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IW-Studie | 22.01.2019

Exportismus – auch 2019 keine Heilung in Sicht

Europa leidet an einer Krankheit, die von der deutschen Wirtschaft seit der Nachkriegszeit auf dem Kontinent verbreitet wird: dem Exportismus. Doch die Ärzte stellen die falsche Diagnose – wie das Institut der deutschen Wirtschaft.

In Sachen Exportismus ist auch in diesem Jahr keine Heilung in Sicht, da man schon eine seriöse Diagnose scheut. Vorneweg wie immer, das Arbeitgeberinstitut IW in Köln. Die jüngste „Studie“ des Instituts soll zeigen, dass Deutschlands Lohnstückkostenentwicklung keinen Beleg für ein deutsches Lohndumping liefere. Ganz im Gegenteil: Da die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie wieder zu schrumpfen beginne, werde es tendenziell Zeit, den Gürtel wieder etwas enger zu schnallen.

Es bleibt dabei. Auch 2019 werden die Arbeitgeberinstitute nicht zu behaupten müde, Deutschland habe kein Lohndumping betrieben. Die Welt unterstützt das IW in diesem Vorhaben wie gewohnt und wiederholt die falschen Argumente der Lobbyinstitution gänzlich unreflektiert. Doch wer bei einem Exportüberschuss von 247,8 Milliarden Euro 2017 (knapp 7,5 Prozent des BIP) um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Volkswirtschaft bangt, der redet dem ruinösen Krieg um positive Außenhandelsbilanzen das Wort. Das ist Standortnationalismus pur und genau das, was Europa und insbesondere der Euro-Raum nicht gebrauchen können.

Geht es nach dem IW, sollte Deutschland auch im Europa-Wahljahr seine anti-europäischse Haltung beibehalten und mit seiner zu hohen Wettbewerbsfähigkeit alle anderen Länder in Grund und Boden konkurrieren. Daher werden wir die zentralen Argumente des IW Stück für Stück einer kritischen Beurteilung unterziehen.

Gesamtwirtschaftliche vs. branchenspezifische Lohnstückkosten

Eines muss man dem IW lassen: Auch wenn es immer wieder die gleichen falschen Vergleiche bemüht, sind seine Studien zumindest unterhaltsam, da die Argumente zur Entkräftung der eigenen Thesen gleich mitgeliefert werden. So schreibt das IW selbst, dass in Deutschland „ein besonders starker Anreiz [besteht], einfache Dienstleistungstätigkeiten auszulagern, da das Kostengefälle zwischen Industrie und Dienstleistern hierzulande höher ist als in anderen Ländern.“ (S. 67)

Genau darum ist es aber falsch, lediglich die Lohnstückkosten im verarbeitenden Gewerbe international zu vergleichen, wie Friederike Spieker bereits 2013 erklärte. Die Lohnstückkosten, also das Verhältnis von Löhnen zu Produktivität, sind gesamtwirtschaftlich ausschlaggebend für die Entwicklung der Preise (siehe hier). Warum ist dann ein internationaler Vergleich dieser Größe für die verarbeitende Industrie irreführend?

Weil das, was für die Gesamtwirtschaft gilt, eben nicht für eine einzelne Branchen zutrifft. In der gesamtwirtschaftlichen Betrachtung fallen durch die Aggregation nämlich die Vorleistungen weg, weil alles, was als Vorleistung von einem anderen Unternehmen bezogen wird, wiederum der Wertschöpfung dieses Unternehmens entspricht. Daher zählen auf aggregierter Ebene nur die Kosten für Löhne. Für eine einzelne Branche, wie die verarbeitende Industrie, gilt dies nicht, weil eben auch Vorleistungen aus anderen Branchen in großer Menge bezogen werden, deren Kosten bei einer Betrachtung der verarbeitenden Industrie unter den Tisch fallen.

Daher kann man in der Industrie sehr wohl Löhne zahlen, die auch im internationalen Vergleich recht hoch erscheinen, ohne dass sich dies Eins-zu-Eins auf die Preise und die Wettbewerbsfähigkeit überträgt.

