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Kommentar | 16.01.2019 (editiert am 22.01.2019)

Das falsche Gleichgewicht

Viele glauben immer noch, die herrschende Lehre in der Ökonomik sei offen und bei neuen empirischen Befunden ebenso diskussionsbereit wie andere Wissenschaften. Davon kann aber nicht die Rede sein.

In die Auseinandersetzung um die Berufung eines von den Gewerkschaften ausgesuchten Ökonomen für den Sachverständigenrat (wir haben hier darüber berichtet) hat sich zum Jahresende auch der Präsident des ZEW in Mannheim und damals noch Vorsitzende des Vereins für Sozialpolitik, Achim Wambach, in der Wirtschaftswoche (Ausgabe vom 14.12., Seite 41) eingemischt.

Er wendet sich gegen den Vorwurf, die herrschende Volkswirtschaftslehre (VWL) sei generell und insbesondere in Deutschland zu einseitig. Für ihn ist die VWL, auch die, die an deutschen Universitäten gelehrt wird, ein lebendiges Fach mit zahlreichen Ansätzen und Strömungen. Er gäbe Beispiele dafür, welche unterschiedlichen Dinge neben dem üblichen Kanon gelehrt werden und welche Ökonomen dabei herausragen. Auch erwähnt er von den Studenten organisierte Ringvorlesungen, die dazu dienten, den Diskurs an den Universitäten zu bereichern.

Die letzte Einlassung zeigt schon, dass an den Universitäten etwas fundamental schief läuft, wenn die Studenten selbst dafür Sorge tragen müssen, dass Referenten eingeladen werden, die sich klar vom üblichen Vorlesungskanon abheben. Ich habe selbst an vielen Ringvorlesungen teilgenommen, aber sie haben den Diskurs leider immer nur für ganze kurze Zeit befördert, weil fast alle auf die Lehrstühle berufenen Professoren eine ernsthafte und offene Auseinandersetzung bewusst und systematisch verweigern.

Worauf kommt es an?

Achim Wambach räumt das mit seinen Einlassungen sogar implizit ein. Er spricht über alle möglichen Varianten des Faches, über Wirtschaftsgeschichte, Krisenforschung und Verhaltensökonomie. Selbst Finanzmarktforschung im Gefolge der globalen Finanzkrise erwähnt er. Doch das, worauf es ankommt, kommt bei ihm nicht vor. Nicht ein Wort dazu, dass es zwei Varianten von Makroökonomie gibt, die vollkommen unterschiedlich in ihrem Vorgehen und ihren Ergebnissen sind. Die eine, die versucht, die makroökonomischen Zusammenhänge unter dem Dach der allgemeinen Gleichgewichtstheorie unterzubringen und die andere, die genau das nicht will, weil ihr Forschungsobjekt nicht mit Gleichgewichtsvorstellungen abgebildet und erklärt werden kann.

Ich erwarte ja nicht, dass der Vorsitzende des Vereins für Socialpolitik den Namen Keynes oder das Wort Keynesianismus in den Mund nimmt, das wäre sicher zu viel verlangt. Aber so zu tun, als habe es die großen Auseinandersetzungen der letzten 90 Jahre nicht gegeben, als habe die Krise der vergangenen zehn Jahre nichts mit dieser großen Auseinandersetzung zu tun gehabt, ist schon mehr als erstaunlich. Auch die Tatsache, dass er die gewaltige Krise in Europa einfach übersieht, in deren Gefolge das eine, das neoklassische Paradigma von der Politik ohne Rücksicht auf Verluste durchgesetzt wurde, spricht Bände.

Gleichgewicht ist das falsche Konzept

Ich habe in meinem Editorial zum neuen Jahr ja schon darauf hingewiesen, dass die Ausrichtung großer Teile der Ökonomik an einem Marktgleichgewicht die Ursache der meisten Fehlentwicklungen ist. Einer unserer Leser meint, damit werde das zu untersuchende Objekt Wirtschaft nur so weit vereinfacht, dass man es mit logischen und mathematischen Mitteln besser erfassen kann. Das ist falsch. Gleichgewichtsökonomik verfolgt ein ganz anderes Ziel als positive Sozialwissenschaft. Sie hat von vorneherein ein vollkommen anderes Erkenntnisinteresse und das macht eine wissenschaftliche Auseinandersetzung im traditionellen Sinne der Naturwissenschaften einfach unmöglich.

