istock.com/alfexe
Schulden | 19.12.2018 (editiert am 04.01.2019)

Schuld ist immer der Schuldner

Es gibt Themen, die den „normalen“ Journalisten unserer „normalen“ Medien offensichtlich heillos überfordern. Das wichtigste davon ist das Thema Schulden. Ein kleiner Leitfaden, der helfen soll, die Übersicht zu behalten.

„200 Milliarden Dollar Haushaltsdefizit – im November“ titelte die FAZ vergangenen Freitag einen Bloomberg-Bericht (hier) und wollte damit wohl sagen, dass der amerikanische Staat unter Trump jede Hemmung verliert und das Geld nur so rausschmeißt. Doch was bedeuten 200 Milliarden in einem Monat für die USA? Ist es viel oder wenig? Immerhin wird in dem Artikel noch festgestellt, das seien 70 Milliarden mehr als im vergangenen Jahr im November. Aber auch das ist nicht wirklich erhellend. Sind die Zahlen so stabil, dass man aus dem Vorjahresvergleich etwas ablesen kann? Und selbst wenn das so wäre, ist es gerechtfertigt oder ungerechtfertigt, gemessen am Verhalten aller anderen Sektoren der Volkswirtschaft, dass der Staat in diesem Jahr deutlich mehr Schulden macht?

Die Süddeutsche (hier) schmeißt alles durcheinander, bemüht sich aber wenigstens, auch Gegenstimmen zu Wort kommen zu lassen. Am Ende aber läuft es darauf hinaus, die üblichen Zahlen zur steigenden Verschuldung der Welt zu zitieren und dazu Paul Volcker, der gesagt haben soll, „es gebe jede Menge Schulden auf der Welt“ und die nächste Finanzkrise komme bestimmt. Da kann man sofort das Lesen einstellen, denn die Autoren versuchen nicht einmal, etwas Ordnung in ihr eigenes Denken zu bringen.

Nicht besser bei Spiegel-Online. Dort stellt Ines Zöttl fest, Trump sei ein Fall für den Schuldenberater (hier). Das wäre noch der ganz normale Wahnsinn, doch dann versteigt sie sich zu einer Position, von der aus sie intellektuell total abstürzt. Den Aufschlag aber merkt sie vermutlich nicht einmal. Sie schreibt:

„Inzwischen allerdings hat Trump den Stein der Weisen gefunden:Wenn das Handelsdefizit der USA sinke, dann sinke auch das Haushaltsdefizit, behauptet er. Diesen Zusammenhang müssten auch Erstklässler begreifen, „so einfach ist es“. Schade, dass das außer ihm noch niemand begriffen hat.“

Ja, da haben wir in wenigen Worten die ganze Konfusion. Wer nicht begreift, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Sparen und Schulden der Sektoren einer Volkswirtschaft, der sollte eigentlich zu solchen Fragen nie mehr zur Feder greifen. Dieser Art von Journalismus reicht es offensichtlich, den Leser mit immer neuen Horrormeldungen zu überziehen. Die mediale Schuldenphobie wandelt sich vor allem in Deutschland mehr und mehr zu einer Art körperlichem Gebrechen. Das Gehirn bleibt jedenfalls vollständig ausgeschaltet, sobald das Wort „Schulden“ auch nur erwähnt. Man kann kaum noch in Worte fassen, was sich die deutschen Medien und die hinter ihnen stehenden Ökonomen in Sachen monetärer Makroökonomik leisten. Unterirdisch als Charakterisierung klingt wie ein Lob angesichts des intellektuellen Offenbarungseides, der fast täglich vor dem deutschen Volk geleistet wird.

Ich will an einigen Beispielen zeigen, wie medial mit dem Schuldenthema Schindluder getrieben wird. Besonders schlimm war es im September. Zehn Jahre nach Lehman Brothers wollte sich keiner das Thema entgehen lassen und so häuften sich die Horrormeldungen über neue Schulden und den nächsten Crash. Und natürlich waren wieder die Notenbanken schuld, die mit Niedrigzinsen zu der offenbar zu Ende gehenden Party geladen hatten. Dass daneben die Staaten mit ihren „überbordenden Schulden“ wieder einmal im Vordergrund der Kritik stehen, überrascht natürlich auch nicht.