Bei solchen Vorleistungen handelt es sich etwa, wie Friederike Spieker hervorragend gezeigt hat, um „billige private Dienstleistungen (etwa im Reinigungs- und Bewachungsgewerbe, nicht zu reden vom Bereich der Werk- und Zeitarbeitsverträge); oder um schlechte Löhne im Straßenbausektor, über dessen Produkt – nämlich die Straßen – auch die bezogenen Vorleistungen und Endprodukte des Exportsektors rollen (…). Es kann sich auch um schlecht bezahlte Beamte und Angestellte des öffentlichen Dienstes handeln, deren Dienstleistung entsprechend zu billig in das Endprodukt der Exporteure gelangt. Durch das auf der Ebene der Vorleistungen betriebene Lohndumping werden die Kosten der Exportgüter künstlich niedrig gehalten und so die Konkurrenz im Ausland in die Enge getrieben, d.h. Marktanteile gewonnen, auch wenn die Lohnzuwächse im Exportbereich selbst der goldenen Regel gefolgt sein mögen.“

Die enorme Exportorientierung Deutschlands wirkt sich also auf die Struktur der Volkswirtschaft sehr viel stärker aus, als man es auf den ersten Blick vermuten würde. Der Exportüberschuss ist nämlich nur zu erzielen, indem man im Rest der Volkswirtschaft das Lohnniveau niedrig hält. Die hohe Qualität der deutschen Produkte, die des Öfteren als Begründung für die deutschen Überschüsse ins Feld geführt wird, ist letztlich doch nur ein preislicher Vorteil (siehe auch diesen Beitrag hier).

Der deutsche Exportismus macht es daher nötig, dass heimische Dienstleistungen im internationalen Vergleich besonders niedrig bezahlt werden. Da Frauen überproportional in diesen Bereichen vertreten sind, resultiert auch der Großteil der Gender Pay Gap aus dem deutschen Exportmodell. Die Symptome dieser Krankheit wirken sich offensichtlich auf alle Bereiche der Volkswirtschaft aus.

Ein Vergleich der Lohnstückkosten im verarbeitenden Gewerbe ist also nicht geeignet, die These zu entkräften, dass die hohe deutsche Wettbewerbsfähigkeit das Resultat von Lohndumping ist. Nur auf der gesamtwirtschaftlichen Ebene, die das IW meidet wie der Teufel das Weihwasser, kann man zu wissenschaftlich und politisch relevanten Ergebnissen kommen.

Die Wahl des Basisjahres

Nachdem das IW die ersten 11 Seiten der Studie mit nichts-sagenden Vergleichen füllt, erhält man auf den letzten Seiten dann doch noch einen Blick auf die Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Lohnstückkosten. Hier kommt es allerdings – wie Paul Steinhardt schon in Replik auf Donato Di Carlo erklärt hat – in erheblichem Maße auf die Wahl des Basisjahres an. Da seit der Finanzkrise die südeuropäischen Länder ihre Lohnstückkosten relativ zu den deutschen gesenkt haben, hat Deutschland in den letzten Jahren einen kleinen Teil seines enormen Wettbewerbsvorteils wieder verloren, den es seit Ende der 90er gewonnen hat. Allerdings bleibt einem ein Vergleich, der lediglich die letzten Jahre betrachtet, in der Studie erspart, da diese Argumentation wohl selbst dem IW zu offenkundig unsinnig ist. Dennoch wählt es mit 1991 bewusst ein Referenzjahr, dass die deutsche Lohnstückkostenentwicklung zu positiv darstellt.

Aber welches Referenzjahr ist aus welchen Gründen denn nun das Richtige? In einer vorangegangenen Studie kritisieret das IW 1999 als Referenzjahr, weil die hohen Lohnstückkostensteigerungen der 90er Jahre zu korrigieren wären (hierzu unten mehr). Zudem würde die in diesem Zeitraum relativ ausgeglichene deutsche Leistungsbilanz gegen 1999 sprechen, weil diese „traditionell positiv“ gewesen ist. Dies liegt daran, dass der Industrieanteil in Deutschland sehr hoch und auf Investitionsgüter spezialisiert ist, die stark mit einem Handelsbilanzüberschuss korrelieren.

Tatsächlich sind Exportsektoren überwiegend Industriesektoren. Dass der hohe Industrieanteil in Deutschland aber naturgegeben ist und daraus der Zwang für immer und ewig hohe Exportüberschüsse folgen würde – wir können einfach nicht anders, weil wir so viel Industrie haben – verkehrt Ursache und Wirkung.