Gleichgewichtsökonomik verhindert praktisch immer eine kritische empirische Überprüfung. Da die real existierende Wirtschaft niemals die Gleichgewichtszustände aufweist, die von der traditionellen Theorie vorhergesagt werden, können empirische Überprüfungen von Gleichgewichtsaussagen oder Gleichgewichtsmodellen, so wie das tatsächlich meist der Fall ist, höchstens „inconclusive“ enden. Man stellt durchaus umfangreiche ökonometrische Untersuchungen auf der Basis von Gleichgewichtsmodellen an, findet jedoch fast immer heraus, dass es nur eine sehr schwache Evidenz für die aufgestellte These gibt. Das führt aber praktisch niemals dazu, die Gleichgewichtsthese zu verwerfen, sondern meist dazu, nach Faktoren zu suchen, die verhindert haben, dass ein der Theorie entsprechend besseres Ergebnis eingetreten ist. In der Regel wird dann die Wirklichkeit dafür verantwortlich gemacht, dass das Modell nicht funktioniert. Führt eine Lohnsenkung nicht zu steigender Beschäftigung, verwirft man nicht die These, Lohnsenkung schaffe mehr Beschäftigung, sondern man sucht nach „strukturellen Bedingungen“ dieser Volkswirtschaft, die verhindert haben könnten, dass die Lohnsenkung erfolgreich war.

Wissenschaft oder Verteidigung eines Modells?

Genau da ist die Wissenschaft am Ende. Jeder wissenschaftliche Versuch, das in den Köpfen der Ökonomen verankerte Modell in Frage zu stellen, ist zum Scheitern verurteilt. Es ist in der von der Neoklassik geprägten Ökonomik gerade nicht die Wirklichkeit, die den Rahmen für die wissenschaftliche Arbeit vorgibt, es ist das ideale marktwirtschaftliche Gleichgewichtsmodell, das Supermodell, an dem alles ausgerichtet wird. Die Physiker staunen oft über die Schönheit und Eleganz der Erklärungen, auf die sie bei der Deutung der Zusammenhänge der wirklichen Welt mehr oder weniger zufällig stoßen. Die Ökonomen stöhnen zumeist darüber, dass sich in der Wirklichkeit die eleganten Erklärungen, die sie unmittelbar ihrem Supermodell entnommen haben, nicht so einfach bestätigen lassen. Sie machen aber fast immer die Wirklichkeit dafür verantwortlich und nicht ihr Modell.

Es ist einfach nicht das Ziel der meisten Ökonomen, die Wirklichkeit so zu erklären wie sie ist. Sie „wissen“ ja, dass die Wirklichkeit aus vielen Gründen, die meist in der schwachen Natur des Menschen und seiner Institutionen liegt, weniger gut und eindeutig funktioniert als das Supermodell. Sollen sie nun ihr perfektes Modell der absolut nicht perfekten Wirklichkeit anpassen? Ist es nicht viel eher ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sich die Wirklichkeit Schritt für Schritt ihrem Modell annähert?

Genau deswegen ist von einer wissenschaftlichen Perspektive aus, wie sie in den Naturwissenschaften selbstverständlich ist, in der Ökonomik keine ernsthafte Diskussion zu führen. Würde sich beispielsweise herausstellen, dass ein Markt nicht so funktioniert wie im Supermodell vorhergesagt und gäbe es dafür sogar klare empirische Belege, könnte sich der neoklassische Ökonom dennoch darauf niemals einlassen. Das Zugeständnis etwa, dass der Arbeitsmarkt oder der Finanzmarkt nicht so funktioniert wie im Supermodell angenommen, stellt ja nicht nur das konkrete Aussehen der herrschenden Theorie in Frage, sondern etwas viel wichtigeres und größeres: Das Supermodell insgesamt. Damit aber wird nicht nur eine Theorie erschüttert, sondern das Selbstverständnis der Ökonomen schlechthin, nämlich die aus ihrer Sicht unbestreitbare Tatsache, dass sie über ein der Wirklichkeit weit überlegenes Verständnis der Zusammenhänge verfügen.

Achim Wambach, der ursprünglich von der Physik kommt, müsste in der Lage sein, diese einfachen Zusammenhänge zu verstehen. Doch mit seiner Glorifizierung der Vielfalt des Faches weicht auch er einer ernsthaften Auseinandersetzung aus. Der Verein für Socialpolitik, dem er ein Jahr lang vorgestanden hat, ist das klassische Beispiel für die Verteidigung der herrschenden Gleichgewichtslehre um fast jeden Preis. Verhaltensökonomie zu betreiben ist gut und schön, wesentlich größere Rätsel für das herrschende Paradigma aber schaffen die Phänomene, die darauf beruhen, dass es gesamtwirtschaftliche Rückkoppelungen gibt, die es – wie am Arbeitsmarkt – logisch verbieten, mit einem einfachen Angebot-Nachfrage-Modell zu arbeiten. Wer offen und diskussionsbereit ist, muss sich viel radikaler mit der Erkenntnislogik der neoklassischen Ökonomen und den Alternativen auseinandersetzen, als das bisher an deutschen Universitäten der Fall ist.

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