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Kommentar | 07.01.2019

Dem Euro vorausdenken

Als Rosa Luxemburg vor hundert Jahren „Sozialismus oder Barbarei“ rief, hat sie ihren Fehler mit dem Leben bezahlt: Sie hat die Barbarei nicht durchdacht. Auch den Mauerfall hat man trotz bedeutender Anzeichen nicht vorab durchspielen wollen; stattdessen war man überrumpelt. Heute ist es dringend geboten, sich auf einen Kollaps des Euro vorzubereiten.

Sichere Vorhersagen sind bekanntlich unmöglich. Deshalb muss man Wahrscheinlichkeiten beiziehen, um die Zukunft des Euro zu erfassen und die sich eröffnenden Handlungsmöglichkeiten und -notwendigkeiten zu sehen.

Da verbreitet die Ansicht gilt, dass der Euro nicht wie bisher weiter bestehen kann, beschränkt sich seine Zukunft grundsätzlich auf drei Möglichkeiten: Echte Verbesserungen, gütlicher Ausstieg einzelner Staaten oder von den Ereignissen getriebene Auflösung.

Das bisherige Verhalten der Akteure im Trauerspiel Euro eröffnet der Reformoption eine eher geringe Eintretenswahrscheinlichkeit. Die ungebrochen vorherrschende neoliberale Sicht lässt die zuständigen Stellen blind für die Ursachen und unfähig zu angemessenen Eingriffen. Nur unter entschlossenem Druck von außen, der auch Schlüsselpersonen zum Teufel jagen müsste, sind die nötigen Anpassungen möglich.

Damit setzt diese Option in mindestens einem der vier bedeutendsten Staaten Machtwechsel zu Kräften voraus, die den Euro entschlossen über Bord werfen wollten und könnten. Eine gewisse Hoffnung dazu besteht in der Eurozone derzeit für Italien und allenfalls Frankreich. In Spanien sind die entsprechenden Aussichten geringer, in Deutschland nicht auszumachen. Die Reformoption ist – aus jetziger Lage betrachtet – wohl nur zu etwa einem Zehntel wahrscheinlich.

Der zu erwartende erbitterte Wiederstand Deutschlands gegen erhebliche Reformen stärkt immerhin die Kräfte für den geordneten Ausstieg einzelner Staaten aus dem Euro. Doch auch hierbei würde sich Deutschland natürlich möglichst querlegen. Es würde die Scheidenden nur unter erheblichem Druck ziehen lassen und den ihnen auferlegten Preis möglichst hochtreiben.

Denn ein erfolgreicher Ausstieg könnte der Beginn einer Absetzbewegung sein, die den Euro und die damit ausgeübte Vorherrschaft Deutschlands völlig in Frage stellen würde. Da Erwägungen zum geordneten Ausstieg einzelner Staaten in den befassten Gremien kaum sichtbar sind, ist er nicht sehr wahrscheinlich und dürfte aus heutiger Sicht im Bereich von einem Viertel liegen.

Das Ganze minus ein Zehntel minus ein Viertel: Nach dieser Einschätzung läge die Gefahr einer Euro-Katastrophe in der Gegend von zwei Dritteln. Auch wenn der Zeitpunkt des Eintretens sehr ungewiss wäre: In jedem Fall ist der Zusammenbruch eine realistische Aussicht, die ernsthaft in Betracht zu ziehen ist. Dies zu unterlassen wäre fahrlässig und würde die sich dabei allenfalls bietenden Chancen vertun. Mindestens schadenmindernd ist Vordenken allemal.

Welche Auslöser für den Zusammenbruch sind wahrscheinlich? Welche Folgen sind unvermeidlich, welche zu erwarten, welche vermeidbar, welche ungewiss? Wird damit alles nur noch schlimmer? Reißt der Euro die EU wirklich mit in den Abgrund, wie viele behaupten? Ist mit Krieg zu rechnen? Was könnte ihn abwenden? Wer wird profitieren? Welche Interessen verfolgen die USA? Werden sie einmal mehr die lachenden Dritten sein? Was erfordert diese Umbruchzeit an Ideen, Vorkehrungen, Strukturen? Es gibt viel zu denken!

Wenn die deutsche Politik zum dritten Mal innert hundert Jahren Soldaten gegen das nicht einnehmbare Russland in Marsch setzt, muss ein Plan dahinter stecken, denn so viel Dummheit ist gar nicht möglich. Dasselbe Verdacht beschleicht einen als Beobachter der tragischen Europosse. Wenn es einen Plan gibt und die Betroffenen erkennen ihn nicht, werden sie als Weihnachtsgans den Tisch der Superreichen decken.

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