Timothy Snyders road to unfreedom | 15.01.2019 (editiert am 22.01.2019)

Warum in die Ferne schweifen?

Am Ende von Timothy Snyders Parforceritt bleibt die Frage: Ist nicht der Entwurf radikaler Individualität und fatalistischer Entwicklung spiegelbildlich genauso extrem wie das System absoluter staatlicher Lenkung?

„The road to unfreedom. Russia – Europe – America.“ heißt das aktuelle Buch von Timothy Snyder – zu Deutsch: „Der Weg in die Unfreiheit: Russland, Europa, Amerika.“ Darin unternimmt der Autor den Versuch, die Wahl Donald Trumps zum 45. Präsidenten der USA als Ergebnis der Korrumption des politischen Systems der USA durch die „gelenkte Demokratie“ des russischen Präsidenten Wladimir Putin darzustellen.

Der Titel des Buches verweist auf Friedrich A. Hayeks bekanntestes Werk „The road to serfdom“ (Der Weg in die Knechtschaft) aus dem Jahre 1944 (angeblich das Lieblingswerk Margeret Thatchers), in dem Hayek den zeitgemäßen Versuch unternahm, die totalitären Systeme des deutschen Faschismus und des staatlich gelenkten Wirtschaftssystems des sowjet-russischen Kommunismus als Menetekel der Unfreiheit in eins zu setzen, denen der freie Westen mit der absoluten Freiheit des Marktes und des Individuums (dem Abschied von der Idee der Gesellschaft) begegnen müsse.

Für den zeitgenössischen Autor beinhaltet die absichtliche Reminiszenz des Titels eine doppelte Aufgabe. Den Anhängern des Originals muss er die zeitgenössische Variante als das Bekannte, den Kritikern des Originals die zeitgenössische Variante als Neuigkeit präsentieren.

Was den ersten Teil der Aufgabe anbelangt, schafft Snyder schnell Klarheit. Russland habe sich als zentraler Nachfolger der Sowjetunion aus einem vormaligen „System der Unausweichlichkeit“ in ein „System der Ewigkeit“, womit die Analysematrix des Autors bezeichnet ist, verwandelt.

Unter einem „System der Unausweichlichkeit“ versteht der Autor eine deterministische Geschichtsauffassung, namentlich den Fortschrittsgedanken, den er für die Sowjetunion in der Marx’schen Geschichtsphilosophie vom Kommunismus als Ziel der Geschichte verankert. Mit dem Anknüpfen des russischen Präsidenten Putin an Gedanken des überzeitlichen geistigen Russland und dessen angebliche Bedrohung durch insbesondere in Fragen gleichgeschlechtlicher Sexualität liberale Gesellschaften sei Russland zum faschistischen Modus eines „Systems der Ewigkeit“ gewechselt.

Dieses System bedrohe nunmehr im Wege direkter und indirekter Manipulationen insbesondere der Wahl des amerikanischen Präsidenten die politische Freiheit des Westens.

Auch der Westen allerdings – dies ein Gedanke Snyders über Hayek hinaus – verfolge mit dem Fortschrittsgedanken, wonach sich Gesellschaften mit Hilfe des Freien Marktes automatisch zum Besseren entwickelten, ein „System der Unausweichlichkeit“, das sich gemessen am tatsächlichen Zustand der USA – insbesondere der herrschenden sozialen Ungleichheit – als Irrweg erweise.

Snyder stellt damit Hayeks Position in Frage, der mit seiner paradoxen Vorstellung der Gesellschaft als sozialer Maschine ohne Soziales den durch die Französische Revolution beglaubigten Fortschrittsoptimismus des 19. Jahrhunderts mit dem Fatalismus „natürlicher“ wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung (was später die „konservative Revolution“ sein sollte) verband.

Leider verliert Snyder dann aber mit seinem Anti-Trumpismus, mit dem er Trump die Einführung des faschistischen „Systems der Ewigkeit“ („America first“ als Analogon zum neuen russischen Nationalismus) für die USA vorwirft, diesen Faden und bleibt so einen politischen Ausweg aus dem „System der Unausweichlichkeit“ des Westens schuldig.

Fast scheint es im Gegenteil, als benenne Snyder mit dem westlichen „System der Unausweichlichkeit“ pflichtschuldig den Elefanten im Raum nur deshalb, um ihn mit dem Verweis auf das freie politische System des Westens und dessen angebliche Korrumption durch Russland sogleich hinter einem vermeintlich noch gröẞeren zu verbergen.

Dass die Wahl Donald Trumps in den USA und der Aufschwung von Parteien mit Nähe zu faschistischer Ideologie im gesamten Westen ohne weiteres „endogen“ verursacht sein könnte – es also für den Wahlsieg Donald Trumps gar keiner russischen Einmischung (ob sie nun signifikant stattgefunden hat oder nicht) bedurft haben könnte – passt nicht in Snyders Beweiskette. Schlimmer noch kostete ihn diese mögliche Erkenntnis die Relevanz seiner gesamten Untersuchung.

Snyders Plädoyer gegen den „Faschismus“ eines Donald Trump verdeckt damit die entscheidende Frage, die schon Hayeks bekannte Affinität zu autoritären Regimen aufwirft: Bedurfte  es für die Einführung eines „Systems der Ewigkeit“ und der Herrschaft der Oligarchie in den USA tatsächlich eines Donald Trump oder sind die dortigen sogenannten Eliten nicht schon längst darauf eingerichtet, das „System der Unausweichlichkeit“ als „System der Ewigkeit“ zu interpretieren? Stört sie an Trump vielleicht nicht so sehr sein „Faschismus“, als der Applaus der Galerie zur verbal-brachialen Attacke auf alle Formen des „unausweichlichen“ Liberalismus und der dadurch mögliche Zweifel an seiner „Ewigkeit“?

Wenn der Westen Snyder zufolge dasselbe Kind im Geiste wie die ehemalige Sowjetunion (sein geistesgeschichtlicher Zwilling) ist, ist dann nicht der Entwurf radikaler Individualität und fatalistischer Entwicklung spiegelbildlich genauso extrem wie das System absoluter staatlicher Lenkung in der Sowjetunion? Haben wir es im Westen mit anderen Worten nicht auch bereits ohne Trump mit einem Totalitarismus, nämlich dem der angeblich grenzenlosen Freiheit des Marktes zu tun?

Am Ende bleibt so für Snyders Parforceritt durch die internationale Politik die Frage: Warum denn in Ferne schweifen, wenn doch das Schlechte liegt so nah‘.

Timothy Snyder: Der Weg in die Unfreiheit – Russland Europa Amerika, C.H. Beck 2018.

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