Denn die hohen Exportüberschüsse Deutschlands sind zunächst einmal die Ursache dafür, dass der Industrieanteil in Deutschland immer noch so hoch ist. Seit Einführung des Euros hat sich dieser Anteil in den meisten Teilnehmerländern des Euros drastisch reduziert, weil man Industrieproduktion an Deutschland verloren hat. Abbildung 1 zeigt die Entwicklung des Industrieanteils an der Gesamtwertschöpfung seit 1999.

Abbildung 1

Der Anteil der Industrie an der Gesamtwertschöpfung ist seit den 60er Jahren auf der gesamten Welt rückläufig. Deutschland konnte sich seine relativ komfortable Position nur dadurch bewahren, dass es schon immer auf Exportüberschüsse gesetzt hatte. So konnte man den anderen Nationen Marktanteile abnehmen und Industriearbeitsplätze erhalten.

Was für die deutsche Wirtschaft gut klingt, ist für die Weltwirtschaft aber schlecht, weil die anderen Länder diese Anteile verloren haben. Das hemmt deren langfristige Entwicklung, weil das Gros der Produktivitätszuwächse in der Industrie stattfindet. Hierdurch vergrößern sich langfristig sogar die absoluten Wohlstandsunterschiede der europäischen Länder zueinander, weil man die anderen Länder ihrer Wachstumsperspektive beraubt. Aber auch schon vor der Einführung des Euros war Deutschland nicht besser, wie wir im Folgenden sehen werden.

Um zu zeigen, warum das Referenzjahr 1991 ein besonders schlecht gewähltes ist, schauen wir uns die Entwicklung des realen effektiven Wechselkurses an. Ein effektiver Wechselkurs repräsentiert den Wechselkurs zum Rest der Welt und ist ein mit Außenhandelsanteilen gewichtetes Mittel bilateraler Wechselkurse. Real bedeutet, dass der Wechselkurs um die Preisunterschiede korrigiert wurde. Kurz gesagt: Ein Fall des realen effektiven Wechselkurses (eine Abwertung) bedeutet, dass die einheimischen Güter und Dienstleistungen günstiger im Vergleich zum Rest der Welt geworden sind, weil entweder der Wechselkurs oder die Preise relativ zu den Preisen der Handelspartner gesunken sind.

Die folgende Abbildung zeigt die Entwicklung des realen effektiven Wechselkurses in Deutschland sowie den Außenbeitrag relativ zum Bruttoinlandsprodukt seit 1970. Das IW hat Recht damit, dass Deutschland traditionell hohe Exportüberschüsse erzielt, was aber auch vor der Euro-Einführung schon ein international anerkanntes Problem war. Daher wurden sowohl im Bretton-Woods System, das 1973 aufgelöst wurde, wie auch im europäischen Währungssystem EWS, welches 1979 eingeführt wurde, die nominalen Wechselkurse regelmäßig neubewertet. Wurde Deutschland zu wettbewerbsfähig, werteten entweder die anderen Währungen ab oder die D-Mark wurde aufgewertet.[1] Beides führte dazu, dass der reale effektive Wechselkurs Deutschlands anstieg, um Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit wieder auf ein international erträgliches Maß zu reduzieren. Die Exportindustrie schimpfte daraufhin, während die Arbeitnehmer mit der starken D-Mark wenigstens günstig im Ausland Urlaub machen konnten.

Abbildung 2

In der Zeit zwischen 1986 und 1991 hatte es Deutschland durch relativ niedrige Lohn- und Preissteigerungen wieder einmal geschafft seinen realen effektiven Wechselkurs auf ein historisches Tief zu bringen, was mit einem damals historisch einmaligen Exportüberschuss von circa 5 ½ Prozent in West-Deutschland einherging. West-Deutschland also war real unterbewertet und der Anstieg in den Folgejahren zunächst einmal eine wünschenswerte Korrektur.

