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Europa | 07.12.2018 (editiert am 10.12.2018)

Wie Geschichte Zukunft macht – 2

Wer sagt, der deutsche Exportboom sei ein relativ normales Ereignis, das sich aus deutscher Produktivität speise, kennt die relevanten Zahlen nicht. Die deutsche Binnenmarktschwäche belegt, dass das nicht stimmt. Nur Frankreich hat sich in der EWU angemessen verhalten.

Dominiert wurde die wirtschaftliche Entwicklung in Europa in den vergangenen zwanzig Jahren vom Handel. Wie die Abbildung 1 zeigt, haben insbesondere die deutschen Exporte nach 2008/2009 eine Dynamik an den Tag gelegt, die alles in den Schatten stellt, was man sonst wo an Exportdynamik gesehen hat. Auch vor der Krise war Deutschland schon auf der Siegerstraße, aber nach dem tiefen Einbruch in der Krise ging es sofort und rasant bergauf.

Frankreich exportierte nicht schlecht und auch in Italien stiegen die Exporte nach der globalen Finanzkrise stetig, die deutsche Exportzunahme sprengt allerdings jeden normalen Maßstab. Um das zu verdeutlichen, haben wir die Abbildungen mit der Binnennachfrage weiter unten einmal in einem normalen bildfüllenden Maßstab gezeigt und zusätzlich im Maßstab der Exporte.

Abbildung 1

Auch die Importe nahmen in Deutschland und Frankreich über den gesamten Zeitraum stark zu (Abbildung 2). Frankreich liegt zuletzt bei den Importen fast auf deutschem Niveau, obwohl es bei den Exporten massiv zurückgefallen ist. Italien zeigt hier vor allem seine eklatante Schwäche mit Importen, die im Jahr 2018 nur wenig über denen des Jahres 2007 liegen.

Abbildung 2

Der Einbruch der Importe nach 2011, also in einer Phase, als in Europa eine leichte Aufwärtsbewegung begann, von der, wie oben gezeigt, auch die italienischen Exporte profitierten, erlaubte es Italien, seine Defizitposition im Außenhandel schon vor fünf Jahren zu beenden (Abbildung 3). Dieser Einbruch der Importe ist, wie weiter unten in den Abbildungen zu den Investitionen und dem privaten Konsum klar zu erkennen, der eklatanten Schwäche der Binnennachfrage zuzuschreiben, nicht aber einer Verbesserung der Wettbewerbssituation. Frankreich bleibt bis zuletzt im Defizit, weil die Binnennachfrage weniger stark rückläufig ist.

Abbildung 3

Bei der Entwicklung der Bruttoanlageinvestitionen steht Frankreich auch nach der großen globalen Rezession im Verhältnis zu Deutschland gut da und auch die letzten Jahre gab es durchaus eine leichte Beschleunigung, die fast so stark ist wie die in Deutschland (Abbildung 4). Italien erlebt nach 2007 eine dramatische und lang anhaltende Investitionsschwäche, nachdem es bis 2007 – vor allem im Vergleich zu Deutschland – gar nicht schlecht dagestanden hatte.

Abbildung 4

Das aber bedeutet insgesamt nicht viel, wie die Abbildung 5 zeigt. Mit dem Maßstab gezeichnet, der bei den Exporten notwendig war, verschwindet die Investitionstätigkeit in der Bedeutungslosigkeit – und das gilt sogar besonders für Deutschland.

Abbildung 5

Auch bei den Investitionsquoten sieht Deutschland im Vergleich zu Frankreich schlecht aus (Abbildung 6). Die deutsche Investitionsquote ist historisch niedrig und ist auch in den vergangenen „Jahren des Booms“ nur wenig gestiegen. Das ist der beste Beleg dafür, dass es einen Boom nie gegeben hat.

Abbildung 6

Der private Verbrauch zeigt aber endgültig, dass für das deutsche Lohndumping ein hoher Preis zu zahlen war (Abbildung 7). Bis 2011 ist der reale private Verbrauch in Deutschland nicht stärker gestiegen als in Italien. Frankreich war da schon weit enteilt und hatte damit als einziges Land in der EWU eine vernünftige Mischung aus Außenhandel und binnenwirtschaftlicher Anregung gefunden. Erst nach 2011 fand Deutschland Anschluss an die französische Entwicklung und fiel nicht noch weiter zurück. Italien aber wurde durch die neue Rezession, die 2011 im Gefolge der europäischen Krisenbekämpfung einsetzte, fatal getroffen. Der private Verbrauch schrumpfte und gab der italienischen Wirtschaft, die nun keinerlei Stütze mehr hatte, den Rest.

Abbildung 7

Auch hier zeigt der Vergleich mit dem Exportmaßstab wiederum, dass die Bedeutung der Binnennachfrage insgesamt extrem gering war (Abbildung 8). Für drei große Länder wie die hier betrachteten, ist das insgesamt ein wirtschaftspolitischer Offenbarungseid, weil es zeigt, dass von den verantwortlichen Politikern niemand verstanden hatte, worauf es vor allem ankommt: Auf eine vernünftige Perspektive für die Masse der Menschen nämlich und damit automatisch auf eine Binnennachfrage, die den wichtigsten Impuls für die Investitionstätigkeit gibt.

Abbildung 8

Es ist eben so, dass die entscheidende Voraussetzung für eine vernünftige binnenwirtschaftliche Entwicklung die ist, dass der Reallohn jederzeit der Produktivität folgt. Das war von den drei Ländern nur in Frankreich gegeben (Abbildungen 9 und 10). In Italien war das zwar auch grosso modo der Fall, aber der außenwirtschaftliche Schock war dort so groß, dass er über die Schwächung der Investitionstätigkeit die Produktivitätszuwächse massiv beeinträchtigte.

Abbildung 9
Abbildung 10

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass in der Vergangenheit nur in Frankreich die staatliche Nachfrage eine angemessene Rolle gespielt hat (Abbildung 11). In den ersten zehn Jahren der EWU hat sich Deutschland eine Nachfragedynamik des Staates „geleistet“, die bei weitem zu gering war. Erst zuletzt, angesichts sprudelnder öffentlicher Einnahmen, die vom Exportboom induziert sind, hat es ein Aufholen gegenüber Frankreich gegeben.

Abbildung 11

Lesen Sie im dritten Teil, warum die europäische Wirtschaftspolitik versagt und wieso die deutsche Ignoranz gegenüber den eigenen und den europäischen Problemen nur zeigt, dass Deutschland ohne die EWU vollkommen unfähig wäre, seine wirtschaftlichen Probleme zu lösen.

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