Schulden als solche?

Bei vielen Elaboraten ist es für den Leser recht einfach zu erkennen, ob Unsinn verzapft wird oder der Schreiber wenigstens einen Hauch von Ahnung hat, worum es geht. Wann immer über „Schulden“ als solche geschrieben wird, kann man den Text getrost zur Seite legen und für immer vergessen. Wer nicht sagt, ob er über Brutto- oder Nettoschulden schreibt, ob über die Schulden des Staates, der privaten Haushalte und Unternehmen, Schulden eines Landes gegenüber anderen Ländern, den kann man sofort in die Kategorie „Volksverdummer“ einordnen und vergessen.

Das gilt auch für jemanden, von dessen Werdegang man vermuten würde, dass er abgewogen urteilt. Doch William White, früherer Chefvolkswirt der BIZ, tut sich landauf landab als Schuldenwarner hervor und wird dauernd zitiert, weil man meint, damit jemanden gefunden zu haben, der nicht Deutscher ist und doch die „rechte Einsicht“ besitzt.

Doch was der Mann schreibt (hier zu finden z. B. in der FAZ), ist zum allergrößten Teil kompletter Unsinn. Auch die von der BIZ immer wieder hervorgehobenen Zusammenhänge sind, wie wir in unserer ausführlichen Stellungnahme (hier) gezeigt haben, durch nichts zu rechtfertigen. White schreibt in der FAZ, die „globale Schuldenquote“ steige immer weiter und höhere Schulden bedeuteten „Gegenwind“ bei der wirtschaftlichen Entwicklung (wenn nicht nur produktive Investitionen finanziert werden) und das liege vor allem an der asymmetrischen Geld- und Fiskalpolitik in der Welt.

Schon die Tatsache, dass er den Ausdruck „globale Schuldenquote“ verwendet, ohne sofort dazu zu sagen, dass es sich hierbei selbstverständlich um die Bruttoschulden handelt, zeigt, dass es hier nicht um eine seriöse Analyse, sondern um Panikmache geht. Den Bruttoschulden oder Bruttoverbindlichkeiten gegenüber stehen für die Welt ja immer notwendigerweise gleich hohe Bruttoforderungen gegenüber, was nichts anderes bedeutet, als dass die Welt niemals Nettoschulden aufweist, sondern immer eine vollkommen ausgeglichene Bilanz hat.

Höheren Bruttoschulden (auch in Prozent des BIP) in einem oder mehreren Sektoren können auch höhere Ersparnisse in anderen Sektoren gegenüberstehen, die diese höheren Schulden notwendig gemacht haben, um ein globales Abgleiten in die Rezession zu vermeiden. Steigen etwa, wie man das derzeit beobachten kann, die Sparquoten der Unternehmen und der privaten Haushalte zusammen, müssen auch die Schuldenquoten des Staates steigen, wenn er einen Einbruch der Wirtschaftstätigkeit und damit am Ende noch höhere Schulden (wegen steigender Arbeitslosigkeit und Verarmung der Bevölkerung) vermeiden will.

Warum in dem Fall die Schulden „Gegenwind“ für die wirtschaftliche Entwicklung bedeuten, ist nicht nur nicht ersichtlich, es ist genau umgekehrt: Nur weil die Schulden des Staates steigen, gibt es den Gegenwind nicht, der von steigenden Ersparnissen ausgeht.

Ohne zu wissen, welcher Sektor Kredite nachgefragt hat, wozu sie verwendet wurden und wie die gesamte Netto-Geldvermögensposition des Sektors (das heißt die Verrechnung seiner Schulden mit Forderungen gegenüber anderen Sektoren) aussieht, kann man keine relevanten Aussagen machen, ob ein bestimmter Grad an Verschuldung oder eine Veränderung der Schuldenbestände problematisch ist, ob er etwa eine höhere Instabilität der Volkswirtschaft anzeigt. Was würde es uns nützen zu wissen, dass ein Staatshaushalt hohe Bruttoschulden hat, wenn wir nichts darüber wüssten, ob er auch hohe Bruttoforderungen gegen andere Staaten oder die eigenen Bürger oder Unternehmen hat?

