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Genial daneben | 14.01.2019

Wenn alles Klimawandel ist, ist Klimawandel nichts mehr

„Schnee in den Bergen“ hätten wir früher als „Wetter“ bezeichnet. Doch das gibt es nicht mehr. Jetzt ist alles Klimawandel, was verheerende Folgen für den Klimawandel haben wird.

Ich weiß, es ist schwer in dieser geschwätzigen und oberflächlichen Welt die Ruhe zu bewahren. Ich weiß, man traut sich fast nicht mehr, seinen eigenen Verstand einzusetzen, weil man tagein, tagaus von Medien und Internet von einer Informationsflut überschwemmt wird, in der uns „Experten“ auf allen Gebieten erklären, was wir zu glauben haben. Besonders schlimm ist es mit dem Klimawandel.

Naive Menschen wie ich haben geglaubt, dass ein normaler Winter die Gemüter wenigstens für einige Tage beruhigen würde. Nach einem warmen Sommer mit großer Trockenheit in Deutschland, für den natürlich der globale Klimawandel verantwortlich war, gab es einen feuchten, sehr normalen Herbst und jetzt gibt es tatsächlich so etwas wie einen Winter mit Schnee in großen Massen in den Bergen. Schnee in den Bergen im Januar ist eigentlich nicht das, was wir unmittelbar mit dem Klimawandel verbunden hätten, sondern einfach mit „Wetter“.

Doch da haben wir uns getäuscht. So etwas Profanes wie Wetter gibt es nicht mehr. Alles ist Klimawandel. Ob es viel regnet oder wenig, ob es warm ist oder kalt, ob es nicht schneit oder viel schneit, alles ist Klimawandel. Was auch immer passiert, das gute alte Wetter ist ein für allemal tot. Für jede Kapriole, die wir uns früher getraut hätten „Wetterkapriole“ zu nennen, gibt sofort einen oder mehrere Experten, die uns klarmachen, dass jetzt alles, was passiert, mit dem Klimawandel zu tun hat. Und wenn man zufälligerweise einmal keinen Experten zur Hand hat, dann kann man sicher sein, dass jeder Journalist, der etwas auf sich hält, die Rolle des Experten mit ebenso sicherer Expertise übernimmt.

Es ist jedoch höchst bedauerlich, dass das Wetter so schnell von uns gegangen ist, weil es, ohne dass wir es wirklich zur Kenntnis nahmen, eine wichtige Funktion in unserem Leben hatte. Die muss jetzt wohl oder übel der Klimawandel übernehmen. Doch wer sich darüber freut, weil damit doch vermutlich größeres Bewusstsein bei der Masse der Bevölkerung für die „größte Herausforderung der Menschheit“ verbunden sein wird, der täuscht sich ganz ungeheuer.

Klimawandel und Zeitenwandel

Mit dem Wetter verbinden die meisten Menschen einfache Verhaltensweisen, die sie über die Jahrtausende gelernt haben. „Am Wetter kann man sowieso nichts ändern“ sagt man und passt sich an. „Es gibt keine schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung“ ist die typische und vernünftige Reaktion auf ein Phänomen, das gerade in den nördlichen Klimazonen einfach zum Leben gehört und dem man vernünftigerweise mit stoischer Ruhe und mit der denkbar einfachsten Art der Anpassung begegnet. Am Wetter konnte man sich auch wunderbar abreagieren, wenn man sonst niemand fand, der für einen schlechten Tag verantwortlich gemacht werden konnte.

Man muss sich die Zukunft so vorstellen, dass an die Stelle des Wetters einfach der Klimawandel tritt. „Am Klimawandel kann man sowieso nichts ändern“ wird es heißen, oder man wird sagen „Es gibt keinen schädlichen Klimawandel, sondern nur schlechte Kleidung und schlechte Lebensweisen“. Bei erträglichen Temperaturen und Sonnenschein wird man sich auf der Straße zurufen „Prima Klimawandel heute“. Und Urlaub wird man nicht da machen, wo das Wetter am schönsten ist, sondern da, wo man den Klimawandel besonders gut ertragen kann, also auf Island beispielsweise. Wenn es einem schlecht geht, wird man „Scheiß Klimawandel“ fluchen und sich besser fühlen.

In Französisch heißt Wetter „le temps“ . Le temps heißt aber auch die Zeit oder Zeitläufe. Das bringt es wunderbar auf den Punkt: Wetter ist wie die Zeit und es ist unverbrüchlich verbunden mit der Zeit. Klimawandel wird man in der schönen neuen Welt wie Zeitenwandel ansehen, unabänderlich und vielleicht auch unbarmherzig, den Menschen nur die Chance lassend, sich an das Unabänderliche anzupassen.

Klimawandel wird in Zukunft unser Leben auf die gleiche Weise bestimmen wie das Wetter heute, nämlich eigentlich gar nicht und wenn, dann nur als Randerscheinung, der man durch intelligente Anpassung des eigenen Verhaltens begegnen kann und muss.

Wer überstrapaziert, verliert

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, sagt man zu Recht. Wird der Klimawandel bagatellisiert, weil für alles und jedes verantwortlich gemacht, verliert er vollständig seinen Schrecken und seinen Neuigkeitswert. Wir stumpfen schlicht und einfach ab, wenn man uns stündlich die Katastrophe ankündigt. Don’t cry wolf, sagt man im Englischen und meint, dass dauernde Warnungen diejenigen, die man warnen will, ermüden und unaufmerksam werden lassen.

Es wäre schön, wenn man mal wieder einen Experten hören würde, der auf die lauernde Frage, was es mit dem Schnee in den Bergen „wirklich“ auf sich hat, sagen würde: Was soll es damit auf sich haben, es ist Wetter und sonst gar nichts. Wer etwas für den Klimawandel tun will, sollte darüber schweigen. Man stelle sich vor, welche Erlösung es wäre, würde man alleine den geschwätzigen Journalisten der öffentlich-rechtlichen Medien und ihren „Experten“ verbieten, für drei oder gar sechs Monate das Wort „Klimawandel“ auch nur in den Mund zu nehmen. Oder man könnte ihnen grundsätzlich vorschreiben, das Wort Klimawandel nur in Zusammenhängen zu nennen, wo es wirklich um globale Phänomene geht und wo Zeiträume abgedeckt werden, die jenseits von einhundert Jahren liegen.

Ein Aufatmen ginge durchs Land. Wir würden uns wirklich wieder über Sonnenschein freuen, statt sofort an die Verwüstung der Erde zu denken, Regen wäre wieder englisches Wetter statt ein Vorbote der Sintflut und Schnee, man kann es sich nicht wirklich vorstellen, Schnee wäre ein Zeichen für Winter in den Alpen. Derart gebootete (normalisierte) Menschen könnte man einmal im Jahr darauf ansprechen, dass sie noch mehr tun können, als im Herbst den Regenschirm aufzuspannen oder im Sommer mit flip-flops in die Oper zu gehen. Man könnte ihnen sagen, dass es etwas Größeres da draußen gibt, was ihre Aufmerksamkeit beanspruchen sollte, und man könnte mit ihnen ernsthaft diskutieren, was die Menschen auf der ganzen Welt tun können, um zu verhindern, dass die fossilen Rohstoffe, die sich über Milliarden von Jahren angesammelt haben, innerhalb von 200 Jahren einfach verfeuert werden.

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