Die Wiedervereinigung führte dann zu einem Rückgang der Exportüberschüsse, weil man die neuen Bundesländer zunächst sanieren musste und dort viele Importe benötigte. Ostdeutschland war in der Tat nicht wettbewerbsfähig und wies ein gewaltiges Leistungsbilanzdefizit auf. Dennoch aktivierte sich die gesamtdeutsche Außenhandelsbilanz in den Folgejahren wieder. Von einer mangelnden internationalen Wettbewerbsfähigkeit dieser Zeit zu sprechen, ist also falsch. Westdeutschland war immer hoch wettbewerbsfähig. Bis 1995 stieg spekulationsbedingt der nominale und der reale effektive Wechselkurs stark. Folglich war der Überschuss Ende der 90er wieder rückläufig. In der Zeit von 95-99 wurde diese Überbewertung aber schon wieder ausreichend korrigiert, wie der Rückgang des realen Wechselkurses zeigt.

1999 ist insofern der richtige Referenzpunkt, weil in diesem Jahr die Europäische Währungsunion begann, die von allen Ländern das Versprechen verlangte, sich an das gemeinsam beschlossene Inflationsziel zu halten (vgl. dazu dieser Artikel). Und dass es ein Inflationsziel war und keine Inflationsobergrenze (wie Hans-Werner Sinn behauptet, siehe dazu diese Kritik), daran kann kein Zweifel bestehen. Es ist glatte Geschichtsfälschung, wenn man heute so tut, als habe es den Mitgliedsländern der EWU freigestanden, die anderen zu unterbieten (wie Deutschland) oder über das Ziel hinauszuschießen (wie Italien). Es war immer die Idee eines Systems absolut fester Wechselkurse oder einer Währungsunion, das Instrument der Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit für einzelne nationale Volkswirtschaften auszuschließen.

Das Jahr 1999 ist auch deswegen der bessere Referenzpunkt, weil die negativen Folgen der Wiedervereinigung auf die gesamtdeutsche Wettbewerbspositionen bereits wieder korrigiert wurden und die Handelsbilanz relativ ausgeglichen war. 2004 betrug der Wert des realen effektiven Wechselkurses in etwa wieder dem westdeutschen Wert von 1991, der Außenhandelsüberschuss entsprach mit 5 Prozent des BIP auch wieder in etwa dem von West-Deutschland 1991. Nimmt man 1991 als Referenzwert, ist man offensichtlich der Auffassung, dass das außenwirtschaftliche Gleichgewicht der naturgegebenen Exportnation Deutschlands in etwa bei 5 – 5 ½ Prozent läge. Das ist absurd.

An dieser Stelle wird die Argumentation des IW noch einmal besonders einseitig: „Neben dem Arbeitskostenschock herrschte Reformstau und die Arbeits- und Gütermärkte waren stark reguliert.“ Daher sei zu jener Zeit eine Kostenwettbewerbskorrektur notwendig gewesen. Zwischen 1991 und 1999 betrug der Außenbeitrag in Deutschland im Durchschnitt + 0,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes – wie gesagt bei einem hohen Defizit in Ostdeutschland und einem vermutlich extrem hohen Überschuss in Westdeutschland. Leider wurde die innerdeutsche Handelsstatistik so früh eingestellt, dass man das mit Zahlen nicht mehr belegen kann.

Dass bei leicht positivem Außenbeitrag und bereits wieder gesunkenem realen Wechselkurs dringend eine Kostenwettbewerbskorrektur notwendig gewesen sein sollte, ist ein Mythos, der seit 2 Jahrzehnten von Arbeitgeberverbänden und dem Großteil der deutschen Presse wiederholt wurde und wird.

Doch auch für Deutschland bietet der Exportismus langfristig keine positive Entwicklung. Man kann die Überschüsse nur dadurch aufrechterhalten, indem das Lohnniveau in der gesamten Volkswirtschaft niedrig gehalten wird. Die Folgen sind ein Anstieg der Ungleichheit und eine damit verbundene Spaltung der Gesellschaft (Stichwort: Niedriglohnsektor, Leiharbeit et cetera). Zudem, und das gibt auch das IW implizit zu, wurde die enorme Fokussierung auf die Exportwirtschaft nach Ausbruch der Finanzkrise zur deutschen Achillesferse. Bricht jetzt die Weltwirtschaft ein, reißt sie Deutschland besonders stark mit, weil es in weit höherem Maße von der weltwirtschaftlichen Entwicklung abhängig ist als vergleichbare Länder.


[1] siehe hier: https://www.mpifg.de/pu/mpifg_dp/dp15-11.pdf, Tabelle 1 auf S. 7

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