Erst die Nettoschuldenposition eines Sektors oder eines ganzen Landes schafft einen vernünftigen Zugang zur Beurteilung der wirtschaftlichen Lage des Sektors bzw. des Landes. Diese Übung unternimmt auch jeder Betriebswirt oder Insolvenzverwalter, der sich ein Bild über die wirtschaftliche Lage eines Unternehmens machen will. Er addiert Forderungen und Verbindlichkeiten gegeneinander auf, versieht die Forderungen dabei mit ihren spezifischen Risiken (also mit der Wahrscheinlichkeit, dass sie eingetrieben werden können) und bilanziert auf diese Weise die Lage.

In einem zweiten Schritt wird dann das Sachvermögen bewertet, um ein Gesamtbild zu erhalten. Eine hohe Nettoschuldenposition muss bei einem hohen Sachvermögen kein Problem sein. Natürlich spielen dabei Bewertungsfragen eine große Rolle. Aber generell kann von hohen Nettoschulden nicht automatisch auf „Überschuldung“ geschlossen werden.

Was sind Schulden eines Landes?

Häufig werde ich bei Veranstaltungen gefragt, wie es sein könne, das ein Land als solches Schulden habe oder Nettoforderungen. Stimmt es, dass Länder mit Leistungsbilanzüberschüssen wie Deutschland an andere Ländern Kredite vergeben müssen, damit sie mehr Güter in Deutschland kaufen können als sie selbst verkaufen?

Zunächst ist festzuhalten, dass Länderstatistiken immer auf aggregierten Daten basieren, hinter denen wiederum die üblichen Sektoren stehen, nämlich die privaten Haushalte, die Unternehmen und der Staat. Das Land als solches agiert wirtschaftlich eigentlich nicht.

Schaut man in die Kapitalverkehrsstatistik der Deutschen Bundesbank (hier zu finden, Tabelle 9.a), stellt man fest, dass der Großteil dessen, was als Gegenbuchung zum Leistungsbilanzsaldo auftaucht (2017 in Höhe von knapp 280 Milliarden €), also der Saldo der Kapitalbilanz (oder die Zunahme des Nettoauslandsvermögens der Deutschen) aus der Zunahme der Wertpapieranlagen (200 Milliarden) besteht. Es haben also Deutsche in Höhe von 200 Milliarden Euro mehr ausländische Papiere gekauft (Staatsanleihen oder Unternehmensanleihen, Immobilienanteile, Aktien usw.) als Ausländer in Deutschland gekauft haben. An zweiter Stelle mit 42 Milliarden € steht der Saldo der sogenannten Direktinvestitionen, zu denen Aktienkäufe oberhalb einer gewissen Schwelle und allerdings auch kurzfristige Kredite und Anlagen in Grundbesitz gehören (siehe Erläuterung in Tabelle 9.c).

Man kann aus dieser Statistik nicht ablesen, wer im Ausland der Gegenpart ist und es ist auch keineswegs ausgemacht, dass dazu diejenigen gehören, die aus dem Ausland direkt in Deutschland Güter gekauft haben. In der Länderbilanz vermischen sich alle möglichen und unter Umständen sehr große Bruttotransaktionen ins Ausland und aus dem Ausland heraus zu einem Nettowert, der aus logischen Gründen den Saldo der Leistungsbilanz nicht überschreiten kann, weil wir wissen, dass alle Wirtschaftssubjekte eines Landes nur dann mehr in einem anderen Land gekauft haben können als sie selbst in diesem Land verkauft haben, wenn die verschiedenen Wirtschaftssubjekte in dem anderen Land ihnen auf irgendeine Weise einen Kredit gegeben haben.

