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Timothy Snyders road to unfreedom | 24.01.2019 (editiert am 30.01.2019)

Die Wiederentdeckung der Geschichte

Das neoliberale TINA-Prinzip zerstört Demokratie, denn es führt über eine „Politik der Unvermeidlichkeit“ zur offen autoritären „Politik der Ewigkeit“, die in Faschismus kippen kann. Das ist die These von Timothy Snyder, der damit ein origineller Kritiker des Neoliberalismus ist – und nicht sein heimlicher Verfechter.

In seinem aktuellen Buch „Der Weg in die Unfreiheit: Russland, Europa, Amerika“ unternehme Timothy Snyder den Versuch, die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten als Ergebnis der Korrumption des politischen Systems der USA durch die „gelenkte Demokratie“ Wladimir Putins darzustellen, schreibt Erik Jochem in seiner Rezension „Warum in die Ferne schweifen“. In absichtlicher Reminiszenz an Hayeks „Der Weg in die Knechtschaft“, so Jochem, schildere Snyder die Entstehung eines autoritären „Systems der Ewigkeit“, dass von Osten her den Westen erobert. Die Frage allerdings, ob es im Westen überhaupt der Einmischung Putins bedurft habe, um Trump zum Sieg zu verhelfen, passe Snyder nicht in die „Beweiskette“.

Aber bei allem Respekt: Timothy Snyder ist definitiv nicht was Erik Jochem aus ihm macht. Er ist kein Bewunderer Hayeks, der das Schwächeln der US-Demokratie dem bösen Putin in die Schuhe schiebt. Vielmehr ist Snyder ein hoch angesehener Osteuropa-Historiker der Universität Yale und derzeit einer der meistdiskutierten Autoren der Holocaustforschung. Auch hat der Mann gewisse philosophische Neigungen und orientiert sich an Hannah Arendt, deren Analysen (u.a. aus „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“) für seine Arbeiten zum Holocaust eine Rolle spielen. Aber Hayek? Fehlanzeige!

Worum geht es Snyder dann? Kurz gesagt, um die Wiederentdeckung der Geschichte zur Wiederbelebung der Demokratie nach dem Neoliberalismus, den er in Russland, aber auch in den USA am Werke sieht.

Konkret argumentiert er, wir müssten die verloren gegangene historische Analyse unserer Zeit wiederentdecken. Sowohl die „Politik der Unvermeidlichkeit“ als auch die „Politik der Ewigkeit“ sind nämlich unhistorisch: Die eine löst alles in „Gesetze“ des Fortschritts auf, die den Gang der Dinge determinieren (Idealtypisch dafür das TINA-Prinzip des Neoliberalismus, aber auch das Mantra „Mehr Europa“), die andere in einen angeblich ewigen Gegensatz von „Freund“ und „Feind“, den man mit eisernem Willen bekämpfen muss (idealtypisch im Faschismus).

Gegenüber beidem kann (Zeit)Geschichte jedoch zeigen, dass es schon einmal ganz anders war und dementsprechend auch wieder so werden könnte. Mithin ist nichts „ewig“ oder folgt bloß irgendwelchen deterministischen Gesetzen, die „automatisch“ zum Fortschritt führen.

Zudem zeigt Geschichte auch, wie Institutionen entstehen und verfallen können. Will man Institutionen verteidigen oder verändern, dann kann sie – man denke hierzulande nur an die Lehren aus Weimar – eine wichtige Rolle spielen.

Dementsprechend geht es bei Snyder dann auch um eine Institutionenkritik. Konkret ist das bei ihm als US-Amerikaner natürlich die Kritik des Zustandes der amerikanischen Demokratie (Wahlergebnisse im Popular Vote vs. im Electoral College, “gerrymandering“, also die Manipulation von Wahlkreisgrenzen oder die zunehmende Macht des Geldes etc.). Und hier ist die Einflussnahme durch Dritte (Putin – Manafort – Trump) dann auch ein Punkt – wobei Snyder Putin nicht so platt für den Zustand der US-Demokratie verantwortlich macht, wie Jochem suggeriert. Vielmehr weist er darauf hin, dass Russland den USA hier möglicherweise nur zeigt, wo die Ersetzung von Politik durch Markt enden kann, wenn man nichts dagegen tut.

Wir müssen, so fordert Snyder vor diesem Hintergrund seine Mitbürger auf, uns klar machen, was auf dem Spiel steht und unsere Institutionen wieder verstehen lernen und wenn nötig verbessern – sonst geht die autoritäre Wende unserer Zeit ungebrochen weiter, auch in den USA.

Dass Snyder dabei eine osteuropäischen Perspektive mit einbezieht, versteht sich aus seinem Beruf – aber auch aus den Entwicklungen, die hinter dem in der Tat beunruhigenden Fall Manafort stehen. Mit Verlaub: Es gibt Bedrohungen von Demokratien „von außen“!

Also contra Jochem: Nein, Snyder’s Buch ist kein missglückter Versuch, die Verantwortung für das Schwächeln der US-Demokratie auf den bösen Putin zu schieben. Und er hat auch nicht zu viel Hayek gelesen. Und wo um alles in der Welt „schweift“ er „in die Ferne“?

Es ist vielmehr ein (implizit) an Hannah Arendts Begriff des politischen Handelns orientierter Weckruf, sich an die Möglichkeiten demokratischen Handelns zu erinnern und etwas gegen Trump et al. zu tun. Es zeigt, wie ein Historiker von Rang sich aus dem Elfenbeinturm auf die Agora begibt und – bei vielen seiner deutschen Zunftkollegen ziemlich undenkbar – „journalistisch“ wird, weil in seiner Demokratie die Hütte brennt.

TINA zerstört Demokratie und zeugt die offen autoritäre „Politik der Ewigkeit“, die undemokratisch ist und in Faschismus kippen kann. Vor allem, wenn die Institutionen einer Demokratie (auch von TINA) bereits geschwächt sind. Es kann, und da spricht der Historiker, wieder geschehen – auch in der ältesten und wichtigsten modernen Demokratie, der der USA.

Das System Putin ist daher für Snyder ein Menetekel und keine Entschuldigung. Er ist ein origineller Kritiker des Neoliberalismus, nicht sein Verfechter. Mit seinem Buch möchte er an die Verantwortung erinnern, die durch das TINA – Prinzip verschüttet wird:

Das Klischee der Politik der Unvermeidlichkeit lautet: „Es gibt keine Alternativen“. Dies zu akzeptieren bedeutet, die individuelle Verantwortung für das Erkennen von Geschichte und das Eintreten für Veränderungen zu leugnen. Das Leben wird zum Schlafwandeln hin zu einem vorbereiteten Grab auf einem vorab gekauften Grundstück. (o.c., S.15)

Davor warnt Snyder und ruft zum Handeln auf für die Demokratie. Sei es in seinem letzten Buch – oder bei seinem Auftritt im derzeit auch in deutschen Kinos laufendem neuen Michael Moore Film „Fahrenheit 11/9“.

Timothy Snyder: Der Weg in die Unfreiheit – Russland Europa Amerika, C.H. Beck 2018.

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