleidet. Die Auslands-Banknoten in ihrem Tresor beziehungsweise ihr positiver TARGET2-Saldo, das an sich schon wertlose Inert-Geld, wird quasi nochmals entwertet. Das tut keinem weh und hat für den momentanen Zustand der Wirtschaft des Inlandes keine Rückwirkungen: die Produktionsfaktoren (Maschinen, Arbeitskräfte, Patente) bestehen unbeschadet weiter. Es fällt einem daher schwer, diesen Vorgang als „Verlust“, wenn auch nur als „Buchverlust“, zu bezeichnen.

Für die künftige Entwicklung aber kann das ganz anders sein: der inländische Maschinen-Verkäufer (als homo oeconomicus) nimmt keine Bestellungen aus diesem Ausland mehr an, er befürchtet eine weitere Entwertung des Auslandsgeldes beziehungsweise die Zahlungsunfähigkeit des Bestellers in der Zeit zwischen Bestellung und Auslieferung der Maschine.

Im globalen Arbeitsmarkt

Das Brutto-Inlandsprodukt je Erwerbstätigem und Jahr in Deutschland beträgt circa 75.000 Euro. Der deutsche Leistungsbilanz-Überschuss beträgt circa 230 Milliarden im Jahr. Das entspricht einer Produktionskapazität von:



Der deutsche Leistungsbilanz-Überschuss von 230 Milliarden Euro pro Jahr entspricht also der Produktionsleistung von etwa 3 Millionen Arbeitsplätzen. Das heißt, bei insgesamt 45 Millionen Beschäftigten sind



der Beschäftigten mit der Produktion des Leistungsbilanz-Überschusses beschäftigt. Es ist per Definition logisch, dass der deutsche Leistungsbilanz-Überschuss gleich dem Leistungsbilanz-Defizit unseres Auslandes ist. Und es ist nicht falsch, ja ehrlich, nüchtern und realistisch, zu sagen, dass Deutschland in dieser Größenordnung (3 Millionen Arbeitsplätze, also 6,7 Prozent) Arbeitslosigkeit exportiert hat. Dieser Leistungsbilanzüberschuss ist allerdings auf verschiedene Ausländer verteilt, sodass er dort im Einzelnen nicht unbedingt so massiv erscheint. Immerhin scheint die Kritik an Deutschland doch zuzunehmen (USA, Italien, Frankreich, IWF, EU).

Gegenüber den oben dargestellten, bloß zahlungstechnischen und buchhalterischen Aspekten scheint dies ein vielfach ernsteres soziales und politisches Problem für unser Ausland (Griechenland, Italien, Frankreich, Afrika) zu sein.


[1] Haering, N.: Flucht aus der Target-Falle. norberthaering.de 28.09.2018
[2] Steinhardt, P.: Bescheidener Vorschlag zur Lösung der Target2-Krise. Makroskop 08.10.2018
[3] Inertgas ist ein Gas, das bei chemischen Reaktionen vorhanden ist, aber an der Reaktion nicht selbst teilnimmt.

Referenzen
Hellwig, M.: Wider die deutsche Target-Hysterie. FAZ 28.07.2018
Sinn, H.-W.: Target-Salden. Irreführende Verharmlosung. FAZ.NET, 05.08.2018
Braml, M.; Felbermayer G.; Wilbert, L.: Exportieren Länder mit Leistungsbilanzüberschüssen Arbeitslosigkeit? Ifo-Forschungsergebnisse.
Haering, N.: Ökonomen in der Target-Falle. norberthaering.de
Nanninga, J.: Norbert Häring in der Target-Falle. Makroskop 28.09.2018
Haering, N.: Flucht aus der Target-Falle. norberthaering.de 28.09.2018
Nanninga, J.: Mit begrifflicher Klärung noch eine Chance für die Target-Entwirrung? Makroskop 02.10.2018
Steinhardt, P.: Bescheidener Vorschlag zur Lösung der Target2-Krise. Makroskop 08.10.2018
Reiermann, C.: Bachblütenokonomie. DER SPIEGEL 2018,Nr 47, 17.11.2018, S.79.
Kaczmarczyk, P.: Bachblüten und Stilblüten. Makroskop

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