Unmittelbar einleuchtend ist das, wenn man nur die Staatsanleihen betrachtet. Kauft das Ausland in Deutschland in der Größenordnung von 200 Milliarden € weniger Staatsanleihen als Deutsche im Ausland, dann ist die Leistungsbilanz weitgehend „gegenfinanziert“, auch wenn es keinen einzigen Kredit eine deutschen Autobauers an einen Kunden im Ausland gegeben hat, sondern alle Autos vollständig bezahlt worden sind. Da man nicht alle Kapitaltransaktionen so gut erfassen kann wie Gütertransaktionen, wird die Kapitalbilanz üblicherweise vervollständigt mit einem Restposten, der einfach die Differenz aller erfassten Transaktionen mit der Leistungsbilanz darstellt.

Aus diesen Überlegungen folgt auch, dass es keinen Nettokapitalfluss vom Überschuss- ins Defizitland geben kann, der über die Lücke in der Leistungsbilanz hinausgeht. Es gibt also niemals einen Nettokapitalfluss (einen Fluss, der alle vorhandenen Transaktionen saldiert), der im Defizitland frei für andere Zwecke verfügbar wäre als für den Kauf der Importe. Gleichwohl gibt es Bruttoströme für alle möglichen Zwecke, so dass bei einer Bruttobetrachtung der Eindruck entstehen kann, das Überschussland „finanziere“, wie im berühmten Fall Spaniens, auch Immobilienbooms. Nur, wenn man bei einer Bruttobetrachtung bleibt, dann gibt es natürlich auch „Finanzierung“ von bestimmten Projekten oder Tätigkeiten im Überschussland durch das Defizitland. Dann wird der Begriff so unscharf, dass man gar nichts mehr damit sagt. Letztlich muss man wieder auf die Nettobetrachtung zurück, um überhaupt einen sinnvollen Zusammenhang zwischen den Güterströmen und den Kapitalströmen herzustellen.

Die Schulden „eines Landes“ als solchem gegenüber dem Ausland spielen nur da eine Rolle, wo es um Erwartungen von Marktteilnehmern an den Finanzmärkten geht. Auslandsschulden werden als Indikator für Probleme eines Landes im Außenhandel generell genommen. Man will damit abschätzen, ob und wann eine kritische Situation auftreten könnte, die das Land nicht mehr zu den gegebenen Währungsverhältnissen bewältigen kann. Hat ein Land fortwährend Leistungsbilanzdefizite, weil es sich nicht aus einer Situation der Überbewertung seiner Währung befreien kann, kommt an den Märkten die Spekulation wegen einer möglichen Abwertung auf, die den Marktteilnehmern viel Geld kosten könnte, weil sie Geld in der abwertungsverdächtigen Währung angelegt haben oder nicht mehr darauf vertrauen, dass das Land Anleihen in internationaler Währung vollständig zurückzahlt.

Aber auch hier (wie hier und in den Folgestücken erklärt), ist nicht der Leistungsbilanzsaldo als solcher der Kern des Problems, sondern das, was hinter ihm an Problemen steht. Das sind üblicherweise Überbewertungen, Marktanteilsverluste und Jobverluste in der dem Außenhandel ausgesetzten Branchen und Unternehmen. Die sind für das Land nicht lange durchzuhalten, weil keine demokratisch gewählte Regierung das auf längere Frist überlebt. Insofern sind es weniger unmittelbar die „Schulden“, die dem Land Schwierigkeiten bereiten (sind es Schulden in nationaler Währung, bereiten sie sowieso keinerlei Schwierigkeiten), sondern das, was hinter den Schulden steht.

Exzessives Kreditwachstum oder Herdenverhalten?

Ein bekannter deutscher Schuldenphobiker ist Uwe Jean Heuser, seines Zeichens Chef der Wirtschaftsredaktion der ZEIT, der uns ja schon häufig mit „scharfsinnigen Analysen“ aufgefallen ist. Er verweist natürlich auch auf White bevor er zu dem Ergebnis kommt, zu dem er immer kommt: Die bösen Keynesianer sind unter uns, sie haben sich fast alle in den Notenbanken versteckt und terrorisieren von dort die Menschheit seit die einzige Bastion der Vernunft, die Deutsche Bundesbank, gefallen ist.

Natürlich darf auch bei Heuser die steigende Staatsverschuldung ebenso wenig fehlen wie die insgesamt (in absoluten Werten) ansteigende Verschuldung der Welt (wiederum mit Verweis auf White). Das die Staatsverschuldung steigen muss, wenn die Unternehmen sparen, kommt bei ihm wie in der gesamten deutschen Presse natürlich nicht vor. Das wäre ja auch blöd, weil man dann zugestehen müsste, dass die schöne Ideologie von den zu hohen Staatsschulden ohne jeden Sinn ist. Er entblödet sich aber nicht, auch die Schulden in absoluten Zahlen zu bringen, die – oh Wunder – von 1997 bis 2017 deutlich gestiegen sind. In diesen zwanzig Jahren ist einfach alles gestiegen, das Einkommen, die Inflationsniveaus, die Ersparnisse und folglich auch die Schulden. Was soll das? Warum müssen Journalisten ihre Leser für blöd verkaufen?

Heuser hat sich diesmal aber zusätzlich mit einem jungen Ökonomen aus Bonn, Moritz Schularick, bewaffnet, der nachgewiesen haben soll, dass allen Finanzkrisen ein „exzessives Kreditwachstum“ vorausgehe – zu viel Geld werde verliehen. Die Gläubiger gingen zu hohe Risiken ein, Banken türmten immer neue Kredite auf ihr Eigenkapital, und irgendwann stelle sich heraus: Die zahlt niemand mehr zurück. Vor allem wenn  der Immobilienmarkt boome und Privatleute sich zum Bau von Häusern und Wohnungen in immer neue Schulden stürzten, müsse man einen Crash erwarten.

Daran stimmt einiges. Aber das Wichtigste wird dennoch glatt vergessen. Es kommt nämlich regelmäßig zu Herdenbildung an den Finanzmärkten und die ist in erster Linie verantwortlich für die Krisen. Herdenbildung verzerrt systematisch die Preise und endet schließlich in einer Panik, weil sich irgendwann zeigen muss, dass die Preise vollkommen unrealistisch geworden sind. Die Märkte produzieren falsche Preise, weil der Masse der Marktteilnehmer sich von überzogenen Erwartungen leiten lässt. Das ist ein fundamentales Marktversagen, das aber von den Heusers dieser Welt sofort wieder dem Staat in die Schuhe geschoben wird. Man postuliert einfach die „unverantwortliche Zentralbankpolitik“ als Ursache. Nur weil die Zentralbank die Märkte so lange mit Liquidität geflutet hat, bis die nicht mehr wussten, was sie taten kam es zur Krise.

Das ist natürlich Unsinn, weil es viele Krisen durch falsche Preise gibt, die überhaupt nichts mit einer Liquiditätsschwemme zu tun hatten. Man denke nur an die vielen Episoden, wo die Währungsrelationen von den Banken und Hedgefonds massiv verzerrt wurden, ohne dass irgendjemand unverantwortliche Politik betrieben hätte. Die Spekulation mit Währungen wird ja von Zinsdifferenzen ausgelöst, die vollkommen normaler Bestandteil einer Welt sind, in der es unterschiedliche Inflationsraten in unterschiedlichen Ländern gibt. Das hat – nahezu definitionsgemäß – nichts mit falscher Notenbankpolitik zu tun.

Sind die Notenbanken kollektiv verrückt geworden?

Entscheidend bei der Beurteilung des Überschuldungsarguments ist letztlich, dass es in keiner Weise zur heutigen Marktlage passt. Das ist gerade für die Marktgläubigen unter den Schuldenphobikern (und das sind die meisten) ein Widerspruch, den sie nur mit Gewalt auflösen können. Gäbe es einen idealen Markt für Geld und Kapital, also einen Markt, der nicht von den Notenbanken beeinflusst wird, könnte die Konstellation von „Überschuldung“ und extrem niedrigen Zinsen offensichtlich gar nicht eintreten. Gäbe es „zu viel“ Nachfrage nach Kapital an diesem idealen Markt (im Vergleich zum Angebot), dann wäre der Zins hoch – und eben nicht historisch tief (wie er es seit vielen Jahren ist).

Nun gibt es allerdings Zentralbanken, und die sind tatsächlich die wichtigsten Akteure an den Geld- und Kapitalmärkten. Um der Klage der BIZ und von Herrn White über ein Zuviel an Schulden trotz der seit einiger Zeit extrem niedrigen Zinsen einen Sinn zu geben, muss man unterstellen, dass die Lage an den Kreditmärkten angespannt ist (die Kreditnachfrage soll ja unangemessen hoch sein). Das aber bedeutet, den Zentralbanken zu unterstellen, sie drehten mit ihrer Politik die Marktverhältnisse glatt um. Sie passten sich also nicht den realen Verhältnissen „an den Märkten“ an, sondern wollen, offenbar in Verkennung der „wahren“ Marktlage, eine bestimmte Agenda durchsetzen. Das ist in extrem neoliberal-libertären Kreisen ein immer wieder benutztes Argument, um den Widerspruch ihres eigenen Arguments zu umgehen. Die Zentralbanken der Welt, so kann man das ausdrücken, seien kollektiv seit zehn Jahren (die japanische schon seit 25 Jahren) total verrückt (und natürlich keynesianisch verseucht, vgl. dazu hier ein älteres Stück).

Das ist mehr als lächerlich und wird von der klar nachzuweisenden Schwäche der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und insbesondere der gravierenden Investitionsschwäche in der Realwirtschaft – zumindest in den Industrieländern widerlegt. Die Zentralbanken versuchen ja genau deswegen mit allen Mitteln, die Kreditvergabe durch die Banken zu beleben, weil es zu wenig Verschuldungsbereitschaft gibt. Wegen des relativ neuen Phänomens der sparenden Unternehmen, gibt es auch bei Nullzinsen die alten Vorstellungen über den Staat, der sich zurückzieht, sobald der „Boom“ (die Unternehmerverschuldung) beginnt, nicht mehr. Das und nichts anderes erkennen die Zentralbanken zumindest implizit an. Wenn aber gesamtwirtschaftlich die Notwendigkeit besteht, die Kreditvergabe und die Menge der Schulden zu erhöhen, ist die Diagnose einer globalen oder generellen „Überschuldung“ von vorneherein sinnlos und gefährlich.

Alle müssen so „solide“ wie Deutschland sein

Das Schlimmste aber ist die deutsche Überheblichkeit, die in fast allen diesen Artikeln unterschwellig mitschwingt. Hat nicht Deutschland gezeigt, dass es auch ohne Schulden geht? Muss man sich nicht nur ein wenig am Riemen reißen, damit in ein paar Jahren alles gut wird? Haben nicht Schröder und Merkel gezeigt, dass es nur eine Frage des politischen Willens ist, ob man am Ende als solide deutsche Eiche dasteht oder als wankelmütiger Geselle, den jeder Windhauch umwirft?

In der WELT schreibt der Chef der Wirtschaftsredaktion, Olaf Gersemann, in einem Kommentar zu Frankreich explizit (hier), man habe gehofft, dass Macron den Schröder machen würde. Aber stattdessen mache er jetzt Italien nach. Frankreich lebe auf Druck der Gelbwesten mit noch höheren Krediten für den Staat und noch höheren Löhnen für die Arbeitnehmer schlicht über seinen Verhältnissen. Deutschland müsse sich folglich vor einer Koalition der Unvernunft zwischen Italien und Frankreich fürchten.

Dass es im Jahre 2018 immer noch möglich ist, in einem großen Land mit vielen Schulen, Universitäten und anderen Bildungsstätten einen solchen Blödsinn zu erzählen, das schockiert mich immer wieder aufs Neue. Wollen oder können wir den Unterschied zwischen dem Teil und dem Ganzen nicht verstehen? Es gibt sicher einige, die es nicht verstehen wollen, doch wo sind die vielen anderen, die es verstehen können? Warum sagen sie nichts?

Macron konnte, selbst wenn er gewollt hätte, nicht den Schröder machen, weil sich zwar einer zu Lasten der anderen sanieren kann, aber nicht alle. Sie haben einfach niemanden, zu dessen Lasten sie durch Gürtel-enger-Schnallen ihre Lage verbessern könnten. Geht das in deutsche Hirne niemals hinein?

Anmelden